Hauptstadtfeeling

„Wo bin ich hier nur gelandet?“ frage ich mich, während ich aus dem Fenster des Taxis schaue, das mich vom Hauptstadtflughafen abgeholt hat, um mich in mein Hostel zu bringen.

Nichts wirkt mir irgendwie vertraut und das wird zu einem meiner größten Probleme für die nächsten Tage werden. Gut, grundsätzlich ist es nichts Neues, dass wenn man in fremde Gefilde kommt, sich erst einmal orientieren muss. Normalerweise ist das kein Problem, ich habe mich an die Struktur indischer Städte gewöhnt, habe das Chaos auf den grauen Straßen zu lieben gelernt, doch Delhi, die Hauptstadt des indischen Subkontinents, ist mir auf die ersten Blicke so suspekt, dass ich nicht glauben kann wirklich hier zu sein. In jenen ersten Momenten meines Aufenthalts, immer noch das Bild der Schwesterstadt Mumbai im Kopf, hake ich Delhi bereits ab.

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Oft gibt es in indischen Großstädten mit Flughäfen folgendes Schema: Man fährt vom Flughafengelände herunter und ist sich erst gar nicht so bewusst, dass man in Indien ist, ist alles perfekt sauber, man sieht grasgrüne Rasenflächen und fährt durch eine Palmenallee, dessen Verkehr geordnet und gesittet ist. Vor einem Jahr, bei meiner Ankunft in Indien, hatte mich dieses Scheinbild, diese ersten 10 Minuten Indien, sehr verwirrt, ehe ich in den wirklich indischen Lebensstil hineingeworfen wurde. Denn so geht es meist von statten, wenn wir von Hyderabad, Mumbai oder Goa reden. Nach gut zwei Kilometern hört dieses Vorgaukeln von einem anderen Indien auf und das wahre Abbild zeigt sich. So aber nicht in Delhi.

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Nach einigen Kilometern  liegen die grünen Alleen mit mehreren Spuren und wenigen Autos, die merkwürdigerweise nichts wirklich Lust haben zu hupen, immer noch vor mir, Kreisverkehre leiten die Vehikel auf geordnetem Wege dorthin wo sie hin wollen und ich kann bei bestem Willen keine Kühe, oder Straßenhunde sehen. Seeehr verwirrend.

Das Chaos scheint vor der Hauptstadt große Angst zu haben.

Gerade noch im dreckigen Mumbai voller Varietäten, blicke ich auf eine Stadt, die die Unterschiede verbannt zu haben scheint und das ist es, was mich am meisten schockiert.  Die Reichengegend kann ich ganz eindeutig erkennen, doch MUSS unweigerlich daneben etwas Ärmliches, Kärgliches folgen, gehen wir nach meiner indischen Städtebauweise. Nichts davon kann ich erblicken. Da will wohl jemand etwas kompensieren. Es wirkt gar so, als seien die Armen, denn solche muss es unweigerlich im indischen System geben, aus der Stadtmitte herausgetrieben worden, damit Delhi so tun kann, als sei es etwas Besseres, als all die anderen Städte, die augenscheinlich mehr mit der Armut zu kämpfen haben.

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Aus dem Flugzeug heraus bereits wirkte Delhi wie ein riesiger Fleckenteppich, voller zusammengeschusterter Idealklischee-Viertel, die durch monokulturelle Wälder, Felder, oder Flüsse voneinander getrennt zu sein schienen und das macht die Hauptstadt unter Indern, die keine Einwohner der Metropole sind, nicht gerade beliebt.

In Zukunft werde ich mich  vielen Leuten aus ganz Indien über Delhi unterhalten und alle, besonders die, die aus Mumbai kommen werden, halten kaum etwas von ihrer Hauptstadt aus den eben aufgezählten Gründen. Delhi wirkt nicht echt, malt sich ein eignes perfektioniertes Bild seiner Bevölkerung.


Sidefact: Die Menschen aus Mumbai und Delhi mögen sich aus irgendwelchen Gründen nicht. Es besteht anscheinend eine Art von Konkurrenzdenken, so bezeichnet es Vaishnavi, eine unserer neuen Mitarbeiterinnen im Dhaatri-Office, die in Delhi aufgewachsen ist und in Mumbai studiert hat.

„Ich fand Mumbai scheußlich, konnte da nicht frei atmen. Vermutlich weil ich in Delhi groß geworden bin.“

Wahrscheinlich es hier so wie im Fußball, wenn Dortmund gegen Schalke, oder Real Madrid gegen Barcelona spielt. Man mag entweder den einen, oder anderen, aber nicht beide und es ist nahezu Hochverrat, wenn ein Spieler vom einen zum anderen Verein wechselt.


Ich erreiche das Hostel und was mir als erstes ins Auge sticht, ist ein U-Bahn-Tunneldurchgang, der kaum 50 Meter entfernt von den Pforten des Gasthauses postiert ist. Delhi hat tatsächlich ein funktionierendes Metro-System, das, als ich mir das Schienennetz auf Google Maps anschaue, sehr übersichtlich und einfach ist. Drum entschließe ich, nach einiger Verschnaufpause, mit Hilfe der U-Bahn zum Connaught Place, einem der Wahrzeichen der Stadt zu fahren, doch ehe ich die Treppen zur U-Bahn hinunter steigen kann, hält mich plötzlich jemand auf.

„Hey du, wohin willst du denn?“, fragt er mich.

„Connaught Place. Ich nehme die Metro.“

„Ohhh, tut mir leid dich enttäuschen zu müssen. Die Station hier funktioniert nicht. Nimm doch einfach die Riksha. Schau mal, da stehen sogar ein paar herum“, er deutet auf einige Fahrradrikshas, in dessen Gehäusen müde Männer vor sich hin dösen und ruft einen herbei.

 

„Connaught Place?“, frage ich diesen.

„Ja, ja, ja! Freund, ich bring dich dort hin!

„Für wie viel?“ frage ich, weil ich es mittlerweile gewöhnt bin den Preis für eine Fahrt vorher festzulegen.

„Egal, egal! Spring auf Später, mein Freund!“ er winkt ab und will mich zum Aufsteigen bewegen.

„40 Rupien?“

„Gut, Deal!“, er grinst fröhlich mit einigen verfaulten Zähnen, scheint aber nicht bei der Sache zu sein.

Ich steige auf und er beginnt hefig in die Pedalen zu treten, doch wirklich schnell werden wir nicht, denn ist es sage und schreibe mehr als 45 Grad heiß, der Schweiß trieft an mir herab, ohne dass ich mich besonders anstrenge. Allein das Sitzen verschafft einem schon Schweißausbrüche. Eine wirklich gute Zeit zum Verreisen habe ich temperaturtechnisch nicht erwischt, doch bin ich optimistisch und versuche die Hitze zu ignorieren.

 

Wir fahren zehn Minuten, bis der Fahrer, der stetig andere Verkehrsteilnehmer darauf hinweist, dass ich jetzt sein Freund aus dem Westen wäre,  plötzlich vor einem kleinen Haus hält, mich zum Aussteigen bewegt und mit mir die Treppe in den Keller des Gebäudes hinunter läuft. Im Inneren eröffnet sich mir ein Laden voller Souvenirs und Glitzersteinchen, eine Verkäuferin kommt auf mich zu und fragt mich, ob ich Hilfe beim Aussuchen des perfekten Mitbringsel bräuchte.

„Ähh“, entfährt es mir. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Ich schaue zu meinem Fahrer hinüber der mir lächelnd zunickt.

„Eigentlich wollte ich zum Connaught Place“, murmele ich. „Ich weiß auch nicht, warum ich jetzt hier bin.“

„Willst du was kaufen?“ fragt die liebe Dame.

„Öhh“, ich wische mir den Schweiß von der Stirn. „Also eigentlich…nicht“, ich kratze mir den Kopf. Schon wieder eine sehr verwirrende Situation in der ich mich befinde. Da stehe ich nun, wie bestellt und nicht abgeholt in einem Souvenirladen, wo ich gar nicht hinwollte und wundere mich. Da stimmt was nicht.

„Einen schönen Tag noch“, sage ich zur Verkäuferin die mir einen besorgten Blick zuwirft und verschwinde schnellen Schrittes nach draußen.

„Ich wollte zum Connaught Place!“ konfrontiere ich den Fahrer.

„Connaught Place? Ne, da fahre ich nicht hin. Zu weit. Nimm doch die Metro.“

„Hää“, murmele ich. Bin ich im falschen Film? „Aber…“

„100 Rupien bitte!“

„Wir hatten 40 abgemacht.“

„100 Rupien.“

„Nein!“

„Doch.“

„80!“

„Okay!“

Immer noch sehr irritiert und von der Gesamtsituation etwas überfordert, reiche ich dem immer noch breit feixenden Fahrer einen 100 Rupien-Schein. Einige Fahrräder und Rikshas fahren zwischen uns vorbei, da wir auf einer belebten Straße stehen. Für kurze Zeit wende ich den Blick ab, lasse dem Mann Zeit um mir Wechselgeld zu geben.  Als jedoch die Vehikel zwischen uns weg sind, ist mein Chauffeur irgendwie auch verschwunden.

Ich blicke verwundert in beide Richtungen. Kein Zeichen der Riksha, die mich hierhergebracht hat.

„Fuck!“ gestehe ich mir ein. Da wurde ich wohl betrogen.

In der Tat begegnen mir noch häufig Rikshafahrer auf meinen Wegen durch die Hauptstadt, die allesamt die gleiche Lüge erzählen würden als ich ihnen gestehe ihre Dienste nicht in Anspruch zu nehmen, da ich mich auf die Metro verließe:

„Nein, nein! Die Metro ist kaputt. Nehme lieber mich. Ich bin besser.“

Grundsätzlich wirken die ärmlicheren Nordinder weniger freundlich und zuvorkommend, als die mir bekannten Südinder. Hätten diese mir erzählt, dass die Metro kaputt wäre, hätten sie definitiv die Wahrheit gesprochen, dem bin ich mir sicher. In Hyderabad wird mir immer wieder erzählt, wie gefährlich der Norden wäre, die Menschen würden gegenüber Weißen häufiger lügen und versuchen diese auszunehmen. Klar, scheint mir die Sichtweiße der Südländer etwas überinterpretiert, aber bei Teilen der Nordländer haben sie tatsächlich recht.

 

Dank des unehrlichen Fahrers laufe ich nun die ganze Strecke vom Souvenirladen bis zum Bahnübergang, in brütender Hitze, zurück. Dabei fragen mich einige neue Rikshafahrer, ob sie mich nicht mitnehmen könnten, doch mein Vertrauen in sie, ist erstmal gestört.


Da nehme ich lieber die Metro.

Die funktioniert gegen allen Erwartens einwandfrei und ich behaupte sogar nie eine bessere gefahren zu sein. Das ganze System der Metro wirkt durchdacht und die Züge an sich, sind futuristisch modern, besitzen herunterkühlende Klimaanlagen und kommen in einem Abstand von 2 Minuten 40 Sekunden bis 5 Minuten. Die Metro Delhi hat eine sehr hohe Pünktlichkeit von sage und schreibe 99,5 Prozent.

Da soll sich die Deutsche Bahn mal ein Beispiel nehmen.

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Bevor man einsteigt, durchwandert man eine Sicherheitskontrolle, muss seinen Rucksack kontrollieren lassen und gerät unter genau dieselben Ganzkörperscanner, die es am Flughafen gibt. Dann kauft man sich ein sogenanntes „Token“, eine Plastikmünze, die man nun einem weiterem elektronischem Scanner zeigt, der mit einer Schranke verbunden ist. Hat man kein Token geht die Schranke nicht auf. Mit jedoch passiert man den Sicherheitsbereich und befindet sich erst jetzt im eigentlichen Bahnhof. Dauerfahrer haben übrigens, anstatt der Münze eine Monatskarte. Die verschiedenen Gleise sind bestens ausgezeichnet, es gibt sogar Hinweise wo du dich genau hinstellen musst, damit du direkt vor der aufschwingenden Tür des Wagons stehst.

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Menschliche Anleiter sorgen dafür, dass, wenn der Zug auf´s Gleis fährt, alle geordnet in Reih und Glied  rechts und links von der Tür stehen, damit in der Mitte Platz genug für die aussteigenden Passanten ist. Innerhalb des klimatisierten, sauberen Zuges zeigen dir mehrere elektronische Tafeln, wo du gerade bist und welcher Bahnhof als nächstes kommt. Erreicht man seine Zielstation, stößt man erneut auf eine Exit- Schranke, der man nun sein Ticket gibt, damit sie dich herauslässt. Schwarzfahren ist in diesem System so gut wie unmöglich, auch wenn das eigentlich niemand muss, sind die Eintrittspreise, die zwischen 10-50 Rupien liegen, sehr erschwinglich. Doch merkt man sehr, welche gesellschaftliche Klasse die Metro hauptsächlich in Anspruch nimmt: Die Mittelschicht. Die ganz Armen, die sich zwar möglicherweise ein Ticket leisten könnten, werden von den Sicherheitsbeamten gar nicht erst auf´s Gelände gelassen, passen sie nicht ins System der Metronutzer. Was mir bei jenen sofort auffällt, ist dass sie sehr offen zu sein scheinen, ja sie wirken gar vollends verwestlicht.


Das kann ich auch in den verschiedenen Parks der Stadt beobachten, gerade im Central Park, der direkt im Connaught Place liegt, zeigt sich ein komplett anderes Bild als in Hyderabad.

Dort gibt es zwar Parks, diese sind jedoch weder liebevoll gestaltet, noch haben sie einen besonderen Mehrwert für die eher konservativ-kulturelle  Bevölkerung der muslimisch geprägten Stadt. Hauptsächlich sieht man hier schüchterne Paare, die sich scheu hinter Bäumen versteckt haben, um ja keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mürrisch drein blickende Parkwächter verlangen von dir Eintritt und wollen bloß nicht, dass du irgendwas, was in diesem Stadtgarten haust, fotografierst. In Delhi jedoch geht man mit breiter Brust voran, Paare liegen glücklich und Händchen haltend, teilweise auch knutschend im Gras, während junge Männer begeistert ihre Cricket-Schläger schwingen, Kinder lachend durch die Wasserfontänen hüpfen und Hobbyfotografen das Geschehen in Bildern festhalten. Musik wird gespielt, es gibt Mülleimer, die sogar benutzt werden und alles ist gehegt und gepflegt.

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Wie anfangs bereits beschrieben, bin ich die ersten Tage sehr verwirrt über diese Reinheit und Andersartigkeit der Stadt, bis ich, während ich durch grüne Tempelanlagen streife, einsehe, dass es nichts bringt, sich dagegen aufzulehnen, dass Delhi nicht „indisch“ genug sei. Schließlich befinde ich mich doch gerade direkt im Zentrum indischer Schaffenskraft, die eben diverser und vielseitiger ist, als davor angenommen.

Ich würde zwar noch weiter nach dem „chaotischen“ Indien suchen und es auch, als ich etwas weiter mit der Metro fahre, finden, doch spätestens dort hat es nicht mehr die Bewandtnis, die es anfangs von mir noch erhielt.

Das Chaos verbinde ich nach wie vor mit Abenteuer, weshalb in Delhi wahrlich auch nicht mehr viel passiert, treffe ich keine besonderen Leute, doch spüre ich, während meiner U-Bahnfahrten eine sehr angenehme Anonymität. Hier bin ich unter Tausenden von Mittelstandsleuten nichts Besonderes mehr, verschwimme mit der Masse und gerade das tut auch einmal gut.

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Auf den chaotischen Straßen war ich immer so etwas wie ein Star und auf Dauer ging einem das doch gehörig auf die Nerven.  Die Anonymität der Großstadt war nahezu einlullend und zufriedenstellend, erinnerte sie mich an eine andere Stadt jenseits des indischen Subkontinents. Berlin. Mein Zuhause…