Holi

Es ist heiß. Schwüle, drückende Luft liegt über der Straße. Die Sonne brennt unbarmherzig auf den einsamen Highway hernieder. Ein paar Straßenhunde liegen, sich vor der Mittagshitze schützend unter einem großen, staubigen Laster am Straßenrand, der so schnell nicht mehr fahren wird. Kaum Autos sind unterwegs und wenn dann doch eins die Autobahn entlangbrettert, wirbelt es Staub auf und zieht eine riesige Wolke hinter sich her.

So auch ein kleines, blaues Auto, das am flirrenden Horizont auftaucht und am vergessenen Laster mit den Hunden darunter vorbeirauscht. Die Fenster sind heruntergekurbelt und Musik tönt laut aus den kleinen Boxen des Vehikels.

„Menschen, leben, tanzen, Welt“ ein Spaßlied von Jan Böhmermann, schallt aus dem Auto und man hört, wie sieben Leute im Inneren laut mitgrölen, während zwischendurch kleine „Aua!“-Rufe das Lied unterbrechen, holpert Wagen über verstecke Bodenwellen.


Ich sitze hinten, zwei meiner Freunde neben mir und eine auf mir. Vorne auf Moritz´ Schoß sitzt Helen, den Kopf aus dem Fenster gelehnt. Ihre Haare flattern im Wind, sie hat die Augen geschlossen, scheint zu genießen und irgendwie sieht sie just in diesem Moment aus wie einer dieser Darstellerinnen aus den Bierwerbungen, die mit dem Slogan „Folge deinem inneren Kompass“ am Deck eines Segelschiff stehen, ein „Becks“ trinken und verträumt auf´s Meer hinaus schauen.

Wir wollen zu einer Pre-Holi-Feier, zu der einige Freiwillige von uns eingeladen wurden, die auf der Stelle auch uns mit ins Boot holten. Das Holi-Festival, das Fest der Farben, ist zwar erst in einer Woche und doch können manche Inder wohl nicht mehr darauf warten. Verständlich, wie wir später feststellen werden.


Holi ist eines der ältesten Feste Indiens. In diesen Tagen scheinen alle Beschwernisse durch Kaste Geschlecht und Alter aufgehoben, es wird ausgelassen gefeiert und die Menschen bewerfen sich gegenseitig mit gefärbtem Pulver, oder Wasser.

Am ersten Tag entzündet man in der Nacht ein Feuer und verbrennt darin eine Figur aus Stroh. Warum? Es gibt einen bestimmten Mythos: Der kindliche Prinz Prahlada soll von seinem Vater überredet werden, ihm alle göttliche Ehre zu erweisen.

Prahlada will aber nur an Gott Vishnu glauben und deswegen versucht ihn sein Vater mit allen erdenklichen Mitteln zu töten, weil er ihn für ungläubig hält. In diese Streitigkeiten mischt sich jedoch Vishnu höchstpersönlich ein und legt fest, dass Prahlada nicht am Tag und auch nicht der Nacht, nicht von einem Mann und auch keiner Frau, nicht draußen und auch nicht drinnen, getötet werden könne. Der König beißt sich daran eine Weile die Zähne aus, bis er zu einer List greift. Seine Schwester Holika, die durch besondere Kräfte vor dem Feuer geschützt ist, soll mit Prahlada auf dem Schoß ins Feuer springen und ihn so verbrennen. Das geht aber gehörig schief, denn als die beiden in die Flammen steigen, bleibt von Holika nur ein Häufchen Asche übrig. Das Kind aber überlebt.

Demnach feiern heute die Menschen die Vernichtung der Dämonin. Die Auslöschung des Alten und die Erhebung des Neuen. Dazu wirft man Farben in Menge, da jede Farbe eine ganz bestimmte Bedeutung für das Leben haben soll.

Blau beispielsweise ist ein Zeichen, dass das Böse existiert, dieses aber durch gute Taten und Tapferkeit eingedämmt werden kann. Vishnu, der auch als „der mit dem blauen Hals“ betitelt wird, hatte einst einen Topf voll Gift getrunken, um die Schöpfung möglich zu machen. Er, als Symbol für blau, hat das Böse überwunden. Grün ist die Farbe der Natur, des Friedens und der Glückseligkeit. Es ist die Farbe von Vishnu, der die meiste Zeit seines Lebens im Exil im Wald verbrachte. Und rot ist die Farbe der Hochzeiten, des Lebens, der Festivals und des allgemein Positiven.


Zu viele von uns waren in dieser Nacht bei der Abhaya-Schule und zu viele von uns wollten darauf verzichten Geld für ein Uber zu bezahlen, dass uns ans andere Ende der Stadt bringen hätte können.

So stiegen wir alle Mann ins kleine klapprige Auto und hier sind wir nun, hören 10 Jahre alte Klassiker von damals und grölen mit, währenddessen wir über den Highway rasen.

Die, die es können, strecken ihre Köpfe zum Fenster hinaus und jubeln Indien so entgegen, als gäbe es kein Morgen mehr. Je schneller wir werden, desto besser fühlen wir uns und just in diesem Moment hätten wir auch genauso einen Roadtrip durchs Land machen können, so gut fühlt es sich an, hier zu sein.

„Dafür lohnt es sich, das Leben!“ ruft Lion von links, während wir „Human“ von den Killers hören und sich eine leichte Gänsehaut auf meinen Armen ausbreitet.

So fahren wir mehr als eine Stunde dahin und irgendwann wird es mir doch etwas unbequem mit Tine auf dem Schoß und schwindend geringen Möglichkeiten sich auszudehnen.

Dann plötzlich sehen wir auf der anderen Seite der Straße ein buntes Zelt aufragen und wissen, dass wir da sind. Als wir auf einem großen Parkplatz parken, neben uns teure Autos stehen sehen und laute, westliche Musik aus dem Zelt zu uns herüber lärmt, wissen wir sofort, dass wir uns irgendwie fehl am Platz fühlen. Das ist definitiv eine Feier der High-Society Indiens. Als wir eintreten, sehen wir viele Menschen in weißen Markenklamotten, eine riesige Bar mit allerlei alkoholischen Köstlichkeiten, ein Büffet mit gerade frisch zubereiteten Delikatessen, einen Pool, viele Kameramänner, mit Kamera-Drohne und teuer aussehenden Stativen.

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Ich habe ein aussortiertes, weißes Shirt mit Löchern an, schiele zu Lion hinüber und lache peinlich berührt, als ich bemerke, dass auch er sehr überrascht von der Gesamtsituation ist.

Irgendwas haben wir erwartet, aber nicht das. Ein kleiner, lustiger, junger Mann, mit zurückgekämmten Haar, weißem Sacko und Piloten-Sonnenbrille begrüßt uns freudig, macht ein Selfie mit uns meint, dass er der alleinige Veranstalter dieser Festlichkeit ist. Dafür muss er bestimmt tief in die Tasche gegriffen haben.

Nach späterer Recherche wird sich feststellen, dass dieser Mann, Kishan Lohiya, Finanzdirektor eines indischen Speiseölprduduzenten ist. Fröhlich tänzelnd und gestikulierend wie ein wahrer italienischer Macho, springt er durch seine Gäste hindurch und freut sich über jeden einzelnen. Auf fast allen Bildern seiner angeheuerten Kameramänner scheint er darauf zu sein, besonders dann wenn Mädchen anwesend sind, stellt er sich besonders gerne dazwischen. Coole Socke, der Dude!

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Man hat übrigens das Geld einen Schokoladen-Pool, nur aus Schokolade bestehend, neben den richtigen Pool zu stellen, damit sich ganz mutige Partygänger auch in Essen suhlen dürfen.

So abstrus diese Veranstaltung auch ist, wir finden´s lustig, bestellen uns einen „Sex on the beach“ und entdecken danach das, warum wir hier sind: Den Tisch der Farben!

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Rot, gelb, rosa, grün, blau, weiß…alle möglichen Farben, stehen dort als Pulver bereit und wir können uns schlichtweg einfach nicht zügeln die Schlacht zu nicht zu beginnen und prompt landet in Lions Haaren ein Haufen gelbes Pulver. Die Rache lässt nicht lange auf sich warten, ich bekomme ganz viel rot ins Gesicht geschleudert. Von der Seite kommt Stella mit grün, die eine gehörige Blau-Rosa-Kombination von Moritz abbekommt. Im Nu sind wir alle farbenreich bedeckt und haut man jemandem auf die Schulter, so staubt er, als hätte er sich vier Jahre nicht gewaschen. Das Weiße meines Shirts ist kaum mehr zu sehen und so falle ich unter all diesen feinen Menschen kaum mehr auf und wirble, wie alle anderen als kleine Farb-Furie durch die Gegend. Riesige Ventilatoren wirbeln die Farben durchs Zelt, machen die Luft bunt und kühl. Die drückende Hitze draußen bemerkt man so fast gar nicht, weshalb sich manche kühn auf die Tanzfläche schwingen und sich im Rausch der Farben gehen lassen. Manche schmeißen sich in den Pool, ziehen andere mit sich und bestimmte Leute entdecken, neben dem Farbpulver Plastiktuben mit Erdbeer-und Schokosoße, die nun auch wild in die Gegend gespritzt wird. Bald rieche ich nach Erdbeere und schmecke sogar danach!

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Die Party gerät ins Rollen, jeder kämpft gegen und bald sehen wir alle aus, wie kleine Fantasie-Kreaturen. Diejenigen, die einen Hauch zu viel rot im Gesicht haben, sehen aus, als entstammen sie tatsächlich aus einer blutigen Schlacht, andere sind irgendwie braun geworden und sehen aus wie Orks, gerade frisch aus dem Boden herausgewachsen.

Gegen Abend treten wir Freiwillige hinaus aus dem Zelt und lassen uns auf die Wiese nebendran fallen, kugeln lachend übereinander und pulen uns erste Farbreste aus den Ohren. Wir wirken uns so vertraut, wollen gar nicht wieder gehen, machen artistische Kunststücke, kichern und grinsen, müssen aber bald das Weite suchen, als gegen Sonnenuntergang der Veranstalter, mittlerweile sehr angetrunken, das Fest für beendet erklärt.


Eine Woche später jedoch, ein paar Blondhaarige unter uns, haben immer noch grün-rote Strähnchen, treffen wir uns alle schon an der Abhaya, der Waldorfschule zweier Freiwillige, wieder. Dieses Mal wollen wir mit den Kindern der Schule feiern, diese haben jedoch kaum Pulver dabei, was bei unserer Privatparty jederzeit nachgereicht wurde, nein, sie bestehen auf schlammige Wasserfarben.

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So entsteht eine riesige Schlammschlacht, von allen Seiten klatschen dir Leute bunten Schlamm ins Gesicht und insbesondere ich halte gehörigen Abstand, hatte ich doch vorher meine Kamera, mithilfe von Plastiktüten, so eingepackt, dass sie resistent für Pulver sei. Gegen Wasser, ist meine Verkleidung jedoch hilflos dem ausgeliefert was da kommt. Die Kinder haben gewaltigen Spaß und auch wir, sind bald klatschnass und ähneln vorurzeitlichen Schlammmenschen. Es ist nicht das, was wir erwartet haben, aber genau das macht es gut!

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Am Ende des Tages brauchen wir alle dringend eine Dusche und während wir alle wieder zu normalen Menschen werden, die Farben im Abfluss verschwinden und Schlamm aus unseren Haaren trieft, geht mir ein Gedanke durch den Kopf: Ich will nochmal!“