Ticks, Macken und teilweise nicht notwendige Notwendigkeiten Indiens

Ich atme ein. Ich atme aus. Immer wieder demselben Schema folgend hole ich tief Luft und lasse sie säuselnd wieder heraus, während ich, die Augen geschlossen auf dem kalten Stein liege.

Ich atme ein. Ich atme aus. Immer wieder. Mein Körper ist entspannt, ich verfalle in eine Art Trance, höre aus der Ferne eine Stimme flüstern, die mir sagt, dass ich meine Arme, meine Beine, ja gar meine Augen entspannen soll. Alles scheint in Zeitlupe an mir vorbei zuziehen.

Ich atme ein. Ich atme aus. Warme Sonnenstrahlen kitzeln mich an der Nase und in diesen Augenblicken könnte ich auch auf einer Blumenwiese mitten im Nichts liegen können, statt auf einer Betonplatte in einer der größten Städte Indiens. Die Verkehrsgeräusche nehme ich kaum war, nur das gleichmäßige Atmen der Anderen.

Ich atme ein. Ich atme aus. Doch was ist das? Rechts neben mir hört es sich so an, als ob eine Kuh, nein, mehrere Kühe mit einer derartigen Vehemenz das Gras aus dem Boden rupfen würden, als hätten sie seit Tagen nichts mehr gegessen. Zack, zack, zack, immerfort wird das Gras auf der kleinen Rasenfläche neben uns ausgerissen. Das können nie und nimmer Kühe sein.

Ich fahre hoch. Neben mir, vor mir und hinter mir entspannt die Yoga-Gemeinschaft nach wie vor ihre trägen Knochen nach einem harten Workout, atmet ein, atmet aus.

Ich blicke nach rechts, aus dem kleinen Yoga-Pavillon heraus und sehe, wie mindestens 10, alte Frauen in bunten Saris das Gras aus der Erde reißen. Nein. Sie reißen es nicht heraus, genauer gesagt kürzen sie es nur. Ohne jegliches Zubehör, wozu auch Scheren verwenden, machen sie sich auf der Wiese, die in einem Innenhof, eingeschlossen von großen Gebäuden liegt, zu schaffen und nach einiger Zeit des Zusehens begreife ich was sie da genau veranstalten.

Diese Frauen mähen den Rasen. Zu menschlichen Rasenmähern mutiert, rupfen sie munter Grashalm für Grashalm auf die gewünschte Länge, fahren wie Grillenschwärme, die über eine fruchtbare Ebene fliegen, hinweg und lassen wie ebenjene Grillen, nichts mehr übrig, als gepflegten, gemähten Rasen. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei, die Wiese ist getrimmt, die alten Frauen rücken sich ihre Saris und Kopftücher zurecht und stieben prompt und fluchtartig in verschiedene Richtungen davon. Es herrscht wieder absolute Ruhe. Die anderen Yoga-Teilnehmer kehren langsam aus ihrer Trance zurück, Merlin lächelt zu mir herüber, während ich mit offenem Mund da sitze und immer noch nicht auf die gerade eben passierte Aktion klar komme….



Besagte Situation passierte vor gut 10 Monaten. Die einstigen Yoga-Zeiten sind für mich vorbei, Merlin ist weg, doch die weiblichen Rasenmäher sind immer noch da, so berichten Skrollan und Toni. Jede Woche kommt der Schwarm und zupft und zupft und zupft.

Wozu auch einen teuren Rasenmäher kaufen, wenn man zehn billige Aunties ( aus dem Englisch bedeutet das „die Tanten“) darauf ansetzen kann, die Arbeit zu erledigen.

Der Job der Auntie, einerseits Ausdruck des Respekts gegenüber älteren Frauen, als auch eingebürgerter Begriff für die Putzfrauen, die täglich in die Wohnungen der indischen Mittelschichten (aufsteigende Schichten natürlich mitinbegriffen) kommen, ist sowieso manchmal etwas fragwürdig. Nur mit einem einfachen Reisigbesen bewaffnet, fegen sie im Endeffekt den Dreck von einer Stelle zur anderen. So etwas wie Staubsauger habe ich bisher noch nie gesehen. Wahrscheinlich ist die Anschaffung eines solchen immer noch teurer, als die Anstellung einer Auntie, die ihre Aufgabe zwar gewissenhaft und treu erledigt, jedoch so schludrig, dass sie jeden Tag kommen muss, um das Vergessene vom Vortag, nochmal neu zu erledigen.

Der deutsche Luxus jemanden zu haben, der für einen kocht und putzt, ist unter den gut verdienenden indischen Schichten beinahe normal. Fähig dazu es selber zu machen, wären sie allemal, doch ist es einmal wieder schlichtweg nicht notwendig es zu tun.

 

Von diesen Notwendigkeiten sowie lustigen Ticks, vorhandenen Macken und speziellen Eigenschaften der indischen Bevölkerung, soll dieser Beitrag handeln, habe ich vieles mit der Zeit sehr lieb gewonnen und muss immer wieder schmunzeln beobachte Situationen in denen sich die Menschen einmal wieder besonders lustig verhalten.

 

Mit ihren Reisigbesen bewaffnet, können so manche Aunties auch mal auf die Idee kommen die staubigen Straßen zu fegen. Oder sie setzen sie auf der Stelle unter Wasser, damit der ganze Dreck für zehn Minuten fortgespült wird, um sich im selben Augenblick darüber aufzuregen, dass plötzlich das Wasser im Haus sehr knapp ist und man nun wohl an diesem sparen müsse.



 

Ziemlich verrückt geht es auch in großen Supermärkten in den Städten zu. Hier steht jedes Mal ein Typ vor den Türen, der im Grunde nichts anderes zu tun hat als die Kassenzettel abzustempeln. Man fährt durch den Laden, wirft allen möglichen Krempel in seinen Wagen, bezahlt dafür, bekommt seinen Bong in die Hand gedrückt, darf diesen aber dann auf keinen Fall einfach in seine Tasche fallen lassen, nein, man muss ihn erst vom Kassenzettel-Abstempler-Typen begutachten lassen, der dann einen dicken, fetten Stempel hervorholt und gelangweilt sein Aufdruck draufhämmert. Etwas anderes tut der nicht und anfangs habe ich mich noch schrecklich darüber beklagt wie unsinnig diese Arbeit doch sei, doch jetzt halte ich, nach meinem Einkauf den Kassenzettel so lang in Ehren, bis ihm das Ladensiegel aufgestempelt wurde. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, wie ich extra zurück zum Kassenzettel-Abstempler-Typen ging, als wir beide für Sekunden mal abgeschaltet hatten, nur damit er sein Werk vollbringen konnte.

Bleiben wir beim Einkaufen. In den großen Malls der Stadt stehen immer mindestens vier Sicherheitsleute, die mit Ganzkörperscannern bewaffnet sind, um ja sicher zu gehen, dass man nichts gefährliches in das Kaufhaus schmuggelt. Seinen Rucksack muss man auch überprüfen lassen, doch jene Kontrolle ist kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Menschen, wird der Rucksack lediglich aufgemacht und ein müder Blick hinein geworfen. Mehr nicht. Dann wird man durchgewunken. Man könnte alles Mögliche in die Mall bringen, die extra darauf angesetzten Sicherheitsleute würden es nicht bemerken, trotz ihren seichten Bemühungen es zu tun. Letztens habe ich sogar eine relativ große Fußball-Tröte miteingeschleust, nur um zu schauen, ob diese Aufsehen erregen würde. Ich hätte den öffentlichen Lautstärkepegel der Mall beträchtlich schädigen können, doch niemand nahm daran Notiz.

In den Malls selbst existiert eine große Kinokette (PVR), die neben Telugu-und Hindi-Filmen auch ausgewählte Hollywood Blockbuster zeigt.

 


(Übrigens gibt es klare Unterschiede zwischen Telugu und Hindi-Movies. Die Filmbranche aus Telangana und Andhra Pradesh, genannt Tollywood, die sich der Menschen annimmt, die Telugu sprechen, produziert überwiegend Filme, die auf stupfen abgebrühten Handlungen, die dem typischen Indienklischee folgen, entsprechen. Es muss eine Liebesgeschichte, übertrieben überdramatische Kämpfe, sowie mindestens zwei Lieder, mit aufwendig produzierten Musikvideos, die auf jeden Fall in die Charts der beiden Staaten einziehen werden, geben. Ohne all dies wäre es kein Tollywood-Film.

Die Hindi-Filme, als der Bollywood-Branche, sind mittlerweile dem immer gleichen Schema entwachsen und produzieren jetzt auch anspruchsvolle Filme mit Inhalt.

Was bei allen Filmen jedoch gleich ist, dass man nach der Vorwerbung aufstehen muss, um der indischen Nationalhymne Gehör zu schenken, die auf voller Lautstärke durch den Raum dröhnt.)


 

Vor dem Kino gibt es eine erneute unsichere Sicherheitskontrolle. Der Gedanke dabei mag Sinn ergeben, die Umsetzung aber, scheitert jedes Mal.

Noch seltsamer ist, dass man beim Hinausgehen aus dem Kaufhaus nicht kontrolliert wird, obwohl hier die Chance doch deutlich höher ist, etwas hinauszubringen, was einem weder gehört, noch standesgemäß bezahlt wurde.

 

Schon oft habe ich über die Neigung gesprochen, als Inder jeden Weißen nach einem Selfie zu fragen. Das ist nichts Neues, mit der Zeit gewöhnt man sich dran und nickt die Lobpreisungen der Inder, die einem erzählen wie toll es doch sei, dass man ihr Land besuche, einfach ab.



Was bisher jedoch nicht erzählt wurde: Die meisten Menschen lieben es auch Selfies von sich selbst zu machen. Zu Hauf. Wenn es ein Volk gibt, dass durch die Erfindung des Selbstportraits schuld daran ist, sämtliche Cloud-Server auf der Welt mit Duckfaces und Hundefiltern, bis an ihren maximalen Speicherplatz, zuzuspamen, dann ist es das Indische. Dicht gefolgt von chinesischen und japanischen Touristen mit ihren Selfiesticks.

Indien liebt die Selbstinszenierung. Egal zu welcher Zeit, egal wo, egal wie, alles muss sorgfältig dokumentiert werden. Man steht am Straßenrand: Selfie. Man steht vor einer total unbedeutenden Straße: Selfie. Man steht vor einem Werbeplakat für Milchprodukte: Selfie.

Dabei trägt Mann stets eine Sonnenbrille, egal ob die Sonne scheint oder nicht, es soll alles so „cool“ wie möglich sein.

Selbst im Club, versucht man sein Bestes, um sich möglichst gut zu präsentieren. Hier ist es zwar dunkel, aber das stellt mittlerweile kein Hindernis mehr da, hat man schließlich ein eingebautes Selfielicht. Da versucht man gerade ganz unschuldig zu tanzen und plötzlich scheint die Sonne auf dich herabzustürzen, so hell blitzt es auf einmal auf. Danach ist man meist für einige Sekunden blind und darf sich danach das komplett überbelichtete Selfie anschauen.

Es gibt auch jene, die all ihre Fotos in ihre Whatsapp-Story stellen, so Kavya, eine neue Mitarbeiterin Dhaatris, die es eines Tages fertig brachte, mehr als 50 Selfies mit unterschiedlichen Personen in ihre Tagesgeschichte zu posten.

Der indische Smartphone-Markt hat sich dementsprechend angepasst, insbesondere die Firma „Oppo“, die sich selbst als „selfie expert and leader“ vermarktet,  bewirbt bei ihren neusten Modellen in vorderster Linie die guten Selfiekameras.

„Capture the real you“, hierbei einer der Werbesprüche.

https://www.youtube.com/watch?v=krRZIfjg4_I

 

 

 

Der Sinn hinter Kavyas Selbstinszenierungstat, galt jedoch nicht nur dem Selfie an sich, sondern noch einer anderen Sache. Auf jedem Selfie posierte sie mit einem Freund, einer Freundin, oder einem Kollegen aus ihrer Geburtsort Bangalore.

„Miss you“, stand unter jedem Foto. Das bringt uns zur nächsten indischen Eigenschaft: Der extremen Heimatverbundenheit. Im September, als ich in Dallapalli arbeitete, traf ich auf ein Mädchen, dass für drei Tage lang aus Poolabanda, dem Nachbardorf 10 Kilometer entfernt, hergekommen war, um mich essenstechnisch zu versorgen. Nach eben jenen Tagen gestand sie mir, dass sie es kaum abwarten konnte „ENDLICH“ wieder in ihr Dorf zurückzukehren. Sie habe Heimweh und könne nicht länger hier bleiben.

Auch Bonjibabu aus Dallapalli, der für Weiterbildungszwecke alle paar Monate nach Hyderabad fährt, wirkt oft so traurig darüber, sein Dorf verlassen zu haben, dass man ihn am liebsten höchstpersönlich wieder dorthin bringen würde.

Verständlich, wenn man sein ganzes Leben nur an einem Fleck verbracht hat.

Klar, gibt es auch jene aus der Oberschicht, die schon oft außerhalb Indiens waren, doch jene die nicht im Stande sind, weil sie zu wenig Geld für ein Flug-, oder Zugticket nach draußen besitzen, zu reisen, wollen das auch nicht. Für sie ist es unbeschreiblich wie wir ein Jahr abseits unserer Familie und unserer Heimat verbringen können, ohne durchzudrehen.

Familie, Freundschaft und Heimat ist das Größte und Heiligste für viele Menschen, Indien das Land, das sie lieben und ehren.

In den Dörfern kennt man sich seit Klein auf, weshalb die Bindung zwischen den Menschen sehr, sehr stark ist. Sie haben keine Geheimnisse voreinander, keine Scham, was dazu führt, dass viele gerne gemeinsam ihr kleines, sowie ihr großes Geschäft vollbringen.

 

Je mehr ich von den den Bewohnern dieser anderen Kultur lerne und sehe, desto weiter tauche ich in ihre Welt ab und tatsächlich habe ich dieses Jahr wohl bereits mehr Selfies geschossen , als in den letzten. Schade, dass alles bald vorbei ist…