Indische Sprachen – Übersetzen auf einem anderen Level

So vielfältig Indien auch sein mag und so unterschiedlich dessen Einwohner auch sind, so sehr trennt gerade diese Mannigfaltigkeit an Kulturen, Sprachen und Menschen das Land.

Fährt man von Hyderabad aus 500 Kilometer in den Westen, nach Hampi, so wird Kannada gesprochen. Hunderte Kilometer südlich, in Chennai, sprechen die Leute Tamil. In Mumbai wird Marathi,  gesprochen. In Gujarat unterhält man sich in Gujarati.

Im heißen Rajasthan, dem Staat der großen weiten Wüste Thar, gibt es unzählige verschiedene Rajasthani-Dialekte, die teilweise ans Hindi angelehnt sind, aber trotz dessen große Unterschiede aufweisen.

Insgesamt gibt mehr als 100 Sprachen auf diesem riesigen Subkontinent, Punjabi, Telugu, Kashmiri und Malayalam als weitere Beispiele. Dazu gibt es in den kleinen abgeschiedenen Dörfern, jenseits der großen Städte noch weitere Lokalsprachen. In Dallapalli, dem Bergdorf in dem ich über das Jahr gearbeitet habe, wurde neben Telugu auch Kui gesprochen, welche die Sprache des Ureinwohnerstammes der Khonds, eine Unterordnung der Adivasi-Natives, ist.

Hindi und Englisch gelten in diesem ganzen Gewusel aus Akzenten und Dialekten als überregionale Landessprachen.

Durch diese Sprachbarriere ist es für den Typ Inder, der nur seine eigene Lokalsprache spricht, schwierig in einen anderen Staat zu reisen, da er dort im Endeffekt genauso fremd ist, wie wir Europäer. Genau deswegen, bezeichne ich Indien auch so gerne als Subkontinent, da sich sowohl Sprache, Essen, Mentalität und Natur von Staat zu Staat sehr unterscheiden.

Viele Menschen sprechen, aufgrund ihrer weitverzweigten Familiengeschichte, mehr als fünf Sprachen. Ab der indischen Mittelschicht, ist es Pflicht Englisch und Hindi zu können, drum sprechen bereits 12 jährige Schulkinder ein besseres Englisch als es wir Freiwilligen tun, die Englisch zwar in der Schule hatten, aber meist nie damit aufgewachsen sind. Dann wird meist die Sprache des Staates gelernt, in dem man geboren wurde. Zieht man nun in einen anderen Staat, so ist es notwendig auch dessen Lokalsprache zu lernen. Oft können die Menschen ohne Probleme von einen in den anderen Slang übergehen, doch hier entsteht meist ein Problem, von dem mir Vaishnavi, eine Tamilin, die in Delhi aufgewachsen ist, in Mumbai studiert hat und nun in Hyderabad für Dhaatri arbeitet, erzählt: „Man kann sich zwar damit rühmen mehrere Sprachen zu sprechen, kann sich aber nicht festlegen. Ich spreche besser Englisch als Hindi. Meine Muttersprache ist zwar Tamil, aber die wurde oftmals nur dann benutzt, wenn meine Mutter mit mir schimpfte, da diese Sprache sehr hart klingt. Man spricht alles einfach irgendwie und klar, fühle mich auch gut dabei ein sehr gutes Englisch zu sprechen, aber irgendwie auch nicht. Es gibt mir nicht das Gefühl zu ganz Indien dazuzugehören.“

„Drum ist es gut, wie in Deutschland, nur eine Sprache zu haben. Das schafft im Grunde ein Gefühl der Sicherheit und Verbundenheit,“ meinen Toni und ich daraufhin und Vaishnavi nickt bedächtig.

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Eben jenes Kommunikationsproblem sollte einmal wieder das Dhaatri-Office, in Form eines Films heimsuchen. Eben angesprochene Vaishnavi hatte den Auftrag nach Rajasthan, in jene Dörfer zu fahren, die durch extreme Wasserknappheit bedroht waren. Kanpur und Nevatalai waren zwei Orte, in der Nähe einiger Minen, dessen chemischen Abfälle direkt ins Grundwasser sickerten.

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Vor nicht allzu langer Zeit hatte unsere Chefin bereits diese Gegend besucht und die gefährdeten Menschen vor Ort zu ihrem Leiden befragt. Daraus entstand dann, aus meiner Hand, ein kleiner Film, der mich im Januar und Februar bis auf´s Äußerste strapazierte, musste ich englische Untertitel einfügen, da die Frauen Kanpurs wild auf Hindi in die Kamera gestikulierten. Die Übersetzerarbeiten vom Hindi ins Englische hatten mich und eine weitere NGO-Angestellte damals vor große Probleme gestellt.

(Der Fluch von Udaipur)

 

Nun, sollten wieder Untertitel in den neuen Film eingefügt werden. Das Problem jedoch war, dass die interviewte Frau aus den leidtragenden Dörfern keineswegs das vergleichsweise einfach zu übersetzende Hindi sprach, sondern „Waghadi“, was ein Sprachmix aus Marwari, einer lokalen Sprache aus Rajasthan und Gujarati war.

Vaishnavi konnte zwar erahnen, was die gute Frau sagte, da man aus allen Sprachen auch ein wenig Hindi heraushören konnte und einige Gesten schon für sich sprachen,

aber war sie nicht in der Lage alles eins zu eins wiederzugeben, was im Grunde ja von den Untertiteln verlangt wurde.

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Nun wurden alle Leute aus dem Office befragt, ob sie denn fähig wären, diese Sprache aus den Filmausschnitten zu verstehen und tatsächlich gab es zwei neu dazugekommene Frauen, Geeta und Arpita, die das Kauderwelsch verstanden. Die beiden stammten aus einer Community, namens „Lambani“, welche vor Jahren aus Rajasthan nach Karnataka immigriert war. Drum sprachen die beiden einen Mix aus Marwari und Kannada und waren fähig das Waghadi aus Nevatalai teilweise zu verstehen.

Nun entstand eine äußerst lustige Übersetzerkette: Geeta und Arpita hörten sich das Gesprochene im Film an, diskutierten über dessen Konsens und übersetzten ihn dann ins Kannada. Sie sprachen zwar auch Hindi, aber dieses lange nicht so gut, als hätten sie alles Wort für Wort wiedergeben können.

Als Zwischenperson wurde nun ein weiteres Mädchen, Neeraja, das sich bei Dhaatri für ein Praktikum beworben hatte, herbeigeholt. Sie sprach Kannada, Hindi und Englisch, hörte sich nun, das an, was die beiden Lambani-Frauen auf Kannada an sie weitersagten und übersetzte dann entweder ins Hindi, oder Englisch, sodass Vaishnavi es verstand und die Sätze aufschrieb.

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Ich saß amüsiert neben den vier Frauen, die bald gar nicht mehr so ganz wussten, welche Sprache sie zu wem eigentlich sprechen mussten, wechselte Vaishnavi wahllos zwischen Englisch und Hindi hin und her, Neeraja zwischen Englisch, Hindi und Kannada und die beiden anderen zwischen ihrem Mix, Kannada, Hindi und teilweise brüchigem Englisch.

 

Dabei entstanden einige lustige Konversationen, denn Vaishnavi hatte, im Gegensatz zu den anderen, das nötige Hintergrundwissen über die gefährdeten Dörfer und konnte sich so schon einiges zusammenreimen.

 

„Also sie sagt, dass die Dörfler von der benachbarten Organisation „Cricketwasser“ gestellt bekommen, damit sie nicht das schlechte Wasser trinken müssen.“

 

„Cricketwasser? Das macht gar kein Sinn. Höre nochmal genau hin, Arpita!“

 

„Sie sagt Cricketwasser.“

 

„Nein, das muss eigentlich Tankerwasser heißen!“

 

„Ich glaube sie sagt Regenwasser.“

„Nein, das geht auch nicht! In Rajasthan regnet es fast nie! Es muss Tankerwasser heißen!“

„Oh, ja jetzt höre ich das auch.“

 

So zog sich das Übersetzen auf einem ganz neuem Level dahin und stellte die vier Frauen, die in einem Halbkreis um meinen Computer saßen, vor einige Probleme, konnten Arpita und Geeta vieles nur umschreiben und nicht genau wiedergeben, was Vaishnavi ziemlich blöd fand, aber sich eben damit abfinden musste. So dauerte diese Übersetzungs-Inception mehrere Tage, die Nerven und das Sprachverständnis der Vier lagen blank, währenddessen ich sehr gut schmunzeln und grinsen konnte. Das war eine ausgezeichnete Tagesunterhaltung und in diesen verrückten Momenten begann ich diese Frauen zu mögen, wurden sie irgendwie zum Teil der Dhaatri-Family.

Als sie schließlich ihr Werk vollendet hatten, verstand ich endlich auch, welche vor welche Probleme die Bewohner aus Kanpur und Nevatalai gestellt wurden:

 

Der Müll aus den Minen wird durch Pipelines zu einem Damm gefördert, wo er in einem schlammartigen Brei gelagert wird. Dessen Chemikalien haben den lokalen Strom und das Grundwasser in Kanpur verseucht und zwingen seine Bewohner, sich auf Wassertankwagen zu verlassen, die von der Organisation Vedanta geschickt wurden.

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In Nevatalai wurde ein eigenes Kraftwerk gebaut, um die naheanliegenden Minen mit Strom zu versorgen. Die Bewohner sind dadurch mit ebenfalls großen Problemen konfrontiert, da Schwarzstaub aus dem Kraftwerk kommt und auch weil das Grundwasser in diesem Gebiet versiegt ist.

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Der Zustand des Wassers ist in diesen Teilen ziemlich schlecht und hat auch zu gesundheitlichen Problemen bei Frauen und Kindern geführt. Viele klagen über Ausschläge auf ihrer Haut, Durchfall und andere Krankheiten. Einige Kinder in diesen Dörfern wurden mit Missbildungen geboren, währenddessen das einzige Krankenhaus in der Gegend ungenutzt und verlassen da liegt.

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Mit zunehmender Größe und Kapazität der Minen ist etwas so Grundlegendes wie Wasser ein Problem, das eigentlich sofort angegangen werden muss, da es eine fundamentale Verletzung der Menschenrechte darstellt.

Man verspricht den Menschen zwar Hilfslieferungen und Besserungen, aber diese Versprechen bleiben unerfüllt, während die Wasserkrise in den Dörfern zunimmt. Das Wasser ist entweder nicht genug oder nicht für den Verzehr, sowie die Landwirtschaft, geeignet.

„Wenn wir sterben müssen, dann müssen wir das wohl, nicht wahr? Lasst uns nur alle ertrinken“, so eines der vielen tiefbewegenden Statements von der waghadisprechenden Dame namens Devli Bai aus Kanpur.

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„Andere machen in Rajasthan Urlaub, durchstreifen die Wüste, erkunden Jaipur und Pushkar  und du…ja du weißt jetzt einfach bestens Bescheid über die Wasserknappheit in zwei kleinen Rajasthani-Dörfern“, lacht Bhanu, meine Chefin, als Vaishnavi und ich ihr den fertigen Film präsentieren, tief ausatmend, als wir ein großes Lob zugesprochen bekommen. Zurecht, nach mehreren Tagen harter Arbeit.

Dropbox Link zum Video

 

„Langsam aber sicher wird Dhaatri richtig multikulturell. Wie viele Sprachen werden hier jetzt gesprochen? Englisch, Telugu, Hindi, Deutsch, Kannada, Marwari-Kannada….was noch?

 

„Ich kann noch Malayalam und Tamil verstehen“, meint Vaishnavi.

„Toni spricht noch etwas Französisch“, ergänze ich.

„Und ich kann noch Sanskrit“, meint Neeraja, den Kopf ins Zimmer gestreckt. „Meine Großmutter war Sprachhistoriker und hat mich gedrängt diese alte Sprache zu lernen.“

„Verrückt“, gesteht Bhanu und lächelt.

 

Je mehr Sprachen ins Dhaatri-Office ziehen, desto mehr Menschen kommen auch dazu. Dhaatri hat urplötzlich viel mehr Kapazität für neue Aufgaben und Mitarbeiter, dass man momentan gar nicht mehr weiß wohin mit ihnen.

Neben Savitri und Roja, die die Küche schmeißen, sind jetzt noch zwei weitere Frauen dazugekommen, die ihnen helfen.

Mit Vaishnavi und Nerraja sind zwei gut ausgebildete Fachkräfte im Team, während die beiden Lambani-Mädels dafür trainiert werden auch bald mehr Produktivität ins Haus zu bringen.

Zusammen mit uns drei Freiwilligen und den vier alten Hasen, Bhanu, Gayathri, Ashwini und Ravi, die bereits von Anfang an die NGO am Leben halten, arbeiten nun fünfzehn Personen im Office. Davon haben jeweils nur drei Personen eine eigene Wohnung, was bedeutet, das der Rest hier schläft. Drum sorgt man sich bereits um eine eigene Bleibe für all diese Leute, damit das Offfice, bald nur noch Office sein darf und kein Wohnzimmer.

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Hier nur ein kleiner Teil der neuen Dhaatri-Crew.. 😀

Unter diesen fünfzehn Menschen sind derweil nur zwei Männer vertreten. Ich und Ravi. Überraschenderweise fühle ich mich momentan jedoch sehr wohl, habe ich eine Aufgabe und werde von allen gemocht und geschätzt. Drum ist es echt schön vor eben jene lustige Momente gestellt zu werden, die einen fordern und trotzdem zum Lachen bringen. So wusste ich vorher nie wie viel Spaß Sprachen machen können. Jene Übersetzungs-Inception hat mich nun vom Gegenteil überzeugt…