Workaholic

„Dort, über diesen Hochhäusern geht die Sonne unter. Letztes Mal versank sie im Smog der Stadt“, sage ich zu Helen und zeige nach Westen, während wir beide über die einschlafende Metropole blicken, die uns zu Füßen liegt. Die Luft ist klar und trägt wenig Geräusche vom lärmenden Moloch namens Hyderabad zu uns herauf. Die Sonne ist bereits untergegangen, wir mussten uns den Weg, die steilen Treppen hinauf zum Felsplateau, mit der Taschenlampe ausleuchten, sitzen nun hier und haben einen atemberaubenden Überblick. Wir können von hier aus unserer Viertel, mitsamt der Reichensiedlung, wo Bhanu, meine Chefin, lebt, sehen. Blicken wir in die andere Richtung, so erheben sich massive Hochhäuser und blickende Lichter über den Gegenden der Reichen, bis hin zum weit entfernten Flughafen. Ein Flugzeug hebt gerade in die Luft und verschwindet im immer dunkler werdenden Horizont.


Verwunschen und zugewuchert liegt ein schmaler Pfad, 100 Meter unter uns, der direkt auf diesen Berg führt. Dieser liegt wahrlich nicht weit weg vom Office und doch war ich bisher nur einmal hier. Zusammen mit Merlin, Skrollan und Toni. Damals blickten wir gemeinsam der untergehenden Sonne entgegen und versuchten lustige Gruppenfotos von uns zu schießen.

DSC_0094

„Das hätte ich gerne gesehen“, gesteht Helen. Seit sie vor vier Tagen aus Hospet von unserer Partnerorganisation „Sakhi“ nach Hyderabad kam, um sich aufgrund körperlicher Probleme nach einem guten Arzt umzusehen, haben wir beide die Gegend, nach Arbeitsschluss, rund ums Office genauer unter die Lupe genommen und so einige schöne Plätze, abseits des Lärms, gefunden. Vorher war mir nie wirklich bewusst gewesen, dass man lediglich 100 Meter laufen hätte müssen, um diese ausfindig zu machen.

DSC_0086


Ab und zu bedarf es dann also einer neugierigen Person, die einem neue Wege zeigt, obwohl sie diese selbst noch nicht kennt.


Wie einen traurig dahinvegetierenden Friedhof, bewacht von fünf kläffenden Straßenhunden, die auf ihre Gräber aufpassen wollen. Verwildert und längst aufgegeben scheint dieser Totenacker zu sein, doch finden wir, beim genaueren Hinschauen Gräber, die erst aus diesem Jahr stammen.

Nach weiteren Erkundungsausflügen finden wir noch mehr solcher Anlagen, ebenso verfallen und ungepflegt, wie die Erste. Alle gehören jedoch unterschiedlichen Religionen an, ein Friedhof ist christlich, der andere muslimisch und ein Dritter hinduistisch, wo wir uns allerdings die berechtigte Frage stellen, ob es wirklich sein kann, dass Hindus Begräbnisstätten für ihre Toten auslegen. Verbrennen sie diese nicht einfach? Und welchen Wert haben die Verstorbenen in Indien? Bestattungszeremonien werden groß, mit viel Pomp, veranstaltet, doch danach scheint es so zu sein, als würde man sich nicht weiter für den Toten interessieren..

Einfach der Nase nach wandeln wir durch das Labyrinth der Häuser, sind oftmals mehr als zwei Stunden unterwegs, kaufen uns zum Schluss oft eine Wassermelone, lassen uns danach glücklich auf unsere Matratzen nieder und schauen was bei Netflix so geht.


An diesen Tagen bin ich froh, dass wir nur zu zweit sind. Ab und zu ist es irgendwie schön, wenn einige Leute sich anderswo aufhalten. Nicht, dass ich die Mädels nicht mögen würde, nein, ich habe sie sogar sehr gern, aber ein ganzes Zimmer fast für sich allein zu haben, ist manchmal doch recht cool. Toni macht Urlaub in Kerala und Skrollan….nun ja, die ist das dritte Mal in kürzester Zeit in Dallapalli, was ihr nicht unbedingt gefällt. In den letzten Wochen mussten insbesondere die Mädchen viel wegstecken, was unter anderem immer noch auch an unserer Chefin, der Bhanu liegt.

Sie werden oftmals von ihr beschimpft und so gut wie nie erhalten sie Lob. Selbst zu ihrem sehr gelungenen Basar bei den olympischen Spielen, werden sie keine guten Worte bekommen, was beide jedoch auf jeden Fall verdient hätten. Einen Tag vor den Olympics gerade aus dem Dorf wiedergekommen, eine anstrengende Reise hinter sich, backen sie bis spät in die Nacht, stehen früh auf, verkaufen bis in den frühen Abend hinein, stellen fest, dass sie bereits ausverkauft sind, müssen nochmals in die Stadt fahren, um neue Zutaten zu holen, damit sie wieder lange nach Mitternacht backen können. Anderthalb Tage später, beide bräuchten eigentlich Schlaf und kränklich sind sie auch, wird erst Toni in die Fields geschickt, dann, nach zwei Tagen, Skrollan. Als sie wiederkommen, erhalten sie weder Anerkennung, noch Lob von unserer Mentorin, obwohl sie gute Dinge geleistet haben. Ich komme bei der ganzen Geschichte recht gut weg. Durch meine Bilder und Videos erhalte den Beifall ihrerseits und das Video der Kinder-Krabben-Jagd wird als „lovely“ von ihr bezeichnet.

DSCN4750

Jedoch komme ich auch nicht umhin unter ihre Räder zu kommen. Im letzten Eintrag habe ich bereits darüber geschrieben, dass bei meinem letzten Trip mein Zug zurück nicht bestätigt wurde, ich deswegen oftmals nachfragte, wie denn der neuste Stand sei.

Im Endeffekt kam ich unter anstrengenden Umständen daheim an. Mir folgte jedoch ein übles Missverständnis. Die Mitarbeiter auf dem Dorf schienen meine Anfragen so interpretiert zu haben, dass sie glaubten, ich wolle möglichst schnell weg, was niemals der Fall war.

So hielt mir Bhanu wenig später eine Standpauke, wie unsinnig es sei, mich jetzt noch nach Dallapalli zu schicken, wenn ich eh keine Lust darauf hätte. Da könnte man sich das ausgegebene Geld doch sparen, so unsinnig es im Endeffekt doch investiert sei.

Im Endeffekt prangerte sie den Sinn meines persönlichen Freiwilligendienstes an und meinte, ich sei grundlegend nicht fähig dazu ein solch soziales Engagement zu leisten.

Ich kam in der Zwischenzeit nicht einmal zu Wort, da sie keine Argumente von mir duldete.


Das hat reingehauen.

Gut zwei Tage dachte ich über ihre Sätze nach und wurde zunehmend wütender auf sie, da ich für mich selbst wusste, dass ich eben doch fähig war einen Freiwilligendienst gut zu managen. Solche Demütigungen waren kein Einzelfall. Schon oft, in diesem halben Jahr saßen wir Freiwilligen zusammen und überlegten, wie wir etwas besser machen könnten, damit Bhanu zufrieden sein würde.

Es ist nicht so, dass diese Frau uns unsympathisch wäre, nein sie ist eine wahnsinnig nette, intelligente, wunderbare Persönlichkeit zu der man aufschauen kann. Sie hat es mit ihrer NGO geschafft ein Gesetz zu machen, dass tatsächlich anerkannt und verabschiedet wurde. Sie trägt die alleinige Last von dieser ganzen Organisation auf ihren Schultern, fährt zu Kongressen und Meetings, arbeitet bis spät in die Nacht hinein und verlangt dementsprechend ähnliches von ihren Mitarbeitern. Klar, in dem Sinne, sind wir keine Mitarbeiter, sondern nur Freiwillige, aber trotz dessen ist dort eine gewisse Anspannung.

Merlin hatte einstmals formuliert, dass sein Blutdruck anfangen würde zu steigen, käme sie ins Office und auch Skrollan beschrieb, die Anwesenheit Bhanus als „sehr belastend“, was auch auf diese Anspannung zurückfällt, die plötzlich herrscht, wenn sie erscheint.

Zudem sind wir tatsächlich in sehr große Fußstapfen getreten. Die erste Freiwilligen-Generation bei Dhaatri hat scheinbar gerockt und bisher haben wir es nicht geschafft und werden wohl unser eigenes Image, dass Bhanu jetzt von uns hat, wahrscheinlich nicht mehr loswerden….


Helen und ich sind auf dem Rückweg. Der Berg liegt hinter uns und wir entscheiden uns kurz in Bhanus Wohnung vorbeizuschauen, da sie etwas kränklich ist und wir ihr „gute Besserung“ ausrichten wollen.

Als wir in ihrer Wohnung stehen, sitzt die kranke, hüstelnde Frau an ihrem PC und arbeitet. Sie freut sich sichtlich über uns, kann aber nicht verbergen, dass sie eigentlich in einem Stadium wäre, wo sie lieber im Bett sein sollte, als hier zu sitzen. So verabschieden wir uns nach einem kleinen, lieben Gespräch und atmen aus, als wir wieder draußen sind.

Bhanu braucht Erholung, nicht noch mehr Arbeit. Sie ist immerhin nicht mehr die Jüngste, kämpft mit ihren Kritikern und muss eine ganze Organisation leiten. Klar, ist es dann anstrengend noch drei deutsche Jugendliche zu bespaßen.

DSCN5089

DSCN4867

DSCN0716

Das Problem ist, dass ihr keiner aus unserer Organisation sagen wird, dass sie mal auf die Bremse treten sollte. Alle indischen Mitarbeiter buckeln vor ihr, was wohl an ihrer höheren Kaste liegen mag und das ist vielleicht das größte Problem was sie hat.

Ich kann über ihre Beleidigungen gegen mich gut hinwegsehen, weil ich weiß, dass es im Endeffekt nie wirklich ernst von ihr gemeint ist. Das scheint mir auch eine indische Eigenschaft zu sein, dieses kurze Übertreiben und Aufspielen, denn drei Tage später ist meist alles wieder gut, sie lädt mich zum Tee ein, lobt meine Arbeit und freut sich, dass ich da bin. In diesen Momenten zeigt sie, dass sie uns eigentlich doch lieb hat und auch will, dass wir glücklich sind

Unsere Chefin ist ein Workaholic und ich finde ich kann darüber froh sein, von ihrem Eifer mitgezogen zu werden, auch wenn es manchmal sehr schmerzt, was sie sagt. Jedoch hat niemand gesagt, dass es leicht wird…


Daheim machen Helen und ich uns einen sehr leckeren Salat mit Pinienkernen und Balsamico-Essig, setzen uns gemütlich vor den PC und schauen einen absoluten Klassiker der Filmgeschichte: „Shining“ von Stephen King.

IMG_20180221_193913200

Wir beide müssen feststellen, dass wir gerne zu dem Felsplateau zurückwollen. Diesmal etwas früher, damit wir den Sonnenuntergang vor uns haben und beobachten können, wie die Sonne hinter den großen, im Smog eingehüllten Hochhäusern, versinkt…

DSC_0090