Dallapalli tanzt

Ich sitze alleine im Zug. Draußen ist es bereits dunkel, der kalte Fahrwind wirbelt um mich herum, sodass ich fröstle. Das Licht von der Decke flackert, wie in einem dieser typischen Horrorfilme, so als ob es gleich völlig erlischt. Ich blicke mich um und sehe Menschen, die essen, schlafen, oder so aussehen, als würden sie gerade über die größten Fragen der Menschheitsgeschichte nachdenken.

Gerade dieses Beobachten der Menschen und ihrer Eigenarten, so scheint es, habe ich in den letzten Monaten irgendwie verlernt. So war ich ständig darauf bedacht wegzuschauen, um zu verhindern, dass ich als weiße Person, zu oft angestarrt zu werde. Ganz in der Hoffnung in die Anonymität der Stadt überzugehen.

Ich sehe eine Mutter mit ihrem kleinen Kind auf einer dünnen Pritsche liegen. Beide haben kaum Platz und trotzdem sieht es so aus, als ob sie in ihrer Zweieinigkeit komplett glücklich wären.

Schaut man den Gang entlang, so sieht man nackte Füße, die über die Pritschen hinausragen. Sie beugen sich der Bewegung des Zuges und schwanken mal dorthin und mal dahin. Ich muss gestehen, dass wohl all diese Füße sauberer sind als meine, die müffelnd in Schuh und Strumpf verpackt sind.

Es geht einmal wieder nach Dallapalli, dem kleinen beschaulichen Bergdorf, tief im Gebirge der Andhra Hills. Für mich ist jeder Trip dorthin etwas Besonderes, so ruhig und fantastisch, diese Ortschaft in Bergen liegt. Dieses Mal sind wir zu dritt. Skrollan, Toni und Ich. Ich habe die Aufgabe mit den Kindern Aktionen, wie Krabben jagen, zu starten, das zu filmen und letztendlich auf YouTube zu stellen. Um zu zeigen, dass die Dörfler sehr gut alleine zurechtkommen und es der Hilfe der Städter, gar der nervigen Touristen, gar nicht bedarf, Dalllapalli am Leben zu erhalten. Ob ich das schaffe, weiß ich noch nicht. Skrollan und Toni, sollen hingegen mit der Jugend Binden nähen und möglichst kreativ mit allen möglichen vorhandenen Dingen basteln. Dies dient vor allem dazu diese Dinge im Nachhinein in Hyderabad zu verkaufen. Sozusagen als Methode Spenden für unsere kleine, arme NGO zu sammeln.

Da bin ich raus. Basteln konnte ich noch nie gut. Ich kann höchstens davon Fotos machen.  Wie immer sind die Aufgaben im Grunde nichts anderes als Vorgaben. Schlussendlich kommt es meist doch etwas anders als gedacht.

Ich darf direkt am Fenster schlafen, das nicht komplett verschließbar ist, sodass es die ganze Nacht über zieht und ich sehr verfroren in Visakhapatnam in den Bus steige. Neben mir sitzt/steht mein stets treuster Begleiter auf meinen Reisen. Mein Freund und Helfer. Mein Felsen in der Brandung. Meiner großer Rucksack, der selbstverständlich einen eigenen Sitz braucht. Dieses Mal binde ich ihn nirgendwo fest. Aus den Konsequenzen der letzten Reise habe ich gelernt. 🙂

Den ganzen Weg über schlafe ich, was meines jetzigen Erachtens nach zutiefst beeindruckend ist, schaffe ich das auf der Rückfahrt nicht. Denn da brettert der Bus über jede Bodenwelle und rast, wie verrückt, sodass einem flau im Magen wird.

Sechs Kilometer vor Dallapalli steigen wir aus. Dorthin fährt kein normaler Linienbus.

Und hier sei mal ein ganz besonderes Verkehrsschild am Scheideweg zwischen Dallapalli und der Straße, hervorgehoben, das im Grunde zu den ganzen Problemen im Dorf, wie beispielsweise den Party-Tourismus, beiträgt. Sonst kam mir dieses Schild wie eine Kleinigkeit vor, doch mittlerweile bekommt es immer mehr Bedeutung.

Dort steht in großen Lettern: DALLAPALLI – Tourism Place – Experience and chill.

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Angebracht wurde diese Tafel von Andhra Pradesh Tourism Department und lädt praktisch dazu ein, doch in diesem „Dallapalli“ abzuhängen.

Problem nur: Es gibt keinen solchen Platz rund um Dallapalli. Die Touristen haben sich ihn selbst erschaffen, ganz zum Leidwesen der Dorfbewohner. Oft haben wir schon mit den Gedanken gespielt, diese Lüge, dort am Straßenrand einfach abzureißen. Was dann jedoch als Reaktion folgen würde, wissen wir nicht.

Der einzige Möglichkeit nach Dallapalli zu kommen, wenn man schwer mit Rucksäcken beladen ist, ist per Riksha. Problem. Das Dorf hat nur eines dieser Vehikel, weshalb man oft Stunden warten muss, bis dieses eine kommt und dann ist immer noch nicht gewiss, ob es dann auch wieder zurückfährt. Klar, könnte man laufen, jedoch geht der Weg ein einziges Auf und Ab. Mit schweren Rucksäcken, würde man mehr als drei Stunden brauchen…

Beim letzten Trip mussten  wir sage und schreibe zweieinhalb Stunden in Dallapalli warten, ehe die Riksha wieder nach unten fuhr. Und das, obwohl vorher ein genauer Zeitpunkt notiert wurde. Doch an Zeiten hält sich hier kaum jemand. In Indien habe ich wahrlich das Warten gelernt. 😀

So vegetieren wir tatsächlich wieder mehr zwei Stunden dahin, ehe eine Mitfahrgelegenheit erscheint und jetzt hätte ich am liebsten die standartmäßige Geschichte erzählt: Wir erreichen Dallapalli, alles ist ruhig, man hört nur die Geräusche der muhenden Kühe, surrender Libellen und spielender Kinder. Wir lassen uns nieder und staunen einmal wieder über die Erhabenheit der Bergriesen die Dallapalli einschließen.

Doch denkste!

500 Meter vor dem Dorf hören wir Trommeln und Gesang. Es hallt geradezu dem Berg hinunter, so als ob alle Bergbewohner Bescheid wissen sollen, dass hier die Post abgeht. Dem ist auch so.

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Seit zwei Tagen feiern die Bewohner des Ortes eine Art Erntedankfest. Die kräftezehrende Ernte der letzten Monate ist vorbei, die Speicher sind voll und bald wird man wieder mit dem Sähen beginnen, doch dazwischen wird erst einmal ordentlich gefeiert! Eine Art offenes Zelt, bestehend aus Ästen wurde errichtet, wo in der Mitte ein kleiner Altar, umringt von Räucherstäbchen, steht. Darum herum tanzt alles, im Rhythmus der gewaltigen Trommelschläge. Aus einem riesigen trichterförmigen Lautsprecher, der in die Weite gerichtet ist, dröhnt laute Bollywood-Musik. Wir gesellen uns dazu und sofort will eine besonders euphorische Ureinwohner-Frau uns in ihren Tanz integrieren, doch vorerst sind wir doch etwas perplex über die Gesamtsituation. Immer mehr Menschen strömen heran, Leute, die ich bisher noch gar nicht kannte und scharen sich um den Schrein, in dem mittlerweile eine Kerze brennt und ein Mann in weißen Gewändern und weißem Turban sitzt und sinnend hin und her schwankt. Alle Anwesenden bekommen nassen Reis auf den Stirn gedrückt.

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Ich will auch und tatsächlich freut sich die fröhlich grinsende Reis-Verteilerin über mein Anliegen und drückt mir auch etwas von ihren Gaben auf die Stirn. Einer der Ältesten beginnt nun immer wieder das Gleiche vor sich hin zu brabbeln, als ob er gleich eine Art Drachen oder so beschwören würde. Alle machen mit und so schallen die für mich unverständlichen Wörter aus dem Dorf heraus und werden über die Berge getragen. Zwischendurch wird immer wieder Reis vor die Füße des Altars geworfen. Ich filme unablässig die ganze Prozedur, werde von Bonjibabu und Siranji, meine beiden Freude hier im Dorf, mal hier und mal dort hin geschoben, um wirklich alles abzulichten, ja sie wirken gar wie zwei Regisseure, die dem Kameramann befehlen die Szene von allen möglichen Perspektiven aufzunehmen. Kameramann Leo beugt sich ihren Befehlen und so sieht seine Kamera schließlich wieder Mann in den weißen Gewändern aufspringt und so alle zum Jubeln bringt. Er schnappt sich vier riesige Steintafeln, schleppt sie vor dem Altar und verschließt somit die Öffnung. Nochmal tosender Applaus! Ich habe keine Ahnung was hier geschieht, aber irgendwie finde ich es total toll.

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Die Feiertagsgemeinschaft zieht nun in einer riesigen Polonäse aus dem Zelt heraus, einen schmalen Pfad entlang bis hin zu einem aus Ästen erschaffenem Portal, wo jeder einzeln durchmuss und nochmal eine Ladung Reis ins Gesicht bekommt. Es scheint drei wichtige Leute zu geben. Den Priester in Weiß, der nun einen Topf voller Nahrungsmittel so liebevoll vor sich herträgt, als wäre dieser Topf kein Topf, sondern ein frisch geborener Säugling, einen Typen der auch ein Bündelreis über seinem Rücken trägt und ein Mädchen, dass auch irgendwie das Selbe tut.

Als die Polonäse das Portal überwunden hat, löst sie sich auf. Viele Menschen geraten in einen weiteren Tanzwahn, viele scheinen betrunken, entweder vom Glück, oder von ihrem Dorfalkohol zu sein und jauchzen ausgelassen. Trommelschläge, Bollywoodmusik, eigener Singsang, Kreischen, all das mischt sich nun zusammen und bringt das Dorf zum Brodeln. Selbst in den Häusern wird sich wild bewegt, es gibt kaum Platz und genau das erinnert an eine aus dem Ruder gelaufene Home-Party, die leider auf Facebook bereits im Vorhinein verkündet wurde.

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Zwischendurch steige ich auch ins Tanzen ein, muss aber feststellen, dass ich die Tanzschritte der Leute nicht beherrsche und sichte lieber alles von nahgelegener Entfernung.

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Irgendwann wird es uns dreien zu viel, wir haben eine lange Reise hinter uns und unser Kopf dröhnt. Wir verlassen das Party-Dorf und lassen uns nicht weit davon entfernt auf einem Stein nieder, von dem man das ganze Tal überblicken kann. Wir legen uns hin und lassen jeder für sich die Seele baumeln. Irgendwie ist es hier ruhig, Libellen fliegen durch die Gegend und ich kann mich an das allererste Mal erinnern, als ich Dallapalli sah. Seitdem ist so viel passiert. Wer war ich damals und wer bin ich jetzt? Habe ich mich seitdem irgendwie verändert? Ja, irgendwie schon, aber irgendwie bin ich noch der Gleiche von damals. Wie Dallapalli. Es ist immer noch gleich geblieben, die unverrückbaren Berge stehen noch an Ort und Stelle, aber trotzdem ist vieles verändert, oder ist neu dazugekommen, wovon ich anfangs nichts wusste. Man kann etwas nicht auf dem ersten Blick sofort bestimmen und analysieren. Dafür bedarf es vieler Sichtweisen. So war ich mir beim letzten Trip sicher, dass die Menschen hier nur arbeiten würden. Ohne großartige Unterbrechung. Jetzt weiß ich jedoch, dass sie sogar Feste feiern und sich tatsächlich eine Ruhephase gönnen. Jeder weitere Besuch gibt mehr Aufschluss, mehr Wissen, über diesen Ort und das macht ihn für mich sehr, sehr interessant. Diese Eigenschaft mehrmals hinzugucken, ja die sollte man sich bewahren und vielleicht habe diese sogar in Indien erweitert. Verbessert.

Dallapalli würde sich im Laufe der nächsten Woche nochmals wandeln…..