Der Anfang aus dem Ende

Es endete dort, wo es einst begann. Vor genau einem Jahr noch hatte ich hier das erste Mal in meinem Leben indischen Boden betreten und jetzt würde ich von hier aus diesen wieder verlassen. Draußen regnete es heftig, die Jahreszeit des Monsuns hatte in Mumbai Einzug gehalten, währenddessen ein geschäftiges Treiben innerhalb des Flughafengeländes von statten ging. Alles schien sich neuerdings zu wiederholen. Ich kam im Regen und würde im Regen gehen. Es wirkte so irreal. Heute morgen noch saß ich draußen auf der Türschwelle unseres Hauses, aß mein Frühstück, lauschte der lauten, indisch-klassischen Musik des Nachbarn, die von ihm, wie jeden Morgen, herüber gedudelt kam und alles sprach dafür, dass es ein ganz normaler Arbeitstag werden würde, wären da nicht die gepackten Taschen. Mein Backpack-Rucksack, der mich über das Jahr hin treu auf allen meinen Reisen begleitet hatte, war auf einmal doppelt so groß wie sonst, steckte in ihm plötzlich ein ganzes Jahr. Mein Schrank war leer, genauso wie mein Arbeitsplatz, der wohl das erste Mal seit Monaten befreit war vom Krempel, den ich dort Tag für Tag ablud. Ich stand vollkommen baff davor und merkte wie einsam dieser Tisch plötzlich da stand, so ganz ohne mich und mein Zeug.

Draußen herrschte das alltägliche Chaos der indischen Großstadt Hyderabad, es war heiß und stinkig und alles war irgendwie so normal währenddessen alle meine Gedanken gar nicht mehr diesem großen Ganzen galten, sondern schon tausende Kilometer entfernt waren und an das scheinbar Abnormale dachten.

Ich ging an den Obst-und Gemüseständen vorbei. Sie hatten wieder Granatäpfel auf Lager, währenddessen die letzten Mangos der bereits aufgelaufenen Saison von Hand zu Hand gereicht wurden. Auf unbegründbare Weise berührte mich der Anblick der Granatäpfel.

Alles begann von vorn. Vor fast genau einem Jahr kam ich mit der Granatapfelzeit. Jetzt ging ich. Eine Woche zuvor hätte mich dieser Gedanke noch zum Verzweifeln, zum Abblocken gebracht, wollte ich es schlichtweg nicht einsehen zurück in die alte Heimat zurückzukehren, doch nun, war ich bereit zu gehen. Es gab kein Zurück mehr. Ich würde das Office und all die Leute die hier lebten auf unbestimmte Zeit nicht mehr wiedersehen. Dieser Gedanke, mit diesen Menschen, die ein Jahr buchstäblich mit mir gewohnt hatten, wohlmöglich Jahre lang nicht mehr persönlich zu reden, schmerzte am meisten.

 

Doch nun, ich habe mich von allen verabschiedet und bin mit viel zu viel Übergepäck von Hyderabad nach Mumbai geflogen, scheint das ganze Jahr plötzlich wie eine schwindende Erinnerung zu verblassen.

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Es gibt nur den Flughafen, die wartenden Passagiere und mich. Und dieses weiße Mädchen, dass seit der ersten Sicherheitskontrolle in Mumbai, bis hin zum Gate nach München irgendwie immer dicht bei mir war. Jetzt, wo wir beide unmittelbar nebeneinander sitzen und darüber stöhnen, dass das Boarding um eine halbe Stunde nach hinten verlegt wurde, finden wir den Mut, miteinander zu reden.

„Woher kommst du?“ fragt sie.

 

„Deutschland. Berlin. Ich war jetzt für ein Jahr weg. Wirklich gehen, will ich eigentlich gar nicht. Und du?“

„Italien, Venedig. Ich war für sieben Monate hier. Ich habe in Mumbai in Dharavi gearbeitet und mir geht’s wie dir. Indien fesselt einen.“

„Krass, in Dharavi war ich auch“, erinnere ich mich zurück an den größten Slum Asiens.

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Es entsteht eine kleine Konversation zwischen uns über Indien über deren Menschen, bis schließlich zum Boarding gerufen wird. Wir gehen zusammen den Gang zum Flugzeug entlang und als wir kurz vor dem brummenden Flieger stehen und unsere Pässe noch einmal kontrolliert werden, atme ich tief ein.

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“

„Tatsächlich. Soll ich dich kurz umarmen? Das kann ich gut. Dann geht´s dir besser.“

„Schon okay. Aber in München könnte ich wahrscheinlich eine Umarmung gebrauchen.“

„Gut“, sagt die junge Italienerin. „Wir sehen uns in Deutschland wieder.“ Sie lächelt und verschwindet im Bauch des achtsitzigen Airbusses.

Leider würde ich sie nie wieder sehen, denn als wir in München landen, komme ich entweder zu früh, oder zu spät aus dem Flugzeug heraus, warte zwar noch ein bisschen auf das Mädchen, aber irgendwie haben wir es geschafft uns zu verpassen. Es gibt keine Umarmung, was mich doch etwas traurig stimmt, bräuchte ich jetzt in der Tat eine.

Es riecht nach Brezeln und Orangensaft, überall wo ich hinschaue sehe ich weiße Menschen, die ich auf einmal alle verstehen kann. Das schockiert mich wahrlich am meisten, war ich sonst doch immer in der Minderheit und habe selten irgendetwas verstanden. Jetzt kann ich jedem Gespräch folgen, ob ich will, oder nicht. Ich verschwinde auf einmal in der Masse, bin augenscheinlich nichts Besonderes mehr, was in Indien noch eines meiner Markenzeichen war.

Wenige Stunden später lande ich in Berlin und ab dem Zeitpunkt, wo ich mein Gepäck vom Band hieve und aus dem Flughafengelände trete, beginnt die Reise ins bekannt Unbekannte. Man kann es nicht anders beschreiben, doch als ich im Auto nach Hause sitze, wo ich mich erstens anschnallen und mich zweitens wieder daran gewöhnen muss, dass das Steuer auf der linken Seite ist, scheint die Straße wie ein Fluss dahinzufließen, ist sie irgendwie mehr aus einem Stück als in Indien. Es ruckelt nichts, es hupt nichts, es überholt nichts komplett drastisch und die Autos, die auf den Straßen unterwegs sind, halten gehörigen Sicherheitsabstand zueinander, statt fast aufeinander aufzufahren. Ja, es wirkt gar langweilig wie wir uns fortbewegen, nichts am Straßenrand versucht irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen, nein, es wirkt gar so, als versuche man sich möglichst von der Straße fernzuhalten.

Es gibt Ampeln, wo man bei Rot nicht über die Straße gehen darf, auch wenn kein einziges Auto kommt. Das sollte mir in der kommenden Woche noch zu schaffen machen, hatte ich sonst einfach überall den Weg verlassen, um auf die andere Seite zu kommen. Auch das System des Zebrastreifens war mir plötzlich unbekannt, traf ich irgendwann auf solchen und war sehr irritiert, ob der Tatsache wegen, dass alle Autos von rechts und links auf der Stelle anhielten, um mich passieren zu lassen. Sehr geschockt, stand ich da, geschmeichelt über die Freundlichkeit der Leute, bis ich begriff, dass sie sich doch nur an die Straßenverkehrsregeln hielten.

 

Keine Straßenhunde, Kühe oder Büffel sind in Deutschland auf Streifzug, es ist über alle Maßen grün, Bäume stehen an jeder Ecke und Fahrradfahrer, die man in Indien noch als verrückt bezeichnen würde dem Verkehr zu trotzen, fahren auf extra Fahrradwegen an uns vorbei.

Bei all diesen Sicherheitsregeln, Vorschriften und gut durchdachten Systemen auf der Straße kommt schließlich die Frage in mir auf, wie es denn sein kann, dass man hier ständig von Unfällen hört, wo es doch scheinbar unmöglich ist in diesem perfekt eingespielten Wechselspiel aus Autos, Ampeln und Schildern vom Weg abzukommen.

Dann wird mir bewusst, dass kaum jemand an Ausnahmesituationen gewöhnt ist. In Indien passieren ohne Frage auch Unfälle, aber durch das indische Verkehrschaos ist man bei weitem mehr Beinahe-Zusammenstöße und brenzlige Situationen gewöhnt, sodass Fahrer immer darauf vorbereitet sind in der nächsten Sekunde auszuweichen, um nicht mit jemandem zusammenzustoßen.


Daheim angekommen, herrscht eine penetrante Stille. Nichts ist vom Nachbar zu hören, die Verkehrsgeräusche sind nicht der Rede wert und kein indischer Festtagsumzug zieht trötend und trommelnd an unserem Haus vorbei. Seltsam!

Einen Tag darauf ziehe ich das erste Mal um den Block und durch mein Viertel, sehe Wohnhäuser mit aufgeräumten Gärten und kann mir nur schwer vorstellen, wie nur maximal fünf bis sechs Personen in einem so großen Haus mit Anbau leben können. Da wäre grundsätzlich doch viel mehr Platz für mehr Leute. Alles ist sauber, nirgends liegt Müll, teure Autos stehen in den Einfahrten, die, wenn sie benutzt werden, kaum gefüllt sind. Meist sitzen in den für sieben Personen zugelassenen Vehikeln nur eine bis zwei Personen. Das nenne ich nicht gerade effizient. Da müsste man sich dringend mal in Dallapalli, dem kleinen beschaulichen, indischen Bergdorf, inspirieren lassen. Einfach eine Riskha, die ausgerichtet für acht Personen ist, nehmen und mit 20 Mann Besatzung über Berg und Tal fahren.

Gut genährte, starke Hunde laufen an Halsbändern mit ihren Besitzern Gassi und alles wirkt irgendwie, wie in einer zu perfekten Welt, ohne Kanten. Recht langweilig.

Irgendwann sehe ich die riesigen Zäune, die zwischen den Grundstücken zur Abschottung vom Nachbarn errichtet wurden. Nun drückt die Stille. Es wirkt auf mich sehr traurig, sich so von seinen Menschen abzukoppeln und irgendwie sich zurückzuziehen, kein Teil von dem anderen sein zu wollen. Für mich ist es ungewohnt, dass mich plötzlich keiner mehr von oben bis unten mustert, bin ich das beinahe gewohnt. So achte ich schon mutwillig auf die Personen, die an mir vorbei gehen, versuche höflich hinzugucken und zu lächeln, muss dabei aufpassen, dass ich nicht zu sehr mit dem Kopf wackle (lustige, indische Angewohnheit), werde aber von den meisten ignoriert, oder nur mit einem freundlichen „Hallo“ begrüßt.

Das ist neu für mich. Keiner will ein Selfie mit mir machen.

Dabei müssten die Leute, doch gerade, wo sie so schön leben und vermeintlich glücklich sind, auch lieber zu ihren Menschen reden. Doch das täuscht.

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Der erste richtige Besuch in der Hauptstadt, meiner Stadt, wirkt auch sehr komisch auf mich. Erneut ist da diese Stille, die alles umfasst. In der S-Bahn, in der Straßenbahn, auf der Straße überall ist es still. Die Stimmung wirkt peinlich berührt, alle hängen ihren eigenen Gedanken nach, achten nicht auf den anderen. In Indien war das Gefühl der Achtung, allein auf der Straße, omnipräsent, eröffnete sich dieses schon durch das Hupen, das Akzeptieren, dass es auch andere Menschen auf der Straße gab. Hupt jemand in Deutschland, so ist dieses sofort verbunden mit dem Gefühl des Genervtseins, oder der Wut über die anderen Verkehrsteilnehmer, wohingegen die Inder auch gerne einfach zeigen wollen, dass sie da und freundlich gesinnt sind. Hier hupt keiner und auf mich wirkt es so, als wolle man einen Film drehen, wo alle Verkehrsteilnehmer und in der Bahn Sitzende Statisten sind, die nur zufällig da stehen, um die Szene komplett zu machen, jedoch selbst nicht ins Geschehen mit eingreifen. Das würde in der Endfassung die Qualität des Films deutlich verschlechtern, wäre irgendeine Szene zu laut, aufgrund eines Statisten. Je weiter ich laufe, desto mehr wirkt diese Stadt noch nicht komplett, als ob sie erst eine Beta-Version einer Stadt wäre, die erst getestet werden muss, um für gut befunden zu werden. Erst dann, würden mehr Leute, mehr Tiere, mehr Autos, mehr Schmutz kommen.

Hier ist alles sauber, es herrscht Mülltrennung und eine Müllabfuhr ist jeden Tag da, die den Abfall abtransportiert und nicht in den nächsten Fluss wirft, oder gar nicht erst abholt.

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Jeder hat verstanden, dass Plastikabfall nichts auf der Straße zu suchen hat und doch sind auch wir es, die den meisten Unrat produzieren, begreife ich, als ich das erste Mal wieder in einen Supermarkt gehe und feststelle, dass sowohl Obst, als auch Gemüse, sowie alles andere in Plastik verpackt ist.

Die Gemüse und Obsttheke ist zudem genauso groß wie ein einzelner indischer Gemüsestand, der gefühlt alle dreißig Meter in Indien steht. Kriegt man 12 Bananen in Hyderabad für 20 Cent, muss man hier 1,30 Euro für fünf Bananen zahlen. Drei abgepackte Paprikas kosten 1,50 Euro. Dafür könnte man in Indien definitiv mehr als 15 derselben Sorte holen. Gerade Obst und Gemüse ist in Indien so billig, dass jeder die Chance hat sich zu seinem Reis eine gutes, gesundes Gemüse-Samba zu kochen.

In Deutschland hingegen scheinen Süßigkeiten und Fastfood unsagbar billig. Es ist sichtlich einfacher sich ungesund zu ernähren, als gesund.

 

Deutschland kommt mir in jenen Tagen sehr fremd vor, obwohl ich doch einst mehr als 18 Jahre meines Lebens hier gelebt habe. Anderthalb Wochen ist es nun her, seitdem ich von Hyderabad und Indien Abschied genommen habe. Ich werde die Freundlichkeit der Menschen, die vielen, chaotischen Kleinigkeiten, sowie meine Mitfreiwilligen, Skrollan und Toni sehr vermissen. Letztere ist noch vor Ort ( worauf ich auch noch etwas neidisch bin) und begrüßt gerade die neue Generation an Freiwilligen, die viele meiner Abenteuer nun auch am eigenen Körper erleben werden. Das wahrscheinlich beste Jahr in ihrem Leben, in Indien und bei der kleinen NGO, namens Dhaatri, beginnt genau jetzt. Dafür wünsche ich ihnen viel Glück.

Während sie nun eine komplett neue Welt kennenlernen, werde ich meine alte Welt versuchen wieder zu verstehen und lieben zu lernen.

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Und diese Erlebnisse werde ich weiter versuchen hier teilen. Wie das Ganze aussehen wird, weiß ich noch nicht.

Klar, ist jedoch, dass meine Reise Richtung Indien vorbei ist. Das heißt bei weitem nicht, das wir am Ende aller Dinge sind. Dieses Ende ist erst der Anfang von einer neuen Reise. Wer weiß, wohin es mich als nächstes verschlägt….