Wie ist es nun, dieses Indien?

„Wie? Das geht?“ frage ich mich im Juli 2017, als ich auf ein gerade gepostetes Instagram-Bild eines Freiwilligen stoße, der seit gut zwei Wochen in Indien ist. Ich hingegen bin noch daheim und wünsche mir nichts sehnlicher als endlich das Abenteuer Indien anzutreten.

Doch was mich auf jenem Instagram-Post sehe, verwirrt mich, passt es gar nicht in mein typisch indisches Bild.

Besagter Freiwilliger chillt mit einem Bier vor einer Folge der HBO-Serie „Game of Thrones“. An sich nichts Besonderes, aber damals klappte mir fast die Kinnlade hinunter, ungläubig über der Tatsache sitzend, dass so etwas im Land Indien möglich war. Einerseits war da der Alkohol und dann der Fakt des wahrscheinlichen Internetstreamings der Serie. Das Bier und das schnelle Internet passte für mich nicht zu Indien, hielt ich es damals noch mehr mit traditionell, altmodischen Seite.

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Nun, ist eben jenes Abenteuer fast vorbei und ich habe begriffen, dass Indien weit mehr als Tradition ist. Fortschritt und Innovation treibt das einstige Entwicklungsland mittlerweile voran, wohingegen es immer weiter versucht sich den indischen Vorurteilen zu entledigen, doch so wäre es viel zu einfach gesagt. Was wäre, wenn man mich daheim fragen würde, wie es denn war, dieses Indien? Eines vorweg: Es wäre nicht mit einem „schön“, oder „ganz gut“ getan.

Indien ist wundervoll und hässlich, modern und traditionell, arm und reich, süß und scharf, bunt und grau, chaotisch und geordnet, leise und laut, heiß und kalt. Indien ist alles auf einmal.

„Wenn du lange genug hier gewesen bist, dann wird dich nichts mehr so schnell schocken können“, so sagten wir oft während des Jahres.

Gewürzmärkte, tausende Gerüche und Farben, Kühe auf den verstopften Straßen, Currys, Mangos und Elefanten, so sieht man das Land der tausend Diversitäten gerne und doch entspricht dieses Bild einer längst vergangenen Zeit.

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Neben jedem kleinen, behaglichen Chai-Shop wird man auch ein eiskaltes „Kingfisher“, oder ein Glas Pina Colada in einem coolen Pub trinken können.

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Indische Streetfoodläden, die Samosis, Dosas, Pani Puri und Idli verkaufen, sind meist genauso beliebt, wie die vielbesuchten westlichen Fastfood-Ketten Subway und McDonalds.

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So viel Feinschmecker-Restaurants es auch gibt, die Biryani und Palak Paneer ihren Gästen servieren, desto öfter werden auch italienische, chinesische oder israelische Speisen gereicht. Ganz vom Dorfessen, das meist nur aus Reis und einem scharfem Gemüsesamba besteht und sehr leicht zuzubereiten ist und deswegen wohl auch oft daheim innerhalb indischer Familienmauern gekocht wird, einmal abgesehen.

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Auf jede Riksha, die für dich auf der Straße anhält, wirst du genauso viele Uber-Taxis finden, die du über dein Handy rufen kannst. So laut auch manche Bollywoodmusik durch die Straßen dröhnt, desto ohrenbetäubender hämmern die Bässe des modernen Technos durch die Clubs der indischen Großstädte.

Neben jener traditionell indischen Frau mit kunterbuntem Sari und traditionell roten Punkt auf der Stirn, die mit ihrem zurechtgewiesenen Ehemann mit stattlichem Schnauzer in einen Hindu-Tempel geht, sieht man Mädchen, die mit kurzem Kleid aus einem Taxi steigen, um im nächsten Pub, mit ihrem Date, oder ihren Collage-Freunden ein Bierchen zu zischen. Für diese Mädchen ist es etwas ganz besonderes einen Sari anzuziehen, wohingegen manch andere Frau jeden Tag in einem solchen herumläuft und gut 50 davon in ihrem Kleiderschrank hängen hat, so gestand uns einst eine dieser Frauen.

Auf jeden ärmlichen Bettler, der einzig und allein seine Kleider am Leib als sein Eigen nennen darf und jede Nacht auf dem kalten Steinboden schläft, wird man ebenso viele Anzugträger mit Apple-Produkten untern Arm und Starbucks-Coffee in der Hand an eben diesen armen Schluckern mit zerplatzten Träumen vorbeilaufen sehen, ohne diesen überhaupt eines Blickes zu würdigen. Und doch besitzt jeder Mensch eine derartig übersprudelnde Lebensfreude, sodass es meist nur eines Liedes bedarf , um jemanden zum Tanzen zu bringen. Stets wird er dann seine Lieblings-Tanzmoves aus seinen Lieblings-Bollywoodfilm präsentieren und dich direkt dazu verleiten, ihn nachzuahmen. Hochzeiten und große Feste sind dazu bestens geeignet, wie ich neulich, einmal wieder, erfuhr, als ich mit einigen indischen Freunden feiern ging und sie sich kurz nach Mitternacht dazu entschieden, einen kurzen Abstecher zu einer großen muslimischen Hochzeit eines Freundes zu unternehmen.

Dort angekommen schob mich der Bruder des Bräutigams stolz von Gast zu Gast, um mich möglichst allen zu präsentieren. Währenddessen wurden Trommeln herbeigeholt und die Musikanlage auf Anschlag aufgedreht. Wilde Bollywood-Musik hallte über das ganze Gelände, währenddessen sich um mich ein stürmisch tanzender Hochzeitshaufen bildete und mich dazu animierte mitzumachen. Allerdings, so ist es häufiger bei der Übernahme meist sexuell geprägter Filmtanzeinlagen ( sprich Hüfte vor, Hüfte zurück und dergleichen), verlieren sich die Männer so sehr in ihren eigenen Bewegungen, dass es meist so wirkt, als beherrsche sie gerade ein sexueller Musikdämon. In diesem Falle will man doch sehr ungerne mit in den Wirbel tanzender Leiber hineingezogen werden, weshalb ich mich in dieser Situation, um Luft ringend, aus dem Hochzeitskreis hinaustanzte, was bei Weitem nicht so einfach war, wie gedacht. Ich war immer noch der weiße Gast, den alle anstarrten und immer wieder in den Kreis drängten.

Vergliche man die Inder mit einem beliebigen europäischem Volk, so wären sie wohl die stereotypisierten Italiener Asiens. Ebenso könnte man sagen, dass die Italiener, die Inder Europas wären. Leidenschaftlich, charmant, immer bedacht darauf gut auszusehen und sehr familienfreundlich. Die Familie spielt eine deutlich größere Rolle für die Menschen und es fällt schwer, aus dem Heimatdorf fortzuziehen.

Die Liebe bestimmt das Leben der meisten Menschen hier. Du wirst immer jemanden finden, der dich wie einen alten Freund behandeln wird, obwohl ihr euch erst kurz kennt und bisher recht wenig miteinander geredet habt.

Indien ist dreckig, geprägt durch weggeschmissenen Abfall. Räudige Straßenhunde, riesige Straßenschweine, katzengroße Ratten und müde, dahinschwankende Kühe und Wasserbüffel, sind dessen Konsumenten.

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Plastikmüll wird ohne jedes Bedenken aus den Fenstern der Autos geschleudert und landet meist in den stinkenden Flüssen und Quellen der großen Metropolen. Riesige Benzintrucks, die sich als die „Road-Kings“ bezeichnen, verpesten die Luft mit ihren Abgasen. Es wird extra Benzin verbrannt, damit man ihn als stinkenden Rauch in die Umgebung blasen kann, um den nervigen Moskitos, ein für alle Mal den Garaus zu machen. An jeder wenig besuchten Straßenecke verrichten unterkastige Männer ihr kleines, oder auch großes Geschäft, weil sie schlichtweg keine richtige Toilette haben.

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Und doch ist Indien ebenso schön und wundervoll. Das Land hat riesige Wüsten, Wasserfälle, erhabene Bergriesen, wunderschön weiße Strände und atemberaubende Monumente längst vergangener Generationen. Lebt man hier, muss man nicht erst in ein fremdes Land fahren, um besondere Naturphänomene zu sehen, nein all das liegt fast direkt vor deiner Nase. Du musst nur zugreifen und schon bist du umringt von der Schönheit und Einzigartigkeit der Natur, fernab urbaner Zivilisationen und starrst fasziniert in die Unendlichkeit der Sterne am nächtlichen, indischen Himmelszelt, oder den mystischen Nebel über den schneebehangenen Berggipfeln des Himalayas.

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In manchen Dingen ist uns Indien sogar voraus, vor allem wenn es ums Internet geht. Für gerade einmal vier Euro, kann man bereits einen Handyvertrag bekommen, der dir für drei Monate jeden Tag 1 Gigabyte Datenvolumen zur Verfügung stellt. Zahlt man etwas mehr, kriegt man für sein Geld sogar 2 Gigabyte. Wo in Deutschland das Datenvolumen, aufgrund schlechter Vernetzung, bereits aufgebraucht ist, wenn man versehentlich ein YouTube-Video unterwegs geschaut hat, so kann man in Indien beinahe unbegrenzt in bester Qualität seine Lieblingsserien schauen, sitzt man gerade gelangweilt in der Gegend herum und weiß sich nicht zu beschäftigen.

So viel Datenvolumen brauch der Inder mit Smartphone aber auch, kann er nicht einen Tag ohne Selfie, dass er auf Instagram, oder Snapchat gepostet hat, leben. 😀

Der indische Subkontinent ist geprägt durch die Andersartigkeit, der Menschen, der Natur, des Essens und der Sprachen.

Es gibt nicht das „typisch Indische“, genauso wenig, wie es das „typisch Deutsche“ gibt. Mag man jenes nicht, wird man das andere wieder mögen. Indien ist alles und hat schlichtweg für jeden Typ etwas parat, was jenen erstaunen lassen wird.

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Es regiert eine Art Chaos, eine merkwürdige Notwendigkeit des Handels der Leute. Alles funktioniert einfach irgendwie und man macht sich auch nicht die nötigen Gedanken, dass etwas nichts klappen könnte.

Man kann dieses Land nicht in Worte fassen, du kannst es nur sehen, spüren, riechen, hören, schmecken. Deine Gedanken werden niemals vollständig in der Lage sein, das Land so zu beschreiben, dass jeder es buchstäblich vor Augen hat. Man muss einfach da gewesen sein.

Es ist knapp ein Jahr her, seit ich die Koffer gepackt und Indien, dieses Land der unbegrenzten Unterschiede, betreten habe und doch habe ich gerade erst begonnen, die Vielfalt des Landes zu erkunden. Es gibt immer noch so viele Dinge, die ich nicht kenne, nicht verstehe. Es ist, als ob dieses Land wie ein Universum ist, das dich nicht leicht gehen lässt, weil man viel zu fasziniert, viel zu erstaunt ist, von dem was dir all deine Sinne zeigen, oder eben nicht zeigen…