Back to the roots

„Nein. Ehrlich gesagt will ich nicht. Die Dörfer sind mittlerweile nichts Besonderes mehr, der Weg ist eine einzige Farce und…ja. Ich möchte nicht nochmal dahin“, antworte ich auf Marius´ Frage, wann und ob, ich denn nochmal in die Bergdörfer möchte.

„Klar, wenn ich muss, dann gehe ich, aber irgendwie…ist die Luft raus.

 

Marius, unser neuer Freiwilliger für drei Monate, war in der Zeit, wo ich in Nepal, Hampi, Goa, Mumbai und Delhi meinen Urlaub verbracht habe, drei Mal in den Fields, teilweise alleine, oder zusammen mit den beiden Mädels. Allen hat es erstaunlich gut gefallen, Marius schien von Anfang an perfekt das fehlende Puzzleteil, das Merlin vor einiger Zeit durch seinen Abtritt von der indischen Bühne erschaffen hatte, zu ersetzen.  Um drei Mal nach Dallapalli zu gehen, hat es bei mir fünf Monate gebraucht. Marius, mit seinem begeisterten Art und mit der liebevollen Weiße mit Menschen klarzukommen und umzugehen, hat das in zwei Monaten geschafft.

Ich weiß, dass ich weit in der Anzahl meiner Besuche in den Bergdörfern hinterherhänge, obwohl ich doch in der ersten Hälfte des Jahres geradezu stolz darauf war jeweils einmal mehr in Dallapalli gewesen zu sein, als der Rest der Dhaatri-Freiwilligen.

Nun scheinen meine einstigen guten Tage verstrichen, der letzte Besuch in Dallapalli, liegt zweieinhalb Monate hinter mir und die Ereignisse jener zwei Wochen Abgeschiedenheit bereiten mir nach wie vor Kopfzerbrechen, will ich nicht nochmal planlos auf dieser einsamen Insel festsitzen. Damals ging schier jeder meiner Pläne schief, ich hatte rein gar nichts zu tun und fungierte im Grunde als ständiger Bespaßer der Dorfkinder, was nach und nach mich an meine Reserven brachte.

Doch der Glaube an Besserung und die Tatsache, dass ich meine Bergdorf-Freunde schon etwas vermisste, veranlassten mich schließlich nach eben jenen zweieinhalb Monaten nach meinen Reisen, endlich nachzugeben und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

„Es muss sein“, sage ich mir, versuche mir die Dinge vorzustellen, die ich einst so toll fand am Einöd der Bergdörfer, doch will mir dies nicht mehr gelingen, zu lang war ich auf den Spuren anderer Städte und Nationen.

Back to the roots.


 

So kam es schließlich, dass ich, zusammen mit Kavya, einer zweiundzwanzigjährigen Studentin, die sich entschlossen hatte, für einige Zeit für Dhaatri zu arbeiten, am Bahnhof stand und einmal wieder auf den Zug wartete, der uns nach Visakhapatnam bringen würde.

„Zu welchem Gleis müssen wir denn?“ fragte Kavya aufgeregt, sich durch die Menschenmassen bahnend. „Auf der Anzeigetafel steht ja noch gar nichts darüber.“

„Don´t worry“, sagte ich. „Meist ist es so, dass 15 Minuten bevor der Zug in den Bahnhof fährt, das Bahngleis angezeigt wird. Lass uns einfach hier warten.“

Und genauso passierte es auch. Eine Viertelstunde vor dem Eintreffen des Visakhapatnam Expresses mit der Nummer 20812, blinkten die Anzeigetafeln des Bahnhofs auf und offenbarten uns Gleis 6 als Zusteigeplattform.

„Wo sehe ich denn bitte welche Liege für welche Höhe steht?“ fragte mich Kavya panisch, als wir in unserem Abteil standen, eingekeilt von zusteigenden Menschen, die einmal wieder Haus und Hof mit in den Zug nahmen.

(Manche Menschen nehmen ganze Taschen voller Essen mit, damit sie auf Reisen nicht verhungern und das Zugessen nicht nehmen müssen.)

Ich verstand Kavyas Frage. Im Grunde wollte sie wissen, welche Nummer des Abteils, für welches Level der Hochbetten, stand.

Es gibt die untere Liege, die des Tages von fast allen Passagieren des Abteils als normale Sitzgelegenheit genutzt wird, um beispielsweise aus den Fenstern zu schauen, oder mit seinen Mitfahrern zu quatschen. Dabei dient die mittlere Pritsche vorerst als Lehne für den Rücken und wird, wenn alle bereit sind zu schlafen, hochgeklappt. Das obere Bett ist immer vorhanden und wird am Tag meist zum Dösen für Einzelne, oder als Packstation genutzt, wo man vorerst alle Koffer und Rücksäcke lagert, ehe man jene entweder unter die erste Liege schiebt, was ich meist bei meinem großen Backpack-Rucksack präferiere, oder zu sich, auf seine Etage nimmt.

„Schau, da am Fenster steht genau, welche Nummer für welche Höhe angesetzt ist. Wir haben 19 und 22. Wir sind beide jeweils auf der auf der oberen Liege“, erklärte ich Kavya und begann nach oben zu klettern. Ich registrierte nebenbei, die verrückte Tatsache, dass ich gerade einer Inderin erklärte, wie man in Indien Zug fuhr und freute mich sehr darüber als Mentor zu fungieren.

Auch, als wir 15 Stunden später, am nächsten Morgen verschlafen aus dem Zug stiegen, war ich es, der das Mädchen führen musste, war sie schließlich noch nie hier. Vom Bahnhof ging es mit einem Lokalbus zum Bus-Komplex und von dort aus ins komplexeigene Busrestaurant, um zu frühstücken. Besonders lecker war es hier noch nie, doch als Kavya nach einer Alternative fragte, verneinte ich. Das hier hatte Tradition.

„Was? Noch weitere vier Stunden mit dem Bus durch die Walachei? Oh mein Gott! Das ist der Weg in die Fields?!“ Das Mädchen aus Bangalore war nahezu schockiert über unser weiteres Vergnügen, ich lächelte jedoch nur. An diese Reise hatte ich mich gewöhnt.

„Jep. Und danach ist es nicht unwahrscheinlich das wir noch eine bis zwei Stunden mehr warten. Die Busse fahren nicht direkt in die Dörfer. Da muss erst eine Riksha kommen.“

„Uff!“ machte Kavya und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Heiß war es nebenbei auch noch.


Doch irgendwie hatte ich die Zeit hinter mir, wo ich alles in Frage stellte. Auch, als wir schließlich vor den unmittelbaren Toren von Poolabanda aus dem Bus stiegen, wo uns ein breit lächelnder Bonjibabu und eine Bhavani erwarteten und eine Planänderung verkündeten, blieb ich gelassen.  Die eigentliche Idee war es, dass wir beide nach Poolabanda gingen, doch eine abendliche Entscheidung oben, hatte kurzweg die Strategie geändert. Ich sollte mit Bonji nach Dallapalli fahren, und Kavya mit Bhavani nach Poolabanda gehen lassen. Ich stellte nicht die Frage nach dem Warum, war jedoch überrascht darüber, dass ich Kavya, die ich vor unserer gemeinsamen Reise kaum kannte, nun gar nicht mehr gehen lassen wollte, schweißt eine 20 Stunden-Reise doch irgendwie zusammen.

Auch sie teilte mein Schicksal des Problems mit der Verständigung, sprach sie, da sie aus dem Staate Karnataka kam, kein Telugu. So würde auch sie mit Englisch weiterkommen müssen und sollte, der rar gesäten Kenntnisse seitens Bhavani noch nicht wissend, ins kalte Wasser geschmissen werden.

So warteten Bonji und ich eine weitere Stunde auf einen Bus, der theoretisch um die 20 Minuten gebraucht hätte, um uns vor Dallapalli herauszulassen. In der Praxis jedoch, geriet ein anderer Bus, nicht weit von unserem entfernt, von der schmalen Straße ab, durchbrach eine provisorisch errichtete Sicherheitssperre vor dem Abgrund und hing nun gefährlich schwankend in der Luft. So versperrte er den Weg für alle anderen Fahrer und es würde erneut zwei Stunden brauchen, ehe die Passagiere und der Unglücksbus ihrer misslichen Lage entkamen und wieder auf die Straße rollten. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und ich war froh dem Farn und dem Wald, in dem wir uns befanden zu entrinnen, wurde ich beinahe paranoid vom Anblick einiger schwarzer Moskitos, die mir gefährlich nach Malariaübertragung aussahen. Hoch oben im Bergdorf war ich vor diesen sicher.


Die Sonne versank bereits tief hinter den Berggipfeln, als schließlich, die ersten Dächer des Ortes vor uns erschienen, den ich über Monate hinweg gemieden hatte. Nun, erwachte eine kribbelnde  Gänsehaut auf meinem ganzen Körper, als unser Vehikel geradewegs unter dem Volleyballnetz hindurch, entlang der spielenden Dörfler, fuhr.

fullsizeoutput_57f

fullsizeoutput_5fe

Jene Bilder der abendlichen Volleyballspiele der Jugend Dallapallis werde ich für immer in meinem Herzen tragen, vermittelten mir immer ein Gefühl, nach einem heißen, schwierigen Tag, genau am richtigen Ort zu sein, um die Seele baumeln zu lassen.

fullsizeoutput_7d2

fullsizeoutput_5f6

Die Volleyballspieler machten große Augen, als ich schwankend aus der Riksha stieg und ein großes „Hiiiii Leoo“ ertönte von allen Anwesenden und wurde lauthals durchs Dorf getragen. Ich wurde von Männern umarmt, die glücklich waren, mich wieder zu sehen und spätestens als ich mit Bonjibabu in seiner kleinen, gemütlichen Hütte saß und Tee auf einem kleinem Kochfeld vor sich hin köchelte, wurde mir schmerzlich bewusst, wie dämlich ich gewesen war dieses Dorf so lange zu verschmähen.

fullsizeoutput_5f1

fullsizeoutput_617

Simhadree, der Sohn meines besten Bergdorffreunds, gab mir strahlend ein High-Five und begann mir begeistert eine Geschichte zu erzählen, die ich leider jedoch nicht verstand. Nach wie vor hatte er noch nicht so ganz gepeilt, dass es Leute gab, die nicht Telugu sprachen, doch das machte ihn um so putziger.

 

Aufgrund dessen, dass der Strom im ortseigenen Dhaatri-Office nicht funktionierte, lud Bonji mich dazu ein in seinen eigenen vier Wänden zu schlafen, doch ich sicherte ihm zu nur so lange zu bleiben, bis mein Handy halbwegs aufgeladen sei, um die Nacht auch im dunklem Raum meiner ehemaligen Wirkungsstätte zu verbringen. Ich war ganz der Meinung die kleine Familie rundum Simhadree zu nerven,  doch mein Freund wirkte über diese Äußerung sein Haus zu verschmähen nahezu gekränkt, war es für ihn eine große Ehre, dass ich mit ihm das Haus teilte, mochte es noch so klein sein.

fullsizeoutput_5ee.jpeg

fullsizeoutput_5f0

So, legte ich mich, als die Zeit dazugekommen war, vorerst auf den Boden, um Bonji und seiner Frau ihr Bett zu überlassen, doch man holte mich wieder hoch. Ich sollte das Bett bekommen, währenddessen der Rest auf dem kalten Steinboden schlief und schon bald tief und fest schnarchte, währenddessen ich noch wach lag und meinen Blick durch die Hütte schweifen ließ. Sie besaß keine Fenster, die einzige Lichtquelle bildete eine einzige, einsame Glühbirne, die ein schwaches Licht auf die Schlafenden warf.

Überall stapelten sich stählerne Töpfe, Teller und Tassen und Säcke voller Getreide, währenddessen die wenigen Habseligkeiten der Familie, in einem kleinen hölzernen Regal aufbewahrt wurden. Nie zuvor hatte ich wirklich Zeit in den Hütten der Leute verbracht und begann erst jetzt zu realisieren, wie gemütlich sie waren, trotz ihrer Beengtheit und Ärmlichkeit.

fullsizeoutput_5ef

 

Über Dallapalli schienen Abermillionen von Sternen am Himmelszelt, währenddessen die Bewohner des Dorfs im Schlaf versanken. So auch ich, der lächelnd in angenehme Träume verfiel und spätestens jetzt begriff, dass das Dorf immer etwas Besonderes bleiben würde…

fullsizeoutput_7d5