Der Fluch von Udaipur

„Vom 6. bis 10. Dezember 2017 fand in Udaipur, Rajasthan, ein Kongress über Frauen, natürliche Ressourcen und Lebensgrundlagen in Bergbaugebieten statt.

Dieser wurde von Dhaatri Trust, Keystone Foundation, Minen, Mineralien & PEOPLE und NTFP-EP organisiert.

DSCN1002

 Als nationaler und subregionaler Workshop brachte das Programm 40 Menschenrechtsverteidigerinnen aus Indien, Kambodscha, der Mongolei und den Philippinen zusammen. Indigene Frauen, Bergarbeiterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft nahmen daran teil, weil Frauen in ihren Ländern mit vielen Problemen beim Bergbau konfrontiert sind. Wie in der indischen Zawar Mine in Indien.

Die ist Eigentum von Vedanta, einer privaten, in der UK registrierten Firma, die im Untertagebau Zawar, Udaipur,  Tonnen von Zink fördert.

Die Bewohner nahestehender Dörfer sind mit ernsten Umweltproblemen konfrontiert und leiden still, aus Angst vor dem Unternehmen.

Es gab einige Medienberichterstattung über ihre Umweltprobleme, aber bisher wurde weder vom Unternehmen noch von der Regierung eine Reaktion beobachtet.

So wurde ein Feldbesuch in den Zinkminen in Udaipur organisiert, damit die Teilnehmer mit den betroffenen indigenen Frauen interagieren konnten…“


 Genau diesen Absatz habe ich in der letzten Woche unzählige Male hören müssen und wollte ihn am liebsten aus meinem Kopf verbannen. Dabei war ich es doch, der ihn erst zum Leben erweckt hatte..


 

Stellvertretend für unsere NGO Dhaatri war unsere Chefin in eben jenes Dorf, das die Teilnehmer des Kongresses besuchten, gefahren und filmte die Gespräche zwischen ihr und den leidenden Frauen, deren größtes Problem, das verschmutzte Wasser war. Die Bergbauabfälle wurden direkt in die Flüsse getrieben, die den Bewohnern des Dorfes als Lebensquelle dienen. Dieses Wasser ist nun Gift für die Menschen vor Ort, ihr Essen verdirbt, ihre Nutztiere sterben, sie selbst bekommen Fieber, müssen sich mehrmals am Tag übergeben und sowohl ihre Hände, als auch ihre Füße tragen Zeichen des Wassermangels.

DSCN4859

DSCN4892

DSCN4890

Die Männer des Dorfes sind bereits mehrere Male zur Company gegangen, um sich zu beschweren, doch sind bisher nicht weit gekommen.

Die Frauen befolgen die Regeln ihrer Männer ruhig zu bleiben und keinesfalls Aufsehen zu erregen, was sie schweigend über sich ergehen lassen, was jedoch für die NGO Dhaatri, als Frauenrechtsorganisation, nicht tragbar ist.

So fragt meine Chefin in den Videos mehrmals die Frauen, warum sie sich denn nicht beschweren würden, empfiehlt ihnen mit ihrem vergifteten Wasser zu den Verantwortlichen zu gehen, damit Chai zu kochen, um ihn den Leuten zu geben, damit sie verstehen, dass sie etwas gegen diese Art von Bergbau tun müssen.

Die Frauen scheinen zwar sauer zu sein, doch in den unterschiedlichen Video-Takes, die ich erhalten habe, wird deutlich, dass sie sich das nicht trauen werden.

Ohne Titel


 

Ende Dezember erhielt ich nun die Aufgabe, die unterschiedlichen Filmausschnitte zusammenzuschneiden und zu übersetzen, da alle Dialoge hauptsächlich auf Hindi gesprochen wurden. Zu dem Zeitpunkt war mir jedoch noch nicht klar, dass ich NUR die Dialoge mit Frauen hätte zusammenschneiden müssen und nicht den ganzen Kongress, zu dem ich auch alle Filme erhielt. So überlegte ich mir ein gutes Konzept, einen logischen Ablauf, wie ich denn diese vier Tage gut, innerhalb 5-10 Minuten, zusammenbringen konnte.

Im Endeffekt war´s recht einfach.

Am Anfang des Seminars wurde überlegt, welche Themen besonders besprochen werden sollten, dann wurden Kleingruppen damit beauftragt, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen des Bergbaus und dessen Problemen auseinander zu setzen. Dann kamen „Experten“, die Vorträge, über die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte auf einen gemeinsamen Nenner brachten. Dann kam der Besuch des Dorfes und ganz am Ende eine tränenreiche Verabschiedung, in der die Menschenrechtsverteidigerinnen aus Asien erläuterten, wie sehr ihnen dieser Workshop geholfen hätte.

Kurzum: Anfang, Theorie, Praxis, Ende!


 

In genau diese vier Kategorien teilte ich die verschiedenen Filmausschnitte, schob die, dessen Sprache ich nicht verstand in einen Extra-Ordner und betitelte diesen als „Dont understand“ (Verstehe ich nicht).

So setzte ich mich mit Ashwini, einer unserer Mitarbeiterinnen, zusammen und ließ sie die ersten Videos auf Englisch übersetzen, was sehr lange dauerte, da viele, viele Menschen auf einmal sprachen.

Nach fünf Tagen kam jedoch die Stunde der Wahrheit, als meine Chefin mich fragte, wo ich denn vom Fortschritt her sei.

„Das solltest du doch nicht machen! Du solltest nur den Dorfbesuch zeigen! Jetzt hast du eine Woche umsonst gearbeitet!“ rief sie, als ich ihr erläuterte, was ich bisher getan hatte.

Verdammt! Dabei habe ich mich so sicher und produktiv gefühlt! Ich musste mein ganzes System verwerfen und war in der Tat sehr unglücklich darüber jetzt weniger zu machen, als vorher. Verstehe das, wer will! 😀

Gerade noch eine richtige, kleine Geschichte gehabt, hatte ich jetzt keinen Anfang und auch kein Ende. Ich hatte nur die Mitte.

Nichtdestotrotz begann ich, zusammen mit einer erbitterten Ashwini, die ihre anfänglichen Dolmetscher-Arbeiten auch umsonst gemacht hatte, die zweiten Übersetzungsarbeiten. Diese brauchten drei Tage. Sie sah sich die Clips an, hörte genau hin, spulte zurück, hörte nochmal genauer hin und sagte mir, was ich aufschreiben sollte.

Ich schrieb in mein kleines blaues Moleskin-Notizbüchlein, gut fünfzehn Seiten Text, mit genauer Zeitangabe nieder, schaute des Öfteren auf die Uhr, brauchte Ashwini länger, um das Wortwirrwarr zu lösen und kam mir vor wie in einer langweiligen Mathe-Stunde voller Nullstellenberechnungen.

IMG_20180311_154332341

 

Dann war das Werk vollbracht, ich kramte meinen PC und mein Schneideprogramm hervor, hielt mich an die genauen Zeitangaben aus den Buch und begann den Text haargenau auf das Gesprochene draufzulegen. Im Grunde schuf ich meine ersten Video-Untertitel, wobei ich mich ganz wohl dabei fühlte. Bald war das geschafft, ich verpackte den fertigen Film in ein allseits lesbares Format und übergab ihn an die Dhaatri-Administration.


 

Einige Zeit lang schien die Aufgabe erledigt, ich fuhr nach Dallapalli, ging anderen Aufgaben nach und hatte die Frauen aus Udaipur schon fast vergessen, als Bhanu, meine Chefin, diese alte Kiste nochmals auspackte und meinte, ich solle doch ein Intro davor basteln. Zudem sollte ich die Gespräche kürzen. Nichts leichter als das, ich verkürzte alles ein wenig, schrieb eben jenen Einleitungstext vom Anfang, schnippelte ihn so zusammen, dass er mit dem Rest harmonierte, ließ Helen, die gerade da war und ein besseres Englisch sprach als ich, den Text einsprechen, verpackte den fertigen Film in ein allseits lesbares Format und übergab ihn an die Dhaatri-Administration.

„Yeah, das war´s!“ dachte ich mir, doch nicht´s da!

„Leo, da sind ganz viele Rechtschreibfehler drin! Die müssen raus. Außerdem hätte ich gerne ich gerne ein Outro“ kam es in einer Mail von Bhanu.

Ich sah mir mein Werk nochmal genauer an und vergrub meinen Kopf unter meinen Händen. Davor glaubte ich immer recht gut Englisch zu schreiben, nur die Grammatik sei manchmal etwas holprig, doch da hatte ich mich gewaltig geirrt.

Zu allem Überfluss hatte ich die Ursprungsversion des allerersten Videos nicht mehr parat. Ich hatte stets das fertige Video genommen und es dann weiterverarbeitet. Problem hierbei: Im Schnittprogramm hat man mehrere Spuren für Ton, Bild und Schrift, die man übereinanderlegt. Wenn du dieses Projekt dann zu einem fertigen Film konvertierst, bleibt im Grunde nur eine Spur übrig (Bild, Ton und Text sind sozusagen zusammengemanscht).

Ohne Titmhbjel

Ohne Titelhgj

Wenn du diese Datei nochmals ins Schnittprogramm einfügst und zufälligerweise die Arbeitsdatei, wie in meinem Fall, schon gelöscht hast, weil du dachtest, du brauchst dieses Projekt nie wieder, dann hast du Pech, weil du die Datei, nur noch kürzen und die Lautstärke ändern kannst.

Dementsprechend konnte ich die Rechtschreibfehler nicht einfach so beheben, wie es sonst möglich gewesen wäre, nein, ich musste über die Schrift schwarze Balken legen, um dann neuen Text drüber zu schreiben. Doof war, dass nicht jeder Satz Rechtschreibfehler hatte, es aber komisch aussah, wenn einige Untertitel einen schwarzen Balken hatten und einige nicht. Kontinuitätsfehler! So legte ich über jeden Text schwarze Balken, schrieb einen End-Text und ließ ihn von einer nicht ganz so begeisterten Helen (ihr gefiel ihre eigene Stimme nicht) einsprechen.

„Warum sind denn da jetzt schwarze Balken? Die sehen doof aus. Wäre es möglich zwei Versionen zu machen. Eine lange und eine kurze. Ich bräuchte eine zwei Minuten Version!“

Jedes Mal, kam ich von einer kurzen Filmbesprechung mit Bhanu zurück, schluchzte ich innerlich. Wie sollte ich aus 11 Minuten Film, zwei Minuten machen? Um keine Balken mehr zu haben, brauchte ich die Ursprungsversion, die hatte ich nicht, also kramte ich die einzelnen Filmtakes wieder raus.

Es benötigte zwei Tage, in denen ich bis weit über Arbeitsschluss arbeitete. Ich kürzte und schrieb, wie besessen, hörte immer wieder die gleichen Einführungswörter von oben und wollte zwischendurch mein Schnittprogramm aus dem Fenster werfen, stürzte es ab und zerstörte dadurch ungespeicherten Vorsprung.



 

Ich sitze in Bhanus Büro. Ich habe es geschafft einen elf Minuten-Film auf 2:15 min herunterzukürzen. Wir schauen uns diese Kurzversion genauer an. Ihr Blick ist kritisch, beäugt jeden einzelnen Frame, jeden einzelnen Buchstaben, auf der Suche nach Rechtschreibfehlern..

Der Bildschirm wird schwarz. Einige Zeit sitzen wir einfach nur da. Schweigend. Dann schauen wir uns direkt in die Augen, Bhanu hält kurz inne. Es ist so als stände die Welt für einige Sekunden still, so als ob jeder Mensch auf dieser Welt den Atem gespannt anhalten würde. Millisekunden vergehen. Dann, plötzlich explodiert die Welt, lässt ihrem Atmen freien Lauf:

„Very good! Gut gemacht! Das kann ich so weiterleiten.“ Bhanu strahlt. Ich lasse die angestaute Luft befreit aus meinen Brustkorb heraus, springe grinsend auf und bedanke ich glückstrahlend. Der Fluch von Udaipur hat ein Ende gefunden! Ich habe ihn besiegt!

 

Hier die Dropbox-Links zum langen und kurzen Video:

Short-Udaipur-Video

Long Udaipur-Video

Erleichtert springe ich nach unten zu meiner Arbeitsstelle und sende die Datei an meine Chefin und hoffe nie wieder einen Finger dafür krumm machen zu müssen, bis mir der furchtbare Zynismus in meinen Gedanken klar wird. Meine Aufgabe ist zu ende. Die, der Dorfbewohner, deren Wasser-Probleme ihnen immer noch stark zusetzen, ist noch lange nicht getan. Für mich waren sie im Grunde nur Kamerafutter, ein Projekt, dass es so schnell wie möglich zu beenden galt.  Für mich sind sie jetzt weg, nicht mehr da, so als ob sie nie existiert hätten, obwohl ihr Problem ganz allgegenwärtig ist.

Dieses Phänomen, so schwant mir, scheint eins der typischen Gesichter des heutigen Journalismus zu sein. Nach einer Story kommt bereits die Nächste. Klar, es war so gesehen, nur ein Auftrag, dem wirklichen Problem widmen sich andere, aber irgendwie macht mir das doch gerade sehr zu schaffen…