Gegensätze 2.0

„Mona! Ich heiße Mona!“ ruft das Mädchen über den Lärm hinweg.

„Schön dich kennenzulernen, Mona.“

„Und du? Wie heißt du ?“ Sie muss nah an mich herankommen, damit ich sie verstehe.

„Leo! L! E! O!“ Selten habe ich mich so darüber gefreut einen kurzen Namen zu haben, wie just in diesem Augenblick. Leo ist einfach, prägnant, leicht zu merken, über den hohen Lautstärkepegel gut zu verstehen.

„Wirklich? Wie süß. So heißt meine Katze! Ich liebe meine Katze!“ Das Mädchen im Abendkleid und den gelockten Haaren lacht mir entgegen und ich kann nicht anders als es ihr gleich zu tun. Sie tut es mit dem ganzen Gesicht, ihre Augen leuchten, kleine Grübchen treten zum Vorschein und ihre Mundwinkel sind feixend nach oben gezogen. Offen und einladend kichert sie mir voller Freude entgegen, es wirkt beinahe kindlich, wie sie es tut.

„Wie alt bist du?“ schreie ich durch die dröhnenden Popmusik hindurch.

„20! Und du?“

„Auch so ungefähr!“ meine ich.

„Lass uns tanzen!“ Mona und beginnt sich rhythmisch zur Musik zu bewegen. Sie hat Anmut, so als ob sie für ihr Leben gerne tanzen würde. Ich wippe fröhlich hin und her, muss aber bald einsehen, dass mein Rhythmusgefühl, sowie mein Tanzstil nicht gerade von Eleganz geprägt sind.  Egal, es macht Spaß, das ist für mich entscheidend und da Lion, der direkt neben steht, genauso unrhythmisch wirkt, bin ich immerhin nicht allein.

Wir sind auf den „Fields of Love“, einem kleinen Musikfestival in Hyderabad.

20180506_203450

Dabei stand ein Großteil unserer Gruppe, zwei Stunden davor auf der Seite, die gar keine Lust hatte herzukommen, waren wir am Tag davor bis spät in die Nacht unterwegs gewesen. Im Grunde was es unser Pflichtbewusstsein und die ungefähre Ahnung etwas Großes zu verpassen, was unsere Motivation auf diese Party zu gehen, die uns beinahe noch ausgebüchst wäre, steigerte. Kurz darauf befanden wir uns in einem Taxi, auf dem Weg ans andere Ende der Stadt. Und nun sind wir hier; auf einem riesigen Gelände mit zwei Freilichtbühnen deren spektakuläre Lichtshows über uns hinwegflackern. Am Rande einer Bühne findet sich ein flacher rechteckiger Pool, der uns einladend blau anleuchtet. Warme Lichterketten sind von Baum zu Baum gespannt, gut gekleidete Leute laufen hindurch, unterhalten sich abseits der Musik, mit einer Bierflasche in der Hand und einer Zigarette in der anderen.

Stella und Skrollan sind, wie üblich, ganz vorne auf der bebenden Tanzfläche und tanzen wild entfesselt im pochenden Rhythmus der Musik, während sie von vielen großgewachsenen Typen gierig angestarrt werden, die sich dann aber doch ihrer eigenen schönen Frauen an ihrer Seite besinnen und beschämt zu Boden schauen. Über ihnen, über die Masse hinwegschauend, steht der DJ, scheint seine Musik nicht nur zu mögen, er scheint sie gar zu leben, so inbrünstig haut er die Tasten und Hebel seines hochmodernen Mischpults.,

Screenshot_20180521-215138

Wir haben bereits Freunde gefunden, wie soll es auch anders sein, die uns fröhlich ihr Bier andrehen wollen. Dankbar nehmen wir alles an, was uns gegeben wird. Am Ende haben wir in der Relation zu unseren heutigen  Trinkverhalten, doch äußerst wenig dafür selbst bezahlt, so viel wurde uns bereitgestellt.

„Ihr seid hier in meinem Land und ich sorge dafür, dass es euch während eures Aufenthaltes hier gut geht!“ gesteht Rahamatt, ein kleiner, breitschultriger Inder, mit Hippie-Sonnenbrille. Ihn haben wir im Hip-Hop-Bunker des Festivals aufgegabelt und nun springt er fröhlich zwischen uns und seinen eigenen Leuten hin und her, während eine seiner indischen Freundinnen den Dancefloor geradezu zerlegt, ist sie unumstritten eine überaus begnadete Tänzerin.

Neu für uns ist, als wir eben jenen HipHop-Bunker erneut betreten, dass es in Hyderabad tatsächlich so etwas wie eine HipHop-Kultur gibt, die Eminem hört und Dancebattles veranstaltet. Im dicken Pulli, die lange Kapuze ins Gesicht gezogen tanzt ein Typ, gegen den mit den Dreads und der Jogginghose. Ein Kreis bildet sich um die beiden und feuert sie kreischend an, während Move auf Move folgt, die Musik immer schneller und wilder wird und beide sich ein Feuerwerk aus schnellen Tanzabläufen liefern. Plötzlich öffnet sich der Kreis und die Freundin vom DJ, die Bekannte von Rahamatt betritt das Gesehen. Die Masse johlt und tobt beim Anblick des schönen Mädchens, das auf der Stelle beginnt gegen die beiden ehemaligen Kontrahenten zu tanzen. Das Mädchen führt die Jungs an der Nase herum, lächelt verrucht und kokett. Währenddessen, muss ich mir eingestehen, mich tatsächlich etwas in dieses Mädchen verguckt zu haben, doch wird mir klar, dass ausgerechnet ich, 10 Zentimeter kleiner als sie und untalentiertester Tänzer jemals, heute wohl nicht ihre Gunst erhalten werde.

Es ist wunderschön mitanzusehen, in Gesichter zu schauen, die wieder einmal komplett neu für mich sind, laufen viele der Leute in amerikanischen Basketball-Trikots, Sneakers und Dreads herum. Ganz zu schweigen von der Freundin des DJ´s, die ungehemmt in kurzer HotPants jeden zum Duell fordert, den sie als würdig erachtet.

„Wir leben versteckt“, meint Rahamatt, als ich ihm erzähle, dass ich vorher nie irgendwas vom indischen HipHop gehört habe. „Die verdammte Regierung will uns nicht. Ebenso wenig, will es, dass die Clubs dieser Stadt länger als Mitternacht aufhaben. Das ist doch Wahnsinn! Immer mehr Bars entstehen, deren DJ´s auch HipHop auflegen und dann können sie nur bis fucking 0:00 Uhr Musik machen. In den USA ist das ganz anders!“

„In Deutschland auch“, meint Toni.

„Und auch wenn, die Regierung es jemals gestatten würde, dass wir das bekommen was wir wollen, kommt in vier Jahren eine neue, die alles wieder zur Nichte machen kann. Das ist nicht fair!“ meint unser Freund und zieht an seiner Kippe. „Sagt mal, raucht ihr Gras?“


 

Auch unser Festival wird pünktlich um 0:00 beendet, alle stöhnen und jammern, es gibt nicht mal eine Zugabe. Wir tauschen Handynummern mit unseren neuen Freunden, versprechen ihnen auf jeden Fall noch was zu unternehmen und schlendern davon, bis ich geschockt stehen bleibe und feststelle, dass ich total vergessen habe Mona mit ihrem ansteckenden Lachen nach ihrer Nummer zu fragen. Verdammt!

Doch gerade einmal eine Woche wird vergehen, wir sitzen in einer Bar und warten auf irgendwelche Inder, die Skrollan über Instagram angeschrieben haben, bis ich sie plötzlich unter diesen ominösen Instagram-Indern wiederfinde. Vorher noch mit einer mittelmäßigen Stimmung in die Bar gegangen, die für uns viel zu teuer sein sollte, hellt sich mein Gesicht auf, ich springe aus meinem Stuhl hoch und sehe in ihre strahlenden, schönen Augen. Ausgerechnet sie hatte ich jetzt nicht erwartet. Wir tauschen Nummern aus und ihre Freunde laden uns zu zwei Runden Tequila und ein paar kleinen Snacks ein, die wir davor noch als „viel zu teuer“ abgestempelt hatten. Sie bezahlen die hohe Rechnung als sei es nichts. Beinahe etwas zu dekadent.

Jedoch durchaus verständlich. Mona und ihre Freunde sind indische Moslems, die wenige Tage später in den Ramadan gehen werden, sprich keinen Alkohol mehr trinken und kein Gras mehr rauchen werden. Feiern wird für sie in dieser Zeit also schwer. Drum hauen sie jetzt noch einmal auf den Putz, fasten einen Monat und gehen danach erstmal nach Goa, dem absoluten Partyparadies Indiens, um die vergangenen Wochen der Abstinenz irgendwie zu kompensieren. Als ich derweil versuche mit meinen kümmerlichen Telugu-Sprachkenntnissen bei Mona zu punkten, schaut diese mich nur völlig irritiert an. Zurecht. Klar, lebt sie zwar in Hyderabad, wo die Hindus Telugu sprechen, die Muslime aber sprechen ihre eigene Sprache. Urdu.

 

„Es gibt einen Grund, warum Allah den Ramadan wollte“, gesteht mir Mona, als ich sie frage, warum sie denn beim Fasten dabei wäre. „Er will uns so zeigen, wie schwer es für die armen Leute ist, die wirklich nichts zu essen haben und leiden müssen. Er will uns so Bodenständigkeit vermitteln und genau das finde ich gut am Ramadan.“

„Ziemlich barmherzig.“

„Finde ich auch. Diese Zeit ist zwar unfassbar schwer, weil du tagsüber einfach nichts Gescheites auf die Reihe kriegst. Für diese Zeit habe ich meine Arbeit gekündigt, kriege dementsprechend auch nicht meinen Monatslohn, aber das ist es mir wert“, sagt sie und schmunzelt aufmunternd mir entgegen.



Am Morgen darauf treten wir verschlafen, die vergangene Nacht deutlich in den Knochen spürend, die Treppe ins Erdgeschoss unseres Büros herunter und finden eine kochende Roja, sowie eine dösende Shabana und eine arbeitende Ashwini vor. Die kleine 27 jährige Shabana, ihrerseits Teil unserer Organisation, ist meistens in den Bergdörfern, um zwischen den Seiten zu vermitteln. Sie ist die einzige Muslimin hier und irgendwie brennt es mir unter den Nägeln sie zu fragen, ob sie jemals Alkohol getrunken und vorhabe in den Ramadan zu gehen.

„No! Never. No habit, no taste. No Ramadan. Stupid tradition“ sie schüttelt vehement den Kopf. Ashwini als Hindu-Frau verneint ebenfalls und kichert wie ein kleines Mädchen. Beide, mitten in ihren Zwanzigern, haben noch nie in ihrem Leben Alkohol getrunken. Für sie, als untere Mittelschichtler Indiens, reicht es die ärmeren männlichen Schnapsleichen an den Alkohol-Shops zu beobachten, um für sich selbst zu beschließen, nie von diesem Zeugs zu kosten. Geraucht haben sie auch noch nie, Ashwinis Familie würde das auch nicht wollen, gar gutheißen. Diese sucht für sie derweil schon geeignete heiratswürdige Männer und schickt Anfragen über Kontaktanzeigen raus. Wirklich Lust auf Heiraten hat Ashwini nicht, doch trotzdem „muss das ja so sein“, sei sie doch schon weit über dem eigentlichen Heiratsalter hinaus.

IMG-20180522-WA0010

Zwischen dem Gespräch stolziert immer wieder eine glückliche Roja durch den Raum und klimpert verzückt mit den Augen.

„Look, makeup!“ Sie zeigt erst Skrollan, dann mir und zum Schluss Marius, ihre geschminkten Wimpern, strahlt über beide Wangen, hüpft immer wieder wild blinzelnd durch die Gegend und wirkt mit sich selbst total im Reinen. Normalerweise trägt sie nie Makeup. Heute scheint irgendetwas Besonderes anzustehen, was sie dazu bewogen hat.

Währenddessen dudelt klassische Bollywood-Musik aus Shabanas kleinem Smartphone. Die Sprache der Lieder: Kannada. Shabana und Roja kommen ursprünglich aus kleinen Dörfern des Staates Karnataka, wo Kannada Landessprache ist. Beide, Shabana mehr als Roja, sind zwar fähig Telugu, sowie etwas Englisch zu sprechen, aber das Heimatsgefühl ist so tief verwurzelt, dass sie meist nur Lieder von zu Hause hören.

 

„Wie unterschiedlich die Menschen hier doch sind“, wird mir wieder einmal bewusst. Die einen gehen jede Woche in einem dekadenten Reichenclub feiern, betrinken sich, kiffen und hören Musik von Übersee. Wenn man sich den Großteil der Mädels anschaut, schminken sie sich jeden Tag und Mona würde es sich nicht von ihrer Mutter, ihr Vater ist tot, gefallen lassen, wenn diese sie an irgendeinen Mann verschachert. Sie erzählte mir, dass ihre ehemalige Beziehung daran in die Brüche ging , als ihr Ex-Freund sie gefragt habe, ob er sie heiraten dürfe.

„Nein! Was denkt der sich? Dafür bin ich mit 20 doch noch viel zu jung.“

„Nur die Liebe zählt.“

„Exakt!“


Und dann gibt es die, insbesondere Frauen, der unteren Mittelschicht, die sich brav an die Regeln des Staates, oder ihrer Religion halten und den bösen Alkohol, der von der Regierung verteufelt wird, auf keinen Fall jemals anrühren werden. Roja arbeitet im Grunde von Montag bis Sonntag im Office, ich habe sie nie irgendwo anders hingehen sehen, als zum Haus der Chefin, um da zu putzen oder zu kochen. Hat sie überhaupt Freunde (uns in diesem Fall mal ausgeschlossen) in Hyderabad? Wahrscheinlich nicht. Ein Handy besitzt sie auch nicht, um mit diesen Notfalls in Kontakt zu bleiben.

Ganz im Gegensatz zu unseren oberen Mittelschichtlern. Einer unserer Freunde besitzt sage und schreibe drei Handys. Ein privates, ein dienstliches und eins..äh…hm…das weiß er wohl auch nicht so genau.

Vom Kleidungsstil unterscheiden sich die beiden Parteien auch sehr. Auf der Arbeit trägt Mona Kopftuch und gewiss mag sie, gerade in Hyderabad, die Ausnahme zu den vielen  Burka-Trägerinnen bilden, die vollverschleiert in schwarzen Gewändern durch die Stadt laufen, (und wohlbemerkt ungeheuer unter dem dunklem Stoff schwitzen müssen, tragen sie unter der Burka ja noch ein normales Outfit) doch ist Mona dazu noch westlich gekleidet, trägt Jeans und Top und lässt Abends, wenn sie feiern geht ihr Kopftuch ganz weg.

 

Shabana trägt fast immer die indischen, bunten Kurtis, ich habe sie fast nie in anderen Kleidern gesehen. Selten trägt sie ihre Haare offen und setzt sich stets das Kopftuch auf, wenn sie auf die Straßen geht.

IMG-20180522-WA0004

 

Ganz im Gegensatz zu Mona, die ihre voluminösen, gelockten Haare gerne und überall zeigt.Beide sind gemäßigte, gebildete Muslime, folgen der Religion nicht aus irgendeinem Zwang heraus und doch sind sie, vom Typ so unterschiedlich, wie man es nur sein kann.


Diese Gegensätze der unterschiedlichen Schichten, getrennt durch Religion, Herkunft und vor allem auch finanziellen Backround, faszinieren mich nach wie vor. Das erste Mal, dass ich damit konfrontiert wurde, ist sage und schreibe mehr als 10 Monate her, als wir, gerade einmal drei Tage in Hyderabad, auf Empfehlung unserer Vorfreiwilligen, in einen dieser Reichenclubs gingen und mich der Unterschied zwischen den Leuten auf der Straße und den Leuten dort komplett aus den Socken hauten, so war ich doch damals, als absoluter Frischling, nur mit dieser traditionellen indischen Welt konform (Gegensätze).

Mittlerweile weiß um diese Seiten (natürlich gibt es viele, viele andere individuelle Gruppen) und habe beide auf eine unterschiedliche Art und Weise schätzen gelernt, auch wenn momentan der Hang wieder hin zur Konfortzone geht. Der Drang Abenteuer in den Bergdörfern zu erleben, wo eben jene andere individuellen Gruppen beheimatet sind, wird immer kleiner, gerade nach letzteren Tiefpunkten. Vielleicht ist es doch bald Zeit für neue Helden und neue Aufgaben, doch so lange ich noch hier bin, werde ich die letzten zwei Monate noch damit verbringen von jeweils beiden Seiten zu lernen…