Mumbai

Mumbai, Stadt der Unterschiede. Mumbai, verabscheut und geliebt von vielen. Mumbai, Platz der unterschiedlichsten Menschen. Ebenjene Stadt steuere ich nach meinem Verbleib in Goa an. Große Erwartungen, oder Informationen über diese Metropole in der mehr als 11 Millionen Menschen leben sollen, habe ich nicht. Eigentlich weiß ich nicht mal warum ich ausgerechnet diesen Moloch einer Stadt als Reiseziel ausgesucht habe. Vielleicht waren es die Impressionen eines Buches, Shantaram, dessen Geschichte größtenteils hier stattfindet, oder schlichtweg der Drang alle großen Städte Indiens einmal abgeklappert zu haben, wer weiß.

Als ich von meinem Reisebus einfach irgendwo im indischen Verkehrschaos abgesetzt werde, kann ich bei weitem nicht die Andersartigkeit erkennen, die mir von vielen gepriesen wurde, nein, vielmehr erinnert mich das indische Großstadt-Treiben an Hyderabad und gerade diese Erkenntnis, voreilig in genervter Müdigkeit gezogen, im Bus habe ich nicht gerade gut geschlafen, dass ich gerade die Kopie eines Stadtbilds sehe, die ich bereits kenne, zieht meine Laune in den Keller. Ich checke im Hostel ein und verbringe dösend und miesepetrich zwei Stunden im Bett, ehe ich neuen Mut fasse, ein Taxi rufe und mich auf die Reise durch die Stadt mache.

Und ehe ich mich versehe, klebe ich an der Scheibe. Wir fahren über eine riesige Brücke, links liegt der Ozean, recht erheben sich monumentale Wolkenkratzer. An der Bucht liegt ein rostiger alter Dampfer vor Anker, der mächtig Breitseite abbekommen hat, schwankt er gefährlich nach rechts.

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Es kommt mir so vor als führen wir an 1000 Jahren Menschheitsgeschichte vorbei, begegnen uns sowohl  heubeladene Ochsenkarren, die von Männern mit wenigen Zähnen und dreckigen Kleidern geführt werden, als auch elegante Sportwagen, in denen adrette, gestriegelte Anzugträger mit IPhone am Ohr sitzen.

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Wir fahren an schmutzigen Wellblechhütten, vor denen sich der Müll stapelt vorbei, aus kleinen, mickrigen Hütten, die kurz dem Zusammenbruch zu stehen scheinen, dröhnt Bollywood-Musik, Männer in weißen Lungis sitzen davor, direkt neben ihnen brennt ein Lagerfeuer aus Müll. Frauen in bunten Saris und keinen Kindern auf den Arm verhandeln mit im Schneidersitz sitzenden Gemüse-und Fischhändlern, die ihre Ware auf einer Folie auf dem Boden ausgebreitet haben. Die Mittagssonne scheint ohne Unterlass auf die von Fliegen umschwirrten Tomaten, Gurken und Chillis hernieder, doch man schert sich nicht darum die Ware in den Schatten zu bringen. Es gibt keinen.

In jener Hitze wird man auch die niedrigkastigen Bauarbeiter antreffen, die auf den riesigen Bauruinen der Stadt Beton anrühren. Auf dem Kopf werden Körbe voller Sand angetragen, meist wird diese Arbeit von der weiblichen Seite übernommen, währenddessen die Männer, die mit Hilfe von schmutzigen Tüchern auf dem Kopf versuchen sich vor der Sonne zu schützen, den Rest übernehmen. Wie in jeder anderen Großstadt Indiens ist das Stadtbild geprägt von grauen, riesigen Betonklötzen, die einmal zu fertigen Häusern werden sollen. Aus diesen halbfertigen Konstrukten sprießen unzählige Stahlsprossen heraus, die Gerüste, auf denen sich die vielen kleinen Arbeiterchen bewegen, bestehen überwiegend aus Bambuskonstruktionen, die gefährlich schwankend über der Straßen schweben.

Die Menschen, die an solchen Baustellen arbeiten, scheinen mir die Ärmsten der Armen zu sein, ist ihr Arbeitsplatz gleichzeitig ihr Zuhause. Beginnt es zu dämmern, werden sie ihre Decke, eine ihrer wenigen Habseligkeiten, ausbreiten und im Schutze eben jenes Großbauprojekts, das bisher weder Türen, Fenster, fließend Wasser noch um Elektrizität verfügt, innerhalb der grauen Wände einschlafen. Am Morgen werden die Frauen über kleinen Petroleumkochern ein Frühstück zubereiten, dass meist auf Bananenblättern gegessen wird. Dann beginnt für die niedrigkastigen Inder die Arbeit auf der Baustelle.

Ein räudiger Straßenhund, ein gewaltiger Wasserbüffel, sowie eine Gruppe kichernder Schulkinder in bester Schuluniform und vollbepackten Ranzen laufen an den hart arbeitenden Armen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Auf jeder noch so spärlichen Grünanlage wird Cricket gespielt. Der indische Nationalsport wird in diesen Tagen besonders heftig betrieben, finden gerade die landesweiten Cricket-Meisterschaften statt. Bald steht das große Finale hier in Mumbai an. Dann spielen die Sunrisers aus Hyderabad gegen die Super Kings aus Chennai und diese euphorisierende Vorfreude auf das Spiel ist in der ganzen Stadt spürbar. Riesige Werbeplakate zeigen statt der üblichen Werbung, Werbung mit den größten Superstars des indischen Crickets, jeder der einen Ball und einen Schläger besitzt geht raus und spielt mit seinen Freunden. Egal ob Halbprofis, die im großen grünen „Oval“-Park direkt neben dem obersten Gerichtshof Mumbais ihre polierten, stabilen Holzschläger schwingen, oder jene, die einfach nur ein gammliges Brett zum Schlagen des Balls benutzen, irgendwie verbindet Cricket die Menschen, die sonst nie etwas mit einander zu tun haben würden. Jeder von ihnen würde gerne so sein wie ihr großes Vorbild „Virat Kohli“, der Captain, der indischen Nationalmannschaft, der momentan in jeder Fernsehwerbung posiert.

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Die Straßen sind voll und verstopft, Hochhäuser stehen dicht neben heruntergekommen Baracken, reich und arm treffen in dieser Stadt direkt aufeinander.

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Bombay, wie die Alten immer noch sagen, ist riesig, ein Spielplatz unzähliger Nationen, Sprachen und Gesellschaftsschichten. Eine Metropole die ihres Gleichen sucht und dabei erstaunlich sauber und grün wirkt, ja, beim genaueren Hinschauen entdecke ich auf den Straßen sogar MÜLLWAGEN hin und her fahren. Und neben eben jenen großen Straßen gibt es, ich kann es kaum fassen, BÜRGERSTEIGE. Sowas gibt’s daheim nicht, ich freue mich unheimlich darüber und mal wieder wird mir klar, über was man sich alles freuen kann, wenn man Sachen nicht hat.

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Ich steige im Stadtbezirk Colaba, einem der populärsten Touristenviertel der Stadt aus und finde mich wenig später am Chowpatty Beach wieder, vor mir der schäumende Ozean der arabischen See, die im Rundungsgebiet, des Marine Drives, einer ewig langen Küstenstraße mit Flanierpromenade noch als Back Bay bezeichnet wird. Unzählige Menschen stehen am Wasser, schließen Selfies und wagen sich fröhlich kreischend mit den Füßen ins kühle Nass. Bereits jetzt, nach 10 Minuten Fußmarsch bin ich durchgeschwitzt, entschließe jedoch nicht mich abzukühlen und den Marine Drive entlang zu schlendern, was sich schlichtweg als fataler Fehler herausstellen soll.

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Nach einer halben Stunde Fußmarsch muss ich feststellen, dass ich die Entfernung vom einen zum anderen Ende der Promenade unterschätzt habe. Ich bin kaum weitergekommen. Die Strecke sah auf Google Maps so aus, als bräuchte man dafür maximal eine Stunde, doch da habe wohl den Maßstab etwas vernachlässigt. Ein Taxi will ich jedoch nicht nehmen, zu teuer. Ich bin klatschnass, ich habe Durst und hätte jetzt sehr gerne einen Ventilator über mir. Nach mehr als zwei Stunden erreiche ich mein ungefähres Ziel , durchgeschwitzt und völlig fertig. Der Colaba Courseway, eine geschäftige, grüne Touristenstraße säumt sich unter meinen Füßen und irgendwie steht mir plötzlich der Sinn nach Museum, stehe ich doch bereits direkt vor der National Gallery of modern Art, will schon beinahe hinein gehen, als plötzlich ein kleiner Junge vor mich tritt.

„Hello. Your good name?“

„Leo”, sage ich knapp. Ich will jetzt mit keinem Bettler, denn so einer scheint mir der Junge zu sein, reden.

„You are from?“

„Germany.”

“Ah. Can you buy me rice? In Super market? Maybe milk?”
Ich will ihn schon abwimmeln, doch dann erwacht eine Erinnerung in mir. In Kathmandu gab es schon genauso ein Gespräch. Jemand wollte, dass ich Milch für sein Kind kaufte, verlangte aber von mir, dass ich die Super-Sonder-Special-Milch für Kinder erwarb. Höchstwahrscheinlich einer dieser Bandentricks, bei dem der Fragende mit dem Verkäufer der teuren Milch unter einer Decke stecken und sich am Ende das Geld teilen.

Ich bin neugierig, ob mein junger Freund genauso tickt und lasse mich von ihm in den nächsten Supermarkt leiten.

Erst zeigt er auf einen 10 Kilo Sack Reis, der umgerechnet mehr als 25 Euro kostet.

„To much money. Look for a smaller one.“

“I have a big family!” versucht er zu protestieren.

“Look for a smaller one“, sage ich mit Nachdruck und deute auf die 500g Packung für zwei Euro.

„Take two.“

Ein kleines Mädchen gesellt sich an seine Seite. Es will anscheinend auch Reis und in diesen Momenten weiß ich noch nicht, dass beide zur gleichen Familie gehören und finde es auf einmal falsch dem Jungen zwei Tüten zu geben und dem Mädchen nur einen. Das kommt mir ungerecht vor, doch wird mir schnell klar, dass beide keines Falls zu einer Bande gehören, sondern wirklich Reis brauchen. Ihnen ist der Preis völlig egal, ja sie zeigen mir sogar ein Angebot, wo ich dreimal Reis für den Preis von einer Tüte bekomme und drum entscheide ich mich für die gute Tat, spendiere dem Mädchen noch ein Schokoriegel und bezahle für sie. Mir herzlich dankend freuen sich beide über beide Ohren und winken mir zum Abschied zu. Ich werde sie fünf Minuten später, nach einem kleinen Wasser-Einkauf, mit ihrer Mutter vor dem Museum sitzen sehen, glücklich über ihre Ausbeute.

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Ich werde noch einige Menschen in Mumbai treffen. Ein alter Touristenführer wird sich, als ich gerade dabei bin Fotos zu machen, an meine Seite gesellen, mir zeigen wie man es in dieser Stadt vermeidet zu viel für seinen Transport auszugeben, in den man einfach den lokalen Zug durch die Stadt nimmt, der um das Dreißigfache billiger ist als ein Uber-Fahrzeug. In diesen Zügen werde ich das erste Mal eine bestimmte Seite des Klischee-Indiens erleben. Dicht gedrängte Menschenmassen in den Innenräumen. Tatsächlich kann ich beobachten, wie sich Menschen wie wild durch die Tür drängen, um ja irgendwie noch einen Sitzplatz zu ergattern, ehe man stehen muss. Just in diesen Momenten des Zugfahrens sollte ich ein bestimmtes Kapitel aus „Shantaram“, das ich als Hörbuch erworben habe, hören.

Hauptcharakter Lin erlebt, wie sein indischer Freund Prügel bezieht, weil er um Ach und Krach zwei Sitzplätze im Zug verteidigt. Als Lin und sein verprügelter Freund endlich sitzen, so sind all die Leute, die vorher gedrängelt und geschlagen haben, überaus freundlich, behandeln den Australier gar ehrfürchtig. Später wird Lin dieses Verhalten als indische Notwendigkeit definieren:

„ Heute weiß ich, dass dem Handgemenge und der Höflichkeit dasselbe Prinzip zugrunde lag: Beide waren Fragen der Notwenigkeit. Das Ausmaß an Gewalt und Rücksichtslosigkeit, das nötig war, um sich einen Platz im Zug zu sichern, entsprach dem Ausmaß an Höflichkeit und Rücksichtnahme, das nötig war, damit die Zugfahrt in drangvoller Enge so angenehm wie möglich verlief. Die niemals ausgesprochene, aber unvermeindlliche Frage überall in Indien lautet: Was ist notwendig?“

Es ist notwendig, dass du irgendwie in diesen Zug springst, da sonst vielleicht keiner mehr kommt. Die Enge spielt dabei weniger eine Rolle. Die ist in diesem Sinne ebenfalls notwendig.

Was ich damals, als ich in Dallapalli, dem kleinen Bergdorf, mit 19 anderen Personen in ein Riksha gestiegen bin und pure Höllenqualen litt, als Spontanität definierte, ganz nach dem Motto: Ey, lass mal in dieses völlig überfüllte Riksha steigen, wird schon nichts passieren“, würde ich jetzt ebenfalls als Notwendigkeit der Tatsache deklarieren, da nach diesem Riksha für eine Ewigkeit kein Fahrzeug mehr kommen würde. Der Rest ist Akzeptanz, Toleranz und ja, auch Liebe gegenüber den Mitmenschen.

Kurz nach dieser Lehrreichen Passage war es so weit, dass ich aus dem Zug aussteigen musste, meine Haltestelle war erreicht. Die Menschen, die aussteigen wollten, drängelten sich bereits vor die Tür und keilten dabei einige Unschuldige ein, die noch gedachten weiter zu fahren. Der Zug hielt, die Türen sprangen auf, Menschen stießen von draußen und drinnen, um irgendwie in den Zug zu gelangen. Für einen Augenblick stand ich einfach nur da, erkannte dann aber dass es notwendig war ebenfalls offensiv zu werden und kämpfte mich durch die Öffnung ins Freie, jedoch nicht ohne einmal voller Absicht auf den Hinterkopf geschlagen zu werden. Auf dem Bahngleis starrte ich den Pulk von Menschen in der Tür entnervt an, doch statt mich aggressiv und wütend anzugaffen, beäugte man mich liebevoll. Es wirkte beinahe so, als seien alle dazu bereit mir den Kopf zu pusten. Diese Inder, aber auch. 😀

Ich traf einen jungen Studenten, der auf der Stelle, ohne Zweifel bereit dazu war mir das Touristenviertel zu zeigen. Er glaubte ans Karma und daran, dass ich, wenn er als Tourist in Deutschland wäre, genauso reagieren würde. Ihm war es egal, dass er wohlmöglich zu spät zum Cricket-Finale zwischen Hyderabad und Chennai kommen würde ( Chennai würde am Ende gewinnen), für ihn zählte die Tat mir etwas Gutes zu tun.

Doch die interessantesten Menschen, traf ich nicht in den Reichenvierteln der Stadt, sondern dort, wo die Ärmsten der Armen lebten. In Dharavi. Dem größten Slum Indiens..

 

To be continued…