Von ungewisser Routine, unerwarteten Erkenntnissen und großer Dankbarkeit

„Okay, take rest. Coming back at 3”, meint Krishnarao, macht eine Kehrtwende, geht aus dem Haus, schwingt sich auf sein Motorad und fährt davon.

„Aber“, stottere ich. „Ich brauch doch gar keine Pause.“

Da stehe ich nun. In mitten eines fremden Hauses, begreifend, dass es bis drei Uhr nachmittags noch drei Stunden sind.

„Was soll ich denn hier machen?“ flüstere ich, doch niemand antwortet mir.

Wäre ich doch viel lieber im Dorf und dessen Idylle geblieben. Stattdessen befinde ich mich nun in Paderu, des einzig, verhältnismäßig großen Ortes dieser Gegend,  jenseits der drei Stunden entfernten Metropole Visakhapatnam. Paderu ist kein schöner Ort und doch nutzen ihn die Bewohner Dallapallis um Erledigungen zu tätigen, sowie solches Essen zu kaufen, das nicht auf ihren Bergen wächst. Schon oft sind wir, während unserer Dorfaufenthalte, hierhin gefahren, um neue Vorräte zu kaufen, doch wirklich lange hat es mich hier nie gehalten. Diese Kleinstadt ist dreckig, ärmlich und von den Menschen her äußerst gewöhnungsbedürfig, wirken jene so, als seien sie die Ausgestoßenen und Vertriebenen, der Städte, die sich des einfachen Pöbels entledigt haben. Hier wirkt die Mehrheit distanziert, hat trübe Augen, schlechte Zähne und wirkt nicht gerade glücklich über das Los in Paderu geboren zu sein.

Jetzt, beim sechsten Mal, fällt mir sogar auf, dass auf den Straßen nur Rikshas, Motoräder und Touristenjeeps unterwegs sind. Normale Autos scheint sich hier kaum jemand leisten zu können.

 

Der eigentliche  Grund, weshalb ich erst nach Dallapalli gekommen bin, war nicht jener, Aufgaben vor Ort zu erledigen, sondern von dort aus in zwei andere Dörfer im Araku Valley zu fahren.

Das Araku Valley umfasst im Endeffekt alle Dörfer und Sehenswürdigkeiten im Umkreis von 100 Kilometern, gelenkt vom Visakhapatnam District und des Andhra Pradesh Tourist Departments. Die Borra Caves, Katiki und dessen Wasserfälle, Paderu als Vermittlerstadt und all die Orte, die ich im Laufe des Jahres bereits abgeklappert habe, liegen in diesem Umkreis und sind mehr oder minder bedroht durch Privatisierung und Zwangsenteignung seitens der Regierung, die viel lieber Hotels und Parkplätze, anstatt der kleinen beschaulichen Dörfer, gebaut haben will. Ich soll mit Bonjibabu und Krishnarao, einen lustigen Mann, der in meinen vorherigen Erzählungen immer zu kurz gekommen ist, Interviews mit den Menschen zweier Orte abhalten. Meine telugusprechenden Freunde werden das Gespräch führen und ich soll es filmen.

Der Ort Kothapalli soll unsere erste Anlaufstation sein, doch um dorthin zu gelangen, brauchen wir anscheinend einen Bus, der nur alle paar Stunden durch Paderu zu fahren scheint. Früh von Dallapalli aus aufgebrochen, erkennt Bonji bald den Fehler zu hastig losgefahren zu sein, da der Bus noch lange auf sich warten lassen wird und beschließt, zusammen mit dem in Paderu lebenden Krishnarao, mich in dessen Haus zu bringen, damit ich a.) wahrscheinlich nicht im Wege stehe und b.) ganz entspannt Pause machen kann.

Doch wovon soll ich bittschön Pause machen? Wir sind gerade eine Stunde dösend mit der Riksha hergefahren und haben nichts Anstrengendes geleistet. Trotzdem scheine ich, obwohl ich mich selbst topfit fühle, den Eindruck zu erwecken todmüde zu sein. Vielleicht kreieren sich auch die Beiden meine Müdigkeit, da sie selbst dringend eine Pause vom Nichtstun einlegen können.

Im Wohnhaus des Krishnaraos wird mir bald befohlen mich doch ins Bett zu legen, Pause zu machen, zu entspannen. Nach einigen Ansätzen mich gegen jene verordnete Ruhe aufzulehnen, sehe ich bald ein, dass es nichts bringt. Jeder macht gerade Fiesta, trotz einem eher unproduktiven Vormittag. Zum Ausruhen verdonnert, verstreichen die Stunden langsam, der Schlaf will nicht kommen und je später es wird, so sehr wird mit klar, dass es bereits dunkel sein könnte, wenn wir das Dorf erreichen. Licht für die Kamera wird es nicht mehr geben, die Bildqualität wird schlecht sein, doch jenen wahrscheinlichen Fauxpas werde ich mir selbst nicht zuschreiben. Dafür kann ich bei Weitem nichts.

 

Es ist drei Uhr, ich fahre vom Bett hoch, in der Hoffnung endlich was zu tun am heutigen Tag, doch niemand kommt. Ich langweile mich furchtbar. Die deutsche Annahme, dass Termine auf die Sekunde genau eingehalten werden, verpufft, währenddessen die Sekunden immer weiter ticken und Minuten entstehen lassen. Eine halbe Stunde vergeht. Eine Stunde verstreicht ungenutzt. Ich warte nun den ganzen Nachmittag. Dann plötzlich streckt Krishnarao seinen Kopf zur Tür herein und verkündet strahlend, dass es jetzt losgeht.

Ich konfrontiere ihn nicht, mit meiner angestauten Entrüstung, würde es eh nichts bringen, einen Inder wie ihn zu fragen, warum er denn zu spät komme. Zeit ist relativ.

Drei Stunden später, die Dämmerung hat bereits eingesetzt, lässt uns der Bus auf einer breiten Straße hinaus. Rechts und links sind jeweils einige kleine Häuser verteilt, auf einer breiten Fläche spielen einige Männer Volleyball. Das kommt mir bekannt vor.

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Mir wird aufgetragen alles zu filmen und zu fotografieren was ich sehe, jedes Gespräch mit den Dörflern und meinen Leuten, soll aufgezeichnet werden. Bald sitzen wir um einen Mann herum, der seine und die Geschichte des Dorfes erzählt. Spannend und ergreifend mag wohl sein, doch mit zunehmender Dunkelheit wird das Bild immer schlechter. Die Elektrizität Kothapallis ist gerade auch nicht da.

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Man unterhält sich um die zwei Stunden mit den Männern und Frauen aus den Dörfern, ich halte müde drauf, der sinkenden Qualität bewusst. Irgendwann gibt mir Krishnarao das Signal mit dem Filmen aufzuhören. Die Unterhaltung geht weiter, jedoch deutlich gelöster und entspannter. Es wird sich nicht mehr um ernste Themen bemüht, sondern schweift langsam aber sicher ins lockere Gespräch hinein. Ich sitze da und lausche den Klängen der Wälder um uns herum und verscheuche nebenbei allerlei Fliegen, die sich um jede Lichtquelle des Dorfes tümmeln.

Ich bekomme Hunger und werde indes auch langsam müde. Sowohl Essen als auch Schlafplatz ist noch nicht garantiert, doch in Erinnerung an den Oktober und dessen Erlebnisse mit Merlin in Katiki, dem absolut abgeschiedenen Bergdorf mit seinen lieben Bewohnern, vermute ich, dass wir in diesem Ort schon unseren Schlafplatz finden werden. Zurückfahren werden wir unanfechtbar nicht mehr. Genauso wird es sein, die Dorfkirche wird für uns geräumt und nachdem alles vorbereitet ist, wird uns eine sehr vorzügliche Reisspeise gebracht.


(Übrigens: Wirklich sicher zu welcher Religion die Leute aus den Dörfern angehören bin ich mir nicht mehr. Überall stehen Kirchen, in denen tatsächlich auch Gottesdienste abgehalten werden. Immer Sonntags findet in Dallapalli eine stundenlange Lobpreisung, voller Gesang und lauten „Hallelujas“ statt. Dieses Mal setze ich mich sogar in die Kirche zu den anderen dazu und lausche den enthusiastisch christlichen Gesängen auf Telugu. Viele werden mich dabei begeistert beobachten und falls ich davor nicht bereits die Herzen aller hatte, hatte sie jetzt.)


Am Schluss ist der Ablauf in Kothapalli genauso wie damals, nur dass Merlin und ich bei Weitem nicht wussten was auf uns zukommen würde.

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Das einstige Abenteuer des Ungewissen, grenzt nun an Routine. Das Ungewisse ist mir nicht mehr fremd. Klar, ist das schon ein Widerspruch in sich, das Ungewisse wird einem nie bekannt sein, doch statt nach dem Warum und dem Wie zu fragen, ertrage ich das Meiste plötzlich mit einer gar stoischen Ruhe, ja finde es gar auf irgendeine Art romantisch nicht zu wissen, was passiert. Ich habe gelernt, dass alles irgendwie schon funktionieren und am Ende sowieso alles gut wird.

Nach dem Essen werden sowohl Dörfler, als auch meine Leute müde weshalb nun alle ihres Weges gehen und ich mich, zusammen mit Krishnarao, auf eine schmale Pritsche lege. Der breit gebaute Mann mit dem lustigen Schnauzer nimmt gut dreiviertel des Bettes in Beschlag und beginnt nach wenigen Sekunden tief und laut zu schnarchen.

Am nächsten Morgen, pünktlich nach dem ersten Hahnenschrei, brechen wir auf, um den Wasserfall des Dorfes zu betrachten. Dieser schließlich löste im Grunde den Konflikt zwischen Dorf und Regierung, die das Land für sich haben will, aus, ist dieser einer der beliebtesten Touristenziele, des Araku Valleys. Eindrucksvoll ist es allemal die reißenden Fluten zu sehen, wie sie rauschend in die Tiefe stürzen, doch bei aller Liebe: So spektakulär ist er nun auch wieder nicht. Grundsätzlich scheinen die Tourist Departments dieses Landes alles als Sehenswürdigkeit zu klassifizieren, was alleine mit Wasser zu tun hat, egal ob es eindrucksvoll ist, oder eben nicht. Die Touristen kommen trotzdem und hinterlassen ihren Müll, den ich kurzerhand wieder fotografieren darf. Viel ist es bei diesem Wasserfall nicht, oder vielleicht hat sich mittlerweile einfach meine Toleranzgrenze gegenüber dem Mengenverhältnis dessen verändert. Kein Wunder nach Mumbai und dem Yuhu Beach.

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Die restlichen vier Tage in Dallapalli verstreichen ebenfalls beinahe ungenutzt. Der Plan in ein zweites gefährdetes Dorf zu fahren, wird zwar in die Tat umgesetzt, jedoch ohne mich, da man es für besser hält mich aus gefährlichen Orten, wie Lambasingi, so der Name des Dorfes, herauszuhalten, könnte ich gar angegriffen werden. Zwar werde ich im Dorf bleiben, meine Kamera wird jedoch Bonjibabu und Co. ins Krisengebiet begleiten, weshalb ich für zwei Tage nicht einmal Fotos vom Dorf machen kann.

Doch irgendwie schaffe ich es diesen Tagen alles aus dem Dorf herauszuholen, was es herauszuholen geht. Ich befreunde mich noch mehr mit den Dorfjungs, spiele mit ihnen und unternehme sogar eine Expedition bergabwärts mit ihnen. Das Ziel: Mangos!

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Die kleinen Racker, alle um die sechs bis zehn Jahre alt, hüpfen über Stock und Stein, zeigen mir geheime Schleichwege und Quellen, bis sie schließlich ihr Heiligtum erreichen. Einen großen Mangobaum. Sie klettern, wie kleine Affen hinauf und schütteln und rütteln so lange an den knorrigen Ästen des alten Riesens, bis es auf dem Boden kaum einen Platz mehr gibt, der frei von der süßen Frucht ist. In Dallapalli wächst eine unterschiedliche Art der Mango, diese hier ist nur so groß wie ein Hühnerei, ist aber süßer und geschmackvoller.

Wir setzen uns auf die Wurzeln des Baumes und beginnen mit dem Mund die dünne Schale der Frucht abzubeißen, spucken sie weg und saugen das süße Innere der Frucht heraus. Bald kleben meine Hände wie verrückt vom gelben Mangosaft, doch das ist mir egal, so gut schmeckt es mir. In diesen Momenten sollte ich mehr als 20 kleine Mangos verdrücken.

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Als alle Kinder ebenfalls satt sind, sammeln sie die umliegenden, übriggebliebenen Früchte ein und schleppen sie den Berg wieder hinauf, ihren Eltern glücklich ihre Beute zeigend.

Die Zeit im Dorf neigt sich schlagartig dem Ende und mittlerweile scheint ausnahmslos jedes Kind meinen Namen zu kennen.

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„Du bist ja berühmt“, stellt Kavya fest, welche am letzten Tag noch zu mir stößt. Vor ihr haben die Kinder sichtlich noch Respekt, zerstreuen sie sich augenblicklich, erscheint diese Fremde plötzlich in ihrem Sichtfeld.

„Ich mag sie auch unheimlich gerne“, stelle ich fest, als mir Siranji, einer der Ältesten Jungs, eine Mango zuwirft und schnell wieder, aus Angst die böse fremde Kavya könne ihn sehen, hinter einer Mauer verschwindet.

„Schade, dass ich sie nicht mehr sehen werde.“

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Während unserer Reisen durch das atemberaubend schöne und grüne Tal Araku, sowohl bei der darauffolgenden Präsentation des Interviews vor Bhanu, unserer Chefin, zurück in Hyderabad, wird mir auf einmal bewusst wie die eigentliche Rollenverteilung bei Dhaatri ist. Die wichtigste Person außerhalb des Offices ist nicht Bonjibabu, oder Gayathri, die beide zwischen uns Freiwilligen und den Dörflern vermitteln können, nein, es ist Krishnarao. Die Arbeit für die NGO ist seine Vollbeschäftigung. Von Paderu aus ist er der erste Kontakt, der von Bhanu zur Lage der Dörfer befragt wird.

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Er ist es, der von Dorf zu Dorf fährt, die Leute nach ihrem Wohlergehen fragt, Meetings ansetzt und leitet und schlussendlich alles nach Hyderabad weiterleitet, wo von dort aus weitere Schlüsse gezogen werden können.

Für mir über das Jahr hinweg als Nebendarsteller abgestempelt, der ab und zu mal durchs Dorf fährt und mit den Leuten quasselt, erscheint eben jener Mann mir plötzlich in einem ganz anderen Licht und es kommt mir so vor als verstünde ich jetzt erst die eigentlichen Felder, Tätigkeiten und Rangordnungen der Dhaatri-Hauptleute.

Die Interviews mit den Dörflern, ihrerseits im schlechten Licht gezeigt, hatten derweil eine derartige Tiefe, dass uns Bhanu dafür gratulierte.

„Die Leute kriegen nicht einmal eine Entschädigung von der Regierung“, übersetzt sie für mich.  „Es ist so, als würde die Regierung zu dir kommen und sagen, dass sie dir jetzt dein Besitz abnehmen und dich später dafür bezahlen werden. Das werden sie jedoch nie tun. So passiert es gerade Kothapalli und es ist durchaus möglich, dass es auch Dallapalli treffen kann. Auch deswegen, habe ich Bonjibabu mitgeschickt, damit er seinen Leuten davon erzählen kann, was schlimmstenfalls passieren wird, wenn sie sich nicht gegen den Tourismus und die Regierung wehren. Das habt ihr gut gemacht.“


 

Nach sechs Aufenthalten in Dallapalli habe ich endlich begriffen wie alles funktioniert, bin angekommen, weiß was zu tun ist, wenn nichts zu tun ist und habe jetzt den Draht zu allen Leuten des Dorfes hergestellt. Ich habe die lieb gemeinten Kleinigkeiten, die mir die Menschen schenken, lieben gelernt. Immer morgens beispielsweise beginnt mein Gang zur Pumpe, damit ich Wasser für meine Dusche holen kann. Dabei fülle ich meinen Eimer nur halb voll, da das meiste Wasser immer herausschwappt, trage ich zu viel. Vor der kleinen Duschkabine, die angemerkt auch das Klo darstellt, setze ich den Eimer ab und tunke einen sogenannten „Heater“, ein Gerät ins Wasser, dass fähig ist solches aufzuwärmen. Jene Prozedur dauert meist 20 Minuten, weshalb ich nochmal zurück zur Hütte gehe.

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Komme ich wieder, ist der Eimer immer voll, irgendjemand hat ihn für mich aufgefüllt, damit ich mehr Wasser zum Duschen habe. Nötig ist das nicht, aber trotzdem macht es irgendwer für mich, ohne dafür Dankbarkeit zu erwarten…

Ich weiß nicht, ob ich jemals im Stande wäre, hier wirklich zu leben, dazu bin ich momentan nicht geschaffen, doch habe ich bereits beschlossen, immer hierher zurückzufinden…

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