Von einer fast indischen Massenpanik, besonderen Liedern und alten Idyllen – Dallapalli 5.0 -Teil 1 –

Ein Song, zwei Menschen, ein Bus. Mehr ist da nicht. Es fühlt sich tatsächlich so an, als ob nur wir, im Rhythmus des Liedes, dass im Bollywood-Style vor sich hin dudelt, im fahrenden Bus existieren würden. Das nächtliche Hyderabad zieht in bunten Schlieren an uns vorbei, nichts scheint mir klar vor Augen zu sein. Ich sehe nur Toni und das Innere des Busses, das scheinbar auch nur aus hellen Lichtfetzen besteht..


Jeder mag wohl ein besonderes Lied haben, mit dem er eine ganz bestimmte Situation verbindet und immer, wenn dieses spielt muss man an eben jenen Moment zurückdenken, wo der Song gespielt hat.

Die Melodie, die gerade läuft, habe ich noch nie gehört, vielleicht werde ich sie nie wieder zu Ohren bekommen, aber sie sie passt gerade, warum auch immer zu einer nächtlichen Busfahrt, die auf ein Abenteuer zusteuert…

Ähnliches haben Merlin und Ich im Oktober letzten Jahres bei unserem besonders anstrengenden Trip in die Dörfer erlebt. Mit zwölf Mann im Rikscha steuerten wir in Richtung Katiki, dem Ureinwohnerdorf, das wir wohl nie wieder sehen werden, zu, waren bereits total fertig von den Strapazen der letzten Tage und dennoch baute ein besonderer Song, der gerade aus den lauten Musikboxen des Vehikels tönte, Merlin ( ich war gerade tief in einem meiner Hörbücher versunken) enorm auf, während immergrüne Reisfelder und riesige Steinriesen und marode Ochsenkarren an uns vorbeizogen.

Jedes Mal, wenn er danach „Mellaga Tellarindoi“ hörte, so fuhr er wieder mit mir mit dieser Rikscha  dem Dorf entgegen, gestärkt durch eben jene Melodie. Bei mir ist das mittlerweile auch so. So bringt mir der Song stets große Motivation, fahre ich in die Dörfer.

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Übrigens kein Wunder: Das Musikvideo zum Song scheint auch eine gewisse Reise durchs Land darzustellen.

Hier der YouTube-Link zum Lied:



 

Zurück zum Bus, zurück zur unbekannten Melodie, die mich für kurze Zeit vergessen lässt, welcher Aufgabe ich gegenüberstehe. Ich werde alleine in Dallapalli, dem kleinen, beschaulichen Ureinwohnerdorf, sein. Toni wurde ganz spontan von mir getrennt und geht ins Nachbardorf Poolabanda, nur 10 Kilometer entfernt. Wir werden uns in diesen anderthalb Wochen nicht begegnen, nur die Reise, hin und zurück, werden wir gemeinsam durchstehen.

Das ist das fünfte Mal seit September, dass ich ins Dorf gehe. Mittlerweile müsste ich in der Handhabung die Zeit im Dorf produktiv zu gestalten, ein wahrer Profi sein, doch glaube ich in diesen Augenblicken nicht daran.

Kein anderer Freiwilliger wird mich unterstützen, Gayathri, unsere Dhaatri-Mitarbeiterin, die bisher immer mit dabei war, um zwischen uns und den Einheimischen zu kommunizieren, wird nicht da sein. Nur Bonjibabu, mein bester einheimischer Freund im Dorf, mit seinen geringen Englisch-Kenntnissen, wird mir zur Seite stehen.  Dieses fünfte Mal wird also meine Bewährungsprobe.



 

Am Bahnhof wuseln hunderte Menschen durch die Gegend, sitzen auf und neben ihren Taschen, kümmern sich um ihre schreienden Kinder, oder versuchen im Chaos der Masse zu schlafen. Es ist laut, warm und es stinkt nach Schweiß und Fäkalien. Purer Standard auf einem indischen Bahnhof.

Alle Züge scheinen Verspätung zu haben. Auch unserer nach Visakhapatnam hat gut 30 Minuten Verzögerung. Wir geben uns also dem Chaos hin und warten. Als wir wissen auf welchem Gleis Train 20810 ankommt, machen wir uns auf dem Weg dorthin. Wie leider hunderte andere Menschen auch. Ebenso deren Züge scheinen nun angekommen zu sein, was zur Folge hat, dass darüber hinaus hunderte Leute auf UNS zu kommen. Von links und rechts, aus den Bahnübergängen 1 und 2 kommen ebenfalls Menschenmassen geströmt und im Nu befinden wir uns in einem riesigen Massenauflauf.

Nichts geht mehr! Alles drängelt! Ich werde von Toni getrennt, ich kann bald nur noch einen Teil ihres grünen Backpacks erkennen, bis sie schließlich vollends von der Masse verschluckt wird.

„Wenn jetzt eine Massenpanik ausbricht“, denke ich, „komme ich hier nicht mehr in einem Stück raus.“

Trotzdem bleibe ich seltsam gelassen. Ich werde es nicht sein, der umgerannt wird. Dazu habe ich einen zu dicken Panzer. Hinten habe ich meinen riesigen Backpack, mit meinem quer-verpackten Kamerastativ, was mir zwanzig Zentimeter an Breite dazugibt und vorne meinen kleinen Rucksack. Sorgen mache ich mir stattdessen um die kleinen Kinder, die sich fest um die Beine ihrer Eltern schlingen und aufgrund ihrer geringen Größe bald nur noch einen Urwald aus Beinen sehen werden.

Alles drückt vorwärts, zur Seite, rückwärts, es werden Befehle gerufen die keiner einhält, ich schwitze wie verrückt und ekele mich vor den anderen stinkenden Gesichtern um mich herum. Bisher war ich passiv, habe geglaubt, dass ich es schon irgendwie schaffen werde, wenn ich nicht drängele, doch ich muss, wenn ich noch zum Zug will. Ich muss aggressiv werden, begreife ich und erkämpfe mir Zentimeter um Zentimeter. Ich merke, wie anderen Leuten mein Stativ in die Seite zwickt, doch bei aller Liebe, mein Date mit dem Zug ist in fünf Minuten und ich habe noch einen langen Weg vor mir!

Ich verlasse das Epizentrum des Massenauflaufs und plötzlich bin ich frei. Die Schlacht ist ausgefochten und ich beginne zu rennen. Toni wartet bereits am Zugübergang 7 auf mich. Sie hat viel früher begriffen, dass man offensiv sein muss und zusammen spurten wir unserem brummenden Ungetüm entgegen und stürzen uns dessen Inneres.

Die Fahrt über Nacht verläuft ohne Probleme, wir steigen in der Hafenstadt Visakhapatnam ( für Einheimische Vizag) aus, frühstücken in einem Bahnhofsrestaurant, wo ich mich kurz mit einem Pastor unterhalte, der schon mal in Stuttgart war. Er rät mir, keinen Menschen hier zu trauen, weil alle irgendwie doof wären. Das nenne ich einen wahren Menschenkenner!

Weiter geht´s mit dem Bus, hinauf auf die Berge. Nach drei Stunden muss sich Toni von mir verabschieden. Alles geht schnell und ruhmlos, da der Bus nur wenige Sekunden für sie anhält und so keine Zeit für eine gute Verabschiedung bleibt.

Dallapalli erscheint vor mir in braunen Herbstfarben. Wie spannend es doch ist diesen Wandel mitzuerleben. In September noch war alles so grün und jetzt ist beinahe alles abgestorben. Klar, dass ist auf gewisse Weiße normal, dennoch nimmt man den Wandel, der um einen herum passiert meist kaum wahr, er passiert einfach.

Wir aber sind durch ein halbes Jahr mit diesem Dorf gegangen, haben jedoch nur Ausschnitte gesehen, die sich stets verändert haben.

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Bilder vom fast selben Ort innerhalb unterschiedlicher Monate


 

Mich begrüßt ein aufgeregter Bonji und eine lachende Bhavani, ebenfalls eine Mitarbeiterin von unserer NGO. Beide freuen sich riesig, dass ich endlich da bin.

Die erste Frage die, wenn man dieser indischen Bevölkerungsgruppe angehört, immer gestellt wird, erkundigt sich danach, ob ich denn schon zu Mittag gegessen hätte. Egal, ob Frühstück, Mittag, oder Abendbrot, immer wenn die Zeit zum Essen näher rückt, oder man einfach ein schnelles Smalltalk-Thema brauch, wird diese Frage gestellt. Falls man verneint, wird sich sofort nach dem Warum erkundigt, es kann schließlich nicht sein, dass man gerade beinahe am Verhungern ist, so theatralisch wird die Frage gestellt.

Oder es kommt sogar so weit, dass sich dein Vergehen nicht gegessen zu haben, wie ein Lauffeuer im ganzen Dorf verbreitet.

Merlin und ich können davon ein Lied singen. Im Dezember waren wir eines Abends so müde, dass wir sofort einschliefen, ohne zu Abend gegessen zu haben. So gegen Mitternacht weckte mich dann eine vollkommen schockierte Gayathri und fragte mich, ob denn alles okay, mit uns sei. Vollkommen durch den Wind antwortete ich ihr, dass wir einfach keinen Hunger hatten und schlief wieder ein.

Am Morgen fragte uns dann Bonji, was denn am Abend schlimmes passiert sein mochte, dass wir das Essen nicht angerührt hätten und auch andere Einheimische, die auch davon Wind bekommen hatten, versuchten uns zu diesem Fall mit Fragen zu löchern. Wir und unser nicht gegessenes Abendbrot: Dorfthema Nummer 1.  😀

Die Mahlzeiten sind diesbezüglich viel gröber und einfacher, als in Hyderabad. So gibt es in der Stadt viele Variationsmöglichkeiten, die du zu deinem täglichen Reis essen kannst, wie die unterschiedlichsten Sambas, Chutneys oder Gemüsesorten. Mittlerweile ist es so, dass ich mich an den Reis gewöhnt habe. Es ist nicht mehr langweilig ihn immer zu haben, es kommt inzwischen nur noch darauf an, was es dazu gibt.

In Dallapalli gibt es Reis und scharfe Gemüsebrühe zu allen Tageszeiten. Das Essen ist scharf genug, dass, wenn du zurück nach Hyderabad kommst, erstmal zwei Tage dich darüber beklagst, dass es hier irgendwie keine Würze geben würde.


Zurück zum eigentlichen Geschehen:

Ich habe noch nicht zum Mittag gegessen und bekomme gleich eine scharfe Mahlzeit vorgesetzt, wo mir alsbald die Nase trieft. Währenddessen berichte ich den beiden anderen von meinen Plänen, Kinderaktionen zu organisieren, diese zu filmen und schließlich daheim zu kleinen Filmchen zusammenzuschneiden. Sie hören sich alles geduldig an, nicken brav und schlürfen ihr Essen. Wie viel sie verstehen, weiß ich nicht. Schließlich fragen sie, wie lange ich bleiben werde. Das weiß ich selbst nicht. Zwei Wochen? Ich bin da ganz romantisch und lasse alles auf mich zu kommen.

Ich trete vor die Tür und atme die wahnsinnig schöne klare Luft ein. Es herrscht ein wunderbar angenehmes Klima. Nicht zu kalt und auch nicht zu warm. Ich blicke mich um. Dallapalli ist im Wandel. Überall wird geschraubt, gebaut und gewerkelt. Neue Häuser entstehen. Beton auf einfachste Weise angerührt, Stein um Stein übereinander gestapelt und verputzt.DSC_1648

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Dazwischen wuseln glucksende Kinder, Hühner, die sich groß aufplustern, kommt jemand ihren kleinen Küken zu nahe, widerkäuende Kühe und wassertragende Frauen. Im Grunde ein ganz normaler Tag fernab urbaner Zivilisation.

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Es wird bereits das Volleyballnetz für die Jugend aufgespannt und ein fröhlicher Rambabu kommt zu mir herüber.

„Willst du mitspielen?“

Beherzt beschließe ich es zu versuchen. Mittlerweile kenne ich die Volleyballtruppe,  glaube auch, dass sie mich kennt und schließe daraus, dass sie bestimmt begeistert wären, wenn ich mal mitspielen würde.

Gut bin ich nicht, aber irgendwie sind die Jungs auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Kommen sie einfach besser rüber, wenn man nur als Zuschauer fungiert. Wir haben einige gute Ballwechsel und bald komme ich ganz gut zurecht. So gut sind die Typen echt nicht.

„Du Leo. Sorry, aber wir würden jetzt gerne richtig spielen. Hart und so. Könntest du bitte an den Rand gehen?“ Rambabu schmunzelt. Ich verlasse das Feld und prompt verwandeln sich die trägen Jugendlichen in große Spitzensportler. Dann war wohl ich es, der eher nicht so gut gespielt hat. Kann ich gut verstehen. 😀

Ich beobachte sowieso viel lieber das Geschehen. Diesen Abschnitt des Abends im Dorf habe ich zu lieben gelernt, weil er für mich die wunderschöne Idylle dieses Ortes so gut beschreibt. Man sitzt auf einem warmen Stein, ringsherum lacht, muht und gackert es, während Menschen vor einer wahnsinnigen Landschaft Volleyball spielen. Das habe ich vermisst. 🙂

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Rambabu

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Ich trete in die Hütte und auf der Stelle bin ich umzingelt von ganz vielen Umrissen. Kleinen Kreaturen. Ich vermag erst nicht, die knappen Geschöpfe zu erkennen. Dann klärt sich das Bild, ich beginne zu grinsen und verteile kleine Geschenke an sie. Ab dem Zeitpunkt ist mein Schicksal für die kommenden Tage besiegelt…

 

Fortsetzung folgt…