Indische Spontanität

„Tüüüüüüt, Tüüüüüt!“ macht die Rikasha und brummt ungeduldig vor sich hin. Gut, ungeduldig ist sie nicht, ganz im Gegenteil, sie scheint gar voll von innerer Gelassenheit zu sein. Der Einzige der ungeduldig ist, bin ich, der seit einer gefühlten halben Stunde darauf wartet, dass das Gefährt aus Dallapalli endlich losfährt, damit ich meinen Zug nach Hause noch rechtzeitig erwischen kann..

Doch stattdessen wartet der Fahrer. Immer mehr Menschen steigen ein, es wird eng und ich ziehe mit meinem Rucksack nach hinten in den offenen Kofferraum um, um möglichst keinen in Quere zu kommen. Die Idee haben aber noch zwei andere und gesellen sich zu mir.

Der Fahrer hupt immer noch, auch wenn unser Taxi bereits voll ist. Worauf wartet er? Mehr Menschen passen hier nicht rein!

Falsch gedacht. Als wir endlich losfahren sind wir ganze zwanzig Leute, die entweder im Inneren sitzen, oder sich draußen probieren krampfhaft festzuhalten. Es geht den Berg runter, wir sind nicht schnell, aber auch mich wirkt es so als rasten wir dem Tod entgegen!

„Das ist doch Wahnsinn!“

murmele ich immer wieder vor mich hin und bin der festen Überzeugung, dass wir es nicht mehr lebendig zum Bus nach Visakhapatnam, wo mein Zug auf mich wartet, schaffen werden.

Die Rikasha knattert den Berg hoch und runter, ich schüttle nach wie vor ungläubig den Kopf und frage mich unablässig wie man bitte auf die Idee kommt knapp zwei Dutzend Menschen auf vier rollenden Quadratmetern durch die Gegend zu kutschieren. Und was muss jemand denken, der ein volles Riksha sieht, aber sich trotzdem dazwischen drängelt?

„Schau ich doch mal, so ganz spontan, was passiert, wenn ich auch mitfahre?“


Ich glaube, es ist genau diese Einstellung, diese gelassene Spontanität, auf die ich in Indien immer wieder stoße und entweder sehr belustigt darüber bin, oder oftmals über sie fluchen muss, weil ich für meinen Teil in manchen Situationen weder gelassen, noch spontan sein kann.

Drum hier ein kleiner Betrag über manch zufällig, im Rausch der Spontanität geschaffene Geschichte:


Ganz spontane Zug-Entscheidungen

Zwei Tage vor der Riksha-Geschichte, ich komme gerade von einer gewissen Krabbenjagd zurück und setze mich müde vor die Türe unseres Heims, kommt plötzlich Gayathri zu mir und gesteht mir im entspanntem Tonfall, das mein Zug bisher noch nicht bestätigt worden sei. Heißt, dass es möglich ist, dass ich auf meiner eigentlichen Rückreise aus Dallapalli nach Hyderabad nicht dabei bin, weil ein anderer meinen Platz hat.


Das System des Zugbuchens in Indien ist sowieso eine Kategorie für sich. Man bucht sich ganz normal einen Zug, zahlt Geld dafür, erhält aber keine Platznummer, weil zugleich ganz viele andere auch diesen Zug haben wollen. Man kommt auf die Warteliste und dann scheint es spontane Willkür zu sein, ob du noch einen Platz bekommst, oder nicht. Diese Info kann gut und gerne zwei Stunden vor der Fahrt verkündet werden. Du stehst also fast schon in den Startlöchern, könntest aber dann doch noch eine Absage bekommen.

Verhindert werden kann dies, wenn man seinen Zug rechtzeitig, vielleicht anderthalb Wochen vor der Reise bucht. Das macht aber kaum jemand und da wir nicht selbst zuständig für das Zugbuchen sind, dass übernimmt jemand anderes ganz spontan zwei Tage vor unserem Reiseantritt nach Dallapalli, liegen Hin-und Rückfahrt in der Hand fremder Mächte.

Ich frage die nächsten zwei Tage also öfters mal nach, ob denn mein Zug jetzt bestätigt wurde, oder nicht und erhalte stets negative Antworten.

Am Tag der Rückreise steht immer noch nichts fest.

„Also du könntest jetzt losfahren und in Visakhapatnam darauf hoffen, dass der Zug bestätigt wird. Aber eigentlich wäre es besser du bleibst noch einen Tag“, sagt Gayathri gelassen.

Ich mime den Optimisten und trete auf gut Glück die Reise an, die mit der Teufels-Riksha beginnt. Wenig später steige ich in den Bus und nach vier quälend langen Stunden erhalte ich die Nachricht, dass mein Zug im Endeffekt nicht mehr mein Zug ist.

Ich könnte wieder zurückfahren, oder ich suche mir eine Alternative. Da einfach aufzugeben, besonders in diesem Fall, überhaupt nicht mein Ding ist, trete ich an den Busschalter und frage, ob es denn noch Schlafbusse nach Hyderabad gibt.

„Ja, in fünfzehn Minuten kommt der Letzte für heute.“

„Oh, wie cool! Den nehme ich!“

„Das macht dann 1500 Rupien!“

„Nimmt ihr meine Visa-Karte?“

„Nö.“


Ich habe kein Cash dabei! Verflixt und zugenäht! Ich renne wie wild zum bahnhofseigenen Bankautomaten, aber der will meine Karte einfach nicht nehmen.

„Blödes Ding!“ schalte ich ihn und beginne einen Wettlauf gegen die Zeit! Wo ist der nächste Bankautomat?! Ich flitze schimpfend durch Menschenmassen hindurch. Warum muss denn immer alles so spontan sein?! Mit knirschenden Zähnen muss ich eingestehen, dass der Bahnhof keine weiteren Geldquellen hat. Wohl oder übel muss ich draußen suchen. Hastig laufe ich in einen Juvellierladen und frage, ob sie mir 1500 Rupien von meiner Karte abziehen könnten und mir dieses Geld dann in bar zu geben.

„Nö, dafür musst du hier erst was kaufen“, sagt der müde Verkäufer.

„Das will ich aber nicht!“

Schnell mache ich, dass ich aus dem Laden rauskomme und sehe meine Rettung! Eine Tankstelle mit Automaten auf der anderen Straßenseite!

Schwitzend und füßetrippelnd, warte ich bis alle Motoräder, Busse und Autos an mir vorbeigezogen sind, überquere die Straße und stürze hinein. Die Maschine tut mir den Gefallen und lässt mich kaum 30 Sekunden warten, bis ich mein Geld in den Händen halte.
Endspurt! Fünf Minuten bis Abfahrt! Zurück am Bahnhof werfe ich die 1500 auf den Tresen und siehe da, der Bus steht noch da und ist noch nicht ausgebucht! Yeah! Ich erhalte mein Ticket, steige in den Bus und brause hinein in die Nacht…

Von spontanen 20-Stunden-Trips, die hängen bleiben

Über die Geschichte mit unserer Haushälterin, ihres Vaters Tod und der darauffolgenden Reise in dessen Dorf, habe ich bereits einen Beitrag geschrieben. Spontanität hoch zehn, um halb drei Uhr nachts , nach einer Freiwilligenparty, etwas angetrunken zu erfahren, dass man nach Hospet fahren soll damit Savitri ihren Vater ein letztes Mal sehen kann.

Was ich damals nicht erwähnt habe war, dass ich ungeheure Angst hatte, Merlin das letzte Mal für eine lange Zeit zu sehen. Es war Samstagnacht und am Sonntag würde er in den Flieger steigen und für mich dann unerreichbar sein. Ich hatte die Befürchtung, dass der Fahrer keine Lust hätte mehr als 14 Stunden am Stück zu fahren, dachte er würde erst einmal eine Nacht drüber schlafen.

Die ganze Hinfahrt über stand ich stark unter Strom. Diese nächtliche Verabschiedung durfte nicht das letzte Mal für sechs Monate sein. Keiner hatte irgendwie einen Plan, oder er wurde mir schlichtweg nicht verraten.

Klar, der Plan wurde schnell, aus Emotionen heraus, zusammen getüfftelt, aber ich kam nicht wirklich darauf klar, dass alles so schnell ging. Ständig malte ich mir mögliche Zukunftsszenarios zusammen, die Langeweile und das Gesicht des Toten vor Augen auf der der Rückfahrt, machte mich traurig und irritiert zugleich.

Ich war am Ende so erleichtert, Merlin zu wiederzusehen und doch war ich enttäuscht einen der letzten Tage nicht mit ihm verbracht zu haben.


Dieser Samstag würde mich noch zwei Wochen verfolgen. Ich war niedergeschlagen und scheinbar ausgelaugt, Merlin war weg und irgendwie passte das nicht in das indische Gesamtbild, dass ich über Monate hinweg gesehen hatte.

Danach war ich soweit ein neues, erweitertes Bild zu sehen und auch als Savitri nach einiger Trauerzeit wieder zurück ins Office kam und sich überschwänglich bei mir bedankte als Stütze bei ihr gewesen zu sein, konnte ich mit dieser Geschichte abschließen. Es war alles nicht umsonst passiert. Ich hatte einem Menschen geholfen, der jetzt offener mir gegenüber zu sein schien und doch habe ich momentan große Angst, wenn nach 22:00 Uhr das Telefon klingelt, in der vagen Befürchtung, ich müsse nochmals den Trip zu den Toten antreten.

Buntes Zuhause

Aber natürlich kann Spontanität auch wunderschön sein. Eines Tages schaut sich unsere Chefin den Balkon an, wo wir bereits Lichterketten installiert haben, damit es schöneres Ambiente dort oben gibt.

„Hier ist eindeutig zu wenig Farbe!“ beschließt sie und ruft bei einer befreundeten Schule an und fragt, ob diese ganz spontan Schüler entbehren könne , die die Wände unseres Balkons verschönern könnten. Zwei Stunden später erscheinen mindestens zehn Kinder vor unseren Toren, bewaffnet mit Pinsel, Farben und guter Laune. Wir machen uns daran einen für sie Kuchen zu backen, währenddessen die Kinder kleine Fische und bunte Personen auf die Wände malen.

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In ihrer Pause verteilen wir den Kuchen, er mundet wunderbar, sodass Nachfrage nach einem zweiten besteht und wir diesen, für unsere strebsamen Künstler, gerne anfertigen. Es wird gelacht, mit Farben gespritzt und Schokoladenkuchen gefuttert. Allen geht’s gut und nach zwei Tagen sieht unser Balkon viel schöner und stimmungsvoller aus als vorher. Hier kommen wir gerne her. Hier fühlen wir uns etwas mehr zu Hause. 🙂

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Ich glaube, wenn man in Indien lebt, oder Rundreisen dort macht, wo wenig touristische Zentren sind, dann kommt man nicht umhin auf eine Art Spontanität zu treffen, die uns verrückt macht und in dem Sinne ist dieses Indien, wie es leibt und lebt, für mich kein wirklich guter Ort, um zu entspannen. Obwohl ich immer dachte, ich wäre tiefenentspannt, zeigt mir diese Welt manchmal das Gegenteil.

Aber selbst dann erlebe ich Dinge, die ich noch Monate später anderen erzählen kann.
Und schließlich gibt es ja dann noch die andere Seite, wo man ganz plötzlich einen vollkommen anderen Balkon vorfindet…. 😀