Nepal

Teil 1

Die dicken weißen Wolken liegen schwer unter uns, bauschen sich auf, wie übereinander getürmte Wattehaufen. Das marode Flugzeug taucht tief hinab, hinein ins graue Nichts. Es schwankt gefährlich, währenddessen es weiter in die Tiefe rauscht und der Nebel des Grauens es verhindert, dass wir klar sehen können.

Dann brechen wir durch den Dunst und uns offenbart sich ein buntes Häusermeer, eingeschlossen durch eine gewaltige Bergkette, die weit über den Horizont hinausreicht. Wie Kathmandu aus dem Nichts vor uns auftaucht, so sehr erinnert es uns an das kolumbianische Medellin. Aus der Netflix-Serie „Narcos“ im Gedächtnis bleibend, liegt die damalige Heimat des Pablo Escobars, ebenso in einer zerklüfteten Bergschüssel im Angesicht abertausender Häuser da, wie die Hauptstadt Nepals, auf die wir Kurs halten.

Gespannt drücke ich meine Nase ans Fenster, sehe hunderte kleine Menschen auf den Straßen der nepalesischen Stadt durch die Gegend wuseln und stelle mit einigem Unbehagen fest, dass wir nur mit geringfügigem Abstand zum Boden über den dicht besiedelten Grund fliegen. Der Flughafen liegt direkt in der City und so offenbart sich bereits kurz vor der Landung Kathmandus wahres, eher schlichtes Gesicht. Als wir landen, überblicken wir über ein überschaubares Flughafengelände, mit beinahe baufälligen Gebäuden. Auch wird sich beim Durchlaufen des Ports zeigen, dass Kathmandu auf Dinge, wie den Duty-Free-Shop, verzichtet und dementsprechend einem auch ziemlich spartanisch ins Freie geleitet.

Ganz im Gegenteil zu den beiden Flughäfen der indischen Metropolen Hyderabad und Delhi, die mit ihrem Pomp und Protz, verteilt auf einem Areal von dutzenden Fußballfeldern, ja auf sich aufmerksam machen wollen.

Doch Kathmandu hat Charme und zeigt uns, nach den Passieren beider indischer Flughäfen, einen anderen Weg.

Nun steigen wir also aus, Lion und Ich, 2000 Kilometer entfernt von unserer indischen Heimat Hyderabad und atmen die frische, nepalesische Luft in unsere Lungen. Zwei Wochen wird Nepal unser neues Zuhause sein und bisher scheint es so, als würde ich dieses Land anfangen zu mögen.

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Woran denkt man, wenn man von Nepal hört? Was kommt einem sofort in den Sinn? Ich für meinen Teil habe vor der Reise an den Mount Everest, das Himalaya-Gebirge, Kaschmir-Pullover, Pudelmützen, Indien-Parallelität, Yaks und Rückstand gedacht und werde, kurz nach dem Eintreten in diese neue Welt, so wie es meistens mit Klischees bestimmt ist, eines Besserem belehrt.

So ist Kathmandu auf irgendeine Weise eine kleine Miniatur-Version indischer Städte, Autos und Motorräder heizen chaotisch die Straßen, dichter Staub liegt in der Luft und am Rand der Straße sehen wir kleine Obsthändlerstände, die beherzt Bananen feilbieten.

Dennoch fallen mir sofort, währenddessen wir von einem Taxi in unser Hotel gebracht werden, viele andere Details auf, die ich mit meiner bisherigen Gedankenwelt Indiens nicht vereinen kann. So ist diese nepalesische Stadt zwar indisch, aber irgendwie auch europäisch und asiatisch gezeichnet. Die Einheimischen haben dieses ost-asiatische Gesicht und tragen Mundschutz, wie die Chinesen es in ihren smogverhangenen Mega-Städten tun.

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Was aber besonders uns auffällt, die wir aus einer stark muslimisch und hinduistisch geprägten indischen Metropole kommen, ist der Kleidungsstil.

In Hyderabad und den meisten anderen Städten ist körperbetonende Kleidung, rar gesäht. Frauen tragen entweder die traditionelle Sari, Burka, oder weite Kleidung, die jegliche Form von Proportionen kaum erkennen lässt. Ein Highlight, insbesondere für unsere Mädels, ist es, wenn sie sich dazu entscheiden Jeans zu tragen. So wirkt die normale Jeans auf uns schon ziieeeemlich gewagt.

Kathmandu jedoch zeigt seine Frauen. Jeans, Tops, High Heels, Sommerkleider, enganliegende Kurtas; all das lässt mich auf den ersten Blick völlig baff aus dem Fenster schauen. Erst weiß ich nicht, was genau mich an dieser Sache so fasziniert (es lässt sich natürlich nicht abstreiten, dass ich als Junge Mädchen ganz gut finde), bis ich begreife, dass ich genauso viele Frauen wie Männer auf den Straßen sehe, die alle, in ihren verschiedenen Outfits, fröhlich und selbstsicher wirken. Das gibt es in den Teilen von Indien, wo ich bisher war, nicht, ist der Mann doch immer noch meistens klar derjenige der über die Frau bestimmt und nicht anders.

Zudem, ich werde mir im Laufe der Tage die Demographie-Kurve beider Länder betrachten, ist es tatsächlich so, dass es insbesondere bei jungen Leuten in Indien weniger Mädchen gibt. In Nepal ist der Graph beim Geschlechter-Verhältnis gleich und irgendwie lässt sich das schnell bemerken, war man sieben Monate in einem Land wo es nicht so war. In Indien dominieren die Männer die Straßen.

Und irgendwie, es ist schwer zu erklären wie ich zu diesem Gedanken komme, wirken die Einwohner Kathmandus glücklicher, sei es durch eben jene, von uns gesehene Gleichberechtigung und Emanzipation. Ja, gar wirkt die junge Bevölkerung Nepals leicht rebellisch, sehen wir GEFÄRBTE (!!!) Haare, motoradfahrende Frauen und Löcher in den Hosen. Und nein, die Löcher sind aus Stil- und nicht etwa aus Armutsgründen.

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Dennoch sind sie vorbildlich und tragen, so fahren sie auf ihrem Motorrad, einen Helm. Das sieht man in Indien eher weniger.

Da Nepal ein Staat ist, der alleine kaum Stand fassen kann, wird sowohl von indischer, als auch chinesischer Seite versucht, dem Land zu helfen, wodurch beide Kultureinflüsse möglicherweise zu erklären sind. Einige geflüchtete Tibeter leben hier, die sich dem Griff der chinesischen Regierung entziehen wollen und so ist auch Nepal, dass sich nicht so wie Tibet annektieren lassen will, durch China bedroht. Auch mit Indien scheint es etwas zu krieseln, denn trotz geographisch gleicher Zeitzone, distanziert sich Nepal ausdrücklich von seinem großen Nachbarn. Überschreitet man also die Grenze, so gibt es eine politische Zeitverschiebung von 15 Minuten. Ist es in Hyderabad beispielsweise 12:00 Uhr, so befindet man sich Nepal bereits in der frühen Zukunft. Das wäre aber auch ohne diese viertelstündliche Vorverlegung der Fall, denn hier schreibt man bereits das Jahr 2074. Der nepalesische Kalender ist dem christlichen nämlich 56,7 Jahre voraus. Er beginnt 56 Jahre vor der Geburt Jesu zur Ehrung eines Königs, der einen anderen König in der Schlacht besiegt hatte.

In dem Sinne: Herzlich willkommen in der Zukunft! Ist echt schön hier.

Nach dem Einchecken ins Hotel, einer Überprüfung der Gegend und einer ersten Nacht in einem weichen Bett (welch abwechslungsreiches Unikat im Vergleich zur dünnen Matratze daheim), machen wir uns am nächsten Tag auf zum Affenbergtempel. Ein buddhistischer Ort, wie uns schnell klar wird, denn je näher wir dem Hügel kommen, desto mehr bunte Wimpel wehen im Wind. Aufgespannt von Haus zu Haus flattern sie wild, den weit entfernten Berghängen entgegen und färben das Viertel bunt. Auf jeder Fahne sind buddhistische Gebete geschrieben, die durch den Wind in die Welt hinausgetragen werden sollen, so dass sie alle erreichen. Ziemlich nett von den Leuten. Als wir die Treppen zum Tempel hinaufsteigen ( begleitet von unzähligen Touristen, da wir leider zur Hauptsaison nach Nepal geflogen sind), letztlich oben ankommen und über die Tempelanlage schauen, entspannt sich alles bei mir. Die unterschiedlich chinesisch aussehenden Fresken, die kleinen Glöckchen an der Wand und einige still betende Menschen, mit allen möglichen Outfits und Frisuren wirken auf mich deutlich tiefgehender und kraftvoller, was die die hinduistischen Riten bisher irgendwie nicht geschafft haben.

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Version 2

Hoch oben auf dem Berg, schweift unser Blick über die Stadt mit ihren kleinen, süßen, baufälligen Häusern. Keins ist besonders hoch, oder zeichnet sich durch filigrane Architektur auf, was unter anderem am schweren Erdbeben 2015 liegen mag, von dem sich die Menschen zwar gut erholt haben, doch trotz dessen können wir immer noch dessen Folgen an großen Steinhaufen, mitten von neu gebauten Häusern erkennen.

Zwischenzeitlich blitzt dann doch ein Teil der vorhanden Armut, anhand der grob zusammengezimmerten Wellblechhütten auf, die mitten in der Pampa stehen. Doch auch zu ihnen wehen die bunten Gebete der Wimpel hinüber und diese positive Energie scheint sich einfach in den Menschen widerzuspiegeln.

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Ich frage einen Händler, ob ich ein Bild von ihn machen könne, er stimmt zu und LÄCHELT in die Kamera.

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In Indien blicken die meisten, doch etwas streng in die Linse und es bedarf schon einiges an Zeit, bis es gelingt jemanden mit einem Lächeln zu fotografieren. Warum auch immer? Das hab ich mich schon öfter gefragt.

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Ich freue mich über des Händlers Positivität, welche mir in Zukunft noch oft in Nepal begegnen wird und strahle selbst den Menschen entgegen, ganz im positiv gestimmten Optimismus auf die kommende Zeit. Nepalesen wissen extrovertiert zu sein. Das werden wir wohl oder übel noch lernen….