Freunde :)

„Wie wär´s denn mit einem Freiwilligendienst“, fragt mich meine Mutter.

„Was ist das?“ frage ich beiläufig, währenddessen ich tief versunken über einem Studienführerheft grüble. Irgendwas muss sich ja finden lassen, was ich nächstes Jahr nach dem Abi studieren kann. Irgendwas mit Medien, oder so. Es kann ja nicht angehen, dass ich nach der Schule nichts mache.

„Für ein oder ein halbes Jahr gehst du ein fremdes Land und arbeitest dort. So kannst du wirklich noch etwas Praxiserfahrung lernen, bevor du wieder stundenlang lernen musst.“

„Hmmm..Ich schaue es mir mal an“, grummle ich und habe dieses Freiwilligen-Dings in der nächsten Sekunde schon vergessen.

„Da gibt es eine sehr gute Seite, die dir alle Projekte auf der ganzen Welt anzeigt. „Weltwärts“, da kannst du dich bewerben. Versuchs doch einfach mal.“

 

Doch wirklich interessiert bin ich an dieser Sache nach wie vor nicht und es bedarf ganze zwei Wochen, in denen mich meine Mutter heimlich dazu triezt, doch auf dieser „weltwärts-Seite“ vorbei zu schauen. Sie gibt mir immer wieder verstohlenene Tipps, was es doch alles zu erkunden gäbe.

„Schau mal hier! Du könntest eine Schule in Israel aufbauen. Oder noch besser: In Finnland behinderte Menschen betreuen.“

Doch bisher klingt das für mich eher schwach und so rechne ich fest damit mich noch dieses Jahr für ein Medienwissenschafts-Studium zu bewerben. Bis meine Mutter, nach einiger Recherche auf Asien stößt.

„Wie wär´s mit Indien? Oder Vietnam.“

Ich schiele gespannt, von meinem Vietnamkriegs-Vortrag tüftelnd, den ich nächste Woche für Geschichte halten muss, zu ihr hinauf: „Das gibt´s wirklich?“

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Ab diesem Zeitpunkt, erfasste mich das Fieber doch in die weite Welt hinauszuziehen, waren gerade Indien und alle naheanliegenden asiatischen Länder so mystisch und unentdeckt für mich. Ich bewarb auf gut Glück bei einer kleineren privaten Organisation, schrieb einen Motivationsbrief und erarbeitete einen kleinen süßen Lebenslauf. Wenige Tage später erhielt ich ein Schreiben von eben jener Organisation, dass ich in die nähere Auswahl von Bewerbern gekommen und ich nun für ein Auswahlwahlseminar übers Wochenende eingeladen wäre. Die Freude war riesig bei mir, hatte es tatsächlich bei der ersten Bewerbung geklappt in die nächste Runde zu kommen.

Für dieses Wochenende musste man eine kleine Selbstpräsentation vorbereiten, die möglichst kreativ erklären sollte, wer man war und warum man denn einen Freiwilligendienst absolvieren würde wollen.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, kreativ konnte ich! Die nächsten Wochen, erarbeitete ich ein Drehbuch für einen kleinen Film, wo viele einzelne Seiten und Charakterzüge von mir auf die Schippe genommen und im Endeffekt zu dem Leo zusammengefügt wurden, der ich damals war. Die Message des Films: Ich bin kreativ und leidenschaftlich genug, um in die Welt hinauszuziehen. Drei Wochen lang arbeitete ich sehr intensiv an meinem kleinen Projekt und schaffte es am Abend vor dem Seminar mein Werk zu vervollständigen.

Ich fuhr mit einem USB-Stick und der vagen Hoffnung auf die große weite Welt nach Darmstadt, traf auf 23 andere sehr coole, junge Menschen, die auch nach Indien wollten. Es fiel mir nicht schwer mich mit ihnen anzufreunden, noch heute habe ich zu einigen aus dieser Gruppe Kontakt. Die Organisatoren machten uns hungrig auf ein Jahr, dass das Beste unseres bisherigen Lebens werden sollte, spielten Spiele mit uns, die unsere Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Kreativität testen sollten. Meiner Meinung nach war meine kreative Selbstpräsentation, eine der Besten des Wochenendes, schien es mir als hätte ich am meisten Arbeit und Herzblut in mein Projekt gesteckt.

Trotz der Euphorie und der vielen antreibenden Leute um mich herum, war dort immer wieder das Gefühl des Unwohlseins und des Konkurrenzkampfes zwischen diesen Leuten, gab es nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen für einen Freiwilligendienst. Alle wollten natürlich diese heißbegehrten Tickets ins Abenteuer. So herrschte am Tag der Abfahrt eine seltsame Stimmung. Jeder wusste, dass es bald vorbeisein könnte, mit dem großen Traum und so war es auch bei mir, als ich zwei Wochen später eine Absage bekam. Ich wusste nicht weshalb es nicht gereicht hatte, war wütend und sauer und traurig. Immerhin hatte ich drei Wochen hart gearbeitet, um irgendwie Anerkennung zu erhalten.

Während des ganzen Tages über hinweg, wurde mir von all meinen neukennengelernten Freunden mitgeteilt angenommen worden zu sein. Nur ich schien der Verlierer zu sein. Doch das stachelte mich nur noch mehr an. Ich WOLLTE es JETZT unbedingt. Ich MUSSTE nach Indien. Ich bewarb mich bei etlichen anderen Organisationen, mein Heißhunger war riesig und so entwickelte sich die noch einstig eingeflüsterte Idee meiner Mutter, zu meiner eigenen. Sie wurde zum Selbstläufer. Erneut wurde ich zu einem Auswahlseminar in Kiel eingeladen, dieses Mal musste alles gut werden. Wieder sollte man eine kreative Selbstpräsentation halten. Kreativ konnte ich. So stellte ich meinen dicken, fetten Backback-Rucksack, der mir Monate später in Indien oftmals zu kleinen Pannen verhelfen würde, vor die versammelte Mannschaft aus Organisatoren und jungen Leuten und holte Alltagsgegenstände aus ihm heraus, die mich repräsentieren sollten. Meine Kamera, ausgedruckte Bilder vom Theater…etc.

Zum Schluss holte ich eine kleine, leere Schatulle hervor.

„Nun ja, diese Schachtel steht für einen Schatz, der noch nicht da ist. Sie steht für meine Lust Abenteuer zu erleben, für Dinge, dich bisher noch nicht gelernt habe, aber unbedingt lernen will. Sie soll am Ende meines Freiwilligenjahres voll sein, mit Dingen, die mich inspiriert haben. Sie symbolisiert meine Neugier und den Willen etwas zu erreichen.“

So gut ich auch versuchte, mich selbst zu repräsentieren, die Organisatoren fanden, trotz meiner vielseitigen Interessen ein großes Manko:

„Du warst aber ganz schön unsicher, während deiner Präsentation. Hast du gesagt, dass du in deiner Schule Theater gespielt hast? Wo war denn dann deine Selbstsicherheit? Du meist, dass du gerne in unterschiedliche Rollen schlüpfst. Das merkt man. Du wirkst nicht so recht im Klaren, wer du überhaupt bist. Kann es sein, dass du dich aufgespalten hast, in mehrere Persönlichkeiten? Kannst du überhaupt auf den Tisch hauen, wenn dir etwas nicht gefällt. Wir glauben nicht, dass du das schaffst.“

Mit diesen Fragen zerlegten sie meine Selbstsicherheit, verwandelten sie in Trümmer. Ich zitterte am ganzen Körper, während ich den Einzelgesprächsraum der Leute verließ und fühlte mich regelrecht durchleuchtet. Ich fuhr mit einem flauem Gefühl im Magen heim, das sich zwei Tage später in Enttäuschung verwandelte, als ich erneut eine Absage, ohne jedwede Erklärung erhielt. Die wäre zwar nett gewesen, aber im Grunde wusste ich schon, warum.

Es fiel schwer, so weiter zu kämpfen. Ich überlegte bereits, ob Indien wirklich das richtige Ziel war. Vielleicht war dieses Land einfach nicht das Richtige für mich, als angeblich zu unsichere Person. Vielleicht sollte ich lieber kleiner denken, Europa war schließlich auch schön. Was gab es denn daran auszusetzen?

Dann jedoch kam ganz überraschend eine neue Zusage, die anders war, als die davor.

Ich erhielt eine Bestätigung der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Hier war es nicht so, dass man auf ein Auswahlseminar musste, nein, man war schon fest bei den „Freunden“, die nun deine „Trägerorganisation“ waren, drin. Du konntest dich nun spezifisch für fünf deiner Lieblingsprojekte auf der ganzen Welt bewerben und falls eins dich ablehnte, konntest du dich erneut für ein Fünftes entscheiden.

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Die anderen Privatfirmen entschieden einfach selbst, aufgrund ihrer wohl „langjährigen“ psychologischen Erfahrung, welche Einsatzstelle, für einen am besten passen würde. Das wussten die halt direkt, nachdem man den willigen Vielleicht-Freiwilligen für zwei Tage halbwegs gründlich analysiert hatte.

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Bei den „Freunden“ war unmöglich nicht irgendwo angenommen  zu werden. Ich würde hier etwas finden, so wurde mir klar. Ich bewarb mich sofort für ein indisches Projekt, dass mir richtig gut gefiel und wir wissen alle, wie die Sache endete.

Ich bekam die Zusage für eben jene Einsatzstelle.

Damals, im Februar 2017, saß ich lächelnd am Strand der Ostsee, die Sonne war bereits untergegangen und ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich strahlte den Sternen entgegen und fühlte mich erlöst, befreit vom Druck, den mir die anderen Organisationen aufgehalst hatten. Ich würde tatsächlich nach Indien gehen. Seit fünf Monaten hatte ich dafür gekämpft endlich da zu stehen, wo ich gerade stand und das war es allemal wert gewesen!

 

Und das lag wohl auch an der Gestaltungsweise der „Freunde der Erziehungskunst.“ Diese Organisation, das wurde mir damals bereits klar, glaubt an den Menschen und dessen Entwicklung, was wohl auch mit dem Grundsatz der Anthroposophie, die man oft als Richtschnur für Waldorfpädagogik benutzt, zu tun hat.

Die Lehre Anthroposophie versteht sich als Anregung zur Entwicklung eines Individuums und zur Neugestaltung von Lebens- und Kulturverhältnissen und nicht als System, oder Lehre. Du solltest kein feingliedriges Teil eines wirtschaftlich geprägten Getriebes sein, sondern dich frei entfalten können, egal wer und wie du bist.

Die anderen zwei Privatfirmen, schienen nur an die zu glauben, die von Anfang an „konform“ waren. An positive Entwicklung verschwendeten sie keinen Gedanken.

Ich war nicht die Norm, schien nicht hineinzupassen und wurde deswegen aussortiert, im Glauben, dass ich es in der großen, weiten Welt nicht schaffen würde.

 

Die „Freunde“ vertrauen den Menschen an sich. Es ist weniger der Sinn Leute zu finden, die definitiv dafür geeignet sind, sondern eher jene, die es wirklich wollen, sich ausprobieren und wohlmöglich auch fallen könnten. Im Grunde ist der Fall auch nichts Verwerfliches.

Fünfzig Leute gingen mit mir nach Indien. Vier bis fünf davon brachen in den ersten Monaten, aus etwaigen Gründen ab. So wie mein Mitfreiwilliger Merlin, der durch gesundheitliche Probleme nach Hause gehen musste. Doch trotz dessen waren seine fünf Monate Indien ohne Frage positiv für seine Entwicklung. Allein die Entscheidung zu akzeptieren, dass es einfach nicht mehr geht, stärkt dich ungemein und die Erfahrung eine neue Kultur kennengelernt zu haben, verändert dich auf eine positive Weise.

 

Ich hatte stets das Gefühl gehabt, von meiner Organisation beschützt und versorgt zu werden. Die Seminare zum Anfang, zur Mitte und zum Ende des Jahres, trugen dazu ihren Teil bei, dass man sich willkommen und gut vorbereitet gefühlt hat und nun stärker zurückkommen wird als vor einem Jahr.

Meine Kiste, meine kleine Schatulle, die ich damals auf dem Auswahlseminar der zweiten Organisation in Kiel präsentiert habe, ist nun tatsächlich voll, ja sie quillt beinahe über voller schöner Erinnerungen und Abenteuer, die ich in diesem Jahr erlebt habe. Dabei wäre sie beinahe leer geblieben…

Bäm, ich hab´s euch gezeigt! Ich hab mich weder aufgespalten in mehrere Persönlichkeiten, oder bin zusammengebrochen, nein, ich bin ich und habe für das gekämpft, was ich unbedingt wollte! Und ich hab´s bekommen. Es hat sich gelohnt.

Ich habe nicht die Welt verändert, aber die Welt hat mich verändert. Das muss man, wenn man einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst absolviert auch lernen. Man kann innerhalb eines Jahres nicht ein ganzes Land umkrempeln, im Endeffekt ist das auch nicht der Sinn. Man ist wirksam, aber auch eine andere bestimme Weise, die allen irgendwie etwas Freude verschafft. Grundsätzlich ist es wie gesagt: Man wird nicht viel verändern können, vielmehr hilft der Freiwilligendienst dich zu einem weltgewandteren Menschen zu machen und Vorurteile abzubauen. Wenn du dabei es geschafft hast Menschen zu bewegen, dann weißt du, dass dein Jahr gut war. In dem Sinne, würde ich jedem Menschen, der nach der Schule nicht weiß, was er machen will, empfehlen hinauszugehen, in die weite Welt…

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Vor 12 Monaten fragte mich jemand nach meinen Ängsten, ein Jahr lang im Ausland zu verbringen – ich glaube, meine Antwort war, dass ich Angst habe, nach dieser Zeit zurückzukehren.

In Indien zu leben, war eine der besten Erfahrungen, die ich bisher hatte, ich habe erstaunliche Menschen getroffen, unglaubliche Orte gesehen und gelernt, Dinge zu schätzen, die ich für selbstverständlich hielt. Offensichtlich gab es auch Dinge, die mich sehr durcheinander brachten, Momente der Wut und Unzufriedenheit. In einem Land des globalen Südens zu leben, während ich aus einem der reichsten Länder der Welt stammte, ließ mich erkennen, wie glücklich ich sein kann über all diese Möglichkeiten und Chancen und vor allem die Freiheit, grundsätzlich dorthin zu gehen, wo ich will und mich auszudrücken, wie auch immer ich es möchte.

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Und all diese Momente verdanke ich eben auch auch meiner Entsendeorganisation. Den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, die mir genügend vertraut hat, um mich auf Indien loszulassen. 😀

Drum möchte ich mich  bedanken, für die Chance das alles, dieses Jahr voller Aufs und Abs, diese vielen Geschichten, Bilder und Emotionen, erlebt haben zu dürfen.

Danke für alles! ❤