Vom ersten Regen

Zäh verfließt die Zeit in der Mittagshitze, zäh streckt sich der Tag dahin. Unerbittlich schickt die Sonne ihre heißen Strahlen gen Erde und brennt auf die hernieder die es wagen vor die Türe zu treten. Draußen flimmert die Welt im heißem Atem der Welt. Die braunen Straßen sind wie leergefegt, außer dem fernen Ruf des Muezzins herrscht abwartende Stille. Alles fiebert irgendetwas entgegen, von dem keiner weiß, was es ist.

Wie erschlagen, wie ermattet, liegen wir im Zimmer, der Ventilator rattert und rattert und schafft es dennoch nicht der Schwüle Einhalt zu gebieten. Träge räkele ich mich auf den lauwarmen Fließen, im Begriff gähnend einen Mittagsschlaf zu beginnen. Was wäre dagegen einzuwenden? Was würde ich schon verpassen? Die Augen schließen sich, der Geist lauscht den Geräuschen um mich herum, hört das Rauschen der großen Flügelräder, das gleichsame Atmen meiner Mitmenschen…

Doch was ist das dieses andere Geräusch, dass immer mehr an Volumen gewinnt, mir so vertraut ist und doch nicht.  Je mehr ich darauf achte, desto mehr fällt mir auf wie der Geruch der trägen, heißen Luft sich zu ändern scheint, keinesfalls mehr einschläfernd ist, sondern…wachrüttelnd.

Eine schlaftrunkene Ewigkeit vergeht, ehe das dumpfe Geräusch lauter wird und ich plötzlich verstehe…begreife was es bedeutet.

Ich schlage die Augen auf. Laufe zum Fenster. Was ich sehe, lässt meine Müdigkeit verblassen, gar verschwinden. Ein breites Lächeln durchzieht mein Gesicht, ich stürze begeistert aus dem Zimmer, hinaus auf den Balkon. Drüben, gegenüber vom Office treten die Mitarbeiter der Autofabrik ebenfalls jubelnd ins Freie und recken voller Freude die Hände gen Himmel. Ich schließe die Augen, atme tief die gewitterschwere, kühle Luft ein und renne zurück ins Zimmer.

„Es regnet! Verdammt, es regnet!“ rufe ich. Eine dösende Toni schreckt auf, schaut aus dem Fenster und kann es für den ersten Moment kaum fassen. Dann flitzen wir gemeinsam die Treppe hinunter aus der Tür hinaus, hinein in den warmen Sommerregen. Wir recken unsere Nasen steil gen Himmel und fühlen die nassen Tropfen auf unserer Haut. Wir schauen uns an und lachen ausgelassen wie kleine Kinder am Weihnachtsabend.

Es hat seit mehr als vier Monaten nicht mehr geregnet. Seit dieser Zeit war es trocken und heiß und gefühlt jede Woche sehnten wir uns nach dieser Art von Abkühlung, die nicht kam.

Nun ist sie da und ehrlich; ich hätte nie geglaubt, wie sehr ich mich über Regen freuen würde.

Da stehe ich nun, im indischen Niederschlag, die Haare nass, die Klamotten feucht und rieche…Heimat. Diese Luft, wenn man nach dem Regen durch einen dichten Wald spaziert. Alles ist klar, der Schmutz und alles weg muss, fließt in Rinnsalen dahin. Toni rennt, zusammen mit Roja, unserer begeisterten Haushältern, die Straße entlang, beide triefen, als sie zurückkommen, doch wirken beide so glücklich..

 

„Nochmal! Nochmal rennen! Ich will nochmal!“ gluckst Roja.

„Okay! Let´s go!“ ruft Toni und nochmals sausen sie die Straße entlang. Sie im Regen. Ein wunderschönes Bild.

 

„Bitte, bitte! Nochmal“ verlangt unser junges indisches Nesthäkchen.

„Roja, es hat aufgehört zu regnen“

„Komm, Leo! Nochmal!“

„Roja. Rain finished…“

„Oh.”

Ganz versunken in ihrer eigenen Euphorie hatte sie nicht bemerkt, wie die Tropfen sich in Tröpfchen verwandelt hatten und schlussendlich ganz verflogen.

Der erste Regen war vorüber

Was blieb war der Geruch der Heimat und das Gefühl von Glück…