Neue alte Welt

„Du doofer Türbalken!“ schimpfe ich. „Das ist jetzt schon das sechste Mal, dass ich mich an dir stoße!

Statt der großen weitläufigen Communitiy-Halle wurde in Dallapalli ein kleines süßes Dhaatri-Häusschen mitten im Dorf extra für uns bereitgestellt und eben jenes hat die typischen Maße eines jeden Hauses hier in der Gegend. Es ist sehr klein.  So ist es, nach anderthalb Tagen des Wohnens, immer noch Gang und Gebe, dass ich, als ohnehin schon nicht riesige Person mir trotzdem am oberen Türbalken den Kopf stoße. Als Einziger.

„In irgendeiner indischen Mythologie gibt es den Urglaube, dass der obere Türbalken eine Art Gott ist, den man unter keinen Umständen berühren dürfe“, berichtet Gayathi, als sie bemerkt, dass ich mir schmerzerfüllt den Kopf halte.

„Hmm, dann werden dieser Gott und ich wohl nie Freunde werden“, kichere ich.

 

Mein eigentlicher Grund um überhaupt aus dem Haus zu gehen sind viele, beschäftigt klingende Stimmen an der Zufahrtstraße. Es scheint was los zu sein und wenn in Dallapalli was los ist, dann ist es definitiv sehenswert.  Und so ist es auch. Als ich ins Freie trete und mich eine wohlige Morgenwärme umfasst, erblicke ich viele mir fremde Personen. Ich komme näher und erspähe im Gewirr der Menschen eine große Balkenwaage aus Holz. Dicke, schwere Säcke werden heran geschafft und auf eine der beiden Waagschalen geworfen, bis diese Seite schwerer ist, als die, die mit Gewichten beladen ist.

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„Es wird gehandelt,“ stelle ich fest, als ich sehe wie Geld von der einen in die andere Hand geht.

„Hey, Siranji!“ ich habe meinem Freund aus dem Dorf im Geschehen entdeckt. „Was passiert hier?“

Er erzählt mir in schweren englischen Sätzen, dass die Menschen aus Dallapalli Bohnen und Heilkräuter an die Menschen aus der Stadt verkaufen.

„Jeder 50kg Sack, 2500 Rupien!“ lächelt er stolz. „Die Heilkräuter kosten 3000.“

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„Wow!“ gebe ich zu. Damit hätte ich nicht gerechnet. Vor nicht allzu langer Zeit glaubte ich noch, dass das Dorf ganz autark, jenseits vom Handel mit anderen Dörfern leben würde und die Menschen praktisch nur für ihr Dorf und dessen Überleben arbeiteten. Und jetzt tragen sie Sack für Sack aus ihrem Reservoir heraus übergeben diese den etwas komisch wirkenden Händlern aus der Stadt.

Nebenan spielt die Jugend Volleyball. Unter normalen Umständen wird Volleyball nur am Abend, nach der harten Arbeit gespielt, aber momentan haben die Menschen hier so etwas wie Ferien, aufgrund ihres Erntedankfestes. Ich finde es sehr beeindruckend, dass viele sich nicht einfach auf die faule Haut legen und mal entspannen, nein, auch in ihrer Freizeit, heißt es Sporttreiben. Auch wenn, zehn Meter weiter, gerade das große Geld von Hand zu Hand wandert.

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Sowieso ist das kleine Bergdorf gerade in ganz verschiedene Handlungsstränge gespalten. Hier wird gehandelt, dort wird Volleyball gespielt und an einem ganz anderen, zu dem ich jetzt berufen werde, werden traditionelle Ureinwohner-Lieder gesungen. Ich soll die singenden Dörfler filmen, die teilweise etwas angetrunken und dadurch sehr lustig drauf sind. Manche rauchen auch dicke Zigarren, wo ich mich des Öfteren frage, ob sie wirklich nur Tabak und nicht etwa Ganja (das indische Marihuana) vor sich hin schmauchen.

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Ich stelle meine Kamera in Position und vier Adivasi-Frauen beginnen, wohl etwas benebelt, zu singen. Ein lustiger, torkelnder Mann, der immer, wenn er mich sieht die „Namaste-Geste“ macht, gesellt sich dazu und zu fünft singen sie lallend, ganz zum Spaße der um mich herum stehenden Dörfler, die laut auflachen, zeige ich ihnen meine gemachten Fotos und Videos, ihre alten Lieder.  Alle möglichen Altersgruppen, alle Generationen stehen um mich herum und irgendwie berührt mich das sehr, dass ich mittendrin, bei ihnen bin. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache, kommen aus komplett unterschiedlichen Lebensphilosophien, aber trotzdem können wir gemeinsam lachen. Das ist wirklich schön. Zum ersten Mal glaube ich, dass auch die alten Menschen wirklich interessiert an mir sind. Davor schienen ihre Blicke mir gegenüber doch etwas skeptisch zu sein.

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Zwei weitere Männer beginnen zu tanzen, eine ältere Dame geht rum und drückt jedem wieder Reis auf die Stirn, will sogar meiner Kamera etwas geben, aber da muss ich leider, ganz zum Wohle meines Lieblingsgeräts, einlenken und bekomme dafür etwas mehr

Irgendwann ist bei mir die Luft raus, ich stehe seit einer Stunde da und filme die singenden Menschen, die mittlerweile auch eher brabbeln, statt singen. So fahre ich mein Stativ ein, zeige letzte Bilder und mache eine kleine Exkursion durch das Dorf. Und wie sehr freue ich mich, als ich plötzlich auf zwei junge Hunde stoße. Beim letzten Mal waren sie deutlich kleiner und tapsiger und noch zu sechst, doch ich kichere vergnügt, als die beiden mich tatsächlich wieder erkennen und sich an mich schmusen. Die bitterkalten Nächte haben ihren Tribut gefordert, keine Frage, aber diese beiden haben diesen getrotzt. Beim letzten Trip glaubten Merlin und ich noch, dass alle Welpen in kürzester Zeit sterben würden, besonders deswegen weil die Mutter die Kinder aufgegeben hatte und diese dementsprechend keine Nahrung bekamen.

Doch diese beiden sehen gestärkt und gut gelaunt aus und rekeln sich genüsslich in der Morgensonne.

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Im nächsten Moment heißt es für mich schon zur nächsten Aktion zu hechten. Die Kinder Dallapallis stehen bereit. Sie wollen mit uns auf Krabbenjagd gehen. Erneut bin ich der Kameramann, sehe aber schnell ein, dass es doof ist, mit Kamera und Stativ den Kindern hinterherzurennen. Ich komme mir vor wie ein alter, gebrechlicher Mann, der versucht eine Katze zu fangen. Wie Bergziegen klettern die Kinder den Berg hinauf, finden klare Rinnsale eines kleinen Flusses und waten durch sie hindurch.

Ich bin da weniger gelenk, stapfe schweren Schrittes durchs Wasser, brauche Ewigkeiten, um auf kleine Vorsprünge zu klettern, immer darauf bedacht meine Kamera nicht fallen zu lassen und erreiche erst spät den eigentlichen Ort des Geschehens. Die Kinder heben Steine im Wasser hoch, fassen neugierig darunter in der Hoffnung eine Krabbe dort zu finden. Sie wissen genau, wie man das macht, graben am Grund des Wassers und finden tatsächlich einige der kleinen, bepanzerten Tierchen, die sie in Bananenblätter wickeln. Toni und Skrollan jagen ganz eifrig mit, ja es wirkt gar so als hätten sie ein neues Hobby gefunden.

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Direkt neben der Krabbenjagd-Gesellschaft grasen ein paar Kühe und schauen geradezu belustigt und wiederkäuend auf das muntere Völkchen im Wasser herab, dass laut aufjubelt findet jemand eine weitere Krabbe.

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Es geht über Stock und Stein, durch Wasser und Matsch, an arbeitenden Frauen in Reisfeldern vorbei und…huch…was ist denn das?! Am Wegesrand sitzen einige Frauen, sie haben einen kleinen Altar aufgebaut und murmeln spirituelle Verse. Es riecht nach Räucherstäbchen und Kokosnüssen und die Frauen schwanken rhythmisch hin und her.

 

„Einer Frau geht´s nicht so gut. Sie ist krank und jetzt versucht man ihr die Krankheit auszureden“, sagt Gayathri.

 

Wahnsinnig spannend. Ich hocke mich zu den Frauen, merke, wie vertieft und leidenschaftlich sie vor sich her summen. Vielleicht klappt das ja tatsächlich und der Frau geht es bald wieder besser. So interessant ich diese Prozedur auch finde, die Kinder kennen das bereits und wollen weiter.

Wir finden eine tiefe Quelle, dort kann man nicht hineinwaten, doch auch darauf sind die kleinen Racker vorbereitet. Sie haben einen breiten sehr dünnen Stoff dabei, den sie auf der Wasseroberfläche ausbreiten und ihn langsam sinken lassen.

„Ein Netz!“ begreife ich. Als sie es wieder anheben, zappelt ein winzig kleiner wurmähnlicher Fisch auf dem Stoff, den einige der Kinder entschlossen in die Hand nehmen und in eine, mit Wasser gefüllte, Plastikverpackung legen. Am Ende des Tages haben sie mehr als 10 solcher kleinen Fische gefangen!

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Ich bin fasziniert. Schon von klein auf lernen die Kinder, wie man überlebt und es macht ihnen sichtlich Spaß. Jeder Junge, jedes Mädchen freut sich wie Bolle, findet er/sie tatsächlich einen Fisch, oder eine Krabbe. Schon bei der Müllsammel-Aktion waren alle motiviert und voll dabei. Genauso wie dieses Mal. Sie kennen ihr Dorf, ihr Land, behandeln es gut und wissen es zu schätzen, was es ihnen gibt und scheinen einfach glücklich. Es gibt so viel Wissen in diesen Bergen, wovon ich, als Städter noch nicht weiß. Man kann nicht sagen, dass das Leben hier einfacher ist. Es ist vielmehr etwas zielstrebiger. Die Menschen verfolgen ein klares Ziel, haben klare Vorstellungen von ihrer Umgebung und sich selbst, was in der Stadt deutlich schwieriger ist. Dort ist das Meiste irgendwie verschachtelt, es gibt zu viele Wege, die einem offenstehen und so kommt einmal wieder, bei einem Gespräch zwischen uns Freiwilligen das Thema auf, wie es wohl sein mag sein Leben, wie es bisher gewesen ist, umzukrempeln und fortan hier zu leben.

Romantische Vorstellung. Einfach auszubrechen. Die Mädels sind sich einig, dass sie es könnten. Ich bin mir da nicht so sicher. Trotz der Kompliziertheit meines Lebens würde ich dieses nicht aufgeben, jedoch es wäre schade diese Zeit im Dorf zu missen. Insbesondere dann, wenn man diese alte Welt gerade erst verstehen neu lernt….