Des Glückes Schmied – Dallapalli 5.0 – Teil 3

„You are married  in Germany?”

“No! No! I´m not married. Two years ago I had a girlfriend, but now I´m single.”

“Why, single?” Bonjibabu scheint tatsächlich interessiert, so wie er strahlend neben mir läuft.

„Pfff“, erwidere ich. Das ist echt eine schwierige Frage. „Now the girl doesn´t like me anymore.”

Das scheint meinen indischen Freund irgendwie zu irritieren: “Why, doesn´t like you? You so smart and strong!“

Ich lache herzlich auf und klopfe Bonji auf die Schulter. Er schafft es immer wieder mich zum Schmunzeln zu bringen.

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„She have found some better one”, meine ich. Klar, ist das nicht die ganze Wahrheit, aber Bonji mit einer komplizierten Lovestory zu konfrontieren will ich auch nicht. Allein das, hat ihn jetzt zu denken gegeben.

Wir schlendern den Weg zum Dorf entlang, kurvig und holprig zieht er sich durch die Wildnis und am Horizont beginnt er zu flimmern, so heiß brennt die Sonne auf uns hernieder. Wir kommen gerade von einem Meeting in einem abgeschiedenen Nest zurück, das weder Schule noch ausreichend Infrastruktur hat, um mit den vergleichsweise großen Gegenden wie Dallapalli mitzuhalten. Die Kinder dort müssen mehr als vier Kilometer zur nächsten Schule, durch Berg und Tal, laufen. Jeden Tag.

Mir wird klar, dass insbesondere Dallapalli eines der Dörfer ist, das zu den Big Playern hier gehört, besitzt es doch eine Schule, einen Kindergarten, Zufahrtsstraßen und einigen Luxus mehr, den die anderen nicht haben. Vor einigen Jahren jedoch war es noch genauso verwildert und unerreichbar, wie diese Gemeinde, die wir nun hinter uns gelassen haben.

Ich beobachte wie Flammen auf den Bergen auflodern und große rauchende Schneisen durch die Landschaft ziehen. Dicker, schwarzer Rauch wirbelt auf und weht wild im Westwind davon. Überall kann man diese Flächenbrände heutzutage beobachten, an jedweden Stellen findet man nur noch Asche. Das ist, laut Bonji, sogar gewollt. Es wird extra Feuer gelegt, damit von den trockenen Sträuchern nur noch deren Überbleibsel, in Form der Asche übrig bleiben. Wenn dann, in ein paar Monaten der große Monsun kommt und der wird so sicher kommen, wie die Sonne morgens gleißend aufgeht, dient sie als hervorragender Dünger für die nächste Generation an Pflanzen. Dann wird es bald wieder so grün, wie beim allerersten Mal, als Dallapalli vor mir auftauchte.

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„In Germany good girls? You like?“ fragt Bonji interessiert.

„I really like german grils!“ antworte ich gewissenhaft und überzeugt.

„I want german wife!“ meint der Dörfler nach einiger Zeit im selben bewussten Tonfall.

Als ich ihn anständig darauf hinweise, dass er doch schon eine Frau hier in Dallapalli habe, gluckst er belustigt und meint: „Two wifes! One in India. One in Germany!“

 

Ja guuut. Wer´s kann…Wenn nicht Bonji, wer sonst? 😀

Es kehrt Stille ein und bald laufen wir nur noch Berg hoch und Berg runter, unserem eigenen Atemzügen lauschend, die mit der Zeit immer ratternder und schleppender werden.

„What next?“ fragt Bonji, als wir nur noch wenige hundert Meter von unserer Hütte entfernt sind.

Dieses Frage hat sich mittlerweile als super Insider zwischen uns bewehrt, dient die Frage doch eigentlich dazu nachforschen was als nächstes an großen Aufgaben anstehe. Doch Obacht, Produktivität wird zwischen uns meistens klein geschrieben. So kann ich auf die Frage hin, antworten was ich will, am Ende heißt es doch nur Abwarten und Tee trinken. Im wahrsten Sinne des Wortes. Daheim setzen wir uns hin und trinken Tee. 😀


 

Wir schreiben Tag fünf im Dorf und nach wie vor habe ich das Gefühl nichts erreicht zu haben. In Hyderabad habe ich mir eine ganze Liste erstellt, was mich und meine Chefin zufriedenstellen könnte. Doch NICHTS davon haben wir bisher geschafft. Klar, ich habe ganz am Anfang Bonji und Bhavani meine Ziele vorgestellt, beide haben sie, im Rahmen ihrer Verständnisfähigkeit, abgenickt und prompt wieder vergessen. Bisher habe ich JEDEN Tag neu gefragt, ob wir diese eine bestimmte Aktion heute machen können und JEDES Mal wurde sie auf morgen verschoben. Und am nächsten Tag hatten sie wieder ihre eigenen Pläne. Heute stand ganz spontan ein Meeting an und mehr wird auch nicht passieren, denn es ist Sonntag. Feiertag.

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Bereits am Morgen hatten mich beide total entgeistert angeschaut, als ich nach Aufgaben fragte.

„Aber, Leo! Es ist doch Feiertag! Heute machen wir nichts!“

Nach wie vor frage ich mich, wie es die Leute aushalten in Dallapalli nichts zu tun. Etwas Einsameres kann ich mir nach diesen Tagen vorstellen, denn wenn man nichts tut, dann tut man wirklich nichts. Dallapallis Freizeitmöglichkeiten sind begrenzt. Entweder läuft man durch die Landschaft, spielt Volleyball, oder trinkt Tee. Wenn man weder fähig ist zu laufen, Volleyball zu spielen, oder Tee zu trinken und dann noch nicht die Sprache der Leute spricht, um sich zu unterhalten, wird die ganze Lage etwas verzwickt. Für mich wird es ab Tag 5 unglaublich hart, besonders da ich alleine, ohne Toni, oder Skrollan bin. Was mich besonders zermürben wird, was mir in diesen Momenten Hoffnung gibt und welche Lehren aus diesen Tagen ziehen werde; da erzähle ich euch jetzt:



Eine neue Hoffnung

Meine Pläne werden jeden Tag verworfen, ich habe kein Internet, da ist kein anderer Ort, wo ich hingehen könnte, die Leute verstehen mich nicht und jeder Tag ist wie der davor.

Klar, die erste Zeit war es unglaublich schön, dass die Kinder mit meinen Sachen so toll spielten, aber irgendwann artete das Ganze aus, sie waren dauerhaft da, benutzen all meinen Kram und gingen erst spät gegen Abend. Ich wusste nicht, wie sie darauf reagieren würden, schickte ich sie einfach vor die Tür. Durfte ich das? Das einzige Wort, was sie verstanden hätten, wäre „Nein“ gewesen. Gibt sich ein Kind nur mit einem „Nein“ zufrieden? Mag es mich dann noch? Ich wusste es nicht, ich wollte nur noch raus aus dieser Hütte, die mit der Anzahl dazugekommener Kinder immer mehr nach Raubtierkäfig stank.

Meine einzige Rettung schien mir Gayathri zu sein, die bald herkommen sollte. Schlussendlich war ich genau von ihrem Typus als Übersetzer und Organisator abhängig. Ich konnte keine Aktionen eigenständig organisieren. Die letzten Male, wo die Kinder mit uns Müll gesammelt hatten, oder auf Krabbenjagd gegangen waren, hatte Gayathri ihre Finger im Spiel gehabt. Wir hatten ihr gesagt, was wir machen wollten, sie hatte es angeleitet.

Diese Abhängigkeit war mir vorher nie so bewusst gewesen. Jetzt machte sie mich unglücklich und ich sehnte mich nach dem Kommen Gayathris.



Zerplatzte Träume:

„Me going Poolabanda. Three days. Sister´s marriage. Gayathri is going also to Poolabanda. You stay.” Erklärt mir Bhavani an Tag 6 und zerstört somit meine gesamten Hoffnungen auf bessere, organsiertere Tage. Gayathri wird ganz spontan doch nicht kommen. Im Grunde bin ich zweieinhalb Tage vollkommen alleine im Dorf. Bonji ist zwar da, aber irgendwie auch nicht. Er muss ein Haus fertig bauen, wo ich nicht mithelfen darf.

WAS soll ich denn hier alleine machen?! Von morgens bis abends Kinder-Bespaßer? Na herzlichen Glückwunsch!

Ich bin so frustriert, traurig und wütend, über diese Info und begreife, dass Dallapalli für mich gerade zur einsamen Insel wird.

 

Später werde ich diese Momente, der Enttäuschung und zerplatzten Träume als ganz eigenen Tiefpunkt dieser Reise definieren. Ich wusste nicht mehr, was zu tun war.

Als alle weg sind, setze ich mich auf die Steine, blicke in die weite Ferne und halte eine einsame Krisensitzung ab. Was kann ich persönlich noch schaffen? Inwieweit macht das Ganze noch Sinn? Soll ich aufgeben? Was spräche dagegen?

„Nein!“ sage ich mir. „Ich muss durchhalten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Das werde ich mir von Tag zu wieder sagen und von Tag zu Tag wird es schwieriger daran zu glauben, sich selbst zu motivieren. Ein anderer wird es in dieser Zeit nicht tun. Ich setze mir eine Frist von vier Tagen. Wenn dann immer noch nichts passiert ist, werde ich in Hyderabad anrufen und zurückkommen. Bis dahin sollten sich die Tage strecken…

Vieles an Kritik macht Dallapalli immer wieder zur Nichte wandere ich durchs Dorf und beobachte lustige Tiere und die lieben Menschen.

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All das schafft zwischendurch doch immer wieder eine perfekte Idylle, macht mich glücklich. Im Grunde fühle ich mich auch willkommen und angekommen. Mir fehlt eben nur die Beschäftigung..

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Deines Glückes Schmied:

Pro Tag versuchte ich mir meine ganz eigenen Highlights zu suchen, an denen ich mich dann entlanghangeln konnte. Für den achten Tag meiner Reise hatte ich den großen Markt der Dörfler als Höhepunkt des Tages auserkoren. Ich schnappte mir gegen Mittag meinen Rucksack und marschiere ins Tal.

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Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie den Rummel um diesen Wochenmarkt verstanden. Jetzt dämmerte es mir. Der Markt hieß Abwechslung und ich war heiß auf Abwechslung, hatte ich doch eine Woche nichts anderes als Reis, Gemüse und Wasser zu mir genommen. Dort gab es alles. Ich erwarb mir Süßigkeiten und Softdrinks und nach einem großen genüsslichen Schluck Cola ging es mir tatsächlich besser. Ich setzte mich auf einen Stein, etwas entfernt vom Trubel und beobachtete das Treiben, das auf eine gewisse Weise sehr schön mit anzusehen war. Ich unterhielt mich mit einem netten Eisverkäufer, der mir prompt ein Gratis-Eis schenkte und sich sehr über meine Anwesenheit freute. Zusammen saßen wir da, parallelisiert vom kleinen, dörflichen Chaos, dass dort seinen Gang nahm.

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Einige Dallapalli-Kinder waren auch da, hauptsächlich Jungs, dessen Anführer Rohit sich neben mich setzte und ein paar Kekse von mir bekam. Es war offensichtlich, dass er und die anderen, zurück zur Hütte wollten, um zu spielen. So erbarmte ich mich, sagte dem Eisverkäufer Lebewohl und schlenderte mit den Kindern zurück.

 

„Games? Leo?“

„Yes, Games…“ sage ich teilnahmslos und sah zu, wie die Hütte sich füllte. Ich suchte händeringend nach einem Ausweg aus diesem Deja Vu, das ich mittlerweile nur noch aushielt und da war sie plötzlich, meine Rettung! Draußen beim Nachbarhaus schleppten einige Kinder Ziegelsteine eine Treppe zum Balkon hinauf, wo bald eine Brüstung errichtet werden sollte. Ich schloss den Spielkreis, schaltete Laptop und Kamera aus und ging aufatmend zu dem riesigen Haufen Steine herüber. Ich wollte Steine schleppen! Hört sich jetzt doof an, war aber so. Ich deutete auf den Berg und blickte fragend zu einer Frau herüber. Sie verstand mich und im Nu schnappte ich mir drei Steine und trug sie die Treppe hinauf. Immer wieder und wieder. Dann sah ich, wie Anita, die Anführerin der Mädels U10, vier Steine auf ihrem Kopf trug und just in diesem Moment erwachte mein Wettbewerbstrieb. Vier Steine? Kein Problem für mich. Anita erhöhte bald auf fünf übereinandergestapelte Steine, die sie auf ihrem Kopf trug. Fünf packe ich auch noch, doch als sie mit einem halben Dutzend Ziegelsteine die Treppe hinauf stieg, war der Wettkampf vorbei. So krass war ich nicht. Da hatte mich doch tatsächlich eine Neunjährige im Steineschleppen geschlagen.

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Bald ging es ans Stapeln. Monoton nahm ich Stein um Stein vom Haufen und legte sie den Leuten, die die Steine stapelten, zu Füßen. Es war einfach und doch machte es mir Spaß mich körperlich zu betätigen. Innerhalb anderthalb Stunden war der Haufen weg und ein fein gestapelter Stapel stand nun da. Alle waren happy, die Leute bedankten sich bei mir und ich bekam sogar eine Gratis-Süßigkeit und einen Chai, den alle in der fleißigen Bauarbeiter-Gruppe genüsslich ausschlürften. Das war eine richtig gute Aktion!


Es war Abend geworden und ich wanderte zurück ins Tal, zum Markt. Alle waren weg, nur der Müll, der ganzen Plastikverpackungen war noch da, wurde vom Wind erfasst und weit in die Felder getragen. Kühe kauten auf Plastiktüten herum. Tatsächlich schaffen die Dörfler durch diesen Markt selbst mehr Abfall als die Party-Touristen.

Welch Doppelmoral. Sich über diese zu beschweren, aber selbst nicht besser sein. Ich schoss Fotos, filmte ein wenig und fühlte mich auf der Stelle produktiv die Missstände im Dorf dokumentiert zu haben. Das konnte ich als brauchbares Material meiner Chefin zeigen. All das tat ich allein, ohne das mich jemand anleitete. Auf dem Rückweg zur Hütte wurde mir dann klar, dass schlechte Momente meist dann vorbeigehen, wenn man selbst Initiative ergreift. Der Tag war sehr gelungen, basierend auf MEINEN eigenen Entscheidungen und Taten.

Wenn dich Leute behindern und du nicht das hinbekommst was du unbedingt willst, dann schieß die Leute ab und mach dein Ding. Du bist deines eigenes Glückes Schmied. Nicht die anderen. Meckern und ausharren bringt nichts.

 

Mit diesem neuerworbenen Wissen ging ich in die Nacht, legte mich auf ein großes Felsplateau, schaute in die Dunkelheit und sah Stern um Stern sich ins Himmelszelt einreihen. Der Nachhimmel funkelte silbern im Licht der Himmelsgestirne. Ich verzog die Mundwinkel zu einem Schmunzeln, als mir aufging, dass gerade keiner wusste wo ich war. Vielleicht standen gerade einige Kinder vor der verschlossenen Hütte, doch mir was das in diesem Moment egal. Meine Zeit war jetzt gekommen. Ich ließ meine Musik laufen, schaute glücklich Richtung Osten, zwischen zwei Berggiganten hindurch, wo verschwommen die Lichter des 100 Kilometer entfernten Visakhapatnam blitzten, lehnte mich zurück, blickte hoch zu Äonen von kleinen Lichtern und freute mich das allererste Mal seit einer Woche auf den nächsten Tag…