Ende und Anfang

Was bleibt sind fünfeinhalb Monate. Fünfeinhalb Monate zusammen. Eine unbeschreiblich intensive und wunderschöne Zeit. Ich habe einen wahnsinnig tollen Freund in Indien gefunden. Zu zweit waren wir in Dallapalli, Poolabanda, Katiki, Borra, Hampi, Gokarna, überlebten den Rough Trip, wanderten kilometerweite Strecken, durchlebten eine Zehennagel-Operation, sahen Kygo, spielten Karten, sammelten Müll und waren fast jeden Tag zusammen. Doch nun hat diese Zeit ein Ende gefunden. Seit anderthalb Wochen ist er fort, der Merlin. Was bleibt sind drei von vier Freiwilligen.

 

Es ging nicht mehr anders, das sah man ihm an. Seit mehr als zwei Monaten plagten ihn ganz spezielle Rückenschmerzen. Vor zwei Jahren hatte er diese schon mal, man ging dagegen vor und seitdem schien es so als seien sie ausgelöscht. Doch durch das Tragen eines schweren Sackes Erde brach der Unruheherd wieder aus und kaum ein indischer Arzt wusste, wie damit umzugehen sei. Merlin kämpfte. Wacker. Ich sah ihm oft nicht an, dass es ihm schlecht ging, bestaunte ihn immer als kleines Vorbild, wie optimistisch und fröhlich er voranging. Doch oft war dem eben nicht so. Mit jedem weiteren Monat, wo es nicht besser wurde, verlor er langsam den Glauben an das warum er hier war.

Man wacht morgens auf, es geht einem schlecht, man weiß, dass es über den Tag hinaus nicht besser wird und so geht man bereits mit schlechtem Gefühl in den Tag.

Zudem, wenn es bei der Arbeit, schleppend, zäh und manchmal kaum voran geht, weil es wohlbemerkt schwierig ist die monströsen Aufgaben zu meistern, die sich unsere NGO stellt, ging auch etwas Motivation bei Merlin dahin.

Alles spielte irgendwie zusammen und es war im Grunde nur eine Frage der Zeit, dass er seine Koffer packen würde. Dass er gehen würde, stand fest.

Für mich war es ungeheuer schwer über einen Abschied von ihm nachzudenken. Wir waren immer zusammen gewesen. Er war es, der mir den Einstieg in dieses komplett wirre, andersartige Land, namens Indien, erleichtert hat. Er war meine Stütze, ohne die ich vermutlich nicht so schnell und leicht mich hätte zurecht finden können. Was ohne ihn wäre? Keine Ahnung.

Und plötzlich blieben uns nur noch zwei Wochen. Dann, so beschloss unsere Organisation, würde er gehen. Für mich war der Gedanke, ab jetzt nur noch zwei Wochen in Indien zu verbringen völlig abstrakt, begann für mich mein eigentlicher Dienst erst jetzt.

Merlin jedoch hatte abgehakt, auch wenn er gerne noch zusammen mit mir den Norden Indiens erkundet hätte, oder mit mir auf die Andamanen geflogen wäre…

„Wenn ich wählen könnte, würde ich jetzt sofort die Koffer packen und nach Hause fahren…“

 

 

Wir überlegten, was jetzt noch zu tun sei, was wir unbedingt noch machen wollten. Verreisen konnten wir nicht, Dallapalli würde er auch nicht nochmal sehen. Im Grunde blieb Hyderabad mit seinen Facetten die einzig mögliche Alternative und so versuchten wir wenigstens das Beste aus der Situation zu machen, was schwierig war, da dazwischen noch das Zwischenseminar lag. An einem der letzten Abende dort saßen wir alle im Kreis, viele mit Motivation und Eifer, den sie nutzen wollten, um in die nächste Runde zu starten.

 

„Das Abenteuer geht weiter! Jetzt geht’s erst richtig los! Nun kann ich das machen, wofür ich mich im letzten halben Jahr eingesetzt habe“, waren die Standardsätze vieler. Nur Merlin konnte nicht so reden. Der sah einer halbwegs ungewissen Zeit daheim in Deutschland entgegen. In dem Moment tat er mir wirklich leid.

 

Doch schlussendlich ist es die richtige Entscheidung gewesen, dass er gegangen ist. Man darf nicht vergessen, dass ein halbes Jahr in einem fremden Land auch schon eine wahnsinnig lange und schöne Zeit ist, besonders dann, wenn man, wie wir, so viel erlebt hat. Davon wird er noch seinen Enkeln erzählen. Sein Rücktritt hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit standhafter Überzeugung und Mut. Sich selbst einzugestehen, dass es nicht mehr geht, ist für mich tapfer und eine Tugend, die ich selbst vielleicht noch lernen muss….

 

Wir sind am Flughafen. Merlin vollbepackt mit seinen sieben Sachen und ich daneben. Es wirkt so unwirklich, diese ganze Situation. Traurig gestimmt verabschieden wir uns voneinander, bereits vor dem Flughafen, da die indischen Behörden irgendwie nicht wollen, dass Besucher in den Innenraum des Gebäudes kommen. Ich blicke ihm ewig nach, wie er davongeht und winkt. Und plötzlich verstehe ich erst die ganze Situation. Er ist weg. Er wird vor meinem Dienstende nicht mehr wiederkommen. Mein bester Freund in Indien ist nicht mehr da. Ich lehne mich an die Brüstung des Geländers und schniefe. Ich werde ihn vermissen. Um irgendwie die schlechte Stimmung zu kompensieren renne ich, einen Kilometer die Straße vom Flughafen weg entlang. Hier fahren eigentlich nur Autos, aber ich kann jetzt einfach nicht in ein Taxi steigen, nein, ich muss rennen, auch wenn mir immer wieder irritierte Blicke von den Fahrern zugeworfen werden.

Nach einer Stunde geht’s mir besser, zudem habe ich auch den Uber-Preis nach Hause um 80 Rupien gesenkt, sodass ich letztendlich doch in ein Taxi steige und mir bewusst wird, dass die kommende Zeit auch schön werden kann.

 

Ich werde neue Freude haben, Leute aus unserem Freiwilligen-Kreis, die mir vorher vielleicht gar nicht so bewusst waren und jetzt deutlicher zum Vorschein kommen. Ich werde mehr Verantwortung übernehmen, was ich jetzt bereits schon merke. Ich beginne mehr mit den Leuten im Office Englisch zu sprechen, was vorher Merlin für mich übernommen hat. Vielleicht beginnt jetzt die Zeit, wo ich noch mehr wachsen kann, auch wenn es ab und zu, wie ich jetzt bereits bemerkt habe, so ist, dass man einen insbesondere männlichen Part im einem sonst weiblich geprägten Office, vermisst.

Ein Ende verspricht auch einen Neuanfang, für beide von uns. Wir beide werden unsere neuen Aufgaben meistern. Das wünsche ich Merlin vom ganzen Herzen. Lass dich nicht unterkriegen! Hau rein!

 

 

Merlins Beitrag:

http://516649.blogspot.in/2018/01/ein-ende-ich-bin-wieder-da.html?m=1