Leben im Slum

„Whats your good name“, fragt mich ein Unbekannter. Er steht seit gut 30 Sekunden neben mir und hat mich während dieser Zeit von oben bis unten anstarrt, ja gar analysiert. Wohl fühle ich mich in seiner Gegenwart nicht. Ich stehe auf der Brücke eines Bahnübergangs und fotografiere die Umgebung, der wohl größte Slum Asiens liegt beinahe vor mir. Ich sehe Menschen auf Gleisen, die nach verwertbaren Müll suchen. Haben sie diesen gefunden, trotten sie zurück in ihre rostigen Wellblechhütten, direkt neben den Gleisen. Lärmschutzanlagen, gar Palisaden gegen den andonnernden Züge gibt es nicht. Diese Menschen sind dem Lärm der riesigen Ungetüme hilflos ausgesetzt.

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Apropos: Da wir gerade von Zügen und Müll reden: Täglich werden Millionen von Indern durchs ganze Land gefahren, jährlich sind es bis zu acht Milliarden Passagiere, die die „Indian Railways Company“ durch den Subkontinent fährt. Mit mehr als einer Millionen Beschäftigten ist die Eisenbahngesellschaft einer der größten Arbeitgeber der Welt. Viele der Arbeitnehmer sind im Grunde nichts anderes als fahrende Kellner, die laut schreiend Nahrungsmittel, wie Samosas, Kekse, oder Biryani feilbieten, die meist in Plastikverpackungen gehüllt sind. In den Zügen gibt es so gut wie nie Mülleimer, weshalb einem nichts anderes übrig bleibt, als seinen Abfall aus einem der Gitterfenster zu schmeißen. Die Umgebung rundum der indischen Bahngleise ähnelt somit einer endlos langen Müllhalde. Wohl angemerkt: Das Streckennetz der Indian Railways beträgt mehr als 65.000 Kilometer…

 

„Leo“, sage ich knapp und drehe mich von dem Typen weg. Ich will jetzt nicht reden. Dieser jedoch starrt mich weiter vehement musternd an, während ich versuche gute Bilder zu schießen.

„Where are you from?“

„Germany.“ Ich versuche so uninteressiert wie möglich zu klingen. Normalerweise bin ich wirklich ein guter Smalltalk-Typ für Interessierte, doch ich habe momentan einfach überhaupt keine Lust. Der Typ ist mir unheimlich.

„You want sex?“

„What?!“ Damit hat er mich jetzt total aus dem Konzept gebracht.

„With me?“ Ungehemmt nimmt er meine Hand und führt sie in die Nähe seines Schrittes. Angewidert reiße ich diese zurück.

„No!“ ich schüttle wütend den Kopf.

„Why not?“ er tritt immer näher an mich heran.

„I´m into girls!“ antworte ich barsch.

„ So what? It´s your first time? Come with me.” Er will erneut meine Hand nehmen, doch ich ziehe sie weg.

„I have a girlfriend“, lüge ich, doch hoffe, dass er so endlich begreift, dass ich absolut kein Interesse habe. Ich laufe los, die Treppe zum Ausgang hinunter. Der Typ folgt mir.

„Doesn´t matter. Lets do it. “

“No interest. I want to be alone. I´ll go now.” Ziemlich angefressen laufe ich aus dem Bahnhofsgebäude hinaus, den Typen immer noch an der Backe.

„Please!“ er gafft mich kokett an und führt diesmal seine Hand in Richtung meiner Leistengegend.“

Gut zehn Minuten bleibt er an meiner Seite und schaut mich aus großen Augen an, während ich drüber nachdenke, wie ich ihn am besten los werde. Ich war noch nie der Typ, der Leute geschlagen, oder beleidigt hat und damit will ich auch hier nicht anfangen.

„I´m very good at this. Just one time, please. I like strangers”, zwischen einem schmalen Durchgang eines geparkten Autos und einer Wand versucht er mich festzuhalten  und zu bedrängen.

„No! knurre ich böse und dieses Mal viel lauter, als davor und schlage seine Hand beiseite. „Bye!“ ihn beiseite stoßend, fluchend und wohl auch etwas aggressiv stapfe ich schnellen Schrittes davon, blicke nach einigen Metern hinter mich und sehe, dass der mein Verfolger aufgegeben hat. Sehnsüchtig blickt er mir nach.

In diesen Momenten meiner Wut hätte ich nur zu gerne meinen Frust hinaus gelassen, balle die Fäuste und trete mit einem halbwegs lauten „Fuck!“ gegen eine Laterne. Schimpfend mache ich, dass ich Fersengeld gebe und aus dem Blickfeld des Irren komme und biege in eine Seitengasse. Ich versuche mich irgendwie zu entspannen, doch das will mir just in diesem Moment einfach nicht gelingen. Ich bin so wütend und irgendwie auch traurig, dass ich nicht mehr klar denken kann. Ich setze mich auf die Kante des Bürgersteigs und will begreifen, was gerade passiert ist. Warum bin ich gerade so außer Gefecht? Klar, keine Frage, mich hat noch nie jemand sexuell belästigt und dieses eine Mal reicht mir auch völlig, doch das ist es auch nicht, was mir zu schaffen macht. Es ist ein anderes Gefühl, eine Tatsache, eine Gegebenheit, die absolut nicht in mein Weltbild passt. Diese unangenehme Person war mit Abstand die allererste seit 10 Monaten in Indien, die auf mich…schlecht, gar böse gewirkt hat. Sonst waren die meisten immer gut und liebevoll und eben diese Erkenntnis, dass es nicht nur die Guten gibt, schockiert mich. Über zehn Minuten sitze ich an der Schwelle zur Straße und kämpfe tatsächlich mit den Tränen. Wie all zu oft im Leben überlappen schlechte Ereignisse die guten, verdrängen sie, stellen auf einmal alles anders dar, als es eigentlich ist.

Während ich dort so hocke, verfluche ich all diese bescheuerten Inder, ja ich kann nicht anders als pure Abneigung, Wut und Hass für all diese Menschen, die gerade an mir vorbei laufen, zu empfinden, bis ein Kind an mir vorbeikommt, mich anlächelt, mit den Kopf wackelt und weiterzieht.

Dieses Kopfwackeln ist mir vertraut, ja es erweckt gar ein Hafen der Ruhe in mir. Die Wackeldackel-Geste ist mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, ich habe mich daran gewöhnt, dass wenn jemand mit den Kopf wackelt, ich es ihm gleichtue.

Anfang des Jahres glaubte ich noch, dass dieses Zeichen lediglich für alle möglichen Umschreibungen für das Wort „Ja“ stehen würde, doch dem bin ich mit der Zeit entwachsen. Es bedeutet so viel mehr. Besonders in den Dörfern ist mir klar geworden, dass das Kopfwackeln ebenfalls ein Zeichen dafür ist, dass man nicht gefährlich, sondern ein Freund ist. Du kommst als Weißer auf jemand Fremden zu, dieser Jemand mustert dich mürrisch, weiß nicht so ganz er auf dich reagieren soll, doch spätestens dann, wenn du mit dem Kopf wackelst, wird er zurück wackeln und breit lächeln. Ihr versteht euch, ihr seid auf einer Wellenlänge, ihr seid Freunde.

„Hallo, ich bin ungefährlich“ ist wohl eine der passenden Definitionen für das Wiegen seines Kopfes und ich bin mir sicher, dass es mir als Tick in Deutschland erhalten bleiben wird.

 

So holt mich eben jene kleine Bewegung aus meiner Wut heraus und führt mich zurück in die richtige Welt. Vögel zwitschern, ich höre wie Kinder lachen und Händler lauthals ihr Gemüse feilbieten. Eine seichte, frische Brise weht durch die grüne Allee, ich atme tief ein und das Leben kehrt zurück in meinen Körper, der sich gerade noch so vehement dagegen gewehrt hat irgendetwas zu machen.

„Scheiß auf diesen einen Typen. Er war die Ausnahme“, mache ich mir klar. Egal, wie sehr man sich vor manchen Menschen auch fürchtet und vor ihnen weglaufen will, es sind andere Menschen, die dich auffangen und glücklich machen werden.

 

Ich stehe auf, laufe los, mein Ziel wieder vor Augen. Dharavi. Einer der vielen Slums in Mumbai und tatsächlich einer der größten Asiens. Ich folge Google Maps, dass mir diese Gegend als Sehenswürdigkeit anpreist, stelle aber wenig später fest, als mir die Navigationsstimme verkündet, dass ich angekommen sei, dass so ein Slum keine Eingangspforte hat. Es gibt kein Schild, das verkündet, dass man jetzt in Dharavi ist, die Hochhäuser brechen nicht plötzlich ab und hinterlassen ein riesiges Gebiet aus kleinen Hütten, nein, der Übergang ist fließend zu allen Seiten.

Einen Slum stellt man sich zudem ziemlich einfach vor, wie ich am Ende meines Besuches eingestehen muss. Für meinen Teil verglich ich vor meiner Zeit in Indien einen solchen mit meinen Vorstellungen eines riesigen Flüchtlingslagers. Viele, viele Menschen die nichts haben, hausen in heruntergekommenen Hütten, ohne irgendwelche Beschäftigung. Sie sind dreckig, haben kein Wasser, leiden unter all diesen Bedingungen.

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Doch jenes Areal in Mumbai, der Stadt der Gegensätze, vermittelt mir ein anderes Bild. Gut, tatsächlich ist es so, dass es viel dreckiger ist, als anderswo. Verglichen mit Colaba, dem Touristenviertel der Stadt, könnte man glauben in einer komplett anderen Stadt zu sein. Je weiter ich vordringe, so schmutziger wird es auf den kleinen Gassen, es stinkt fürchterlich nach Abfall und Fäkalien, in riesigen Müllbergen tummeln sich Ratten so groß wie Katzen, Straßenhunde und ausgemergelte, schmutzige Wasserbüffel. Ich komme an einem stinkenden Fluss vorbei, der zum größten Teil aus verrottendem Abfall besteht. Hohe, graue, mit Graffiti besprayte Häuser blöckeln im Schmutz der Straße vor sich hin. Direkt an ihnen reiht sich eine Baracke an die nächste, die schmalen Sandwege bestehen zu mehreren Teilen aus übel riechenden Pfützen, aus denen theoretisch gleich ein riesiger Mutant entspringen könnte, doch trotz alledem unterscheidet sich dieser Slum von meinen Vorstellungen.

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Den Unterschied machen die Menschen.

Inder sind grundsätzlich sehr reinlich und das merkt man insbesondere dann, wenn die Umgebung es nicht ist. Selten wird man in Indien in einem Armenviertel einen schmutzigen Menschen begegnen, es sei denn er kommt gerade von einer Baustelle, aber grundsätzlich waschen sich alle mehrmals am Tag, besonders das Gesicht und die Hände. Der männliche Part wird immer einen perfekt frisierten Bart und stets gestriegelte Haare haben. Die Frauen die täglich die Haare mit Kokosnusshaaröl einreiben, sind immer in Würde und Anstand in ihre bunten Saris gefüllt, welche ihnen tatsächlich eine Art Eleganz inmitten all des Schmutzes verschaffen. Insbesondere indische Moslems scheinen noch sauberer zu sein als ihre hinduistischen Mitmenschen, tragen die Männer oft strahlend weiße, frisch gewaschene Gewänder, die niemals Flecken zu haben scheinen.

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Neben der Reinheit der Menschen fällt mir zunehmend auf, wie viel Leben in diesem Viertel steckt. Auch hier gibt es Geschäfte, Friseure, Bauarbeiter, Fleischereien, Restaurants, Stahlwerke und alles, was man auf der normalen Straße auch finden wird, eben nur viel kleiner und heruntergekommener. Es herrscht rege Arbeit, Handel wird, inmitten der schmalen stinkenden Gassen betrieben. Tatsächlich hat der Slum selbst eigene Industrie- und Gewerbeviertel, die durch Handel, Dienstleistungen und Handwerk jährlich 700 Millionen Euro Umsatz erreichen.

Spätestens, als ich beinahe in eine kleine Moschee voller Gläubigen tappe, wird mir bewusst, dass hier zwar die Ärmsten der Armen leben, diese aber nicht aufgegeben haben ihr Leben zu leben. Ihre eigene kleine Welt liegt vor ihnen.

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Fröhlich bedenke ich alle Leute, die an mir vorbeigehen mit einem Kopfwackeln, was sie begeistert erwidern, mehrere wollen sogar, dass ich von ihnen ein Foto schieße, mir wird Chai gereicht und von vielen Kindern des Slums werde ich sogar auf Englisch angesprochen, was mich erst sehr verwirrt, glaubte ich vorher nicht daran, dass diese Leute im Stande wären mehrere Sprachen zu sprechen. Eben diese Gedanken, zu glauben, dass die Leute aufgrund ihrer Ärmlichkeit ungebildet und dumm wären, macht mir im Nachhinein zu schaffen. Sehr wohl können arme Leute, die nicht auf teure Privatschulen gegangen sind, schlau und spitzfindig sein, das beweist mir Bonjibabu aus Dallapalli jedes Mal auf´s Neue. Mag sein, dass er keine Ahnung von Geographie hat, die Weltkarte nicht kennt und somit nicht weiß, wo die USA oder Australien liegen, doch das brauch er auch nicht. Für ihn ist es schlichtweg einfach nicht notwendig das zu wissen. Dafür weiß er Dinge über sein Land, über Pflanzen und Kräuter, über Tiere und Wege seine Acker zu bestellen. Davon habe ich für meinen Teil auch überhaupt kein Wissen, teilweise kann ich nicht einmal zwischen Eiche und all diesen anderen Bäumen unterscheiden.

Der Slum beherbergt ebenfalls sein eigenes Wissen, bestimmt gibt es sogar kostenlose Schulen, die die Kinder besuchen können, um wenigstens die Grundlagen des Englischen und vielen weiteren Dingen zu lernen.

Ich fühle mich gut aufgehoben unter all diesen Menschen, klar, traue ich mich im Endeffekt nicht ganz in die ganz kleinen verwinkelten Gassen des Viertels, sondern bleibe auf den Hauptstraßen, die verwirrend genug gegliedert sind und erfreue mich der Kleinigkeiten, mag es jener Bananenverkäufer sein, der kopfwackelnd und lächelnd die Enden seines weißen Schnurrbarts zurecht nach oben dreht, als ich ihn fotografieren möchte, oder solche, die mir einen schönen, erfreulichen Tag wünschen, als wir nach einem kurzen Gespräch auseinander gehen.

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Meist sind es die, die nichts haben, die am meisten geben und das kann ich in just in diesen Momenten in Mumbai, als ich mich winkend von diesem riesigen, verdreckten Slum der Armen verabschiede, besonders spüren…