Olympische Herzenssache -Teil 1

Ich wache auf. Warmes Licht durchflutet das Zimmer, ich höre Vögel zwitschern, gähne dem Tag entgegen und drehe mich schlaftrunken auf meiner Matratze um. Ich bekomme irgendwie mein Handy zu fassen und lasse meine ganz entspannte Morgenmusik-Playlist laufen. Was dies doch für ein wunderschöner Samstagmorgen in Hyderabad ist. Gleich werde ich aufstehen, duschen und alles mögliche vorbereiten. Ich schließe nochmal die Augen, um vielleicht für zehn Minuten wegzudämmern…

Doch was ist das? Was stört da meinen gesegneten guten Morgen?! Mein Handy. Es klingelt. Skrollan.

„Jaa?“

„Du, Leo, hast du gestern noch den Käse eingekauft? Wir bräuchten den ganz dringend. Bist du schon auf dem Weg?

„Ähh….ja, der Käse…genau! Ich bin schon auf dem Weg…“

„Gut, bis dann!“

Ich fahre, auf einmal hellwach, hoch. Ich habe den Käse noch gar nicht gekauft! Ach du heiliger Ganesha! Panisch krame ich einige Sachen aus dem Schrank, sprinte unter die Dusche, wasche mich in einer rekordverdächtigen Zeit, beschließe in diesen Sekunden mein Geld zu schnappen und aus dem Haus zu rennen. Mit nassen Haaren renne ich nach unten, an einer verdatterten Savitri, dem Mädchen, dass für uns indisches Essen vorbereitet, vorbei, höre ihre Rufe, dass sie Frühstück extra für mich vorbereitet hat, antworte knapp, dass ich es gleich essen würde und gelange vor die Haustür. Verdammt, ich habe überhaupt kein Geld mehr! Auf zur Bank! Die will mir kein Geld geben! Manno! Gut, das wenige Geld wird für Käse reichen.

„Habt ihr Käse?!“ rufe ich in den gerade erst geöffneten Straßenshop meiner Wahl hinein.

„Ja, haben wir“, antwortet der junge Verkäufer und zeigt mir seine spärliche Auswahl dessen, was er als Käse bezeichnet.

„Gibt es noch anderen?“

„Nö.“

Ich renne aus dem Laden, klappere noch drei andere ab, aber die sind leider auch nur für den indischen und nicht internationalen Hunger gedacht.

Statt weiterzusuchen beschließe ich aufzubrechen, doch halt! Da wartet ja noch ein Frühstück auf mich. Ich seufze. Ich will Savitri nicht enttäuschen, also nehme ich ihr Essen, es scheint wirklich lecker zu sein, aber davon merke ich kaum was, so schnell ich es hinunterschlinge und währenddessen alle möglichen Dinge in meinen Rucksack werfe. Pullover, Kissen, Geld und ja, auch die Kamera (wie sich später herausstellen sollte, war ich mal wieder so schlau und habe vergessen die Kamera mit ihrer SD-Karte zu versehen). Ich buche ein Uber, springe nach fünf Minuten Wartezeit hinein und spätestens jetzt kann ich nichts mehr tun, was mein Erscheinen verschnellern könnte.

Ich atme tief ein. Wie konnte ich nur so doof sein, den Käse zu vergessen?!

Skrollan und Toni wollen für die heute anstehende Olympiade der fünften Klassen indischer Waldorfschulen einen kleinen Basar, im Namen unserer Organisation veranstalten. Dafür war ich vorgestern und gestern einkaufen, habe die nötigen Zutaten für Kuchen und Pizzen gekauft, weil die Mädels noch in Dallapalli waren. Alles war erhältlich, selbst guter Käse, aber… nun ja. Missgeschicke passieren.

Ich nähere mich der Abhaya-Schule, den Austragungsort der olympischen Spiele, der Wagen hält und ich renne auf die kleine Freiwilligen-Küche zu, wo meine Mädels bereits am Kochen sind.

„Kein Problem, der Kühlschrank von den Freiwilligen hier hat noch Käse“, gesteht eine Abhaya-Lehrerin, als ihr hastig und stotternd mein Problem erkläre.

„Uff“, mache ich und alle Anspannung fällt von mir ab.

Dann kann ich mich ja meinen Verpflichtungen widmen. Ich soll nämlich Schiedsrichter bei den Spielen sein. Als mich die Mentorin der Freiwilligen dieser Schule kontaktierte und fragte, ob ich einer der Schiedsrichter sein würde wollen, wusste ich nicht, was sie damit genau meinen würde, aber stimmte trotzdem der Frage zu.

Wir trafen uns und irgendwie war mir ihr Prinzip des Schiedsrichtens sehr „ungeläufig“.

„Du musst ausmessen, wie weit die Kinder geworfen haben, aber bitte sei etwas gnädig dabei. Die, die nicht so weit werfen haben auch eine Chance verdient.“

Zu dem Zeitpunkt verstand ich es nicht, was sie mit „gnädig“ meinte. Sollte ich schummeln? Sollte ich meinen persönlichen Liebling nach vorne bringen? Hm. In dem Sinne war die Sprache doch eine kleine Barriere.

Ich verstand es erst, als ich einen Tag vor der Olympiade mit einem der Freiwilligen der Schule darüber redete.

„Es gibt zwei Arten von Judges (Schiedsrichter). Die Main-Judges. Das sind die, die die sportliche Seite übernehmen. Heißt, sie müssen alles ausmessen, was die Kinder werfen, springen, oder rennen und achten dabei wie gut sie die Technik anwenden. Die besten Kinder bekommen eine Medaille. Soweit nichts Neues. Das Prinzip ist überall geläufig.

Dann gibt es die Grace-Judges. Die schauen auf den Menschen und gucken wie viel Motivation und Ehrgeiz in ihnen steckt. Vielleicht motivieren sie andere, geben beim 100 Meterlauf alles, schaffen es aber trotzdem nicht unter die ersten drei. Diese besonderen Kinder, bekommen dann ein Grace von dir. Und dir vertraue ich in der Hinsicht am meisten, dass du die richtigen Kinder auswählst.“

Ich wurde zu einer Gruppe Fünftklässler geführt, die sich gerade am Speerwerfen versuchten. Ein Junge, namens Daksh, nahm den Speer in die Hand, holte aus und warf. Er übertraf alle anderen, lächelte nicht einmal, weil er sowieso wusste, dass er weit werfen würde. Es war für ihn einfach selbstverständlich, dass er weit werfen würde. Dann kam ein Junge, der genau auf seine Technik achtete, drei Mal neu ansetzte, weil er wusste, dass er etwas falsch machte. Er warf, aber Speer kam nicht mit der Spitze auf. Darüber schien er sichtlich angefressen zu sein und schaute fragend zu Moritz, dem Freiwilligen hinüber.

„Genau so ein Verhalten meine ich“, sagte Moritz. „Daksh wird sowieso alles gewinnen, dieser jedoch nicht, obwohl er es unbedingt will. Für diese Einstellung verdient er eine Belohnung.“

Anfangs noch fand ich es sehr merkwürdig Menschen aufgrund ihres Charakters auszuwählen, wurde mir doch immer beigebracht nicht über Menschen zu urteilen. Sportlicher Erfolg ist fair und ehrlich erkämpft, doch je länger ich darüber nachdachte, so sinnvoller wurde meine Aufgabe. Beim Sportunterricht in der Schule war es immer schon so, dass die die besten Noten bekamen, die sportlich waren. Der Rest hatte Pech, auch wenn viele alles gaben, um nur eine drei zu bekommen.

So bin ich guter Dinge, aufgrund dessen möglicherweise Kinder glücklich zu machen, die es sonst niemals packen würden, als ich am Tag der Olympiade, nach meinem Käse-Fauxpas, auf die anderen Freiwilligen treffe, die auch alle Grace Judges sein werden. Ich werde in den kommenden Absätzen übrigens lieber auf das englische Wort zurückgreifen, da „Gnadenrichter“, doch etwas hart klingt.

„Grace“ heißt zwar ganz wörtlich übersetzt, so viel wie Gnade (oder auch Anmut, Grazie, Anstand, etc..), aber ich habe es für mich immer als Barmherzigkeit, oder Mitgefühl übersetzt. Das klingt auch besser. Richter des Mitgefühls und der Barmherzigkeit.

Wir unterhalten uns über die anstehende Aufgabe und anscheinend ist immer noch nicht ganz klar, was wir jetzt genau werten sollen.

„Also ich dachte, wir müssten die Kinder auswählen, die besonders viel und schön lächeln“, gesteht Stella.

„Eigentlich kann man ja schon denen ein Grace geben, die etwas dicker sind, oder? Nichts gegen Dicke, aber im Schulsport hängen die meistens hinterher“, fragt sich Nils.

„Ich glaube, es ist eine Sache aus allem“ versuche ich es. „Sie müssen sich anstrengen, freundlich sein und…möglicherweise nicht die besten körperlichen Voraussetzungen eines Leistungssportlers haben.“

Nachdem das also geklärt ist, kommt plötzlich der Sportlehrer der Schule vorbei und gibt uns einen Zettel in die Hand: „So, das ist euer richterlicher Schwur. Lernt den auswendig!“

„Bitte was?“ entfährt es der gesamten Freiwilligen-Crew. Damit haben wir gerechnet.

„I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games and abide by the rules that govern them. I pledge to judge each game impartially and live up to the true spirit of sportsmanship”, lese ich vor.

“Oh nein!” Mir wird Angst und Bange bei der Vorstellung diesen Schwur möglicherweise vor gesamten Publikum aufzusagen. Mittlerweile hat sich der Sportplatz gefüllt mit mehr als 200 Fünftklässlern aus mindestens 10 Schulen, dazugehörigen Elternpaaren und Lehrern und mit umherwuselnden Abhaya-Schülern, die allen frische Getränke anbieten.

Wir ziehen uns in unsere Schiedsrichter-Hütte zurück und büffeln. Ich habe die Worte schnell auswendig gelernt und so erfahre ich nebenbei, dass die Schüler in griechische Städte, oder Provinzen eingeteilt werden.

Es gibt Sparta, Athen, Ithaka, Megara, Theben und Kreta. In jeder Stadt sind ungefähr 47 Kinder aus vier bis fünf Schulen, die über zwei Tage hinweg, jeweils die Disziplin Speerwerfen, Diskuswerfen, Weitsprung, 100 Meter Lauf und Staffellauf absolvieren müssen. Ich habe mich dem Speerwerfen verschrieben und werde dort Athen, Kreta und Sparta bewerten. Lion, als anderer Speerwerf-Grace Judge, übernimmt den Rest.

Uns wird gesagt, dass wir aus jeder Stadt lediglich drei Kinder, möglichst noch aus unterschiedlichen Schulen, auswählen sollen. So gibt es insgesamt 18 Grace-Kinder, die beim Speerwerfen weitergekommen sind und aus diesen 18 sollen Lion und ich vier aussuchen, die im Endeffekt gewinnen. Dabei sollen es möglichst zwei Jungs und zwei Mädchen sein.

„Uff“ ich atme tief ein. „Das schaffen wir doch niemals!“

„Schiedsrichter antreten!“ hallt es aus einem riesigen Lautsprecher neben den Sitzbänken.

Oh, oh. Mir schwant übles. Ich sehe, wie einige Main-Judges losmarschieren. Direkt vor den applaudierenden Pulk aus Kindern, Eltern und Lehrern.

Wir werden mitgezogen und je näher wir kommen, desto mehr Kameras sehe ich auf uns gerichtet.

Alle blicken sie gespannt auf uns, die Schiedsrichter. Die Menschen, die die Spiele eröffnen sollen. Wohlmöglich jeder einzeln mit seinen auswendig gelernten Schwur..

„Hilfe…“

Fortsetzung folgt.