Wirksam sein

“Das kann doch nicht sein! Wo ist mein Schuh? Gayathri? Leo? Bonjibabu?“ fragt Merlin aufgebracht in die Runde. Kein Wunder, dass er nicht besonders angetan ist von der momentanen Situation. Gerade eben hat er seine Schuhe ausgezogen, um in Bonjibabus Haus etwas zu holen und kaum tritt er wieder ins Freie ist einer seiner Schuhe weg und alle Umstehenden scheinen sich irgendwie ins Fäustchen zu lachen.

 

„Keine Ahnung wovon du redest!“ gestehe ich ihm im ersten Tonfall.

 

„Ich wars auch nicht!“ sagt Gayathri, muss aber dabei herzhaft lachen.

 

„Das ist nicht lustig!“ wütet Merlin, als er noch fünf Minuten des Suchens seinen Schuh immer noch nicht gefunden hat.

 

„Vielleicht war´s ja ein Hund, oder eine verspielte Ziege..“, meine ich.

Wir sind schon fast auf dem Rückweg zur Community Halle, wohlmerkt mit nur einem Schuh, als plötzlich ein älterer Dörfer wild gestikulierend auf mich zeigt und herzhaft lacht.

 

„Was will er denn?“ fragt Merlin.

„Öhh, keine Ahnung,“ versuche ich das Unschuldslamm zu mimen und schüttle in Richtung des Mannes, nur dass er es sehen kann, den Kopf. Mein Pokerface bleibt standhaft,  mein Puls jedoch steigt und der Schweiß läuft mir langsam die Schläfe hinunter. Der Mann lacht jedoch noch mehr, auf meine Geste zurückgreifend und zeigt auf den einen Schuh von Merlin.

„Will er sagen, dass du den Schuh geklaut hast?“

„Vielleicht hat er irgendetwas an mir gesehen, was mich verdächtig macht, aber ich war´s nicht!“

 

Der Mann geht lachend weiter, deutet aber nochmals in meine Richtung und sagt irgendwas, was wohl nur anderen verstehen mögen, die daraufhin mich angucken, aber nichts sagen.

„Lass uns gehen, hier finden wir den Schuh nicht“, sage ich hastig und ziehe Merlin mit mir.

„Der Schuh war teuer!“ schimpft er. „Das werden alle noch bereuen!“

 

In Wahrheit, war es tatsächlich ich, der sich einen Spaß daraus gemacht hatte, Merlins Schuh zu entführen. Als er Bonjibabus Haus ging, schnappte ich mir den Schuh und rannte den Weg zur Community Halle hoch, um ihn dort zu verstecken. Auf halben Wege, kam mir der ältere Mann entgegen, der mir irritiert hinterher sah, wie ich mit einem Schuh in der Hand, erst in die eine Richtung rannte und schließlich ohne Schuh wieder zurückkam.

Als dann Stimmen laut wurden und alle nach Merlins Treter suchten, wusste er, was passiert war.

Merlin würde seinen Schuh wenig später wiederfinden, doch sollte er erst anderthalb Tage später erfahren, dass ich damals zu Scherzen aufgelegt war. Traf ich, in dieser Zwischenzeit den älteren Herren, so lachte er nur und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. In Dallapalli schien man diese Art von Heimtücke lustig zu finden….

 

 

Auch jetzt noch, Merlin ist bereits wieder in Deutschland und die Mädels begleiten mich dieses Mal auf meiner Reise, begegne ich diesem Mann immer wieder und immer wieder freut er sich über meine Anwesenheit.

„Namaskaram!“ ruft er, als er mich eines Tages wieder sieht und hebt die flache Hand zur Stirn zum Gruße.

„Namaskaram!“ rufe ich zurück.

„Thank you!“ sagt er und schüttelt mir kräftig die Hand. Ich weiß nicht wofür er sich bedankt, bin aber trotzdem gerührt von der Tatsache, dass er eben etwas englisch gesprochen hat. Das konnte er vorher nicht. Ich freue mich wie ein Honigkuchenpferd, dass er diese Wörter mittlerweile kann und rufe ich ihm „You´re welcome“, hinterher. Es macht so Spaß zu sehen, wie die Bewohner des kleinen Örtchens langsam auftauen.

Wenig später, ich sitze auf dem Dach eines Gebäudes, er kommt dazu und ich frage ihn nach seinem Namen.

„Ram!“ sagt er fröhlich.

„Hallo Ram“, entgegne ich. Für mich ist dieser ältere Mann wie eine Freund geworden, auch wenn wir kaum miteinander sprechen können, doch Kommunikation kann, wie auch in diesem Fall, etwas anders laufen. Man muss nur zu scherzen wissen.

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Oder man muss einfach zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Wenn gerade keine größere Aufgabe ansteht, laufe ich durchs Dorf, sehe den Kindern beim Spielen zu und verstehe nach und nach worum es geht, bin aber längst nicht so vertraut mit den schwierigen Spielregeln, wie Toni, die prompt beginnt mitzuspielen. Die Kinder freuen sich riesig darüber, kichern ausgelassen macht sie etwas falsch, versuchen aber irgendwie, mit Hand und Fuß zu erklären, wie sie es besser machen könnte.

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Zwischenzeitlich beobachte ich die Tiere, die, wenn sie nicht von den Dörflern beansprucht werden, verrückte Dinge machen. Wie der junge Hund beispielsweise, der sich eine ältere Ziege als Spielgefährte auserkoren hat. Vorsichtig schleicht er sich heran, sieht das Seil an dem die Ziege festgebunden ist und versucht auf der Stelle an diesem zu ziehen. Leider spielt die Ziege nicht mit, da sie am liebsten in der Sonne dösen will. Das merkt irgendwann auch der Hund, der das Seil loslässt und beginnt am Spielverderber zu schnüffeln. Da macht die Ziege mit, schaut aber nach einiger Zeit sehr verdrießlich zu mir herüber, sehr nach dem Motto: „Erlöse mich.“

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Die Arbeit in Dallapalli ist, durch das Erntedankfest stillgelegt worden, die Jugend spielt von morgens bis abends Volleyball, doch nach und nach, wird den Bewohnern des Dorfes langweilig und sie beginnen zaghaft mit kleineren Aufgaben. Ich sehe zu, wie drei Leute mit einer riesigen Säge einen gefällten Baum zersägen und Schritt für Schritt dünne Bretter daraus machen. Harte Knochenarbeit, aber für sie ist es besser, als nur herum zu sitzen. Und dabei wirken sie glücklich und machen allerlei Scherze.

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Zu Scherzen aufgelegt sind wir aber spätestens dann nicht mehr, als wir ein fremdes Auto nahe des Eingangstores ausfindig machen. Touristen. Fast schon hätte ich sie vergessen, aufgrund der schönen Nebenaufgaben in Dallapalli. Die letzten Tage schien kaum jemand Fremdes vorbei gekommen zu sein, doch nun sind sie wieder da und klettern, über das verschlossene Eingangstor.

Wir hasten ihnen hinterher und siehe da: Sie haben Alkohol und Snacks dabei. Typische Party-Touristen. Obwohl, ganz so typisch sind sie nicht. Sie sind nur zu viert, noch halbwegs nüchtern und laden mich nicht dazu ein mitzufeiern. Auch scheinen sie recht vernünftig zu sein, denn als Toni sie praktisch auffordert ihren Müll, nach ihrer Feier, aufzuheben und mitzunehmen, antworten diese gehörig mit: „Ja, Ma´am! Danke für den Hinweis.“

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Vielmehr klingt es jedoch ganz nach meinem „Natürlich“, wenn mir meine Mutter gerade befohlen hat mein Zimmer aufzuräumen, ich jedoch nicht ganz zugehört habe und erst Tage später mit der Säuberung beginne.

Wir setzen uns neben die Städter, die alle, außer einer, aus Visakhapatnam, der Großstadt 100 Kilometer entfernt, hergekommen sind und beobachten die atemberaubende Landschaft, über die ich nach wie vor staunen muss. Ich blicke den tief abfallenden Abhang hinunter und kann mir kaum noch vorstellen, wie ich bei meinem ersten Trip dort unten entlanggeklettert bin, um Fotos von allerlei Pflanzen zu machen. Es scheint Ewigkeiten her zu sein.

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Plötzlich kommt Skrollan ein berechtigter Gedanke. Die Touristen sind mit dem Auto hergekommen und irgendwie müssen sie ja wieder zurück. Tun sie das betrunken? Über die Straße mit nur einer Fahrspur, ohne Geländer, reichlich Kurven, keiner Geschwindigkeitsbegrenzung und einigem Gegenverkehr? Ja, tun sie, jedoch trinkt der Fahrer nur ein Bier, wie ich herausbekomme.

Da sind wir aber beruhigt.

Irgendwann kommt Bonjibabu dazu. Normalerweise grinst er wie verrückt und dieses Grinsen verursacht bei allen Anwesenden sofort gute Laune, doch nun ist sein Gesicht ernst. Er verlangt, dass die Touristen sofort das Gelände verlassen sollten, oder er würde die Polizei rufen.

Zu viert versuchen die Männer ihm jedoch klar zu machen, dass sie ja auch Ureinwohner dieser Gegend sein würden, was keiner ihnen jedoch abkauft. Es beginnt eine kleine wortreiche Auseinandersetzung bei der ich nur zu gern verstanden hätte worum es geht.

Am Ende schafft es Bonji sie zum Gehen zu bewegen, sie klettern über das Tor, laden ihr Essen wieder ins Auto und fahren griesgrämig davon.

Wir haben gesiegt! Tatsächlich fühlt es sich wie ein kleiner Erfolg an, das Auto immer kleiner werden zu sehen, bis es am Horizont verschwindet.

„Normal reden bringt nichts mehr. Sie sind erst gegangen, als wir wütend geworden sind. Wir müssen kämpfen! Kameras aufstellen. Alarmanlagen installieren. Mehr Plakate gegen den Tourismus aufstellen.“ meint Gayathri entschlossen.

Ich bin da nicht so sicher. Irgendwas hält mich davon ab, das Wort „kämpfen“ zu akzeptieren. Vielleicht weil es sich so endgültig anhört, so als ob man den Tourismus ausmerzen würde wollen, so als ob alle Probleme des Dorfes nur deswegen existieren würden. Und das stimmt nicht. Es ist längst keine Situation mehr, die nur aus schwarz und weiß besteht und mittlerweile scheint es so zu sein, als würde das Grundproblem, der Müll, nicht mehr Thema sein. Für die Dörfler ist das unbefugte Betreten verschlossener Gebiete und das Trunkensein das Problem. Für unsere Organisation ist es das auch, aber irgendwie hat sie den Müll vergessen. Die Abfalltüten von der letzten Sammelaktion stehen immer noch dort, wo sie abgeladen wurden, obwohl sie eigentlich abtransportiert werden sollten.

Hier stellt sich wieder einmal die Frage, was die Dörfler wollen. Für uns ist die Situation scheinbar klar. Der Müll muss weg und der Tourismus muss anders laufen. Doch steht es uns nicht zu unsere Meinung dem Dorf aufzwingen, wenn dieses es eigentlich gar nicht will, oder überhaupt nicht daran denkt. Drum können wir den einzelnen Leuten keinen Vorwurf machen, wenn im Dorf sich der Abfall stapelt. Uns fällt es als Schönheitsfehler auf. Die Menschen kennen es jedoch nicht anders und sind vom Bewusstsein da, wo wir Deutsche das Problem mit dem Plastik auch noch nicht erkannt haben.

Und hinzu kommt noch ein anderes Problem. Das Alkohol- und Rauchverbot in den Städten. Alkohol trinken und rauchen ist nahezu verpönt und in jedem Kino wird ein „Rauchen, oder Trinken tötet – Schriftzug“ eingeblendet, wenn irgendjemand im Film beginnt eine Zigarette, oder ein Bier auszupacken. Es gibt kleine Liquid-Shops an den Straßen, wo sich manche Männer verstohlen ein Bier kaufen und es dort sofort trinken. Natürlich ist es dann schöner in die freie Natur hinauszufahren und im Angesicht gewaltiger Steinriesen ungestört zu trinken. Das kann ich irgendwie auch verstehen.

Natürlich ist das keine Entschuldigung für dessen Verhalten gegenüber den Dörflern, aber in der ganzen Angelegenheit spielen schlichtweg viel zu viele Probleme in unser Problem hinein, die ich schon oft beschrieben habe.

Es ist keine einfache Aufgabe und wer weiß, was wir am Ende des Jahres erreichen konnten. Arbeiteten wir in einer Schule wäre der Erfolg deutlich sichtbarer, man sähe, dass die Kinder etwas von einem gelernt hätten, doch wir beschäftigen uns schlichtweg mit den größten, indischen Problemen überhaupt, wo bereits viele andere versuchen eine Lösung zu finden. Schon oft haben wir eingesehen, dass wir nur der Tropfen auf dem heißen Stein sind, aber okay, dann sind wir das eben. Für mich ist dieses Freiwilligenjahr der heiße Stein auf dem der Tropfen verglüht. Die Erfahrung zu klein für ein Problem zu sein und nicht alles bewältigen zu können ist auch eine wichtige Erfahrung. Vielmehr ist es dann für mich wichtig Schritte zu machen, die auch schwer sind, aber für mich persönlich lösbar.

So ist es schon ein großer Erfolg mit Ram, dem älteren Herren aus Dallapalli, lachen zu können. Das konnte ich vorher nicht und so ist dies auch schon ein Schritt, von dem ich anfangs nicht glaubte ihn zu schaffen. Ich habe etwas bewirkt, was uns beide weiterhelfen kann. Er hat begonnen ein englisches Wort zu lernen, weil ich irgendwie auf ihn gewirkt habe.

Klar, ich werde weiterhin mit Gayathri und den anderen „kämpfen“, ich will den Menschen ein klareres Bewusstsein zum Thema Müll geben, vielleicht schaffen wir das bei manchen auch, aber ich weiß ganz genau, dass ich nicht alle erreichen werde. Das schmälert jedoch keineswegs meine ganz eigene Wirksamkeit des Freiwilligendienstes. Täte es das und ich würde nur darauf abzielen das große Problem zu lösen und nicht die Kleinen, würde ich am Ende des Jahres auf eine Zeit zurückblicken, die nahezu erfolglos war.

So jedoch bin ich total glücklich, als ich nach der Aktion mit den Touristen auf einem Hausdach sitze und die Sonne langsam beginnt in gleißenden Rottönen unterzugehen. Ein Kind läuft vorbei, es war sowohl beim Krabbenjagen als auch bei der Müllsammelaktion dabei,  sieht mich, grinst und ruft: „Hiiii Leo!!!“

Ich grüße zurück. Da habe ich vielleicht auf jemanden gewirkt….