Der Unfall

Ich laufe verträumt durch die kleinen Gassen meines Viertels. Es wird so langsam Abend in Indien, die kleinen Stände, die Weintrauben, Kokosnüsse und Melonen verkaufen, werden bald von dannen ziehen. Morgen werden sie mit absoluter Sicherheit wieder hier stehen und ihre Waren preisbieten.

So sehr ich auch geglaubt habe, nach einem anstrengenden Arbeitstag Entspannung im Wirrwarr des Häuserlabyrinths zu finden, so sehr werde ich wieder einmal eines Besseren belehrt. Das indische Leben spielt sich auf der Straße ab, hier wird Geschichte geschrieben, hier entstehen Freundschaften, hier ist es bis in die späte Nacht niemals leise. In diesem Sinne bin ich immer noch zu europäisch, daran glaubend, das Leben spiele sich mehr in den eigenen vier Wänden ab.

Die Menschen hier scheinen die Gesellschaft, den Trubel zu lieben, was sich, wie ich feststellen muss, auch in ihren Feiertagen widerspiegelt.

Ganesha-Festival, Diwali, Holi; all diese Feste feiert man auf der Straße, mit scheinbar vielen anderen zusammen, wohingegen wir Deutschen Weihnachten und Ostern lieber im Kreise der Familie feiern. Wo wir schon von diesen indischen Festen reden; Irgendwie haben alle eines gemeinsam: Den Neubeginn. Diwali, das Lichterfest, bringt das neue Jahr. Holi symbolisiert die Auslöschung des Alten und die Erhebung des Neuen. Und Ganeshas Geburtstag? Einen neuen Lebensabschnitt.

Wenn man so will, startet man hier vierteljährig ein neues Leben, lässt das Alte hinter sich und beginnt etwas Neues. Heißt das auch, dass man mehr verzeihen kann, wenn man alte Streitigkeiten begräbt?

 

Darüber denke ich nach, während ich selbst in den kleinsten Gängen hupenden Motorrädern mit angeschaltetem Fernlicht ausweichen muss. Stressig ist es schon, chaotisch auch, aber gerade dadurch, dass überall was los ist, alles schreit, hupt und bellt und man dem Chaos, so gesehen, entgegentritt, verschmilzt man mit diesem und ist Teil des großen Ganzen.

Ich für meinen Teil, kann dadurch doch irgendwie abschalten und nachdenken. Klar, das ist nicht immer so, gerade auf den ganz großen Straßen, wenn Zentimeter neben dir ein großer Bus vorbeidonnert und so laut hupt, dass du schon glaubst, dein Trommelfell würde platzen, ist das alles andere als toll.

Ich setze meine Kopfhörer auf, laufe verträumt die Straße entlang, vorbei am Schlachter, der immer nach Tod stinkt, aber mein liebster Eierlieferant ist, kaufe mir 10, lasse 50 Rupien da und gehe weiter. Wie cool meine Straße doch eigentlich ist. Hier habe ich alles. Kleine indische Restaurants, Obst-Händler, beschauliche, süße Einkaufsläden, freundliche Straßenhunde, einen heruntergekommenen Friseur und sogar ein Fitnessstudio, bei dem ich jetzt unterschrieben habe, weil ich für das morgendliche Yoga zu müde bin.

„Wow“, denke ich. „Wie cool, dass ich mich schon so an den Verkehr gewöhnt habe, dass ich schon mit Kopfhörern auf den Ohren durch die Straßen schlendern kann, ohne umgefahren zu werden.“

Ich will die Straße überqueren und just in dieser Sekunde bestraft mich meine Torheit. Es geht so schnell, dass ich im Nachhinein gar nicht mehr weiß, wie das genau passieren konnte. Aus den Augenwinkeln sehe ich von rechts etwas Großes, Schwarzes aufblitzen, in meinem rechten Bein brennt der Schmerz auf, ich werde durch die Gegend geschleudert und lande auf dem harten Beton der Straße. Mein Herz beginnt plötzlich wie wild zu schlagen, neben mir liegen in hunderten Splittern die aufgebrochenen Schalen meiner Eier. Wie ich es geschafft habe blitzschnell aufzuspringen, so als ob nichts gewesen wäre, ist mir nach wie vor ein Rätsel.

Ich blicke nach links. Ein wütender Motoradfahrer kommt grummelnd auf mich zu, doch als er sieht, wen er da umgefahren hat, macht er sich klein und entschuldigt sich aufrichtig bei dem weißen Europäer, den er zuvor für einen indischen, betrunkenen Trottel gehalten hatte.

„Alles gut! Das war meine Schuld“, sage ich beschwichtigend zu ihm und klopfe ihn sachte auf die Schulter.

„Nichts ist passiert, du kannst weiterfahren.“

„Ist wirklich alles gut?“

„Ja…Wirklich!“ sage ich mit zittriger Stimme und bemerke unweigerlich doch einen stechenden Schmerz im rechten Bein, nahe des Knies.

Der Motoradfahrer wirft mir einen unsicheren Blick zu, schwingt sich dann aber doch auf sein Motorrad und fährt davon. Ich sammle meine Eierschalen ein, suche den nächsten Mülleimer, wissend, dass ich von vielen Leuten beobachtet werde, versuche zu grinsen und murmle: „Alles ist gut, alles ist gut“, vor mich hin, während mir ernsthaft der Gedanke kommt, dass ich mit dem Ausgeben meiner 50 Rupien für die Eier wohl ein Minusgeschäft gemacht habe.

Schnell suche ich das Weite, muss feststellen, dass ich humple und komme zittrig und mit wirrem Blick daheim an. Ich begutachte mein Bein. Alles scheint in Ordnung zu sein. Es tut weh, aber glücklicherweise ist nichts ernsthaftes passiert. In den kommenden Tagen, wird sich ein blöder Bluterguss bilden, aber auch der verblasst irgendwann. Nun geht´s wieder gut und fit wie ein Turnschuh!

Was bleibt ist die Gewissheit, dass indische Straßen unvorhersehbar sind und man sich keinesfalls sicher sein sollte. Ich hatte verdammt Glück! Ein paar Millisekunden später, oder früher und das Motorrad hätte schlimmeres anrichten können.

Was lernen wir daraus: Augen auf im indischen Straßenverkehr. 😀

PS: Ich würde mir am selben Abend doch nochmal Eier holen. Das 50-Rupien-Minusgeschäft konnte ich trotz schmerzenden Beins nicht auf mir sitzen lassen. Das Überqueren des Straße würde jedoch das Dreifache an Zeit beanspruchen.