Dann sind wir eben deine zweite Familie

„Dann sind wir eben deine zweite Familie“, sage ich und meine es tatsächlich so.

Wir sitzen alle zusammen auf dem Boden, um einen kleinen Tisch herum. An den Wänden stehen Regale voller Bücher und aufgehobenen Zeitungen, die sich seit Jahrzehnten hier zu stapeln scheinen. Keiner schmeißt sie weg, weil man das Papier ja möglicherweise nur für andere Dinge verwenden kann. Die beiden Ventilatoren, wovon einer für eine ganze Weile für kaputt erklärt (man dürfe ihn niemals anschalten, sonst würde er noch explodieren), jüngst aber repariert wurde, kreisen unermüdlich surrend über uns und blasen den hitzigen, indischen Sommer ein wenig beiseite.

Auf dem Tisch steht einzig und allein ein wunderbar leckerer Schokoladenkuchen, in dem vier angezündete Kerzen stecken und bereit dazu sind von Savitri ausgepustet zu werden.

Alle, bis auf ein paar Ausnahmen sind da und wollen dem Mädchen, das heute ihren ganz besonderen Ehrentag hat, zum Geburtstag huldigen. Ganz glücklich wirkt diese jedoch nicht.

Ihre Familie hätte sich noch nicht bei ihr gemeldet, so Gayathri und das mache sie fertig. Verständlich, denke ich, doch bin ich wirklich der Meinung, das wir ihre zweite Familie sein können und das hat sich unsere junge Köchin auch verdient. Sie pendelt fast jeden Tag zwischen drei Häusern, unserem Office, dem unserer Chefin und dem Haus von Ravi, einem unserer Mitarbeiter, hin und her, kocht und putzt und ist am Ende des Tages immer völlig fertig mit den Nerven.

„Manchmal ist sie eine einzige Verspannung“, hatte Skrollan einmal gesagt, als Savitri ihr gestand heute total müde zu sein, aber trotzdem noch für alle kochen müsse.

Im Grunde ist sie der heimliche Stützfeiler des täglichen Lebens unserer Organisation und daher lastet auch ein ungeheurer Druck und eine Verantwortung auf der 20 Jährigen, die definitiv zu viel für sie ist.

 

„Ich gehe jetzt rüber. Verschließt die Tür! Passe gut auf! Ihr seid jetzt alleine“

 

„Ja, Savitri, wir packen das.“

 

„Passt wirklich gut auf! Die Tür muss verschlossen sein. Das Essen für euch steht in der Küche. Wenn ihr die Küche verlasst, macht das Licht aus. Gebt Acht!“

 

„Ja, machen wir.“

 

„Bitte passt wirklich gut auf, macht die Tür zu, schaltet, wenn ihr schlafen geht das Licht und die Ventilatoren aus. Take care!“

 

„Gute Nacht, Savitri.“

 

So in etwa sieht ein typisches Gespräch im Türrahmen aus, verlässt die junge Frau das Haus. Durch ihr enormes Pflichtbewusstsein hievt sie sich noch mehr Dinge, wie die komplette Sicherung des Hauses,  auf die Schulter, was sie eigentlich gar nicht muss. Jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, sei es nur für eine halbe Stunde, kommt es zu dieser Konversation, wir kennen bereits das gesamte Prozedere, wissen was zu tun ist, doch sie kann nicht anders, als nochmals sicher zu gehen, dass alles zweifellos funktioniert.

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Drum hat sie heute verdient, dass wir alle für sie da sind.


Direkt neben ihr steht Roja, ein etwas jüngeres Mädchen, das das komplette Gegenteil zu Savitri darstellt. Sie ist die komplette Entspannung, der Wirbelwind Dhaatris,  kocht mal hier, mal da und weiß das Leben zu genießen. Im Grunde ist noch ein Kind, dass mit 18 Jahren zu alt ist, um wirklich eins sein zu können, doch das stört sie keineswegs. Sie gestaltet sich ihre Welt, so wie es ihr gefällt, ohne besonders egoistisch, oder laut zu sein. Sie ist eine kleine Träumerin, die liebend gern Streiche spielt, einem den Stuhl wegzieht, wenn man sich gerade setzen will, viel lieber die Leute mit Wasser bespritzt, als zu kochen und schlichtweg an allem interessiert ist, was sich bewegt. Es ist schon ein Kunststück mehr an den Straßenhunden interessiert zu sein als ich. Gut, ich mag sie wohl auf den Geschmack gebracht haben, aber sobald sie die Hunde draußen erspäht, geht ein Ruck durch ihren dünnen Körper, egal zu welcher Tageszeit, und egal ob wir arbeiten, oder nicht:

„Leo!“

„What?“

„Come outside!“

„Why?

„Dogs! Please see!

„I know them already…“

„Pleeeaaassse! Leo, pleaaaase!”

 

Und wenn ich spätestens dann immer noch an meinem Platz sitze, nervt sie mich so lange, bis ich grummelnd aufstehe und sie mich an die Hand nimmt und mir voller Freunde die Hunde draußen zeigt.

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Zudem wäre da noch die Sache mit Leo der großen Schwester. In Indien ist es oft Brauch die Menschen mit Bruder (ana), oder Schwester (aka) anzusprechen. Hierbei kann man noch zwischen großen, oder kleinen Geschwisterchen unterscheiden und das dient eigentlich auch dazu die verschiedenen Rollen der Machtverteilung festzulegen. Die großen Schwestern sind älter und in dem Sinne musst du als jüngerer Mensch ihnen auch einen gewissen Respekt zollen. Grundsätzlich ein althergebrachte Tradition, die immer und immer weitergeführt wird. Roja aber, macht sich in unserer Gegenwart einen Spaß daraus und vertauscht einfach die Geschlechterrollen.

 

„Leo aka! Leo aka! Leo aka! Höhöhö!“ Es gibt bei ihr schier keine größere Freude, als mich als große Schwester, oder neuerdings auch gerne als „grandpa“ zu bezeichnen. Wenn ich dann jedoch auf Konter setze und sie gar als Bruder, oder große Schwester bezeichne, gluckst sie zwar sehr vergnügt herum, aber wedelt wild gestikulierend mit den Armen.

 

„Roja ana! Hihihi.“

„No! No ana!“

„Roja aka?“

„No, Leo! Only Roja!“

 

Im indischen Gesamtbild ist sie, gegenüber uns und den Arbeitern im Office, einfach nur Roja. Das stört sie jedoch keineswegs. Sie mag manchmal ziemlich nervig sein, doch haben wir uns beide wirklich sehr gerne und für mich ist unser strahlendes Nesthäkchen wirklich eine ziemliche Bereicherung für´s Office.

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Während Roja hungrig nach dem Kuchen giert, stimmen wir ein fröhliches „Happy Birthday“ an und Skrollan und Toni starten eine kleine Gruppenumarmung.

Die beiden sind mittlerweile verdammt gute Freundinnen geworden und es ist echt schön mitanzusehen, wie ihre Bindung zueinander immer mehr wächst und zu sie zusammenschweißen lässt. Skrollan war eben noch für einen Monat auf großer Nordindienreise und drum war die Freude der beiden gewaltig, als sie einander wieder hatten.

Skrollan als auch Toni sind große Fans von Dallapalli, würden liebend gern längere Zeit dort verbringen, sind beide viel mehr naturverbunden als ich es bin. Sie haben die Ruhe weg und sind deutlich angepasster und abgebrühter an Ausnahesituationen, als Merlin und ich es jemals waren.

Toni, als bodenständige Freiburgerin, scheint alles irgendwie packen. Dhaatri hat in letzter Zeit Summercamps mit den Kindern aus dem Dorf organisiert. Toni war dabei und erzählte mir kurz danach, dass gut 50 Kinder da waren und sie, zusammen mit zwei Frauen, ohne Englisch-Kenntnisse, für mehr als die Hälfte der Kinder verantwortlich war.

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„War zwar anstrengend, aber das ging schon“, so ihr Kommentar. In diesem Moment bewunderte ich sie.

Skrollan ist genauso. Wenn sie etwas macht, dann zieht sie es durch, egal wie lange es dauert und trotzdem ist sie, diejenige die voll gern auf den Putz haut, immer dabei ist, wenn irgendwo eine Party steigt.

„Niemand muss nüchtern bleiben“, so eines ihrer vielen Mottos, das dick und fett als Aufkleber auf ihrer Wasserflasche prangt .

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Sie ist ein absoluter Morgenmensch. Egal wie lange wir in der Nacht auf waren, sie ist spätestens um halb sieben Uhr morgens wach, um sich ihren Café zu machen. Ohne diesen, so Skrollan, wäre sie kaum auszuhalten.

Beide Mädels gehen nach wie vor noch zum morgendlichen Yoga. Egal wie müde, egal welches Wetter, sie ziehen ihre Sache durch, ohne dass der jeweils andere sie großartig motivieren muss, was bei mir damals der Fall war.

Kaum ging Merlin, aufgrund seines Rückens nicht mehr zum Yoga, war meine Motivation auch davongeflogen.

Im Grunde war unsere vollständige Gruppe, ein einziger Haufen von Anti-Stereotypen, so als ob die Jungs die weichen Mädchen wären und die Mädchen die harten Jungs. Und genau das finde ich an Skrollan und Toni besonders sympathisch. Sie wollen nicht das Klischee sein, auch wenn sie natürlich ihre Phasen haben, wo sie über „typische Mädchenthemen“ quatschen, oder sich absolute Mädchenfilme auf Netflix anschauen.

Sie genießen ihr Leben, rennen in den Regen und tanzen barfuß über den brüchigen Asphalt, während um sie herum die Welt untergeht.

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Habe ich eigentlich schon Marius vorgestellt? Nein? Dann wird es jetzt alle höchste Eisenbahn, dass unser neuer Vierter im Bunde ins Licht tritt. Gemütlich quatscht er, mit einem Kuchenstück auf Teller, mit Ravi, der derweil immer mehr mit uns scherzt und redet. Anfangs war dies kaum möglich, nuschelt er sein Englisch in sich hinein. Doch wir haben ihn verstehen gelernt und jetzt ist er für uns eine ganz entscheidende Stütze. Er ist der Techniker, weiß am besten wie man mit Computern umgeht und ist ein wahnsinnig liebenswürdiger Mensch, der bisweilen noch bei seiner alten gebrechlichen Mutter wohnt, um sie zu pflegen. Immer gegen Mittag, wenn die anderen zum Essen rufen, schwingt er sich auf sein Motorrad, um zu seiner Mutter zu fahren. Wenig später kommt er wieder und ist oft bis Abends da und schuftet.

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Marius, 23, hat bereits einen Freiwilligendienst in Südafrika geleistet, war schon gefühlt überall auf der Welt und wollte jetzt nochmals den Schritt wagen für drei Monate nach Indien in unsere NGO zu gehen. Und das gibt uns dreien auch nochmal die Kraft die letzten Monate nochmal richtig loszulegen, da er noch frisch und voller Ideen ist. Mit ihm entdeckt man sein eigenes Viertel nochmals neu, ist man selbst doch schon überzeugt alles gesehen zu haben, was im Umkreis von zwei Kilometern zu finden ist. Doch die Neugier Neudazugestoßener beweist einmal wieder das Gegenteil. Jedes Mal, wenn neue Leute dazukommen, entdecke ich mein eigenes Viertel nochmal neu, lerne langweilig geglaubte Dinge wieder zu schätzen.


 

„Ich brauch immer neue Abschnitte, Phasen, die anders sind, als die Vorhergegangene. Ohne die würde ich verrückt werden“, sagte Helen einst. Für sie war ihr krankheitsverbundener Besuch in Hyderabad, unsere gemeinsame Holi-Feier und das Sehen neuer Leute, einer dieser neuen Abschnitte, den sie unbedingt brauchte, um im kleinen Hospet, nahe Hampi, nicht total verrückt zu werden.

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„Danach, kann ich wieder zurückkehren und alles ist wieder neu und ich hab Hospet wieder lieb.“

Marius ist, in diesem Sinne einer dieser neuen Abschnitte und es ist schön wieder einen Jungen im Office zu haben, der dazu auch noch gerne fotografiert.

Seit knapp einem Monat ist er nun da und wir alle haben ihn bereits ins Herz geschlossen..

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Wir räumen die Reste des Kuchens ab.

Ich setze mich auf meinen Arbeitsplatz im Erdgeschoss, denke kurz darüber nach ihn mal aufzuräumen, da so viel Krempel auf ihm liegt, dass es beinahe so wirken könnte, als wäre ich ein kleiner Messi, entscheide mich aber strikt dagegen. Der Krempel hat schon seinen Sinn. Der Becher, mit dem „Held des Tages-Aufdruck“ macht mich einfach fröhlich, die drei leeren Becher, die bereit dazu sind gewaschen zu werden, könnte ich jederzeit nochmal verwenden und das dicke Studienführer-Ratgeberbuch erinnert mich ständig daran mich doch mal für einen Studienplatz zu bewerben. Auf meinem Studienführer liegt noch ein Notizblock, sowie ein Moralomat, ein Kalender, mit jeweils drei Spaten mit unendlich vielen Blättern zum Umklappen, wo jedes Mal ein netter, zusammengewürfelter Spruch erscheint, klappt man die drei Kategorien nacheinander um.

Heute ist „der Tod unleugbar völlig überholt“. Ein verrückter Spruch über den ich mir den restlichen Abend noch den Kopf zerbrechen werde.

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Meine Leute setzen sich neben mich und ich muss zugeben, dass mein Freiwilligendienst ohne sie nicht der Selbe wäre. Ich habe es gut mit ihnen erwischt und tatsächlich sind sie für dieses eine Jahr eine Art Familie geworden, die ich ohne Zweifel vermissen werde, komme ich bald zurück nach Deutschland. Wieder alleine in einem großen Zimmer zu schlafen, kommt mir jetzt unsagbar einsam vor…