Juhu Beach

Schon mal von nordpazifischen Müllstrudel im Pazifik gehört? Nein? Noch nicht? Gut, dann wird es jetzt Zeit dafür. Schon oft habe ich in diesem Blog über Indien und dessen Müllproblem geredet und eben jenes Dilemma hat nicht nur dieser Subkontinent, sondern grundlegend alle asiatischen Staaten und Entwicklungsländer, in Südamerika oder Afrika.

Hier gibt es mangelhafte Recycling-Systeme, Bildungsmangel und dadurch auch unbewusster Konsum von Plastikmaterialien. Diese werden selten recycelt, landen auf Deponien, oder im Meer und hier beginnen die Ursprünge des Müllstrudels. Etwa drei Prozent aller weltweiten Abfälle, das sind mehr als acht Millionen Tonnen Kunststoff, geraten jedes Jahr in die Weltmeere und durch das Zusammentreffen warmer Winde aus den Tropen, kalter Winde aus den Polargebieten, wird der weggeworfene Müll in bestimmte Regionen der Ozeane geschwemmt. So konnte sich im Nordpazifik ein gewaltiger Müllfleck ansammeln der mit 700.000 bis 1,2 Millionen Quadratkilometern zwischen der Größe von Madagaskar und Grönland liegt. Dort schwimmen Millionen Tonnen von Kunststoffabfällen auf und unter der Wasseroberfläche und gefährden somit das Leben vieler Meeresbewohner. Fische und Vögel fressen den Abfall, der nach leckerer Beute aussieht, verspüren durch den fehlenden Nährstoffzuwachs keine Sättigung, fressen immer mehr und mehr,  leiden nach einiger Zeit an Verstopfung, sterben daraufhin, oder werden von anderen, größeren Meerestieren gefressen, die nun auch Müll im Blut haben. Plastik kann sich nicht zersetzen. Es zerfällt, über Jahrhunderte hinweg in immer kleinere Teile, sogenanntes Mikroplastik, das spätestens dann auch auf unseren eigenen Tellern landen kann, bekommen wir Fisch vorgesetzt, der in den betroffenen Müllgegenden gelebt hat.

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Die Menschheit produziert angeblich so viel Müll, um alle Strände der Welt damit abzudecken und es soll noch vier weitere Müllstrudel in den Weltmeeren geben.

Worum erzähle ich das jetzt euch? Nun ja, vor meinem Besuch in Mumbai habe ich daran geglaubt, dass es solche Müllkontinente gibt.

Jetzt, während meines Besuches in der Stadt der Unterschiede, Weiß ich es…


 

Es ist mein letzter Tag in Mumbai und nach all den schönen und prägenden Erlebnissen hier, möchte ich mich gegen Abend einfach an den Strand setzen, mir ein schönes Café suchen, um, währenddessen ich auf den Ozean schaue, ein leckeres Mango Lassi zu schlürfen.

Da es in Mumbai, als Halbinselstadt, ziemlich viele Strände gibt, entscheide mich zum Juhu Beach zu fahren, der sieht, als ich mir Bilder auf Google anschaue, recht gemütlich aus.

So schlendere ich nicht ahnend die Böschung hinunter, Sand kitzelt bereits meine Füße, ich schmunzele, beginne bereits zu entspannen, doch dann offenbart sich mir, als ich den Strand betrete eine unglaubliche Szenerie. Für kurze Zeit verschlägt es mir dem Atem und kann nicht fassen, was ich sehe.

Das ist kein Strand. Das ist eine Mülldeponie.

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Vor einigen Monaten las ich, dass Mumbais Strände große Probleme mit ihrem Abfall hätten und war nahezu überrascht, als ich die ersten Strände der Stadt begutachtete. Klar, sie waren dreckiger, als die wunderschönen perlweißen Küsten Goas und Gokarnas, aber das schockierte mich keinesfalls, schien mir dieser Standard noch halbwegs angemessen zu sein. Doch nun blicke ich verstört nach rechts und links und kann kaum eine Fläche ausmachen, die frei vom Müll ist. Kilometerweit erstreckt sich der Juhu Beach nach rechts und links und gammelt vor sich hin. Von Stoff-und Essensresten, bis hin zu allerlei Arten von Plastikabfällen ist alles dabei. Krähen und Möwen tun sich an allem Unrat zu Gute.

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„Mumbai, die Stadt der Krähen“, murmele ich. Fürwahr habe ich in einer Stadt noch nie so viele Krähen gesehen, die sich am all dem Mist der Metropole laben und einem bis auf wenige Zentimeter an sich heranlassen, ehe sie davon fliegen.

Ein seichter Nebel senkt sich über Juhu, es beginnt leicht zu nieseln und macht die Szenerie perfekt. Wie aus einem Albtraum entstiegen, liegt er da, der Strand, an dem ich mich gerade noch in den Sand setzen wollte. Jetzt ekele ich mich davor. Zudem verstehe ich gar nichts mehr. Juhu ist eine von Mumbais Reichengegenden, Stars wie Amitabh Bachchan (wenn ihr den nicht kennt, schaut mal Slumdog Millionaire) haben hier ihre Häuser und laut Internet gilt gerade dieser Strand als einer der beliebtesten Mumbais, in den Sommerferien kommen hier viele Touristen zum Entspannen her und auch bei der Bildersuche sehe ich nach wie vor nur puren weißen Sandstrand. Genau das Gegenteil von dem, was ich jetzt vor Augen habe.

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Eine Mondlandschaft. Ein Gebiet menschlichen Versagens. Wasteland.

„Was hast du dazu zu sagen, Menschheit? Wie willst du dich hier herausreden?“, murmele ich und sehe plötzlich einen Mann mit Kamera auf mich zu spazieren.

 

„Du hast einen wirklich guten Fotoapparat in deinen Händen“, meint er und zeigt auf eben diesen.

Er ist einer jener, die bei touristischen Plätzen hausen und Gruppenfotos von Touristen zu machen. Er zeigt mir auf einem Blatt Papier einige Beispielbilder, die er gemacht hat.

 

„Darf ich dich mal fotografieren?“ fragt er, wartet jedoch meine Antwort gar nicht ab, nimmt mir meine Kamera aus der Hand und drückt auf den Auslöser. Wie allzu oft in Situationen, wo ich zu verwirrt bin, um klar denken zu können, lächele ich in die Linse, währenddessen mir die Seltsamkeit der Situation durch den Kopf geht. Warum, warum, warum? Warum fotografiert mich dieser Typ gerade hier? Schön ist es hier nicht, ja genau das Gegenteil trifft aus diesem Ort zu. Er ist abschreckend, ein Mahnmal menschlicher Zerstörungswut. All dieser Müll, der nach und nach ins Meer abtreibt, macht mich traurig!

 

Ein zweiter Fotograf kommt hinzu, begutachtet das Bild seines Konkurrenten, scheint nicht zufrieden und kommt dann auf die zündende Idee seinen Hut vom Kopf zu nehmen, um ihn mir aufzusetzen.

„Besser!“

„Also ich glaube das reicht jetzt“, versuche ich einzuwenden, als ein dritter Mann sich dazugesellt, meine Kamera nimmt und ebenfalls Fotos von mir schießt. Ich versteife, verkrampfe, verstehe denn Sinn hinter allem nicht mehr und muss mich arg zusammenreisen als ein vierter Touri-Fotograf mir eine viel zu große Sonnenbrille auf die Nase setzt.

„Super!“

„Das steht dir total.“

„Breite mal die Arme aus.“

„Fass dir mal an die Sonnenbrille, das lässt dich cool wirken!“

Ich tue wie mir geheißen, fühle mich in jenen Momenten jedoch so unendlich schwach. Ich muss das ganze Prozedere beenden, nein sagen, ehe alles aus dem Ruder läuft.

„Stopp!“ sage ich und nehme den Leuten meine Kamera weg und gebe ihnen Hut und Sonnenbrille zurück.

„Das macht dann 400 Rupien“, meint der erste. Ich zaudere kurz, bis mir bewusst wird, dass das totaler Schwachsinn ist. Er hat mir meine Kamera entrissen, ohne von mir ein wirkliches „okay“ gehört zu haben. Klar, war es im Grunde meine Schuld, dass ich danach mitgemacht habe, aber mittlerweile habe ich begriffen, dass ich, wenn ich genug verwirrt bin, Dinge mache, mit denen ich nicht wirklich einverstanden bin. Siehe Szenerie in Hampi, wo ein Ohrenputzer von mir 2000 Rupien verlangte und ich sie ihm gab, weil ich viel zu bestürzt über die Tatsache war, dass ich kleine Steine im Ohr hatte, was sich im Nachhinein als gemeiner Trick herausgestellte.

„Aber..“

„Das ist meine Kamera und das sind so gesehen auch meine Bilder“, sage ich ruhig, die Zähne aufeinandergepresst. Ich laufe langsamen Schrittes davon, sehe wie die Fotografen die Köpfe zusammenstecken, um zu beraten, was jetzt zu tun sei, doch auch sie sehen ein, dass ihre Aktion nicht wirklich gewinnbringend für sie war.

Ich schaue auf das Display der Kamera. Auf neun von zehn Fotos sehe ich aus wie ein Depp, mit dieser viel zu großen Sonnenbrille, peinlich berührt am Strand stehend, aber ein Foto ist ihnen echt gut gelungen.

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Ich laufe weiter, kann mir nicht erklären, wie ich mich dazu durchringen kann fast durch den Abfall zu waten, aber irgendwas treibt mich an.

Ich sehe Leute am Rand des Strandes Cricket spielen und dabei wirken sie so entspannt und gelöst, als sähen sie die Müllhalde vor ihnen gar nicht. Wieder andere baden sogar.

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Mehr als eine Stunde laufe ich am Strand entlang, der Abfall wird nicht weniger. Mehr dafür werden die kleinen Baracken in den Dünen. Tatsächlich leben hier Menschen, wahrscheinlich die, die aus der Innenstadt, dort wo sich gläserne Wolkenkratzer in die Höhe strecken, vertrieben und hier her verfrachtet wurden.

Während ich darauf bedacht bin so gut wie möglich dem großen Müll, in der Angst auf etwas, wie eine Glasscherbe zu treten, auszuweichen, rennen einheimische Kinder barfuß durch den Dreck und freuen sich des Lebens, so als ob sie nichts anderes kennen würden, als den Dreck unter ihren Füßen.

Sie sehen mich, winken mir begeistert zu, wollen dass ich sie fotografiere, bieten mir an mit ihnen Cricket zu spielen, doch ich muss ihnen eingestehen, dass ich nicht weiß, wie die Regeln sind. Das stört sie nicht weiter und sie rennen mit einem fröhlich singenden „Leo, Leo, Leo!“ davon.

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Einige Erwachsene, die sich müde im Lichte der Nachmittagssonne rekeln blicken ihnen amüsiert nach. Gerade sie müssen doch erkennen, dass dieser Müll vor ihrer Haustür nichts Gutes bedeutet, das er schlecht für sie ist, doch es wirkt auf mich so, als hätten sie vor langer Zeit aufgegeben etwas dagegen zu unternehmen, als die Sache zu groß für sie wurde.

Nach wie vor kann ich mir nicht ganz erklären, welche Trugbilder mir die Google-Bildersuche präsentiert, suche ich nach dem Juhu-Beach. Ich kann mir eben nur folgende Erklärung darauf zusammenreimen. Wenn die Flut nach Juhu kommt, befreit das Wasser den Strand vom Abfall, der dann ins Meer treibt, auf direktem Wege zu einem dieser kontinental riesigen Müllstrudel im Ozean, wohl dem im indischen Meer. Der Nordpazifik wäre dazu auch etwas weit weg..

Ich wende mich ab. Ich verspüre eine derartige Wut auf mich und die Menschheit, bin ich wohl oder übel Teil dieser Wegwerfgesellschaft, kaufe selbst Plastik und schmeiße es nach einiger Zeit weg.

Ich verabschiede mich von Strand, laufe Richtung Innenstadt und will einfach nur noch weg. Wohin weiß ich nicht. Ich mag Mumbai sehr, doch das war irgendwie zu viel für mich. Es wird Zeit die Stadt der Extreme zu verlassen…

Die Menschheit braucht keine Aliens, keine Fremden von Außen um zerstört zu werden, nein, wir schaffen das auch alleine. Der Plastikstrand von Juhu als Beispiel..

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