Die Idee des Reisens

„Mumbai, Pushkar, Varanasi, Leh, Manali, Darjeeling, Amritsar, Rishikesh, Jaisalmer! Wo soll ich denn jetzt hin?“ ich vergrub meine Hände tief in meinen Haaren, resigniert über der Indienkarte grübelnd. Drei bis vier Wochen Urlaub standen mir in diesem Jahr noch zur Verfügung und eigentlich wären zwei Wochen davon schon fest eingeplant gewesen, war der Idee nach Kaschmir mit einer großen Gruppe zu gehen echt verlockend. Dann jedoch sprang einer nach dem anderen ab und von vielen Seiten wurde mir geraten Kaschmir, aufgrund seiner bürgerkriegsähnlichen Zustände zu meiden.

Vor mehreren Monaten noch war der Reiseplan sogar so gut wie perfekt gewesen. Mit Merlin zusammen hatte ich einen ungefähren Plan entworfen, wo wir zu zweit alles hingehen würden. Doch dann drehte sich das Rad unserer Vorstellungen in eine komplett andere Richtung. Es kam wie es kommen musste und Merlin verschwand aus Indien. Ebenso verschwanden unsere gewagten Zielstrebungen den Norden Indiens zu erkunden.

Ich nahm mir vor alleine zu reisen und mit dieser Entscheidung wuchsen die Probleme. Ich alleine war dafür zuständig wohin es mich verschlagen würde und so romantisch es anfangs auch für mich klang einfach loszufahren und während der Reise zu schauen, wo ich denn hinkönnte, desto härter schlug ich auf den Boden der Tatsachen auf. Indien war nicht Deutschland, wo man jedwedes Ziel innerhalb von zehn Stunden hätte erreichen können. Indien war riesig und die Fahrten in abgelegene Gegenden lang.

So brütete ich lange auf der „Indian Railways“- Website und verglich, wie lange der jeweilige Zug brauchte, um zu einem bestimmten Ort zu kommen, der nördlicher lag als Delhi. Es verschlug mir fast dem Atem, als ich las, dass man allein von Mumbai aus schon 25 Stunden brauchte, um in die Hautstadt zu kommen. Von da aus, würde ein Bus mindestens 18 Stunden brauchen, um bis ins abgelegene Leh, in den schneebedeckten Gebirgsausläufern des Himalayas zu gelangen.

Klar, ich hatte mit einem Monat Reisedauer genügend Zeit um anderthalb Tage nur für´s Reisen aufzugeben, jedoch musste ich ja auch wieder zurück. Ich probierte aus, wie es war, von Leh nach Manali mit dem Bus zu fahren, um von dort aus, nach zwei Tagen wieder nach Delhi, zum Epizentrum aller Verbindungen, zu gelangen. Ich hätte fliegen können und wäre mit geringstem Zeitaufwand, jedoch mit etlichen Moneten weniger auf der Bank, wieder da gewesen. Züge und Busse waren billig, brauchten aber ganze Tage.

Die Frage der Logistik wurde zu meinem größten Problem, ich grübelte, verglich, versuchte Fahr-Routen zu erstellen, die ich jedoch bald wieder verwarf, als sich eine neue Thematik in den Vordergrund schmuggelte. Was sollte ich beispielsweise in Amritsar, oder Rishikesh? Amritsar hatte, laut meiner Recherche, einen tollen goldenen Tempel und Rishikesh war halt irgendwie ein Paradies für Backpacker, wo man halt irgendwann mal gewesen sein muss, aber das war´s…

Ich zweifelte an meinen Plänen, hatte gleichzeitig jedoch die schönen Instagram-Bilder der Freiwilligen aus Indien im Kopf, die die bestimmte Orte bereits besucht hatten. Ich wollte auch solche Bilder machen, wenn nicht sogar sie übertrumpfen.

Jedes Mal, wenn ich einen Ort von meiner Liste strich, kam es mir falsch vor. Ich wollte die volle Packung Indien und es konnte nicht sein, dass ich dann nur drei, oder vier Orte besuchte.

Zwischenzeitlich bedachte ich die Möglichkeit einfach daheim zu bleiben, um mir den ganzen Stress zu ersparen, aber das erschien mir auch falsch. Der Druck wurde immer größer, hatte ich schließlich auch ein begrenztes Zeitfenster zum Reisen. Es blieb mir nur der Mai und der Juni, denn der Juli wäre mein letzter Monat in Indien und den wollte ich verwenden, um mich von Hyderabad mit allen seinen Menschen zu verabschieden. Doof nur, dass der Mai schon zur Hälfte ins Land gezogen war.

Außerdem mussten noch Hotels gebucht werden, schließlich musste ich auch irgendwo verweilen.

Schweren Herzens nahm ich mir also vor „NUR“ nach Goa, Mumbai, Delhi und Manali zu fahren. Drei Wochen gab ich mir für diese Tour. Ich plante von Goa aus mit dem Bus nach Mumbai zu kommen. Von dort aus würde ich den 25 stündigen Zug in die Hauptstadt nehmen, um nach einigen Tagen erneut mit den Bus für 16 Stunden nach Manali zu fahren. Die Rückfahrt plante ich nicht, warum auch immer.

So weit so gut, ich hatte meinen Plan, der im Vergleich zu anderen relativ kläglich wirkte. Was ich jedoch nicht bedacht hatte, waren die Emotionen während der Reise. So verbrachte ich wunderbare Tage in Goa ( zu allen Stationen werden noch Einträge kommen), sah mich aber am Tag der Abfahrt einen Gefühl gegenüber, dass meine restliche Reise über bestimmen würde. Ich wollte nicht weg, die anderen Leute im Hostel waren wunderbar und irgendwie hatten sich kleine Freundschaften gebildet.

„Bleib doch hier! Scheiß auf Mumbai und Delhi. Da gibt´s nichts. Ich komme aus Mumbai und kann dir vergewissern, dass es sich definitiv nicht lohnt fünf Tage dort zu bleiben..“

Mehrere Leute, die mir ans Herz gewachsen waren, wollten, das ich bliebe und so versprach ich ihnen wiederzukommen. Und wer wäre ich, wenn ich meine Versprechen nicht halten würde. Währenddessen ich also im Bus nach Mumbai saß, plante ich erneut. Ich wollte um jeden Preis zurück nach Goa, zu meinen neu gewonnenen Freunden.

Ich verkürzte die Zeit in Mumbai und Delhi, auf Empfehlung derer, die bereits dort waren, legte Manali in die verkürzten Tage und hatte somit wieder freie Zeit, die ich für Goa aufbringen konnte. Folglich musste ich alle Buchungen umbuchen, was zu einem großem Problem führte. Indische Seiten akzeptierten keine internationalen Kreditkarten. So fragte ich den Chef des Hostels in Mumbai, ob er meinen Bus nach Manali bezahlen könnte, doch das Internet spielte uns zu jenem Zeitpunkt übel mit, sodass die Sitzung abgebrochen wurde. Der Chef musste sich anderen Dingen widmen, versprach mir es aber am nächsten Tag gegen Abend nochmal zu versuchen. Zu jenen Stunden war ich jedoch so müde, dass ich die Buchung auf Delhi verschob. Für die Reise nach Delhi buchte ich extra ein Flugzeug, weil mir klar war, dass es zu lange brauchen würde, um für einen neu organisierten Zug legitimiert zu werden. Während ich auf das Boarding wartete, wurde mir klar, wie umständlich es war von Manali zurück nach Goa zu kommen und fällte die harte Entscheidung Manali ganz zu vernachlässigen. Zu viel Aufwand, zu viel Geld, zu viel Zeit. Und vielleicht war das schlechte Internet zu der Zeit, als wir versucht hatten, den Bus in diese Gegend zu buchen, auch ein Zeichen dafür gewesen, es bleiben zu lassen. Mit diesem Omen von oben also fand ich es plötzlich gar nicht mehr so schlimm nicht noch weiter in den Norden zu fahren, bekam jedoch sofort Gewissensbisse so wieder nicht die volle Packung Indien zu erleben…

Zwei, drei Tage Pushkar, Jaisalmer, oder Varanasi, die Städte lagen alle unterhalb von Delhi und somit praktisch schon auf dem Weg nach Goa, wären doch als Ausgleich die perfekte Lösung, schließlich konnte ich nicht, so viel war mir klar, noch eine ganze Woche in Goa bleiben und warten, bis die drei Wochen um wären, hatte ich durch den Wegfall von Manali ganze fünf Tage mehr zur Verfügung…

Ich lief viel Mumbai und Delhi, hastete regelrecht von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, war den ganzen Tag unterwegs und fiel abends totmüde ins Bett, ohne wirklich die anderen reiselustigen Leute aus aller Welt in beiden Hostels kennenzulernen, bis irgendwann der Punkt erreicht war, an dem ich mir folgende Frage stellte: Warum? Warum tue ich all das hier?“

Ich saß im „Cafe Lota“ einem gemütlichen Restaurant in Delhi und eben jene und noch viel mehr Fragen geisterten mir durch den Kopf. Warum renne ich wie ein Bekloppter durch die Weltgeschichte, besuche Tempel und Museen, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht der Typ bin der gerne in eine Kunstgalerie geht? Warum mache ich mir all diesen Stress? Warum will ich denn wirklich so viele Orte wie möglich sehen? Warum reicht es nicht einfach zwei, oder drei Orte zu besichtigen?

Ich dachte lange darüber nach, recherchierte zu eben jener Thematik im Internet, während ich aß, trank und es immer später wurde..

Menschen reisen, um geheimnisvolle und aufregende Orte zu erkunden. Sie tun es, um sich in Erinnerung zu rufen, dass die Welt größer und vielseitiger ist und viel mehr bietet, als es der Alltag tut. So schafft das Reisen ein Gefühl dafür wie außergewöhnlich das Leben sein kann. Und vielleicht wollen sie sich während des Reisens auch verändern.

Ich glaube, so ging es auch mir, währenddessen ich, tief versunken, an meinen Planungen saß. Ich sah nebelumwirbelte Berge, große bunte Basare und ewige wunderschöne Landschaften und malte mir aus, eben durch jene Natur oder Stadt zu laufen, neue, inspirierende Menschen zu treffen und lange Abende mit ihnen zu verbringen. Vielleicht würde ich im Zelt, mitten in der Wüste, schlafen, den klaren Sternenhimmel über mir. Ich würde in Agra das Taj Mahal, eines der sieben Weltwunder sehen, und allein durch dieses Privileg ein solch erhabenes Mahnmal vergangener, glorreicher Generationen, verändert zurückkommen. Ich wollte den inneren Wandel meinerseits erzwingen und das glaubte ich dadurch zu erreichen möglichst viele, unterschiedliche Orte zu sehen…

Vielleicht dachte ich im Unterbewusstsein auch daran weltgewandter und attraktiver zurückzukommen, weil ICH als Weltenbummler, schließlich alles gesehen habe.

Doch sind wir mal ehrlich. Ich habe das Taj Mahal am Ende nicht besucht. Warum? Weil mir, während ich dort im Cafe saß, aß und nachdachte, klar wurde, dass es mich definitiv nicht verändern würde. Ich wusste von Erzählungen, dass man erstens 1000 Rupien Eintritt zahlen würde und dann…ja dann würde man genau dieses Bauwerk sehen, was man schon von tausenden Bildern aus her kennt. Das Taj Mahal, ein Weltwunder. „Weltwunder“ ist ein großes Wort. Ein Wunder ist laut Wikipedia ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, so dass es Verwunderung und Erstaunen auslöst. Es bezeichnet demnach allgemein etwas Erstaunliches und Außergewöhnliches, etwas, dass man noch nie erlebt hat.

Demnach muss das Taj Mahal etwas abnormes sein, dass woanders nie so existieren könnte. Es ist so einmalig, dass man darüber stauen wird.

So kann allein ein kleines Wort es schaffen, dass du dir vornimmst, diesen Ort zu besuchen, wo er doch so groß und toll beschrieben wird.

Doch das Besuchen von Orten garantiert keine innere Wandlung. Am Ende bist du zu einem völlig überfüllten Platz gegangen, hast ziemlich viel Geld dafür ausgegeben und hast ein Foto eines Bauwerks, dass du auf allen sozialen Netzwerken präsentieren kannst. Ja, wow…

Veränderung ist individuell und man wird nicht plötzlich ein neuer Mensch, wenn man zig neue Orte, innerhalb von zwei Wochen besucht. Das Einzige, was man dann erreicht hat, ist der Beginn eines Burnouts.

Manchmal reicht allein ein Platz aus.

Mag sein, dass ich persönlich vielleicht auch zu gemütlich bin und ich einfach noch eine zweite Person brauch, die mich motiviert weiter zu gehen..

„Ich glaube, eine der größten Herausforderungen beim Reisen ist es, zu lernen, was man wirklich sehen möchte. Viele Menschen schlucken unverdaut eine Art von Vision dessen, wohin sie reisen sollten und was sie sehen sollten, auch wenn das nicht wirklich zu ihnen passt. Sie sind in Rom und denken, sie müssten diese oder jene Sehenswürdigkeit besuchen; oder in New York meinen sie, in ein bestimmtes Museum gehen zu müssen. Dabei interessiert sie das aber gar nicht sonderlich. Vielleicht kann man das mit dem Begriff „Kulturschuld“ beschreiben – ein Gefühl, reisen zu müssen, etwas Bestimmtes zu sehen, um angesehen zu sein. Diese „Kulturschuld“ verhindert häufig eine natürlichere und spontanere und somit lebensverändernde Herangehensweise an das Reisen.“

(Warum reisen Menschen?)

Mir wurde klar, dass meine Reise, so wie war, völlig perfekt war. Ich musste nicht noch mehr Orte sehen, nicht noch mehr Geld, oder Zeit darauf verwenden möglichst viel zu sehen. Am Ende würde ich dahin zurückkommen, wo ich mich gut fühlte. Goa war, durch die all die Leute die dort waren und auf mich warteten, der perfekte Ort. Klar, war es aus Sicht des Abenteuers langweilig, wieder zum selben Ort zurückzugehen, wo keine atemberaubende Landschaften und unbekanntes Terrain auf dich warteten, aber ich hatte begriffen, dass es das nicht brauchte. Zudem war ich noch jung und hatte alle Zeit der Welt zurückzukommen. Ich würde nicht nur dieses eine Jahr in Indien sein, nein, für mich stand fest, dass ich irgendwann, vielleicht auch mit Merlin, wiederkommen würde. Denn zu zweit reisen, macht durchaus mehr Spaß, als sich ständig alleine zu motivieren weiter und weiter zu gehen…

Möglicherweise dient das Reisen, neben dem Ausbruch aus dem Alltag und den möglichen Veränderungen auch dazu, dass man es schätzen lernt, nach Hause zu kommen. Ich blieb nicht lange in Goa. Es war mir mittlerweile egal, ob ich die drei Wochen voll bekam, oder nicht. Nach zweieinhalb Wochen wollte ich wieder nach Hyderabad und oh, welch Freue war es wieder daheim zu sein…

Weil Reisen manchmal auch beängstigend ist, beruhigt uns die Vorstellung vom Nachhausekommen….