Die Wurmjagd – Dallapalli 5.0 – Teil 4

„Ich muss wohl verrückt geworden sein“, denke ich mir, während ich mit fünf Jungs im Kreis um die Kamera auf ihrem Stativ tanze. Könnte ich vergleichen, so sähe, besäße man reichlich viel an Fantasie, die ganze Aktion einer Art indianischer Regentanz ums große Feuer ähnlich.

Gleichwohl wir uns nicht auf Regen freuen, sondern auf eine erfolgreiche Jagd, den Würmern in Bäumen auf der Spur.

Ganz richtig gehört: Wir wollen heute Würmer jagen. Und darüber bin ich, für meinen Teil ziemlich glücklich, denn das ist eine Aktion, die tatsächlich mal von Anfang an geplant ist. Etwas völlig Neues im Dallapalli des Ungeplanten. Ganz überraschend saß ich heute mit Bonji beim Morgentee, fragte ihn, in einem letzten Aufbäumen meiner mir vorhandenen Kräfte, das gefühlt zwanzigste Mal, ob wir heute denn nicht etwas unternehmen könnten  und just entschied er sich dazu ja zu sagen. Ich bekam große Augen, als fünf Jungs ins Zimmer kamen, meine Kamera nahmen und losmarschieren wollten!

Gerade so konnte ich noch einlenken, schließlich war mein Kamera-Akku nahezu leer und musste erstmal aufgeladen werden, was gut eine dreiviertel Stunde hätte dauern können, aber dazu waren die Kinder viel aufgeregt und fahrig. Gespannt wie ein Flitzebogen und mit den Hufen scharrend, standen sie vor der Aufladestation, jede Sekunde sicher, dass der Akku jetzt einfach voll sein musste. Aus Langeweile begann Rohit, der älteste Junge und heutiger Anführer unserer Jagdgemeinschaft, wie ein Panther im Käfig, um die Kamera zu wandeln und da stieg ich prompt mit ein. Als dann noch Musik erklang, war der „Camera-Circle-Dance“ erfunden.

Bald jedoch erlischt unser Eifer und Simhadree, Bonjibabus fünfjärhiger Sprössling, kann sich nicht mehr länger halten und will mich aus den Raum ziehen. Also ergreife ich die Gelegenheit beim Schopfe, denn ich will ja auch nicht das die Moral der Kinder in den Keller wandert. Folglich schnappe ich mir meine halbaufgeladene Kamera, aus den nun passierenden Ereignissen soll schließlich die Fortsetzung des Krabbenjagd-Films entstehen und wandere, umringt von fünf Kindern, los.

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Bewaffnet mit Axt und Brechstange scheinen diese genau zu wissen was zu tun ist. Erneut geht es in die Natur, alle scheinen Freude zu haben und sind anscheinend sehr glücklich über meine Anwesenheit, wollen sie doch unbedingt gefilmt und fotografiert werden. Rohit, ist der mit den besten Englisch-Kenntnissen, was bedeutet, dass er ungefähr 10 Wörter kennt, damit den anderen aber weit voraus ist. Simhadree beispielsweise versteht scheinbar gar nicht, dass ich nicht Telugu spreche, hält er doch einen ewigen Monolog, der wohl an mich gerichtet ist. Ich kann dazu nur fragend nicken, doch das reicht ihm auch schon.

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Simhadree

 

Bald erreichen wir unser Ziel. Wir halten vor einem großen Feld voller kleiner Dattelpalmen, Rohit packt die Axt und haut eine breite Kerbe in die Rinde einer Palme. Nicht lange und der halbe Baum ist durch. Beherzt drückt er den Strauch zu Boden, holt das Fruchtfleisch der Palme hervor und streckt es mir entgegen.

„Eat!“

„Eat?“

„Yes!“

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Mit spitzer Zunge probiere ich das Palmen-Innere und bin überrascht, dass es halbwegs nach etwas schmeckt. Es ist nicht so, dass es übertrieben lecker wäre, aber unappetitlich ist es auch nicht. So kauen bald alle unserer kleinen Gemeinschaft fröhlich auf dem Baum herum, währenddessen unserer Axt-Beauftragter Rohit weiter wild auf die Palmen einschlägt.

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Schließlich haben wir unsere eigentliche Beute noch nicht gefunden. In den Dattelpalmen sollen nämlich diese ganz speziellen Würmer, die in der Sprache der Ureinwohner „Ethabodingi“ genannt werden, leben. Mutig fasst er in den Stumpf des Strauchs, pult eine Weile darin herum, findet nichts und hackt den nächsten Baum klein. Unterdessen bemerke ich wie mein Kameraakku unaufhaltsam den Geist aufgibt. Als jäh ein lauter Freudenschrei ertönt und alle euphorisch beginnen zu jubeln, erlischt das Licht des Fotoapparats komplett.

Treffer! Wir haben einen Wurm gefunden! Er sieht aus wie eine fette Made, ist scheinbar gut bei Futter und leistet ziemlich unmotiviert Wiederstand. Im Nu fördern die Jungs einen zweiten und einen dritten ans Tageslicht und suchen frohgemut nach dem vierten im Bunde. Energisch fordern sie mich auf alles haargenau zu dokumentieren. Das geht leider nicht mehr.IMG_20180322_133857450_HDR

„Battery charge“, versuche ich ihnen zu erklären. Keiner versteht es so wirklich und so wird unaufhörlich nach weiteren Fotos verlangt. Zum Glück habe ich noch mein Handy, dass für diese Zwecke gerade noch so ausreicht, denn auch dieses Gerät hat seinen Lebensabend bereits überschritten.

Irgendwann versteht es unser Ältester, dass ich nicht mehr in der Lage bin Fotos zu machen, erklärt es den anderen und so beginnt bald unsere Rückreise. Die Würmer werden eingepackt, die Axt auf die Schulter geschwungen und auf geht´s. Die kleinen Viecher sollen nachher gebraten werden, sind sie anscheinend eine hervorragende Eiweißquelle, für die Menschen hier.

Hier ist übrigens der fertige Film, den ich, eine Woche nach meinen Dallapalli-Trip fertig geschnitten habe. 🙂

Doch vorerst bemerke ich eine schleichende Mittagsmüdigkeit, die sich bei mir breit macht, sodass ich beschließe die „Ethabodingis“ später mit den Kindern zu braten. Jetzt hätte ich doch gerne für zwei Stunden meine Ruhe. Das funktioniert ganze 10 Minuten. Dann stehen die Kinder auf der Matte.

Mit Hilfe von Zeichensprache verdeutliche ich ihnen, dass ich schlafen möchte und sie bald wieder kommen sollen, drücke die Tür zu und genieße weitere fünfzehn Minuten der Stille , ehe sie wieder laut aufgestoßen wird. Ich drehe mich zur Wand und versuche zu schlafen, höre aber das Wispern und Flüstern der Kinder, die irgendwas auszuhecken scheinen. Bald legt sich jemand neben mich und tut so, als würde er schlafen, im Angesicht eines penetranten Fakes-Schnarchens. Ich versuche es mit der ignoranten Taktik und beachte den Körper neben mir nicht länger. Insgeheim aber entwerfe ich einen Schlachtplan, gleich aufzustehen und schnell woanders hin zu laufen, sodass die Kinder mich nicht mehr finden. Bald fühle ich mich genug erholt, stehe auf und stelle fest, dass die beiden Körper neben mir eingeschlafen sind. Das erweicht irgendwie mein Herz. Es ist so süß zu sehen, wie vertraut die beiden zu mir sind und verwerfe prompt meinen Plan. Ich beschließe Mittag zu essen, gebe einem gerade Erwachenden auch etwas und versuche mich daran Tee für alle zu machen. Leider ist dem Haus der Zucker ausgegangen, sodass mein Versuch, da sind Rohit und ich uns einig, als wir ihn probieren, furchtbar schmeckt.  Stattdessen verteile ich, zur Feier des Tages, Mangosaft, den ich auf dem Markt erworben habe und blicke in strahlende Gesichter.

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Im Gegenzug braten die Jungs unsere Würmer, ich probiere einen ganz kleinen Teil, bringe es aber nicht ums halbe Vegetarier-Herz mehr zu essen. Mehr für meine kleinen Freunde.

„Leo, Games?“ fragt einer.

„Yes! Games!“ sage ich begeistert. War ich vorgestern und gestern noch total unmotiviert, so ist jetzt meine Spielfreude, durch diese Kleinigkeit, dass die Jungs an meiner Seite eingeschlafen sind, wieder entbrannt. Ich habe die letzten Tage nur allzu oft vergessen wie lieb ich die Jungs doch eigentlich habe und wie sehr sie an mir hängen. Ich zeige ihnen, wie man Filme mit der Kamera aufnehmen kann und fühle mich so wie am ersten Tag. Gegen Abend verabschieden sich die Kinder, nur Bonjis Sohn bleibt noch da, während ich mich mit seinem Vater gut unterhalte. Ich versuche mich an einigen Telugu-Wörtern, während sich Bonji alle Mühe gibt „gute Nacht“ auszusprechen. Deutsch liegt ihm aber nicht so. Wir versprechen uns morgen einen kleinen Telugu-Englisch-Deutsch-Kurs durchzuführen und verabschieden einander in eine gute Nacht.

Kommt jetzt noch mal ein Aufschwung? Schaffe ich es jetzt doch noch eine Woche auszuhalten, wo wir jetzt langsam damit beginnen die Aktionen zu machen, die mir aufgetragen wurden? Davon bin an diesem Abend fest überzeugt, werde aber am nächsten Morgen früh vom Gegenteil überzeugt. Dies wird der letzte halbe Tag sein, den ich in Dallapalli verbringen werde. Dann geht es zurück. Wirklich fassen kann ich diese Neuigkeit nicht, bin für meinen Teil wirklich deprimiert, dass ich mich nicht darauf vorbereiten konnte zu gehen. So viel wieder einmal zur indischen Spontanität.

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Doch als sich der Vormittag wieder beginnt in die Länge zu ziehen, nur die Tiere irgendwas Verrücktes machen, Bonji irgendwo und nirgendwo zu finden ist, muss ich einsehen, dass der letzte Tag die Ausnahme war. Es wird kein Aufschwung kommen. Klar ist es schade nicht mehr ein letztes Mal der Volleyball-Crew bei ihrem Spiel zuzuschauen, keinen aufmunternden Tee mehr zu bekommen und nicht mehr am Abgrund des Berges zu sitzen, doch all dies kommt mir nur jetzt wieder wunderschön vor, wo ich bald die Heimreise antreten muss.

 

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Man will immer das, was man nicht hat, leuchtet mir ein und steige gegen Nachmittag mit einem Lächeln in ein Riksha, winke den hinter uns her laufenden Kindern zu und bin ziemlich erleichtert, als Dallapalli, das friedliche Bergdorf, hinter einer Biegung verschwindet. Ich will nochmal hierher! So schnell aber, bringt mich nichts wieder zurück…