Willkommen in der Zukunft

„Frag mich nach irgendeinem Land und ich sage dir die Hauptstadt“, nuschelt uns plötzlich ein merkwürdiger Typ von der Seite an. Seinen roten Augen nach zu urteilen, ist er nicht mehr ganz Herr seiner Sinne, aber nett scheint er trotzdem, auf seine eigene Art zu sein.“

„Ecuador“, versuche ich es.

„Quito“

„Australien“, schlägt Lion vor.

„Canberra..“

„Myanmar?“ ich versuche es schwierig zu machen.

„Naypyidaw, Mann. Das ist easy.

„Niederlande?“

„Amsterdam. Ey Leute, ich frage euch jetzt nicht nach Geld, oder so, kein Thema. Bestimmt würde ich das sicher für Drogen ausgeben, aber könnt ihr mir einen Gefallen tun?“ fragt unser kleines Genie und schwankt müde vor sich hin.

Die bunte Gasse, in der wir sind, ist gut gefüllt mit Touristen und Händlern, die Kaschmir-Schals und Buddha-Statuen verkaufen. Gerade eben haben wir einen großen hölzernen Schrein voller mit Nägel befestigter Münzen gesehen, eine Art Wunderbringer soll dieser sein. Hast du Zahnschmerzen und möchtest diese loswerden, schlage einfach eine Münze ins Holz und du bist sie los.

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Es ist nichts neues, dass wir im touristischem Viertel von Kathmandu von irgendwelchen Menschen angesprochen werden, die meisten wollen dir entweder Fiedeln oder Gras verkaufen, aber dieser hier ist irgendwie besonders.

„Klar, was willst du.“

„Könnt ihr mir Milch kaufen? Für mein kleines Kind? Mir vertrauen die Leute nicht. Die werfen mich immer raus“, sagt er und zeigt auf eines seiner leicht blau angeschwollenen Augen.

Lion und ich blicken uns irritiert an. Damit haben wir nicht gerechnet.

„Du willst, dass wir für dich Milch kaufen?

„Ja, folgt mir. Ich bringe euch zum Laden.“ Der bekiffte Mann schlurft los, wir schauen einander ängstlich an, aber folgen ihm behutsam. Wenn er denn nur Milch will, dann soll er sie haben. Kostet eh nicht viel. Er führt uns durch eine kleine Nebenstraße und hält dann vor einem kleinen unscheinbaren Supermarkt.

„Diese Babymilch“, er zeigt uns eine Super-Special-Sonder-Milch für Säuglinge und gibt sie mir in die Hand. Ich schaue auf den Preis.

„Was? 500 Rupien! Mann, das ist echt teuer!“ In Indien kostet eine Packung Milch ungefähr 40 Rupien ( erstaunlich, dass ich das mittlerweile schon auswendig weiß), umgerechnet 50 Cent. In Nepal würde diese rund 60 nepalesische Rupien kosten. Das hätte ich gut und gerne bezahlt, wäre es für uns nicht die Welt gewesen, aber 500?!

Klar, es wäre für uns immer noch gut erschwinglich, aber in der Proportion zum normalen Preis, ist das echt absurd.

Ich schaue Lion an und schüttle den Kopf. Der schüttelt zurück.

„Wir können dir eine normale Milch kaufen.“

„Die ist nicht gut für Kleinkinder.“

„In bestimmten Mengen nicht, das stimmt. Aber wir bezahlen dir nicht diese Spezialmilch.“

Er schaut uns mit flehenden, großen Augen an, doch wir werden nicht bezahlen, sagen ihm Lebewohl und verschwinden aus der kleinen Gasse. Er blickt noch eine Weile die Wand des Supermarkts an und schlurft dann in die entgegengesetzte Richtung davon…

Die ganze Geschichte wäre nicht ganz so interessant, würde uns einen Tag später nicht noch eine Person begegnen, die genau dasselbe will. Geld möchte sie nicht haben, nur diese Milch. Auch hier lehnen wir ab. Ist das eine irgendeine Masche? Verkaufen diese Menschen die Milch im Austausch für Drogen weiter? Wirklich verstanden haben wir dieses Problem nicht, doch halten wir unsere Drogen-Theorie gar nicht mal so abwegig.


Nepal hatte erst in den 1970er Jahren den Genuss von Drogen für illegal erklärt, nachdem viele Hippies der 69er Generation ins Land geströmt waren, doch heute noch, ist der völlige Verzicht von Rauschmitteln nicht völlig verboten. Bei buddhistischen und hinduistischen Riten, sowohl bei großen Feierlichkeiten ist es normal und anerkannt, dass die Menschen Gras rauchen dürfen.


Das wissen wir jedoch am Tag vor einem, oder DES wichtigsten Festes Nepals, noch nicht. Morgen (Stand 12. April) ist bei den Nepalesen Neujahr. Heißt, wir schreiben dann 2075. Was genau um Mitternacht des neuen Jahres passiert, wissen wir nicht? Lion schließt ein Feuerwerk zumindest schon mal aus, war er doch schon fünf Mal in Nepal und hätte nichts davon mitbekommen. Am ersten Tag des Jahres sollen irgendwo riesige Götzenbilder aufgestellt werden, wovon wir aber nichts mitbekommen werden, da wir den Weg zu dieser Aktion, am nächsten Tag nicht finden werden.

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Gegen Abend merken wir, wie überall Kerzen angezündet werden und in den Restaurants des Touristenviertels laute Party-Musik gespielt wird. Zudem laufen immer mehr Leute durch die Straßen, augenscheinlich Einheimische, die sich in aller bester Abendkleidung schick gemacht haben. Besonders die Mädchen, laufen in kurzen, glitzernden Kleidern, die wenig Spielraum für Interpretation lassen, durch die Gegend, tragen Stöckelschuhe und haben Tonnen von Make-up im Gesicht. Was ist hier los? Es wird immer gedrängter und lauter.

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„Heute passiert nicht viel. Leute gehen in Restaurants und das war´s“, meint der Mann an der Rezeption unseres Hotels, als ich ihn frage, ob heute noch was großes passiert.

„Hm, gut. Dann lass uns doch einfach, zur Feier des Tages, ein Bier holen und dann im Zimmer noch was machen“, meint Lion.

„Lass uns das tun“ stimme ich selig zu.

Im Supermarkt haben noch viele andere die Idee Bier zu kaufen und schon jetzt sehen wir einige Betrunkene.


Alkohol ist in Nepal grundsätzlich erlaubt und keineswegs so verpönt, wie in Hyderabad. Rauchen ist ebenfalls nicht verboten und es werden keine warnenden Schriften hinzugefügt, raucht, oder trinkt jemand auf der Leinwand im indischen Kino.


„Sage mal, passiert heute noch irgendwas?“ frage ich einen vorbeigehenden Passanten.

„Jooo, heute ist Neujahr!! Woher kommt ihr beiden denn?“

„Deutschland.“

„Boah, was?! Ich hasse euch voll! Ihr seid 2014 Weltmeister geworden! Ich war für Brasilien!

„Das tut mir lei…“

„Ach, scheiß drauf! By the way, wollt ihr was rauchen?“

„Ähh…nein..“

„Waas? Heute wird gefeiert. Ihr MÜSST einfach was rauchen! Kommt mal mit uns. Wir zeigen euch wie man lebt!“ ruft der etwas dickere Typ und legt seinen Arm um mich. Er riecht etwas nach Bier.

Genau!“ meint ein dünner, schlaksiger Bursche im Anzug. „Mädels, Bier und Paaartyyy!“ er klingt, als würde er in Zeitlupe reden. er schwankt gefährlich zur Seite. „It´s craaaazy!“

Lion und ich gucken uns an und müssen beide irgendwie grinsen. Diese Typen sind auf ihre Art und Weise irgendwie recht schräg, sehen sie doch eigentlich gar nicht aus, als wären sie die großen Partygänger. Wir entscheiden uns mit ihnen zu gehen. Die vier Jungs freuen sich riesig darüber und nehmen uns prompt unter ihre Fittiche.

„Heute ist alles fucking egal! Ich kann mit meinem Gras zum Officer gehen und fragen, ob er auch was will und er kann mich fucking nochmal nicht einbuchten, Mann! Everything is fucking special, bro! Willst du jetzt was rauchen?”

Der Satzbau der vier hat unter den bisherigen Trink- und Raucheskapaden stark gelitten, denn jedes zweite Wort ist entweder “weed”, oder “fucking”, was doch ziemlich lustig mit anzuhören ist.

“Nee, danke. Passt schon” meine ich.

„Weißt du, was an Nepal so toll ist? fragt mich der dritte im Bunde. „Das Gras!“ haucht er sinnestrunken. „Das verbindet uns, verdammt noch mal. Es spielt keine fucking Rolle, woher du kommst, woher ich komme, Mann, das ist fucking egal! Wir sind einfach zwei Menschen die fucking nochmal Spaß haben und Neujahr feiern. Listen to me! Verstehst du mich? Willst du eigentlich was rauchen?“

„Ich verstehe dich voll und ganz!“ lache ich, verneine seine zweite Frage und gebe mein Bier an den schlaksigen Typen.

„What is it? Is it a beer? Wow, a beer! Great! Where is it from?“ er freut sich wie ein kleines Kind in Zeitlupe und öffnet das Bier mit seinen Zähnen.

„Magie!“ flüstere ich ihm zu. Es ist doch immer wieder lustig sich auf das Niveau von Betrunkenen hinabzulassen und diese hier sind in ihrem bekifften Zustand echt niedlich.

So ganz wissen unsere vier Spezialisten jedoch nicht, wo sie hin wollen, gehen mal hier und mal dort hin und bleiben ab und zu auch gerne mal stehen.

Bald gesellen sich noch mehr Typen zu unserer Gemeinschaft und so ziehen wir los auf der Suche nach…ja, wonach überhaupt? Mittlerweile sind die Gehwege voller Menschen, die Frauen unter ihnen spärlich bekleidet und alle scheinen einfach irgendwie durch die Gegend zu gehen. Die meisten von ihnen sind Nepalesen und sieht man mal einen Touristen, ist der meist genauso verwirrt wie wir. Es wird gedrängter, voller. Wir schlagen uns durch die Masse hindurch, die, wenn man´s genau betrachtet, monoton schlurfend, wie eine sabbernde Zombieherde, dem größten Lärm hinterhertrottet. Schwankend und nur dem Nächsten folgend.

„That´s my friend from GEERRMANNY!“ ruft der Dicke, nimmt mich in die Arme, wirft den Kopf nach hinten und krakeelt die Worte noch lauter und höher durch die Masse, als ob er allen mitteilen wollte, dass er gerade den größten Schatz der Welt gefunden hätte.

„Zusammen machen wir PAAARTY!“

Einige Leute schielen irritiert zu mir herüber und wirken in der Tat etwas abgeschreckt von mir und meinem schrillen Freund.

Ich winke ihnen zu, lächele und versuche in der kurzen Augenverbindung zwischen uns zu erklären, dass ich eigentlich ganz korrekt bin. Zum Glück löst der Dicke bald die Umarmung.

„Oh Schreck!“ entfährt es unserem dünnen Freund mit dem Smoking ( Smokings und Anzüge sind übrigens typische Schul—und Studiumsuniformen in Nepal. Selbst die Mädchen tragen zur Krawatte einen hübschen Anzug), als er bemerkt, dass er seine Freunde in der glitzernden Zombieherde SCHON WIEDER verloren hat. „Wo bin ich? Wo sind die anderen?“

Etwas trottelig blickt er erst nach links, dann nach rechts, stellt fest, dass dort nicht seine Kumpanen sind und zieht eine Schnute. Unsere Gruppe hat ein wahres Talent sich zu verlieren. Dennoch finden wir einander stets wieder. Bemerkenswert ist, dass insbesondere unser schlaksiger Nepalese besonders gern verloren geht, da er insbesondere am wenigsten noch Herr seiner Sinne ist.

„Wo sind sie nur hin? Wohin gehen wir? Wo bin ich?“

„Tja, wo du gerade bist, weiß ich auch nicht so genau“, scherze ich und klopfe ihm auf dem Rücken.

„Ich liebe euch Leute!? “ gesteht er uns. „Wisst ihr eigentlich, was das Beste an Nepal ist?“

„Etwa Gras?“ frage ich und versuche so zu wirken, als hätte er die Frage nicht schon zehn Mal gestellt.

„Genau! Das verbindet uns!“

Doof nur, dass er wenig später auch mitten im Gewusel untergeht und Lion und ich nur noch einander haben, die sich dafür entscheiden sich des untoten Partygemeinschaftsstromes hinzugeben und mit zu schwimmen. Wir geraten auf eine größere Straße mit einem noch größerem Andrang an Gestalten. Von weiter vorne dröhnt DJ-Musik von einem Podium, die Leute grölen lauthals mit, oder kreischen wie verliebte Teenager auf einem Justin Biber-Konzert.

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Dabei geht es nicht um die Musik an sich, die ist hier nebensächlich, sondern hauptsächlich darum lauter zu sein als der Rest. Es schlägt 0:00 Uhr. Das neue Jahr beginnt, weder mit einem Feuerwerk, noch mit coolen Spezialeffekten, nein, die Musik hört sogar auf. Dafür kreischen sich die Nepalesen „HAPPY NEW YEAR! WOOOOO!“ entgegen und einige beginnen schief irgendwelche Lieder zu singen.

Uns wird auch ein frohes neues Jahr gewünscht und plötzlich zieht die Zombiegemeinschaft in die andere Richtung, den Bars und Restaurants entgegen. Mädchen im knappen Kleid verschwinden mit Typen mit schrägen Frisuren in die Häuser des gepflegten Alkoholausschanks und tatsächlich scheint nichts mehr heute zu passieren. Gäbe es hier Nachclubs könnte ich mir das Overdressing vieler Menschen erklären, aber so fällt mir das schwer. Vielleicht ist es gar nicht entscheidend sich die Frage nach dem WARUM zu stellen. Vielleicht muss es einfach keinen Sinn machen. Das macht vieles in Indien auch nicht. Trotzdem sind wir beide nach wie vor sehr erstaunt und lachen ausgelassen, als wir zum Hotel zurückgehen. So etwas hatten wir nicht von Nepal erwartet.

Was wohl mit unseren Freunden passiert ist? Suchen sie einander immer noch? Was war mit ihrem Versprechen, dass das die Beste Nacht unseres Lebens werden würde? Lustig war sie allemal und für mich ist diese Erfahrung viel mehr wert, als das traditionell, möglicherweise etwas gezwungene, nepalesische Neujahrsfest am nächsten Morgen, das wir nicht finden werden. Heute habe ich gesehen, das Nepal nicht nur traditionell sein will, sondern modern. Ich habe mit den Leuten gefeiert, statt nur zuzusehen. Wir waren mitten drin in Nepal.

Und wer kann von sich schon behaupten, zwei Mal in unterschiedlichen Zeiten, falls ich noch so lange leben werde, in das selbe Jahr hineingefeiert zu haben.

Vielleicht werde ich mich, 57 Jahre später, im gregorianischen Jahre 2075 an die Vergangenheit erinnern und feststellen, dass ich die Zukunft schon erlebt habe…