Home sweet Home

„Was du gehst jetzt schon? Was fällt dir ein uns jetzt zu verlassen? Das geht nicht.“ Ruft Bhanu schockiert über die schmausende Mittagsgemeinschaft hinweg. Sie wirkt nun wahrlich etwas geknickt.

„Ja, am dritten August geht’s zurück nach Deutschland“, meine ich und füge hinzu: „ Ich will auch nicht. Ich würde gerne noch länger bleiben.“

Zustimmendes Gemurmel aller Mitarbeiter.

Doch länger bleiben steht leider nicht zur Debatte und je weiter die Zeit schwindet, desto schöner empfinde ich das Alltagsleben im Office und der Gegend darum herum.

Das fängt bereits bei meiner Arbeit an, habe ich die letzten Monate überwiegend mit der Bearbeitung der Dhaati-Website verbracht, was mir mehr Spaß machte, als vorher angenommen. Denn die Seite sollte einen kompletten Umbruch erfahren, so unsere Chefin.

„Mach die ganze Seite kreativer und schöner“, verlangte sie und wusste nicht vor welche Fragen sie mich damit stellte. Kreativ und schön konnte wahrlich alles sein und war alles andere als eine penible Sachbeschreibung.

So saßen Skrollan, Toni, Marius und ich einen ganzen Tag über der Website und berieten uns, wie diese denn im Zuge des Neuanfangs aussehen sollte.

„Also diese Spate sieht nicht schön aus“, hieß es dann meistens.

„Stimmt“, kam dann als Antwort.

„Irgendwelche Lösungsansätze?“

„Hmmm….“

So zog sich das Projekt „Website-Neuanfang“, bis wir einen ungefähren Plan hatten, wie und was sich unbedingt verändern musste: Neue Schriftarten, grundsätzlich neues Design, mehr Bilder, weniger Text und doch mehr Information und so weiter.

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So begann also mein Tag, nachdem ich bis halb zehn geschlafen hatte, (die Mädels hatten in der Zeit schon eine Stunde Yoga hinter sich) vorerst mit einem kleinen Frühstück vor der Türschwelle des Offices und ersten Gedanken, was ich denn heute so an der Website verändern konnte. Die verlockenden Gerüche des Frühstücks, das meist entweder aus Dosa, Idli, Lemon-Rice, oder Upma bestand, zogen stets von unten nach oben und frohlockten, ja befahlen einem gar, doch endlich nach unten zu kommen und zu essen.

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Grundsätzlich war es nie ein Problem frühmorgens draußen zu sitzen und der Stadt beim Erwachen zuzuhören, war das Wetter des ewigen, indischen Sommers sowieso immer halbwegs schön. Über das ganze Jahr hinweg, wurde es nie kälter als 26 Grad, die Sonne schien irgendwie immer. Das hieß jedoch nicht, dass das gute Wetter zur Monotonie wurde, nein, auch hier gab es gewisse Unterschiede. Es konnte ein bereits heißer Morgen sein, mit der Kunde, dass der Tag unerträglich werden würde. Oder ein schwüler und drückender, der mit dem dicht liegenden Smog über der Stadt zu tun hatte und keine besonders schöne Luft versprach. Und dann gab es jene, an denen die Vögel, wie im deutschen Frühling, leidenschaftlich zu zwitschern begannen und die Sonne einem, anders als an den restlichen Tagen, so im Gesicht kitzelte, dass man sofort wusste, dass es heute wunderschön werden würde. Diese Tage erinnerten mich an typisch deutsche „Freibadtage“, wo es alle Menschen in die Seen und Freibäder der Republik zu ziehen schien.


Saß ich dann, bereit zur Arbeit am meinen Platz, so kam wenig später Roja mit einem Tablett voller heißer Chai-Tassen vorbei und reichte mir eine hinunter.

„Tea“, fragte sie.

„Yes Roja. I want tea“, meinte ich, lächelte zu ihr hinauf und nahm ihr den heißen, gut riechenden Stahlbecher ab.

Meist war es so, das Toni, Skrollan, oder Marius dankend ablehnten, war dieser, von Roja, oder Savitri gemachte, Chai, eine viel zu große Zuckerbombe, woraufhin Roja flehend wieder vor meinem Arbeitsplatz stand und mir noch einen zweiten Tee andrehen wollte.

„Leo, pleaaase!“ oft klimperte sie dann kokett mit ihren Augen.

„No“, versuchte ich es meist sehr halbherzig, tief in die Arbeit versunken.

„Leooo? Tea?“ Roja konnte man eines lassen: Sie war hartnäckig und wusste, dass ich früher oder später immer nachgeben würde.

„Okay, okay“ sagte ich, atmete tief ein und lies es zu, dass die junge Frau einen weiteren Cup vor mir abstellte, mich mit dankbar leuchtenden Augen anlächelte, sich, die Zunge rausstreckend, umdrehte und beschwingt hüpfend in die Küche zurückkehrte.

Im Endeffekt mochte ich ihren Chai ja auch sehr gerne.


So ging der Vormittag meist mit der Arbeit an der Website dahin, doch teilweise gab es eben auch jene Phasen wo die Kreativität nicht recht wollte und aussetzte. Dann war es im Grunde leider so, dass ich nicht auf eine Nebenaufgabe ausweichen konnte, da es schlichtweg keine gab. So schauten wir gelangweilt unsere Netflix-Serien (ich schrieb zudem noch Blog) und warteten auf neue Arbeiten.

Das Problem hatten und haben meine Mitfreiwilligen und ich schon das ganze Jahr. Anfangs wurden wir noch mit Arbeit überschwemmt und je mehr man uns kennenlernte, so sehr zog man bald die meisten Arbeiten aus unseren Einflussbereich.

„Ihr schreibt jetzt keine Reports mehr, da euer Englisch noch viel zu sehr an Schulenglisch erinnert. Ich brauch mehr. Drum mache ich das jetzt alleine“, war einer jener Sprüche zur Mitte des Jahres, der von unserer Chefin an uns gerichtet wurde. Damals war ich noch fest der Meinung Bhanu keine einzige Träne am Ende hinterher zu weinen, da wir gerade dort die meisten Probleme mit ihr und ihrer Einstellung gegen uns hatten.

Es tut mir leid das zu sagen, aber wir sind mit eurer Verpflichtung zu unserer Art von Arbeit sehr unzufrieden. Es scheint nicht so, als ob ihr auf den Freiwilligendienst vorbereitet und geeignet wärt“, so eines jener Statements die mich damals sehr wütend und beleidigt zurückließen, war ich natürlich komplett anderer Meinung. Jetzt weiß ich, dass anfänglich noch meine genaue Spezialisierung auf eine bestimmte Arbeit fehlte. Erst Ende Februar, Anfang März bildete sich ein genaueres Verständnis dafür, was ich konnte, und was ich eben nicht konnte. Ich war schließlich weder nicht, wie die Mädels, dazu geeignet, mit den Dörflern zu basteln, oder daheim zu backen, noch besaß ich die perfekten Englischkenntnisse, um ausgefeilte Berichte zu schreiben, nein ich war derjenige der mehr in den technischen Bereich gehen musste. Und mit den zunehmenden Filmen die ich schnitt und mit den verbesserten Veränderungen, die ich an der Website vornahm, desto zufriedener wurden ich und Bhanu, da wir beide erkannten welchen Stellenwert ich im Dhaatri-Office erfüllte. In dem Sinne hat es tatsächlich ungefähr ein halbes Jahr gedauert, ehe ich wusste, wie ich mich richtig produktiv einfügen konnte.

Und nun, ja nun, erzählt Bhanu stolz, wenn sie mich jemanden vorstellt, von ihrem Freiwilligen und dessen spannenden Blogeinträgen und Filmen und will mich nicht mehr gehen lassen. Oft redet sie von mir, als ihren hauseigenen Spion, hat sie diesen einen Blogeintrag gelesen, wo ich, bei meinem ersten Trip in die Dörfer, mich unter feiernde Touristen mischte, gute Miene zu bösen Spiel machte, nur um bessere Fotos von den Störenfrieden zu schießen. Diese Geschichte erzählt sie immer wieder gern.

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Und ich werde wohl doch die eine oder andere Träne verdrücken müssen, wenn es in zweieinhalb Wochen zum Abschied zwischen uns beiden kommt, die wir erst einander finden mussten, um gut zusammenzuarbeiten.


Nach einem entweder sehr produktiven, oder eher faulen Vormittag, wird zum Mittagessen gerufen und dieses ist im Grunde die einzige Möglichkeit alle Arbeiter auf einem Haufen zu erleben und bietet so die Möglichkeit sich darüber auszutauschen, woran man denn gerade arbeite, falls das nicht schon per Mail geklärt wurde.

In letzter Zeit wurde auch oft darüber geredet sich ein Office-Haustier zu holen, ein Hund wäre doch nicht schlecht. Schließlich hätte man ja jemanden, der gut mit Hunden könnte. Der Blick schweift dann zwangsläufig immer wieder in meine Richtung, bin ich mittlerweile in der ganzen Straße dafür bekannt gut mit den Straßenhunden anzubändeln. Klar, zwar ist mittlerweile das meinige Interesse an den Geschöpfen der Straße zurückgegangen, sehe ich es keinesfalls mehr als abnorm an, dass die Hunde draußen, ohne wirklich menschliche Zuneigung, ihr Leben fristen. Ich habe verstanden, dass es ihnen, trotz vielerlei Abneigung, so weit gut unter ihrer eigenen Rasse geht, dass sie mein Mitleid nicht brauchen, um zu überleben. Damals noch habe ich alles probiert, um das Leben einer großen Hundefamilie zu schützen, die nach und nach auseinanderbrach. Aber so war eben der Lauf der Dinge. So spielte die Natur.

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Nun ist von der „La Familia“, wie ich sie damals nannte, nicht mehr viel übrig. Es existieren nur noch zwei Familienmittglieder, die sich jeweils ihr eigenes kleines Rudel gesucht, oder eine neue Familie gegründet haben. Das Rudel, besteht aus dem letzten überlebenden Sohn, der Vorgeneration, der sich neue Freunde gesucht hat. Er lebt am Anfang der Straße. Die Mutter des Sohns, die mittlerweile wieder neue Kinder hat, lebt am Ende. Stets bellen sich beide Seiten feindselig an, kommen sie sich einander zu nahe. Das ist meist dann der Fall, wenn ich, vom Anfang der Straße zur Mitte laufe, um von einem Ausflug zum Office zurückzukommen.

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Das Straßenanfangsrudel begleitet mich schwanzwedelnd und trunken vor Glück mir begegnet zu sein, des Weges, ehe sie abrupt stehen bleiben, auf der Hut vor der neuen Familie, die mich auch gesichtet hat und ihre Chance Streicheleinheiten steigen sieht. So bin meist ich der Auslöser für eine minutenlange Hundegeräuschpegelsteigerung, was selbstverständlich alle aus dem Office mitbekommen.

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Die Idee sich ein Haustier anzuschaffen, wird aber spätestens dann verworfen, wenn es darum geht, wo es denn leben solle und wer sich wirklich darum kümmere. Ich, der überall als absoluter Tierliebhaber gilt ( diesen Ruf werde ich wahrscheinlich nie mehr los) bin ja schließlich bald weg.


Der Nachmittag verging nun entweder mit einer Produktivitätssteigerung, oder einem konstanten, sehr angeregten Grübeln, über das, was man jetzt denn nur machen könne.

Um fünf war Schluss mit der Arbeit und so zog es uns meist, wohlbemerkt unter der Woche, nach oben in unser Zimmer, das Monat für Monat, mehr zu unserem wohligen Rückzugsort wurde.

An der einen Wand breitete sich zunehmend eine riesige Bildercollage von Selfies und gemeinsam erlebten Abenteuern aus und verdrängte immer mehr das Justin Bieber Poster, das Merlin und Ich einst, aus einer unbestimmten Laune heraus, über Amazon gekauft und an die Wand geklebt hatten. Keiner von uns war ein Fan von ihm, aber irgendwie passte der Dude in unser Zimmer, dessen andere Wände bald auch von mannigfaltigen C-Promi-Postern, die keiner kannte, bedeckt waren. Das war sozusagen, die insgeheime Racheaktion der Mädels für das Justin-Bieber-Plakat.

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Hier hing ein Bild eines heiligen Babas, den Skrollan und Toni am Strand von Visakhapatnam gefunden und Merlin zum Geburtstag geschenkt hatten, dort klebte eine riesige Indienkarte, vor der ich oftmals lange hin und her grübelte, war ich mir nie sicher in welche Gefilde es mich noch verschlagen würde.

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Wir schliefen auf dünnen Matratzen und hatten jeweils nur einen Schrank, wo wir alles verstauten, was unser Hab und Gut ausmachte. Es war wenig, was wir hatten und doch war ich gewissermaßen stolz auf unser eigenes Zimmer, hatte es viele Geschichten zu erzählen, die es wert waren erzählt zu werden. Es war im Grunde es ein großes, unordentliches Puzzle voller Erinnerungsfetzen, in dem alle willkommen waren. Eine Art Wohngemeinschaftszimmer, wo mal drei, mal vier, oder gerne auch sechs Leute übernachten konnten, kamen andere Freiwillige uns besuchen. War das der Fall, kochten wir zusammen, sahen uns Filme an, gingen gemeinsam aus, oder ließen uns, im Fall von Lion, von Roja ärgern, die, falls Jungs ins Office kamen Feuer und Flamme vor Begeisterung war. Sie fand es zudem auch ziemlich lustig, dass ich und Lion so gleiche Namen hatten.

„You Leo. You Lion. Hihi, similar! Funny“, sagte sie beispielsweise, während sie einem von uns den Stuhl unter dem Hintern wegzog und vor Freunde jauchzte.

Ja, selbst das sonntägliche Waschen, über dem Waschstein, wir besaßen keine Waschmaschine und mussten unsere Klamotten mit der Hand waschen, wurde nach und nach für mich zu einer schönen Tradition. So saß ich am Sonntagmorgen da, wusch meine Sachen und hörte nebenbei Hörbücher. Durch den eigenen Kraftaufwand gereinigt, war es jedes Mal wie eine Art tolle Errungenschaft, faltete man die sauberen gut riechenden Sachen zusammen und legte sie in den Schrank. Durch die Hitze Indiens brauchten die Klamotten weniger als sieben Stunden zum Trocknen und konnten so am selben Tag schon von der Leine genommen werden

Sei es eben unser Zimmer, die lustigen Unterhaltungen am Mittagstisch, die vielen, süßen Kleinigkeiten, wie die Verirrung eines kleinen Vogels, der irgendwie ins Haus flatterte und nicht mehr hinaus wollte, oder meine Arbeit, die mich immer mehr ansprach, je länger ich versuchte meinen Platz im Office zu finden, all dies werde ich in meinem Herzen behalten.

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Und auch weiß ich, dass ich hier immer willkommen sein werde und ich immer ein Dach über den Kopf finden würde, verschlägt es mich auf unergründliche Weise erneut auf den indischen Subkontinent. Ich habe hier, in Hyderabad, tatsächlich mein zweites Zuhause gefunden werde in den Menschen im Office und jenen Bekanntschaften aus den Clubs und Bars dieser Stadt, die wir fast jedes Wochenende sehen, immer gute Freunde finden.

Home, sweet Home. 🙂