Stöckelschuhtourismussafari – Nepal Teil 3

My paddle´s keen and bright

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing

 

Dip dip and swing them back

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing….


 

Mein Paddel durchdringt die glitzernde Wasseroberfläche, taucht tief ins kalte Nass. Angetrieben vom kalten Wind schiebt sich das Kanu vorwärts. Gleichmäßig zieht es dahin, während sich immer größer werdende Kreise im Wasser vom Boot aus zum Ufer bewegen.

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Große Vögel fliegen mit breiten Schwingen über mich hinweg, dem dämmernden Horizont entgegen, bis sie von den Berghängen jenseits der Seestadt verschluckt werden. Schlag für Schlag ziehe ich das Ruder durchs silberne Wasser, immer und immer wieder, die Stille um mich herum genießend. Ein Lied, oder eher ein Kanon, durchsetzt meine Gedanken, während Lion auf einem Stand-up-Paddelboard an mir vorbeizieht. Ein Song, den wir damals beim Zwischenseminar meiner Entsendeorganisation sangen und für einige, mich eingeschlossen, schnell zum Ohrwurm wurde.

Im Grunde spiegelt er genau meine Situation wieder, weshalb ich wahrscheinlich darauf gekommen bin ihn vor mich hinzusummen…

Mein Paddel ist scharf und hell, blinkt wie Silber..

Folge dem Flug der weißen Gans

Dip, dip and swing..

Dip, dip and swing them back,es blinkt wie Silber

Folge dem Flug der weißen Gans

Dip dip and swing…

 „Ich stelle mir immer die alten Völker aus Amerika vor, wie sie in ihren Kanus über die Flüsse rauschen, neben ihnen laufen Büffel und über ihnen fliegen dutzende Wildgänse…“ hatte damals jemand gesagt, als wir das Lied sangen und seitdem hatte ich immer dieses alte, irgendwie mystische Bild im Kopf, stimmte wer zum Kanon an.

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Nun, ich bin jetzt weder in Amerika, noch laufen Büffel neben mir her, nein, ich bin in Pokhara, Nepal, nahe der schneebedeckten Ausläufer des Himalayas. Bei besonders klarer Luft könne man von hier aus die weißen, gewaltigen Gipfel des ewigen Urzeitgebirges sehen, doch jetzt liegt ein Gewitter in der Luft. Dicke, schwere Wolken ziehen gen Norden und verhindern den Blick in die weite Ferne, während ich auf dem riesigen See im Westen der nepalesischen Großstadt, meine Runden ziehe.

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Zwischen den grünen Bergzipfeln des Bergkessels, der Pokhara umgibt, schiebt sich eine graue regnerische Wand vorwärts, der Wind dreht, beginnt stärker zu werden und vereinzelte Tropfen beginnen auf uns Beide hernieder zu fallen. Ich recke den Kopf nach oben, schließe die Augen und sauge die frische Bergluft tief in mich hinein. Wir müssen wieder ans Ufer, das weiß ich. Bei Gewitter auf einem See zu sein, ist strategisch eher unklug, doch ist der See so unglaublich schön.

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Hier herrscht absolute Stille, ganz im Gegensatz zur Uferpromenade, wo Händler den Touristen laut ihre Ware feilbieten. Nahe des Ufers sind noch einige kleine Bote unterwegs, jeweils mit einem Ruderer und mehreren chinesischen Urlaubern, die, vollkommen in ihrem Element, alles fotografieren, was ihnen vor die Linse kommt. Selbst wir entgehen nicht dem Blitzen der chinesischen Fotoapparate.

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Pokhara ist berühmt für dessen großen See, wo in guten Tagen viele kleine Kanus vor Anker liegen und am Rand des Wassers alte, knorrige, Mangroven-ähnliche Bäume in den Himmel ragen. Schmetterlinge und eine exotische Vielzahl von Vögeln leben hier und lassen die Stadt irgendwie lebendiger und bunter wirken, als das graue Kathmandu, dass wir vor zwei Tagen verlassen haben.

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Gestern wollten wir, ganz nach alter Hyderabad-Manier den See umrunden, doch ist dieser keineswegs so verhältnismäßig klein wie der Hussein Saga in der Heimat. Nach zwei Stunden Fußmarsch mussten wir einsehen, dass wir nicht mal ansatzweiße weitergekommen waren.

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Auch, so müssen wir nach einiger Recherche feststellen, gibt es keinen Wanderweg am See entlang. Dort ist nur ewiger Dschungel und das ist auch gut so, dass die Menschen nicht überall hinkommen. Manchmal muss es Geheimnisse geben, die wir einfach nicht anrühren sollten, um sie weiterhin so bestehen zu lassen, wie sie sind.

 


Das hätte man auch in den Tempelanlagen von Kathmandu machen sollen. Sie geschützt zu lassen, statt sie zu einem Platz für Touristen zu machen.

Vor einigen Tagen entschieden wir uns zu einem heiligen Fluss zu gehen, wo ganz nach hinduistischen Brauch die Toten, in einer besonderen Zeremonie, verbrannt wurden.

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Doch statt einer ehrfürchtigen Stille aus Respekt für die verbrennenden Leichen,  erlebte ich ein Gefühl der Scham gegenüber den Menschen, die hier Sightseeing betrieben, ihre Kamera klickend unablässig auf die Scheiterhaufen hielten und Selfies vor den Verbrennungsstätten machen. Das wirkte auf mich wie eine große Perversion. Klar, ich zählte auch zu den Touristen dazu, aber beschloss für mich von diesem heiligen, besonderen Ort für die Toten, kaum Bilder zu machen. Ausgenommen von den Sadhus, den heiligen Mönchen des Hinduismus, deren sich viele einem streng asketischem Leben verschrieben haben, machte ich Fotos, währenddessen diese eine chinesische Rentnergruppe heiligten, die fröhlich mit ihrem Fotoapparat draufhielten.

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Besser wurde es auch nicht, als wir uns entschlossen zu einem buddhistischen Tempel zu gehen. Wir dachten uns, dass die Stätten des Buddhismus weitaus ruhigere Menschen anlocken würden, doch damit lagen wir falsch. Vielleicht kamen wir einfach zur falschen Zeit durch Kathmandu, war doch gerade der erste Tag des neuen Jahres 2075 angebrochen, wodurch viele Nepalesen einen ihrer freien Tage nutzten, um „Stöckelschuh-Tourismus“ zu betreiben.

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Stöckelschuh-Tourismus (eine Wortneuschöpfung meinerseits) beschreibt im Grunde das Aufsuchen besonderer Plätze in einem kompletten Over- oder Underdressing. Stöckelschuhe, Hot-Pants, Shorts, Badehose und Selfiestick miteinbezogen. Unsere buddhistische Anlage war überfüllt mit ebensolchen Gestalten die vor dem Tempel Selfies schossen und ich beobachtete ein junges Mädchen dabei, wie sie von ihren Freunden dabei fotografiert wurde zu dabben.  Ein DAB ist, für die etwas älteren Leute unserer Blogcommunity, eine Art Jugendtrend der letzten Monate, der heiß einhergeht mit dem Bottleflip- und dem Fidget Spinner-Boom und hat meines Erachtens nach nichts in religiösen Orten zu suchen.

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Drum waren wir doch etwas froh den Stöckelschuh-Tourismus, nach dem Besuch in Pokhara, vollends zu entkommen, als wir uns entschieden zum großen Nationalpark von Chitwan zu fahren.


Der Weg nach Pokhara, Kathmandu, oder auch Chitwan, bot uns derweil ein genaueres Abbild von Nepal und dessen Bevölkerung, deren Einwohner nur zu 17 Prozent in den Städten wohnen. Der Rest lebt in den Bergen, in Häusern die dicht am Abgrund stehen und wo man sich fragt, wie diese überhaupt den Gezeiten der uralten Gebirgsketten trotzen.

Über eine einsame, mit Schlaglöchern gespickte Bergstraße hinwegrollend, sehen wir, Dörfer, die wie aus dem Stein gehauen, da liegen. Alte, bröcklige Backsteinhäuser, mit kleinem bunten Vorgärten, Bananenstauden und alten, knorrigen Bäumen, die Trauerweiden und Mangroven ähneln, zieren die Landschaft, die vom Berg abseits fallenden, beinahe fließend wirkenden Reisterrassenkaskaden geprägt ist.

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Das Gebirge selbst wirkt anders als die, die ich bisher gesehen habe. Es wirkt mächtig, die Zeit überdauernd, währenddessen man sich selbst vergänglich fühlt. Ein unbeschreibliches Gefühl. Dabei sind diese Berghänge gerade einmal die Vorstufe vom Himalaya.

Die Menschen die auf den Gipfeln dieser Steinriesen wohnen, können unterschiedlicher nicht sein, stammen sie doch von unterschiedlichen Volksgruppen und Flüchtlingsvölkern ab, die alle in Nepal ein Heim gefunden haben.

Von traditionell zu modern, sehen wir alle möglichen Typen von Menschen, die in ihren Bauernhof-ähnlichen Gebäuden ihr Leben fristen und irgendwie wirken sie, genauso wie in der Stadt, fröhlicher, als in Indien. Vielleicht liegt es auch an dieser möglichen Gleichstellung von Mann und Frau, dieser Freiheit über sich selbst entscheiden zu können, ohne, dass es jemand anderes für einen tut.


 

In Chitwan gab es keine besonders touristischen Tempel, oder Seen, sondern nur den Dschungel mit seinen wilden Tieren. Ebenjene würden wir auch zu Gesicht, bekommen, als wir mit zwei Rangern vorsichtig durch den Urwald voller Lianen tappten.

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Kaum jemand sagte währenddessen ein Wort, doch das war auch kaum notwendig, lauschten wir doch viel lieber den Rufen des Waldes, den Geräuschen der Vögel, der Grillen und der unzähligen Insekten. Und auch denen der Nashörner, Elefanten, Rehe, Krokodile und Tiger, die in diesem Wald die Herren waren.

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Es ist schon ein unbeschreibliches Gefühl durch das Grasland zu marschieren und plötzlich, 20 Meter weit weg, ein gigantisches Rhinozeros zu sehen, wie es im Schlamm eines Wasserlochs vor sich hin döst. Kein Zaun, keine Glaswand, keine Barriere liegt hier zwischen uns.

„Wenn es angreift, renn davon und klettere auf einen Baum,“ flüstert der Ranger, während wir, wie erstarrt dort stehen und das Tier beobachten, wie es schnaubt und grummelt. Ich blicke mich um. Die Bäume in der Gegend sind doch eher kläglich und nicht dafür geschaffen, dass man auf ihnen herumklettert.

Plötzlich springt das Tier auf, entblößt seine volle Größe und mir rutscht das Herz in die Hose. Für einen kurzen Moment glaube ich, dass das gigantische Riesenviech es auf uns abgesehen hat und ein unbeschreiblich großes Gefühl der Panik und der Angst breitet sich in mir aus, ehe es einer glücklichen Erleichterung weicht, als das Nashorn in die andere Richtung davon läuft. In diesem Moment habe ich unglaublich viel Respekt vor der Natur und begreife wie klein wir Menschen sind und doch…so mächtig. Ein Bonsai-Schwein, größer als ein ausgewachsenes Wildschwein ergreift panisch, genau wie viele Rehe und Hirsche die Flucht, als wir eine Lichtung betreten, scheinen wir in ihren Augen die bösen Ungeheuer zu sein, die über sie herfallen könnten. Das komplette Gegenteil erlebe ich, als wir auf dem Rücken eines Elefanten sitzen und gemächlich schaukelnd durch den Urwald traben. Die ach so scheuen Rehe sehen nur den mächtigen, freundlichen Elefanten und nicht die gefährlichen Menschen auf ihm. Zwischen Pflanzenfressern scheint es eine Akzeptanz, eine Art Frieden zu geben, den Rehe, Elefanten, Schweine, Büffel und die gut 600 hier lebenden Nashörner achtsam einhalten, so wirkt es. Der Elefant läuft drei Meter an einem ausgewachsenen Hirsch mit großem Geweih vorbei und erst, als dieser raschelndes Bonbonpapier hört, was er sofort als menschliche Aktivität wertet, nimmt er Reißaus.

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Auf einem Elefanten zu reiten ist übrigens langweiliger als gedacht. Die ersten Minuten freust du dich auf diesem schwerfälligen Dickhäuter zu sitzen und danach…nun ja, schaukelst du in einem Tempo von 2km/h durch die Gegend. Gibt Spannenderes.

Das einzige Zeichen des Tigers, das ich in Chitwan sehe, ist derweil ein Skelett eines Bisons, das laut unseres Rangers durch das Raubtier gefällt wurde.

Und mehr muss ich auch nicht vom Tiger sehen. Mir reichen meine verstörenden Was-wäre-wenn-uns-ein-Tiger-angreift-Kopfkinos. Die sind tatsächlich angsteinflößend genug und die Aktion mit dem Nashorn hat gereicht, um mir einen gehörigen Adrenalin-Kick zu geben.

Doch davon weiß ich noch nichts, Vergangenheit und Zukunft spielen im Moment, währenddessen ich über den großen See in Pokhara paddle und das Gewitter immer näher rollt, keine Rolle. Da ist nur der See und ich. Wir sind eins, das Bot, das Wasser und ich.

Energisch ziehe ich mein Paddel durchs Wasser, lehne ich mich vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück. Später, während wir in einem gemütlichen Restaurant sitzen und Momos, nepalesische Spezialitäten, futtern, werde ich Blasen an den Händen bemerken, so stark rudere ich, zuckende Blitze im Rücken, den Vögeln, die Richtung Horizont fliegen, nach, währenddessen mir das Lied vom Zwischenseminar nicht aus dem Kopf geht…

 

My paddle´s keen and bright

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing

 

Dip dip and swing them back

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing….