Mango Mango Mango – Indien im Ausnahmezustand!

Lasst alles stehen und liegen, rennt aus dem Haus und nehmt alles, Kind und Kegel mit, denn ES IST ETWAS PASSIERT! Lange haben wir darauf gewartet, eine Ewigkeit ist vergangen, mehr als 8 Monate des Ausharrens sind nun endgültig vorbei. Die Mango ist da! Die Frucht, die Indien wohl am besten repräsentiert, ist endlich überall, in jedem kleinen Shop, auf jeden erdenklich maroden Obststand und in jedem Supermarkt erhältlich. Es ist so, als wäre plötzlich das neue IPhone erschienen, denn der Ansturm auf die süße, gelbe Frucht ist gigantisch. Die Mango ist absoluter Trend! Nie zuvor habe ich einen derartigen Ansturm, eine gleichartige Freude auf eine Frucht erlebt, wie jetzt. Indien ist verrückt nach Mangos! Die Saison hat begonnen.

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Es ist wahrlich spannend zu beobachten, wie sich die Fruchtsorten auf der Straße über das Jahr hinweg ändern. Im August gab es noch einen Überschuss an Granatäpfeln, bis zwei Monate später der Custard Apple ( übersetzt bekannt als Zimt-Apfel ) und kurz darauf die Papaya an Beliebtheit gewannen. Im Februar und März waren wir alle heiß auf Wassermelone und Ananas und nun, im Hochsommer, kurz vor der Monsunzeit, hat die Mango, zusammen mit der Zitrone und der Guave , ihren großen Auftritt.

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Zitronen werden beinahe alle 50 Meter bei einem Lemon-Juice-Stand ausgepresst und mit kaltem Soda gemischt, um der Bevölkerung bei über 39 Grad im Schatten eine Erfrischung zu bieten. Neu sind auch die Zuckerrohrsaftpressen. In einer kleinen Maschinerie wird das Zuckerohr so lange bearbeitet, bis der Saft aus dem Rohr herausgepresst wird und dieser schmeckt wahnsinnig gut. Schon etwas länger dagegen existieren die Kokosnusswasserstände. Berge von Kokosnüssen liegen aufgehäuft am Straßenrand und wenn du nach einer Kokosnuss verlangst, kommt jemand mit einer Art Krummsäbel vorbei und hackt so lange auf der harten, oberen Schale herum, bis ein kleines, tiefes Loch entsteht, wo man einen Strohhalm reinstecken und genüsslich das Kokoswasser aus der Nuss herausschlürfen kann.

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Mit der unablässigen Hitze des Hochsommers, folgen immer mehr Saftstände, die davor zwar auch schon da gewesen waren, aber nie wirklich beachtet wurden. Jetzt ist das Verlangen groß nach Ananas-, Mango-, Mosambi- oder Wassermelonensaft. Billig ist das Ganze auch noch. Pro Saft bezahlt man rund 30 Rupien, was umgerechnet knapp 30 Cent entsprechen. Kokosnusswasser bekommt man manchmal sogar für 20 Rupien, zwölf Bananen für 40, und ein Kilo Mangos kann man für 50 ergattern. Obst und Gemüse ist in Indien verdammt billig, sodass jeder eigentlich die Chance hat gut und günstig vegetarisch zu leben. Indisches Obst wirkt um einiges echter, als das europäische. Es ist egal welche Form eine Banane haben muss, um auf den Markt zu kommen, solche Richtlinien gibt es schlichtweg einfach nicht. Die Banane kann krumm und schief, oder klein und dick sein und trotz dessen schmeckt sie viel aromatischer als in Deutschland. Das ist mir bereits am Tag meiner Ankunft aufgefallen, als uns das erste Mal Bananen, diese wachsen übrigens das ganze Jahr hinweg, verkauft wurden. Ich schmeckte sofort den Unterschied. Sie waren um einiges süßer, schmeckten grundlegend echter als daheim.

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Um kurz vom Gemüse zu sprechen; vorerst konnte ich die indischen Gurken gar nicht erkennen, da ich so fixiert auf das europäische Aussehen dieser war, dass ich die Gurke vor mir gar nicht als solche identifizierte. Gemüse hat viele Formen und Indien lässt diesem die Freiheit auszusehen wie es will und sortiert es keinesfalls aus.

Auch ist es erfrischend ganz bestimmte Saisons zu haben. Das kenne ich aus Deutschland nur von der Erdbeere und dem Spargel. Bricht der Sommer an gibt es den Erdbeer-Boom. Etwas später folgt der Spargel-Wahn, aber sonst scheint alles jederzeit einfach vorhanden zu sein, so etwas wie Saisons gibt es gar nicht mehr, außer man hat einen Apfelbaum im Garten und erlebt noch dessen Hochzeit. Anders verlernt man die Dinge wirklich wertzuschätzen.

Anfangs waren wir heiß auf Granatäpfel, jeden Tag pulten wir die kleinen roten Kerne aus ihrer Schale, jeden Tag fanden wir jeweils eine Granatapfel-Leiche im, oder auf dem Kühlschrank, die wir schlichtweg vergessen hatten zu essen und nach zwei Monaten, waren wir dem roten Gold überdrüssig. Doch jetzt, wo ein halbes Jahr ohne großen Granatapfel-Verzehr vergangen ist, sehen wir uns wieder danach.

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Ebenso wird es mit der Mango sein. Jeden Tag nun kaufen wir mindestens 2 Kilo davon, machen Säfte und Shakes daraus, oder essen sie beiläufig während der Arbeitszeit. Die Mango ist jedoch anders als alle anderen Obstjahrestrends davor. JEDER liebt sie. Es gibt Stände, die ausschließlich durch dessen Verkauf existieren. Das gab es sonst nie.

Seit Beginn unseres Freiwilligendienstes haben wir auf das Erscheinen gewartet, kündigten die Inder doch immer wieder von der Zeit der Mango und sprachen von ihr stets mit einem Lächeln auf den Lippen.

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Vor nicht all zu langer Zeit waren wir zu einem Kochkurs eingeladen. Skrollan und Toni hatten ihre Yoga-Kontakte spielen lassen und prompt landeten wir in einer wunderschönen, lichtdurchfluteten Küche, voller exotischer Dämpfe und Gerüche. Es war eine Wonne nach einer langen Zeit wieder in einer richtigen Küchenecke zu stehen, aus waschechten Gläsern zu trinken, statt auf Messingbecher zurückzugreifen. Scharfe Messer zu haben grenzte an Wunder, stumpften unsere doch immer mehr ab. Alles hatte seinen geordneten Platz. Es brutzelte und dampfte, eine nach Koriander und Kichererbsen riechende Suppe wurde gerührt, ein würziges Erdnuss-Chutney mit Knoblauch verfeinert und ein indonesischer Salat, voll knackigem Gemüse ( etwas ganz besonderes für uns, denn sonst gibt es nur gekochte, labbrige Paprikas, Gurken und Möhren im scharfen Samba) wurde gereicht. Uns lief beim Anblick dieses Festmahls das Wasser im Mund zusammen. Verstärkt wurde unser Hunger durch die eingebauten Mantras zwischen dem Kochen. Wir saßen um einen massiven Holztisch mit ungefähr zehn mittelalterlichen Frauen und summten lebensverherrliche Mantras, während das Essen, auf einem Tisch voller spannender Gewürze und buntem Gemüse vor sich hin brodelte.

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Das eigentliche Highlight des Abends jedoch war das Mango-Sorbet, das ganz zum Schluss gereicht wurde. Ein pures Verlangen lag in den meisten Augen der Anwesenden, man gierte nach diesen wenigen Löffeln des gelben Desserts und als der Startschuss erteilt wurde anzufangen, stürzten sich alle voller Freude auf das Sorbet und, oh mein Gott, das war lecker.

Den süßen Geschmack auf den Lippen, lechzten wir nach mehr, doch leider gab es nur ein Glas für jeden. Müssen wir wohl nochmal wieder kommen.

Während ich diesen Beitrag schreibe, ist Toni mindestens einmal schon losgezogen, um das tägliche Kilo zu erwerben und gerade kann ich ihr von meinem Platz aus zusehen, wie sie in unserer kleinen Küche voller maroder Schränke und stumpfer Messer ein Teller Mangostücke zurückschneidet und mit diesem an ihren Platz geht. Dort sitzt sie über den „besten Mangorezepten“, landet unter anderem bei einer Mango-Quark-Tarte, oder einem Mango-Käsekuchen und stöhnt leise vor sich hin, während ihr Magen beginnt zu knurren. Gebannt schaue ich zu ihr und werde nach einiger Zeit beiläufig an ihrem Stuhl vorbei kommen und garantiert ein Stück….vielleicht auch zwei, unauffällig in meinen Mund wandern lassen.

Der ewige Sommer, in dem wir uns befinden, wo es Nachts nicht kälter als 35 Grad wird, ist manchmal ist schwer auszuhalten, doch dank der unzähligen Obstsorten und vor allem der Mango lässt es sich gut leben, kreiert man Shakes, Säfte, oder das gut bekannte Lassi. Fehlt nur noch, ein Besuch im Freibad, doch sind wir mal ehrlich: In die Flüsse und Seen Hyderabads will man nicht gehen. Am Ende kommt man wohl mit einem dritten Arm wieder heraus. Drum begnügen wir uns mit unendlich vielen Rezepten und wer weiß; vielleicht wird es bald einen Mango-Käsekuchen zum Reis geben….