Olympische Herzenssache – Teil 2

„I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games…. I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games…..I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games“, murmele ich leise und zischend vor mich hin, während wir uns, als Schiedsrichter schräg vor der begeisterten Zuschauermasse aufstellen. Blitzlicht strahlt von allen Seiten, ich lächele so gut ich kann und blicke dazwischen zu meinen Teankameraden, die genau die gleiche Angst vor dem haben, wie ich auch: Bloß keine Schwur-Einzelpräsentation.

Tatsächlich bleibt uns diese für´s Erste erspart, denn mit einem lauten Ruf, werden nun die wahren Hauptcharaktere, die „Big Player“, dieser Spiele angekündigt. Die Kinder!

In einem langen Prozessionszug, kommen im Gleichschritt und Zweierreihe die Spartiaten anmarschiert. Gut zu erkennen an ihrer roten Toga und ihren selbstgebastelten Gürteln, verziert mit griechischen Buchstaben. Am Ende der Gruppe läuft ein Fahnenträger, der die Farbe der Stadt würdevoll trägt. Nebenbei schlägt eine große Trommel und lässt den Boden unter uns erzittern.

„Sparta! Sparta! Sparta!“ rufen die Athleten, als sie in gebündelter Formation vor den Zuschauern stehen.

Danach marschieren die Athener, ebenso eindrucksvoll wie ihre Konkurrenten, ihrem Platz entgegen und rufen ganz zum Trotze der Spartiaten: „ Athen! Athen! Athen!“

Es folgen Megara, Kreta, Theben und Ithaka. Jede Stadt in ihren eigenen Farben und  jede Stadt ist eindrucksvoller als die Letzte. Schlachtruf tönt gegen Schlachtruf! Rote Wimpel wehen grünen, blauen, gelben und violetten entgegen und jeder versucht den anderen mit seiner Stimme zu übertönen. In der Tat wirkt die ganze Situation wie eine Schlacht aus Worten und irgendwie überzieht Gänsehaut meinen Körper, so ergriffen bin ich von diesem Kampf.

Bewundernswert, dass dieser eigentlich nur von 11 jährigen Kindern geführt wird.

Ganz oben, auf dem Dach des Schulgebäudes entdecke ich einen großgewachsenen Mann mit langem weißen Bart, lila Toga und einem Dreizack in der Hand. Gespannt und würdevoll schaut er dem Schauspiel dort unten zu, wo mittlerweile sogar die olympische Fackel entzündet würde und durch die Reihen der Krieger wandert.

Liebend gern hätte ich jetzt meine Kamera gezückt, aber ich muss schmollend einsehen, dass ja dessen SD-Karte fehlt…

Bald verhallen die Rufe der indischen Griechen, das Feuer wird an einem kleinen Schrein entzündet und erneut geht ein Ruf durch die Reihen: „Griechen! Sagt euren Schwur!“

Gemeinsam beginnen die Kinder ihren Schwur aufzusagen. Stets fair sollen sie sein, den Mitstreitern gegenüber und darauf achten, dass der olympische Geist wohlgesinnt auf sie hernieder blickt. Als das Gelübde vorbei ist hallt ein weiterer Befehl von den Tribünen wieder: „Schiedsrichter! Sagt euren Schwur!“

Und wie glücklich sind wir Freiwilligen, als nicht jeder einzeln nach vorn gerufen wird, sondern wir alle zusammen die Worte sprechen, die wir kurz davor noch auswendig gelernt hatten: „Ich verpflichte mich, die Integrität, den Respekt und die Ehre dieser Spiele zu wahren und mich an die Regeln zu halten, die sie regieren. Ich verpflichte mich, jedes Spiel unparteiisch zu beurteilen und dem wahren Geist des Sports gerecht zu werden“, tönt es etwas asynchron und leise von den Schiedsrichter-Rängen.

 

Der weiß-bärtige Mann, der wohl den Zeus, oder den Poseidon, verkörpern will, hebt auf seiner hohen Tribüne seine Fäuste gen Himmel, reckt den Kopf in den Nacken  und verkündet ehrfürchtig: „Hiermit eröffne ich die olympischen Spiele 2018!“

Kurz darauf, nachdem einige organisatorische Dinge  geklärt werden mussten, laufe ich zu meinem Einsatzort, der sich glücklicherweise im Schatten befindet. Alle anderen müssen in der brütenden Hitze der Sonne stehen, was man am Ende des Tages auch gut an ihrem Sonnenbränden erkennen kann.

Die erste Stadt stellt sich beim Speerwerfen an. Athen will beweisen, dass sie die besten in dieser Disziplin sind und schauen ganz gespannt zu, als die zwei Main-Judges, mit denen ich arbeiten werde, ihnen erklären, wie sie richtig werfen sollen.

46 Kinder und ich muss vier davon nach ihrer Menschlichkeit und Motivation herauswählen. Ich habe eine Liste, wo alle Namen in geordneter Reihenfolge aufgelistet sind, sowie dessen Schule und zwei Spalten für den Leistungsnachweis einer ersten und einer zweiten Runde. Die richtigen Schiedsrichter sollen dort die Weiten eintragen und ich Sterne. Einen Stern für die, die entweder total gut sind und Grace-Punkte nicht brauchen, oder diejenigen, die sich überhaupt nicht ins Zeug legen. Fünf Sterne für die, die mir super gut gefallen haben.

 

Es geht los, eine Abhaya-Schülerin betritt das Rund nimmt den Speer in die Hand, sucht die richtige Handhaltung und wirft. Nicht besonders weit. Das scheint sie aber nicht weiter zu stören, sie lässt sich die Zahlen sagen und geht sofort weg. Ziemlich langweilig und unauffällig, nach meinem scharfen Blick und ich gebe dem Mädchen zwei Sterne. Das nächste Mädchen ist so gut, dass es nur ein Stern bekommt. Dann jedoch kommt meine erste Vier-Sterne-Bewertung. Diese lächelt freundlich, ist etwas kleiner als die anderen und achtet genau auf die Technik, schaukelt vor und zurück und schleudert den Speer so, dass er mit dem Schaft aufkommt anstatt der Spitze. Sie scheint über diesen Fehlversuch sichtlich enttäuscht zu sein und irgendwie gefällt mir das. Vier Sterne. Keine Fünf. So viel, entscheide ich, gebe ich erst am Ende der beiden Runden, wenn sich die vier Sterne im Vorlauf auch im zweiten Wurf, wiederholen.

Ich umrunde die Kinder, schaue mir ihre Gesichter an, beobachte entweder den Speerwerfer, oder die lange Reihe davor und versuche Kleinigkeiten zu finden, die eine höhere Grace-Wahrscheinlichkeit erzielen könnten.

Und da! Ein Mädchen versucht ihren Vorgänger zu motivieren: „Los, du schaffst das! Ich glaube an dich!“

Als es persönlich an die Reihe kommt, macht es eine Figur, hat meines Erachtens nach die richtige Technik und wirft leider etwas kurz. Vier Sterne.

So geht es weiter und irgendwann habe ich den Dreh raus. Ich beobachte die unterschiedlichsten Menschen, klein, groß, dick, dünn, fröhlich, betrübt, sportlich oder unsportlich und bekomme unter anderem einen tiefen Einblick in die indische Welt der Namen. Es gibt eine riesige Auswahl derer und kaum einer wird sich unter all diesen 139 Kindern, die ich an diesem und am nächsten Tag bewerte, wiederholen.

Teilweise klingen sie wie Fantasienamen, aus einer längst vergessenen Zeit, oder sind so schwer auszusprechen ( siehe Sridhyanalalitha), dass selbst die indischen Schiedsrichter es schwer haben dieses Kind aufzurufen.

 

Zwischendurch schiele ich immer wieder zum Essenstand von Skrollan und Toni herüber, die im Namen von unserer Organisation Kuchen verkaufen. Es scheint wahnsinnig gut zu laufen. Ständig steht ein kleines Aufgebot an Leuten dort und darüber bin ich echt zufrieden, klingen mir noch die Worte unserer Chefin nach, die, als ich zum zweiten Mal zum Einkaufen aufbrach, weil noch nicht alle Zutaten da waren, auf uns schimpfte: „Sicherlich werdet ihr  mehr für den Einkauf ausgeben, als dass ihr an Geld einnehmen werdet“, so ihre Worte. „Und dadurch wird dieses ganze Prozedere definitiv schon ein Minusgeschäft für die Organisation“. Daran haben wir nie geglaubt und wahrlich wird es auch nicht so kommen. Am Ende der Olympiade werden wir im dicken Plus stehen und das wird mir eine gewisse Genugtuung verschaffen es doch gepackt zu haben, obwohl man nicht an uns glaubte.

 

Athen beendet seinen zweiten Durchgang und ich habe schnell meine drei Lieblinge gefunden, die sich doch recht schnell herauskristallisiert hatten. Schlussendlich war Siddharth  sehr fokussiert, Angelina motiviert und Alekya war einfach glücklich, wo andere eine Trauermine zogen.

Nicht zu vergessen im ganzen Trubel seien übrigens die Eltern, die dicht nahe des Geschehens stehen und ihre Kinder wild anfeuern.

„Wow, richtig gut geworfen“, kommt es beispielsweise aus einer Ecke, obwohl, das Kind kaum die drei Meter schafft.

„Aafia for president!“ ruft einige Groupies von der anderen Seite.

Leider nur, halten sich manche Eltern nicht an einen gehörigen Abstand und schauen mir ab und zu auf´s Blatt und fragen mich was ich denn hier machen würde. Gutmütig wie ich leider nun mal bin, beantworte ich ihre Frage, verliere dabei aber einige Kinder aus den Augen, die ich noch nicht bewertet habe. Zum Glück kommt es bei mir aber nicht so weit, dass Eltern bei mir eine bessere Bewertung für ihr Kind wollen, so wie es anfangs düster von den Hauptorganisatoren angesprochen wurde, dass dies möglich sein könnte..

Die nächsten Runden, ich werde Sparta und Kreta zu bewerten haben, sind deutlich schwieriger zu bewerten, als die erste, sodass ich mir kleine Stichpunkte zu den Kindern mache, die sich irgendwie anders präsentieren, als ihre Vorgänger.

So steht bei manchen beispielsweise „kritisch“ für ihre  enttäuschend wirkende Auftrittsweise nach einem Wurf, oder „lustig“, „motiviert“, „hat Bock“, oder auch „glücklich“  auf dem Zettel.

Besonders angetan bin ich vom zweiten Wurf vom Spartiaten Daksh, den ich bereits bei meiner Übungsstunde bei Moritz beobachten durfte. Er ist gut, zu gut, für ein Grace, doch in der zweiten Runde schreit er bei seinem Wurf ein „SPAARTAA!“ dem Speer hinterher der dadurch noch weiter fliegt.

Ein lautes „Ohhhh“ geht durch die Menge und auch bei mir katapultiert sich Daksh von einem Stern auf vier. Liebend gern hätte ich ihm für diese Aktion ein Grace gegeben, aber dazu ist er einfach zu sportlich.

Neun Namen stehen am Ende der zwei Tage auf meinem Zettel  und neun Namen werden auch bei Lion, der die anderen Städte für´s Speerwerfen bewertet hat, stehen. Insgesamt achtzehn Kinder treten also nochmals für zwei Partien ins Rund und fragen sich wohl berechtigt, was sie wohl getan haben mussten, um wiederholt hier zu stehen.

Bei genauerer Betrachtung dieser Achtzehn fällt uns Freiwilligen eines auf: „Hmm, irgendwie haben wir voll oft kleineren, süßeren Kindern ein Grace gegeben“, meine ich.

„Ich schwöre, das war keine Absicht. Die waren eben einfach toll“, gesteht Lion.

Jeder von den Graces hat erneut zwei Versuche und wir müssen nun aus diesen Kindern vier Sieger aussuchen. Wie es der Zufall so will, soll es so kommen, das zwei Kinder von mir und die anderen zwei von Lion stammen. Bevor es jedoch zur Siegerehrung geht, kommt es noch zum Staffellauf, jede Stadt gegeneinander. Alle Freiwilligen sollen dabei entscheiden, welche Stadt am meisten für den Sieg gegeben hat. Alle rennen auf einmal und da wir nicht auf alle  gleichzeitig achten können, gilt mein Fokus insbesondere der grünen und der violetten Stadt. Für jeden Athlet, der scheinbar alles zu geben scheint, male ich mir einen Strich auf die Hand, sodass nach geraumer Zeit eine sehr lange Strichliste meine Hand hinunterführt. Ich hatte leider kein Papier. Grün und violett schenken sich nichts. Ein violetter Krieger stolpert  sogar, schafft so so einen enormen Abstand von einer Runde, den andere aber wieder kämpferisch einholen. Viele rennen mit verbissenem Gesicht so schnell sie nur können, Strich für Stich geht meinen Arm hinunter bis grün als erstes im Ziel ankommt, dicht gefolgt von violett, die mir jedoch besser gefallen haben. Leider kommt es jedoch so, dass bei einer demokratischen Abstimmung unter uns Grace-Judges  eine andere Stadt zum Sieger auserkoren wird.

Nun kommt es zur Siegerehrung. Erst werden die Spitzensportler eines Wettkampfes geehrt, deren Weiten groß präsentiert werden. Dann kommen die Graces, deren Zahlen zu Gunsten derer nicht weiter erwähnt werden. Die zählen hier sowieso nicht. Ich überreiche stolz meinen beiden Kindern einen Kranz und schüttle ihnen die Hand. Sie strahlen über beide Ohren  hinweg und irgendwie bin ich unglaublich stolz auf meine beiden Kleinen, dass sie es geschafft haben.

Nachdem alle Kinder geehrt wurden, werden feierlich die Spiele für beendet erklärt und gewaltiger Applaus brandet auf. Jede Stadt lässt erneut ihren Schlachtruf über das Gelände hallen in wahnsinnig euphorischen SPARTA-THEBEN-ATHEN-MEGARA-KRETA-Rufen beginnen sich die Zuschauer langsam zu zerstreuen und treten den Rückweg an.

 

Am Ende des Tages sitze ich in einer Hängematte auf der Terrasse der Freiwilligenunterkunft der Abhaya-Freiwilligen, quatsche mit den anderen und sehe zu wie die verschiedenen Schulbusse, gefüllt mit glücklichen Kindern , langsam abfahren. Die Sonne geht gemächlich in meinem Rücken unter und entlockt mir ein fröhliches Lächeln. Die letzten zwei Tage waren ohne Frage sehr anstrengend, aber im Endeffekt haben wir alle dazu beigetragen, dass die Kinder ein schönes Wochenende hatten. Ich bin stolz auf meine Krieger , denen ich ein Grace gegeben habe und auch auf die, die ihre sportliche Leistung mit einem Kranz krönen konnten.

Bei uns waren es viele Herz-Entscheidungen, wo es nicht um Rationalität, sondern irgendwie auch um Emotionalität ging und das bewegt mich irgendwie sehr, dass das in dieser Zeit noch möglich ist.

Ich muss grinsen bei dem Gedanken, dass ich Schiedsrichter bei den olympischen Spielen indischer Waldorfschulklassen gewesen bin. Das klingt so abstrus und verrückt und würde ich das jemand Fremden erzählen, würde er es mir sicherlich kaum glauben. Aber das Leben und der Zufall schreiben eben die besten Geschichten…

 

 

Derweil hier noch ein Beitrag von meinem Mitfreiwilligen Moritz, der auch über die Spiele geschrieben hat. Schaut doch mal bei ihm vorbei und lasst Liebe da. 🙂

https://mosjourneyblog.wordpress.com/2018/02/15/der-geist-der-flamme-olympic-spirit/