Von hampianischen Weltenbummlern und heißen Steinen

Mit einem Ruck setzt sich alles in Bewegung. Ich stehe in der offenen Tür und schaue hinaus. Der Zug wird schneller, der Bahnhof verschwindet langsam in der Ferne. Wie eine träge Schlange, die durch die unendliche Weite der Landschaft gleitet, fährt er dahin, der Boden unter mir jagt vorbei und für einige Sekunden recke ich den Kopf noch weiter in den Wind.

Ich lehne mich ein kleines Stück mehr aus der fahrenden Schlange und genieße die Freiheit des Augenblicks und die klare Regenluft. Es ist bereits dunkel, Blitze zucken lautlos über den Nachhimmel und lassen Hyderabad, fernab des Zuges, wie eine Stadt aus der Apokalypse erscheinen.

Vielleicht ist sie das tatsächlich. Die letzten drei Tage haben die Menschen für eine erfolgreiche Regenzeit gebetet, haben die Straßen mit ihren Mantras und Gebeten erschallen lassen und nun schien es tatsächlich göttlicher Wille zu sein, dass der Himmel über uns explodierte. Es schüttete in Strömen, Blitze krachten mit lauten Getöse hernieder und für kurze Zeit brachte das Unwetter die Stadt zum Erliegen. Stromausfälle jagten durch die Viertel und ließen uns im Dunklen zurück, während die wenigen verbliebenen Kerzen etwas Licht ins Ungewisse brachten.

Perfekter Moment, um auf Reisen zu gehen!

Ein drittes Mal nun verschlägt es mich nach Hampi, der uralten Tempelstadt und Pilgerort für den ein oder anderen Hippie der neuen Generation. Damals Residenz der Könige, nun Zentrum für Reisende aus aller Welt.

Da stehe ich nun Türrahmen und bin gespannt der Dinge, die da, für dieses Wochenende, vor mir liegen. Was ist aus Hampi in den letzten Monaten geworden? Damals, kurz vor Weihnachten, war die halbe Stadt von allen guten Geistern verlassen. Die Regierung war angerückt und hatte ihren Teil dazu beigetragen, dass die hampianischen Händler das Weite suchen mussten. Die eine Seite, getrennt von der anderen, durch einen Fluss, war nicht mehr das, was sie zu ihrer Glanzzeit einmal gewesen sein mochte, tummelten sich bei meinem ersten Besuch noch viele ausgelassene Händler auf den Straßen, stets mit ihrem Lieblingsmotto auf den Lippen:“ Don´t worry, be Hampi!“


Über dieser Frage dämmere ich, zurück am meinem Platz, weg und erwache am nächsten Morgen mit einem kleinen Geschenk auf meiner Pritsche. Die Inder neben mir, haben mir Frühstück gebracht, hatten wir uns doch am Abend kurz kennengelernt und unsere Freundschaft durch ein Selfie besiegelt. So steht man gerne auf. Ich bedanke mich herzlich bei den Leuten, die mich daraufhin auf einen netten Plausch einladen, fröhlich von ihren Abenteuern erzählen und glücklich darüber sind, dass ich ihnen auch meine Geschichte kundtue.

Wenig später, müssen Toni und ich in Hospet aussteigen, ich schüttle zum Abschied ein paar Hände und sehe zu, wie das riesige zugähnliche Ungetüm, der „Indian Railways“ von dannen zieht.

Bevor wir nach Hampi gehen, wollen wir unsere Freunde von Sakhi-Trust, unserer Partnerorganisation, wiedersehen und bald darauf erspähen wir eine fröhliche Helen auf einem Fahrrad auf uns zu fahren. So normal diese Situation auch wirkt, wir Beide aus der Großstadt stauen nicht schlecht über die Tatsache, dass man im kleinen gemütlichen Hospet Fahrradfahren kann. Im verkehrs-unübersichtlichen Hyderabad wäre das kaum denkbar. Auch wir bekommen zwei alte gebrechliche Räder und zusammen fahren wir durch die heiße indische Mittagshitze. Egal, wie kaputt meines auch immer sein mag, das Gefühl zu fahren ist unbeschreiblich schön. Es ist so, als grabe man einen alten, längst vergessenen Schatz wieder aus, der einem vor langer Zeit viel bedeutet hat. Erst glaube ich, verlernt zu haben, wie man in die Pedalen tritt, doch Fahrradfahren verlernt man nie! So radeln wir durch kleine grüne Nebenstraßen, den kühlen Fahrtwind auf der Haut und die Sonne im Rücken, sehen grunzende Straßenschweine, die sich im Dreck suhlen und bunter Schmetterlinge, die sich auf den bunten, blühenden Blumen der Kleinstadt niederlassen. Schön haben es die Sakhi-Mädels!

Bald brechen wir auf und als ich die ersten Tempelanlangen an uns vorbeiziehen sehe, setze ich mich aufrecht hin, ganz gespannt auf das was uns erwartet. Hampi erscheint im Abendlicht vor uns, ich sehe kleine, diebische Affen durch die antiken Mauen hüpfen und als wir durch die kleinen gemütlichen Gassen schlendern, wird mir ganz warm ums Herz, als ich bemerke das Hampi immer noch das Gleiche Hampi ist.

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Es ist nicht viel los, die Hauptsaison ist vorbei und trotzdem sieht man einige spannende Menschen in den Cafes sitzen. Entweder sehen sie nach Neuzeit-Hippie, Hipster, oder Weltreisender aus, so verrückt tragen sie ihre Dreadlocks, Backpacks, oder rauchen ihre Joints.

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Wir wollen auf die andere Seite des Flusses, um nach einem Hostel Ausschau zu halten, doch die Fähre, die uns auf diese Seite bringen könnte, verlangt zu viel Geld. Helen, als halbe Einheimische, weiß jedoch um eine Alternative. An einer Stelle des Stroms ist das Wasser nur hüfthoch, sodass wir uns entscheiden, durch das Nass zu waten. Von dieser Idee angelockt, stößt ein Paar zu uns, das nach kurzer Feststellung ebenfalls deutsch ist, aus Heidelberg stammt und für ein paar Monate durch Indien reist. Vor einigen Jahren, hatte das Mädchen auch einen Freiwilligendienst in Südafrika absolviert.

Zusammen marschieren wir durch den Fluss, sind danach zu Hälfte platschnass und bei mir wird es in der Tat einige Stunden dauern, bis meine Jeans wieder halbwegs trocken ist.

Bevor wir uns auf die Suche nach einer Bleibe für eine Nacht aufmachen, entscheiden wir uns den Sonnenuntergang anzuschauen, steigen auf die zerklüfteten Bergriesen und lassen uns auf einem Felsen, der tief abfällt, nieder. Von aus, blicken wir bis zum Horizont, weit über saftig grüne Reisfelder und altertümliche Tempel hinweg. Wir erzählen unsere Geschichten und Abenteuer und Helen und ich bemerken, dass bereits verdammt viel seit September bis heute passiert ist. Beinahe melancholisch erzählen wir davon, wie viel Zeit uns noch bleibt, was in der Tat gar nicht mehr so lang ist.

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Nebenbei höre ich Schnipsel von anderen Gesprächen, einige Felsen weiter. Auch diese Menschen sind deutsch und tatsächlich ist es ziemlich komisch die Leute und ihre Worte zu verstehen. Sonst ist das ja nicht so typisch.

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„Ich habe die übelste Magenverstimmung seit drei Tagen“, höre ich es beispielsweise rumoren.

„Ach, da sagst du was! Bei mir ist das seit drei Wochen schon so. Sage mal, bist du auch so stoned wie ich?“

„Höhö, ja!“

Danke, für zu viel Information.

Während die Sonne hinab steigt, kommt mir der Gedanke Hampi neu zu erleben. So war ich die letzten beiden Male überzeugt, Hampi würde aus dem Geist der Einheimischen und ihrem Motto weiterleben. Doch erst durch die Menschen aus aller Welt und deren Geschichten, die sie hier lassen, entsteht erst dieser Spirit.

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Die Sonne versinkt tiefrot am flimmernden Horizont und wir begegnen einen weiteren Weltenbummler. Seit anderthalb Jahren ist dieser unterwegs, war schon hier und da und hat in Hampi für einen Monat Halt gemacht, um an seinem Buch über seine Reisen weiterzuschreiben. Hier könne man noch die Seele baumeln lassen. Wir finden uns sympathisch und lassen zu sechst den Tag in einem der kleinen niedlichen Restaurants ausklingen.

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Es wird über Indien, Südafrika und viele andere Länder geredet, es entstehen angeregte und lustige Diskussionen über NGO`s, Weltenbummler und Neuhippies währenddessen es immer später wird und der Restaurantbesitzer uns irgendwann demonstrativ die Quittung auf den Tisch legt. Er will jetzt auch Feierabend machen, so sehr er sich auch bemüht entspannt zu bleiben.

Wir tun wie uns geheißen und schlendern gemeinsam noch ein letztes Stück des Weges.

Dieses Aufeinanderstoßen unterschiedlicher Altersgruppen, wir 19, das Paar 25 und der Weltreisende 33 war irgendwie ganz besonders. Im Endeffekt waren es die unterschiedlichen Lebenserfahrungen und das erste Mal, dass wir wieder mit älteren Leuten von daheim, geredet haben, die den Abend so interessant gestalteten.

Später liege ich in der Hängematte vor unserer kleinen Hütte (ein großes Bett ist im Übrigen das einzige Möbelstück im sonst kahlen Raum) und fühle mich klein. Vorher waren wir immer mit Gleichaltrigen zusammen und dieser Clash, hat mir wieder vor Augen geführt welchen Weg ich noch vor mir habe und dass die Welt nicht komplett uns Jungspunden gehört, sondern auch denen, die ihre Jugend beinahe hinter sich gelassen haben. Und das ist auch gut so.

Am nächsten Morgen marschieren wir aus dem Epizentrum Hampis hinaus. Wir wollen einen Felsen besteigen, auf dem ein Tempel des hinduistischen Affengotts Hanuman, seit mehr als 2000 Jahren den Gezeiten trotzt. Dort angekommen, warten knapp 600 Stufen auf uns, die steil in die Felswand eingelassen sind, doch wir lassen uns nicht unterkriegen und beginnen den Aufstieg. Nach zehn Minuten schnaufen wir heftig und der Schweiß läuft, im Angesicht der brennenden Sonne über uns, in Strömen an uns herab. Wie es die Menschen vor so langer Zeit geschafft haben, so hoch zu bauen, ist mir ein Rätsel, doch bald überwinden wir die letzten uns hindernden Stufen und finden uns auf einem großen Felsplateau wieder. Ein kleiner Tempel steht dort, kaum der Rede wert, denn das eigentliche Highlight ist die Aussicht.

Kilometerlang erstrecken sich die zerborstenen, zerklüfteten Felsformationen und Berge, die von hier aus wie kleine Hügel wirken.

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„Es wirkt so, als wäre ein Riese hier vorbei gekommen, hätte die Berge gesehen und einmal kräftig mit seiner Faust dagegen geschlagen“, meint Toni, im Angesicht der aus übereinander gewürfelten Felsenberge, die wie Haufen zusammenhangsloser Lego-Steine aussehen.

„Ein ziemlich großer Riese“, bestätige ich, will schon zum Fotografieren ansetzen, doch komme einfach nicht in eine ruhige Position. Ganz am Anfang, mussten wir aus Respekt vor der göttlichen Präsenz, unsere Schuhe ausziehen. An sich kein Problem, doch der steinige Boden, hat sich bei gut 45 Grad in der Sonne stark aufgeheizt. Es ist so, als würde man über brennende Kohlen laufen. So macht Fotografieren echt keinen Spaß und so hüpfe ich mit einem „Heiß, heiß, heiß!“ auf den Lippen auf den Zehenspitzen durch die Gegend und versuche zumindest ein paar gute Fotos zu schießen.

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„So macht das keinen Spaß“, beschließe ich, begutachte im letztem fixem Blick die Miniaturwelt dort unten und beginne, zusammen mit Helen und Toni den Abstieg. Welch eine Wonne, wieder Schuhe anzuziehen!

Die heißen Steine, sollen mir noch übel zusetzen, denn als es gegen Abend, wieder über den Fluss gehen soll und wir uns wieder dazu entscheiden hindurch zu waten, kommt mir die Idee meine Hose auszuziehen, damit die nicht wieder total nass wird. Demzufolge muss ich erst meine FlipFlops ablegen. Der Boden brennt unter mir, ich tipple, wohlbemerkt in Unterhose, wild hin und her und kriege so die Hose nicht vernünftig in meinen Rucksack gestopft.

Da hilft nur eins! Ich gehe mit den Füßen ins Wasser und versuche, den Rucksack, der gerade noch so am Land steht, zu verpacken und zu verschließen. Doch oh weh, er kippt zur Seite hin weg, ich mache einen Ausfallschritt um ihn zu erwischen, habe aber nicht damit gerechnet, dass der Steinboden unter Wasser relativ rutschig ist, rudere wild mit den Armen und gebe somit dem offenen Rucksack eine Stoß zum Wasser hin. Die Hose kullert heraus, ebenso wie mein Handy und mein Geldbeutel. Das Smartphone versinkt sofort auf dreißig Zentimeter Tiefe, meinen Portomaie kriege ich gerade noch so zu fassen und schleudere es auf den Stein zurück, ehe auch ich ins Wasser falle. Toni und Helen, retten den Rucksack vom Ertrinken, während ich nach dem Handy greife, es zu ihnen herüber werfe und einen meiner FlipFlops hinterherpaddle. Wenig später stehe ich triefnass am Rand und muss einsehen, dass diese Aktion mir vollkommen misslungen ist. Die Hose ist genauso nass, als wäre ich mit ihr durch die Fluten gewatet.

„Oh, oh. Ich glaube dein Handy spinnt“ flüstert Helen.

In der Tat, das ertrunkene Gerät gibt den Geist auf, den Körper voll Wasser.

„Leg es nachher in Reis ein, vielleicht hilft es ja“, meint Toni.

Es wird nicht helfen. Vielleicht kam die Rettung zu spät, denn so schnell würde ich keinen trockenen Reis in die Hände bekommen. Die Zugfahrt zurück liegt es dick eingepackt in einem Handtuch, während Toni und ich die Freundlichkeit der Inder wieder zu spüren bekommen. Unsere Nachbarn teilen sich ihr Abendessen mit uns, ganz ohne irgendwelche Einwände, oder Zweifel. Uns wird sogar mehr angeboten, als dass wir essen können.

Ich muss mir alsbald ein neues Handy kaufen, denn nicht mehr lange und die nächste Reise, diesmal nach Nepal, wartet auf mich.

Fest steht: Trotz dieser Eskapaden will ich nach Hampi zurückkehren, will ich doch wieder diese neue Seite, das Kennenlernen von Leuten aus aller Welt, entdecken, um ihren Abenteuern und Geschichten lauschen….