Kinderfreuden – Dallapalli 5.0 – Teil 2

Ich will weiter schlafen und murre laut, als die kleinen Racker mir: „Leo, Leo, Leo“ ins Ohr murmeln. Mein Versuch sie loszuwerden stört diese aber nicht im Geringsten. Das Leben in Dallapalli beginnt früh und wer sich nicht daran hält, nun ja, der wird bestraft. Verdrießlich und miesepetrich schlage ich die Augen auf. Zwei Kinder sitzen vor meiner Schlafstätte und sind scheinbar wahnsinnig verzückt über mein Aufwachen.

„Leo, Games!“ verlangt Anita, das Mädchen im roten Kleid. Sie ist die Anführerin der Mädels unter 10 in Dallapalli und weiß genau was sie will. Jetzt will sie mein Handy, um darauf Jump&Run-Spiele zu spielen.

„Games!“ ihre untergeordnete Kollegin stimmt ihr selig zu.

Brummend krame ich mein Smartphone hervor und brauche mir gar keine Mühe mehr machen es zu entsperren. Anita kennt den Code.

Bonji tritt, bereits frisch geduscht, ins hell erleuchtete Zimmerchen: „Guten Morgen, Leo! Hast du gut geschlafen.

„Bis gerade eben, ja“, will ich antworten, entsinne mich aber eines Besseren: „Ja, sehr gut!“

Wir schreiben Tag 4 im Ureinwohnerdorf Dallapalli, die Hähne des Ortes begrüßen mit einem lauten, enthusiastischen Kikeriki den anbrechenden Morgen, die Sonne strahlt zur Tür hinein und irgendwie kann ich nicht anders, als breit zu grinsen. Es gibt weitaus schlimmeres als so in den Tag zu starten. Ein heißer Guten-Morgen-Tee wird mir gebracht, den ich dankbar annehme.

Der Tee in Dallapalli ist immer etwas ganz Besonderes. Nicht, weil er besonders lecker wäre, nein, er passt irgendwie immer zur Situation, entspannt und macht auf unbeschreiblicher Weise Lust auf den Tag. Vielleicht deswegen, da es hier vergleichsweise wenige Tageshöhepunke, im Vergleich zu Hyderabad gibt? Ja, wahrscheinlich ist es das. Das Trinken des Tees verkürzt sozusagen die Zeit, die man bis zum Abend ausharren muss.

Ist man kein Einheimischer und hat dementsprechend auch nicht die Arbeit eines Einheimischen, vergeht ein Tag relativ zäh. Besonders um die Mittagszeit, wo die Sonne brennt und der Ort wie ausgestorben scheint, nehmen diese Stunden kaum ein Ende. Dieses unbeugsam lange Zerfließen der Zeit, soll auch mich bald kräftig zermürben, doch dazu kommen wir in einem späteren Beitrag.

Nun sitze ich also schlaftrunken da, meine Decke um mich gewickelt, sehe Anita und ihrer Komplizin zu, wie sie am meinen Handy hin und her daddeln und frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass sie sich jetzt, bereits in den frühen Morgenstunden, zu mir wagen. Dabei begann alles so friedlich:

Am Tag meiner Anreise kam ich also, nach meinem kläglichen Versuch Teil der Volleyballmannschaft zu werden, in meine Hütte zurück, in der bereits zwei kleine Mädchen saßen und gespannt jeden meiner Schritte verfolgten. Erst war ich mir im Unklaren, was ich jetzt mit den beiden machen sollte, bis mir einfiel, dass ich Luftballons und Spielzeug meiner kleinen Schwester in meiner Tasche hatte.

Mein Vater hatte mich vor nicht allzu langer Zeit in Hyderabad besucht und hatte mir damals auch einen kleinen Beutel voller süßer Spielsachen überbracht, die meine Schwester sorgsam für die Kinder im Dorf zusammengesucht hatte.

Eben diesen Beutel kippte ich nun vor den beiden aus und es bedurfte keiner großen Mutmacherei, die Mädels dazu zu motivieren, sich auszutoben. Das taten sie von ganz allein und waren im Nu vollends begeistert von den tollen Dingen vor ihn. Als ich dann ihnen die Luftballons zeigte waren sie hin und weg. Auch Rambabu ließ sich plötzlich mit seinen Volleyball-Freunden im Haus nieder und war ebenfalls fasziniert von den Spielsachen. Bald bat er mich um den Gefallen einen rosa HelloKitty-Anhänger behalten zu dürfen. Für kurze Zeit hielt ich das für einen Scherz, doch mein Freund wirkte tatsächlich so, als ob er echtes Interesse an diesem Kitsch hätte. Lustige Leute.

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Am nächsten Tag hatte sich „Leo´s Spieleparadies“ unter den Kindern im Dorf herumgesprochen, sodass gegen Nachmittag mehr Kinder mit dem Wunsch nach Luftballons in die Hütte kamen. Ich zeigte ihnen, wie man die Ballons richtig quietschen lassen konnte, oder einen Frisurenwechsel bei den vorhandenen Playmobil-Menschen vornahm und im Nu war ein richtig behaglicher Spielekreis entstanden. Davon angelockt kam eine kleine Jungshorde herbei, schnüffelte herum, befand die gegebene Situation als wahnsinnig toll und gesellte sich dazu.

Eine Mädchengruppe, angeführt von Anita, der schlausten, wurde richtig einfallsreich, als es darum ging, die Luftballons zu verknoten. Sie zogen einzelne Flusen aus den Reissäcken, die im kleinen Küchenbereich lagen, heraus, sodass sie nun kleine Schnüre hatten, die sie an ihre Ballons befestigten. Darauf wäre ich in just diesem Moment nicht gekommen.

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Begeistert begann ich mit den Mädels die Ballons hin und her zu werfen/stupsen, woraus bald ein frohsinniges Ballspiel wurde. Alle waren glücklich und lachten ausgelassen, inklusive mir der vom Eifer der Kinder angesteckt wurde. Es war richtig rührend zu sehen, wie die kleinen Racker bei mir auftauten.

Ein toller, unbeschreiblicher Moment war das, der wohl ein kleines Highlight meines Trips werden würde, jedoch jäh von Bonji und Bhavani unterbrochen wurde.

„Wir müssen zum Meeting in ein anderes Dorf! Raus, Kinder!“

Und auf der Stelle war der Raum leer und aufgeräumt, so als ob niemals Kinder hier gewesen wären. Alles war so still und in der Tat war ich wirklich traurig darüber, dass es vorbei war, ja, ich hätte wahnsinnig gerne weitergespielt. Stattdessen wurde ich auf ein Meeting mitgenommen, wo irgendetwas in Telugu besprochen wurde. Ich verstand nichts und in diesen Augenblicken war ich wieder das Kind, dass den Erwachsenen zuhört, nichts versteht und sich fragt, warum die Großen immer so viel reden müssen.


Am Tag darauf aber, ging das große Spielen weiter. Dieses Mal packte ich sogar meine Ukulele aus und zeigte, wie man darauf spielen konnte. Zudem stellte ich auch noch meine Kamera und brachte einigen bei Fotos zu machen. Von selbst fragten einige, nach meiner Handykamera, sodass ich auch dieses bereitstellte. Ich nahm meinen Laptop und ließ die wenigen Telugu-Lieder spielen, die in meiner I-Tunes-Bibliothek gespeichert waren und so wurde es bald ziemlich laut. Wildes, schiefes Ukulelen-Geklimmper, Kinderlachen, Kameraklickgeräusche und Bollywood-Lieder hallten aus der Hütte und verwandelten meine Umgebung in einen kleinen Kinder-Hexenkessel.

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Ich kämpfte an mehreren Fronten gleichzeitig, zeigte Kindern, wie man sich Bilder auf der Kamera anschaute, musste des Öfteren mein Handy entsperren und auf die Foto-App gehen, hatte ein Kind einen falschen Knopf gedrückt, schoss Luftballons zurück, versuchte die Spielzeuggruppe zu motivieren, ertrug die inzwischen verstimmte Ukulele und musste damit leben, dass die Kinder meine ganze Musikbibliothek durchforsteten.

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Stunden vergingen, ich war alleine mit 10 Kindern ( Bonji und Bhavani waren außer Haus, um in der nächstgrößeren Stadt Gemüse zu kaufen) und wurde langsam wirklich müde. Die kleinen Rabauken aber waren nicht zu stoppen. Was ich mir bei allem zu Gute hielt, war, dass kein Streit zwischen ihnen ausbrach. Keiner würde während der ganzen Zeit beginnen zu weinen. Das hab ich gut hinbekommen!

So würde es ab sofort jeden Tag in Dallapalli sein. Die Kinder kamen früh, gingen zur Mittagszeit nach Hause und erschienen bald wieder in den Türangeln der kleinen Hütte, die ich mein Eigen nannte.

Ich zeigte ihnen mein einziges Computer-Game, dass ich auf dem Laptop besaß: Moorhuhn. Dieses Spiel, wo man lustige Zeichentrick-Hühner abschießen darf und bald entwickelten sich manche zu wahren Moorhuhn-Experten und Fotografen, auch wenn die meisten Bilder auf der Kamera verwackelt oder schief waren. Oder man fotografierte die Wand. Fünfzehn Mal hintereinander. Warum auch nicht. Jeden Abend war mein Kameraspeicher voll und jeden Abend löschte ich mehr als 200 Bilder.

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Foto am 20.03.18 um 14.43

Schnappschüsse aus der App FotoBooth, die dein Gesicht ganz lustig verdrehen oder verziehen kann..

Nicht nur Kinder kamen, sondern auch Erwachsene, denen ich auch, so gut es eben ging, erklärte, wie man so eine Kamera bediente. Mein Handy und mein Laptop wurden schnell zu Allgemeingütern (Mein, dein, hey, das das sind doch bürgerliche Kategorien) und so entdeckten die Älteren bald auch meine heruntergeladenen Netflix-Serien und schauten sich prompt House of Cards an. Hierzu muss ich sagen, dass Netflix wohl nichts für diesen Typ Inder wäre. Dieser Typus will bei einem Film eigentlich nur den Kampf und das Lied hören. Das was bei Bolllywood-Filmen am besten ist. Das findet man aber bei House of Cards beides nicht, sodass die Leute eigentlich nur vorspulten, in der Hoffnung den epischen Kampf zu finden.

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Die Hütte besaß auch einen eigenen Organisations-Computer, mit verschiedenen Telugu-Filmen. Problem: Er hatte keine Boxen. So stellte ich bald auch meine Kopfhörer und sah zu, wie fünf Jugendliche um den Computer saßen und sich mit der einzige Möglichkeit etwas zu hören im fünf-Minutentakt abwechselten.

Diese ganze Situation war urkomisch. In der einen Ecke hatten wir die Kinder, die mit meiner Kamera die Wand fotografierten, woanders spielten einige Jungs Moorhuhn, hier und dort gab es die Spielzeug-Freaks, an der Wand saßen die Netflix-Anhänger des stetigen Vorspulens, am Rand die Kopfhörer-Gruppe und überall und nirgendwo: Ich.

Gegen Tag 7 packte ich dann noch zur sportlichen Betätigung ein Springseil aus. Im Grunde war ich der Entertainer für alle.

Einen Tag spielte ich mit einigen Jungs Fangen. Unser Spiel ging durchs ganze Dorf und bald schrie es von allen Seiten: „Leo, Leo, Leo! Fang mich“, sehr zur Belustigung der Frauen und Männer, die sich ins Fäustchen lachten, erschreckte sich ein Kind vor meinem plötzlichen Erscheinen. In diesen Momenten fühlte ich mich willkommen, gar so, als ob ich Teil der Community sein würde. Die Kinder mochten mich, die Frauen grinsten frech zu mir herüber und die Männer waren ebenfalls ganz begeistert.

Dann jedoch gab es die Momente, wo ich mich nach Abwechslung sehnte und schlicht und einfach genug von allem hatte. Ich wollte das Ganze nicht mehr, fühlte mich eingeengt. Die Menschen waren zum Alltag geworden, nichts anderes passierte und das würde mich zermürben…