Vom Ende eines ewigen Sommers und unterschiedlichen Welten

„Dürfen wir uns setzen?“

„Ja klar, kommt her“ meint das eine Mädchen aus der Dreiergruppe am Biertisch und winkt uns zu sich.

„So wie ich das sehe, seid ihr ziemlich fertig. Wollt ihr auch ins „Soda“?“ fragt sie und deutet auf einen unserer kleinen Gemeinschaft, der eindeutig zu viel geraucht hat. Die Nacht ist über Berlin hineingezogen, es bereits früher Samstag-Morgen, doch trotz dessen lebt und pulsiert die Großstadt, wie eh und je. Vereinzelte Sterne lassen sich am Himmelszelt blicken, während unten, auf den Straßen, die Nacht zum Tag gemacht wird. Es ist spannend zu beobachten, wie in der Woche schon um zehn Uhr abends die Bürgersteige hochgeklappt werden und niemand mehr zu sehen ist, am Wochenende jedoch um zwei Uhr nachts genauso viele Leute unterwegs sind, wie am Vormittag.


 

„Seltsam“, schießt es mir durch den Kopf. In Indien würde bis spät in die Nacht, egal welcher Tag und egal zu welcher Zeit, der Bär steppen. Das Chaos würde die Straßen noch bis spät im Griff behalten. Obst-und Gemüsehändler würden immer noch Bananen und Granatäpfel verkaufen, die Rush-Hour wäre noch in ihrer Prime-Time, Tuk-Tuk-Fahrer würden immer noch  Passagiere zu ihrem gewünschten Ziel bringen, die Straßenhunde würden sich wappnen auf die bevorstehenden Revierkämpfe zwischen ihren Rudeln und Kautabak-kauende Unterschichtsinder, würden mit roten Zähnen weiter rote Spucke auf den unebenen Boden spucken, währenddessen in Deutschland wochentags die Städte und Dörfer wie ausgestorben wirken.

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Doch jetzt ist Wochenende! Zeit für die junge deutsche Bevölkerung Party zu machen. So hat es auch uns vier Jungs weit durch die Stadt getrieben, um letztendlich, drei Uhr nachts, im Stadtteil Prenzlauer Berg in der Kulturbrauerei vor einem Nachtclub namens „Soda“ zu enden und nicht reinzukommen. Zu viel Geld müssten wir zahlen, das wir nicht mehr haben, geschuldet der nächtlichen Reise, die wir bereits hinter uns haben.

 

„Ja, wir würden gerne dort rein, doch es ist zu teuer“ meine ich, dem Mädchen antwortend, das genüsslich eine Zigarette raucht und mich anlächelt.

„Aber das ist es echt wert. Ihr könnt da bis sieben feiern! Auf sieben Floors! Was hört ihr so gerne?“

„Seeed.“

„Wirklich?! Wie cool! Ich auch! High Five!“ wir klatschen uns ab und irgendwie glaube ich einen guten Draht zu der Gruppe aufzubauen.

 

„Aber zehn Euro! Das sind 800 Rupien! Dafür könnte ich mir mindestens…“, ich rechne kurz, „240 Bananen kaufen, oder….160 Corn-Samosas!“

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Die Mädchengruppe schaut mich irritiert, von der anderen Tischseite an und es entsteht kurz eine peinlich berührte Stille, wo keiner etwas sagt.

„Hää.“ 

„Sorry, ich bin immer noch nicht ganz angekommen.  Ich war ein Jahr in Indien und da war vieles echt billig.“

Das Gespräch will folgend nicht wirklich in Schwung kommen und irgendwann stehen die drei Mädels auf und gehen.

„Wir müssen dann“, meint eine der drei. „ Viel Spaß euch noch und…schön, dass du in Indien warst.“

Während die Mädels von dannen ziehen und ich darüber nachsinne, ob es in meinem Small-Talk-Gesprächsrepertoire eigentlich noch andere Themen gibt als „Mein Jahr in Indien“, und ich vielleicht über andere Themen reden sollte, wenn ich gerade ein Mädchen kennenlerne, beginne ich zu frösteln. Ein Gefühl, das ich lange nicht mehr so gespürt habe. Es ist frisch, beinahe kalt und ich habe nur ein kurzärmliges Shirt, sowie eine lange Jeans an. Genauso könnte ich jetzt auch im 35 Grad heißen Hyderabad, wo nun, seitens Zeitverschiebung, schon die ersten müden Seelen ihre Glieder recken und aus ihren Betten fallen, herumlaufen. Auf die Idee in so einer Hitze vielleicht doch zur kurzen Hose zu wechseln; darauf kommt der indische Hyderabadi-Mann selten. Stets, egal bei welchem Wetter, wird unter der allgemeinen Mehrheit Shirt oder Hemd und lange Jeans getragen. Gut, dabei muss man wohl erwähnen, dass es, zumindest in Zentralindien ( wenn wir Richtung Norden, nach Manali, oder Darjeeling schauen, gäbe es wahrscheinlich auch frostige Temperaturen) selten kälter wird, als 25 Grad.

Im deutschen Hochsommer jedoch, würden wenige, trotz mickrigen, geradezu kühlen 32 Grad, auf die Idee kommen lange Hosen zu tragen. Umso merkwürdiger ist es unterdessen, dass man seine qualemden Füße in Strumpf und Schuh zwängt, statt einfach Flip Flops anzulegen. Jene Beobachtung machte ich in der hitzigen Berliner S-Bahn mitten im August. Ich, ganz im indischen Stile mit langer Hose und Flip Flops, schaute mich um und egal wo ich hinschaute; im Beinewald der Ur-Berliner, Hipster, Schwaben, Touristen und Studenten steckten die Füße in Schuhen und Socken.

„Wie halten die das nur aus?“ fragte ich mich, musste aber rasch einsehen, dass man mich auch das Gleiche hätte fragen können.

Aber vielleicht mag die Mehrheit der Deutschen einfach keine Füße und die Inder keine nackten Beine. Alles eine Frage der Gewohnheit.

Und das ist momentan wohl eines meiner Probleme: Dass ich mehr ans indische Leben angepasst bin, als ans deutsche. Keine Frage, es ist wunderschön klare, gute Luft einzuatmen und durch grüne, saftige Wälder und Felder zu spazieren, ohne nur einen einzigen brennenden Haufen Abfall sehen, oder ein hupendes Motorrad, das unbedingt DIESEN schmalen Weg fahren möchte, hören zu müssen. Doch geht es mir damit wirklich besser, weil alles irgendwie viel schöner und idyllischer ist?

Ständig werde ich gefragt, ob ich denn jetzt alles besser schätzen könne, wo ich in „Indien, einem Schwellenland“, doch wohl deutlich schlechter gelebt haben muss.

„Die Leute da haben es ja nicht so gut wie wir. Schon beachtlich, wie die mit der Armut zurechtkommen“, höre ich meist aus den Aussagen der Leute heraus, wenn wir über mein Jahr sprechen.

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„Und du musstest ein GANZES JAHR dort aushalten?! Ich hätte das da nicht gemacht. Die sind ja alle arm“, gestand mir neulich eine rüstige Rentnerin im Supermarkt und fand es total mutig, dass ich es GEWAGT habe in so ein unzivilisiertes Land zu gehen.

  1. Ich habe es nicht ausgehalten, ich habe es gerne getan.
  2. Jedes Mal, wenn Leute von Indien reden, als wäre es ein absolutes Entwicklungsland, trifft mich das ins Herz.

 

Ja, ich finde es beneidenswert wie gut und organisiert der Straßenverkehr in der Stadt und auf den Autobahnen ist. Es ist unglaublich wie es ein Land geschafft hat ein super strukturiertes und durchdachtes Müllsystem zu installieren. Die Städte und Dörfer sind wunderbar grün, Tiere, sowie Menschen können hier wirklich gut leben und es ist wirklich bewundernswert wie strukturiert und durchdacht vieles ist.

Ich war komplett überwältigt den riesigen Berliner Hauptbahnhof zu sehen, so sauber, modern und edel sah er aus im Verhältnis zu den maroden indischen Bahnhöfen.

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Und doch brauch es das auch nicht. Mag sein, dass es in Indien viele Probleme gibt und es eine komplett andere Sicht auf die Menschen dort gibt. Dennoch ist das Leben dort auf eine schöne Art und Weise unperfekt und trotzdem viel lebendiger, als in Deutschland.

Dort spielt nur das Leben an sich eine Rolle und alles andere; darüber wird nicht geredet. Den Tod als Beispiel. In Indien ist es ganz normal, wenn der Verkehr, aufgrund eines pompösen, glücklichen Festtagszuges, angehalten wird. Der Grund für das Fest: Es wird Party gemacht, weil jemand gestorben ist. Man ehrt die tote Person, in dem man sie feiert. Ein aller letztes Mal, bevor man ihre Asche, beispielsweise im Fluss Ganges in Varanasi, der heiligsten Pilgerstadt der Hindus, untergehen lässt. Dort werden die Toten öffentlich an den Ghats verbrannt.

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Die Stadt Varanasi ist ob ihrer Toten-Verbrennungen ein sehr spiritueller und glücklicher Ort, währenddessen Friedhöfe in Europa wortwörtlich ausgestorben sind und eine gute Location für Horrorgeschichten bieten. Klar, die Vorstellungen vom Tod sind in Deutschland und Indien total verschieden. Die einen glauben, dass er endgültig ist, die anderen sehen ihn als Mittel zum Zweck für Reinkarnation und Eintritt ins Nirvana und doch stehen an beiden Enden Menschen, die die tote Person sehr geliebt haben.

Jedoch weint die eine Seite um sie und versenkt sie in einem sehr schmalen Kasten in der Erde auf einem gruseligen Platz. Die andere Seite weint zwar auch erst, das habe ich nur zu gut erfahren dürfen, als eine unserer Hausfrauen aus dem Office ihren Vater verlor ( Roadtrip zu einem Toten), aber ist dann fröhlich darüber, dass diese verstorbene Person nun einen neuen Weg einschlägt und lässt sie im Winde verwehen, oder im Wasser dahintreiben, sodass der Körper frei sein kann.

Währenddessen die einen sich beengt fühlen, aber trotzdem so tun als wäre die Welt perfekt (hierbei spreche ich lediglich nur von dem, was man in der Öffentlichkeit sehen kann), wissen die anderen um die Unperfektheit der Welt, akzeptieren das aber und können glücklicher auf die Welt schauen. So ist Indien für mich ein Land, dass zwar an vielen Problemen, wie Frauenunterdrückung, Armut, zu viel Müll, Korruption und Bestechung  leidet, aber es auch ein Land in dem man glücklicher und freier leben kann ( gemäß man hat genügend Geld um nicht auf der Straße betteln zu müssen), als in Deutschland.

Ich war dort, trotz unzähliger Entbehrungen und Missstände (kein richtiges Bett, Ratten in der Küche, kein Recyclingproblem, verseuchtes Wasser, Armut…etc..) sehr glücklich und behaupte nicht, dass es uns Deutschen besser geht.

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Mein täglicher Eimer Wasser zum Duschen in den Bergdörfern. 🙂 

Wie man jetzt Glück und Freiheit definiert; das ist jedermans eigene Philosophie.


 

„Alter, du zitterst ja. Muss echt kalt für dich sein, nach diesem Jahr voller Sommer“, meint einer meiner Freunde und rückt sich seinen Kapuzenpulli zurecht. So einen habe ich natürlich, aus der Überzeugung heraus, dass es bestimmt nicht so kühl wird, daheim gelassen  und versuche jetzt so gut es geht die kalten Gedanken im Kopf durch warme zu ersetzen. Diese ganze Warm-kalt-Wetter-Thematik geht mir seit geraumer Zeit mächtig gegen den Strich. Schon allein den Wetterbericht zu hören, lässt mich die Augen rollen. In Indien habe ich mich damit nie beschäftigt. Für mich und viele andere war es einfach klar, dass es heute beispielsweise 34 Grad werden würde und morgen 38 Grad. Unsere Planungen waren recht spontan, wir verabredeten uns mit unseren Freunden am fast selben Tag, wo wir sie triefen und machten nur ungefähre Zeitabsprachen.

In Deutschland war ich plötzlich komplett überfordert, als jemand mich fragte, wann ich denn nächste Woche Zeit hätte. Wäre es möglich am Donnerstag 17:00 Uhr sich zum Reden zu treffen? Vielleicht in diesem einen Cafe? Überforderung hoch zehn! Woher sollte ich das denn wissen?

„Deal! Also Donnerstag ist okay. Wir können ja dann Mittwoch Abend klären, wann und wo wir etwas machen.“

„Warum klären wir das nicht jetzt?“

„Wer weiß, was diese Woche noch so kommt. Wir entscheiden einfach spontan.“

 

Indien hat mir Gelassenheit und Spontanität geschenkt und jetzt muss ich diese wohl oder übel wieder gegen Hektik und Planung eintauschen.

 

Trotz alledem ist man gegen eine Sache überhaupt nicht vorbereitet. Temperaturen. Ist es zu kalt läuft nichts und ist es zu warm läuft auch nichts. S-Bahnen kriegen Probleme, Leute beschweren sich über drastische Temperaturänderung und stellen sich Pools ins Wohnzimmer.

 

Niemand in Zentralindien hätte sich wegen 45 Grad im Schatten  großartig beschwert, nein man hätte es so hingenommen, ( auch wenn ein paar vereinzelte Leute natürlich gemeckert hätten) weil, man in diesem Fall doch darauf vorbereitet war. Man wäre in seinem Haus mit Deckenventilatoren und Klimaanlagen geblieben und erst gegen Abend so langsam nach draußen, in die frische, schlecht riechende Smog-Luft getreten.

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Deutschland weiß um seine Jahreszeiten, ist aber weder auf Hochsommer, noch auf bitterkalten Winter richtig vorbereitet.

Man  beklagt sich über die unsägliche Hitze, vergisst aber seine Leiden in den kalten Jahreszeiten und schlittert dann wieder unüberlegt in die heiße Zeit hinein. Bahn und Bus haben zwar eine Klimaanlage, aber die kann sich nur erhitzen. So schmilzt man 30 Grad dahin und wünscht sich Schnee.

 

Und dieser wird wohl auch in wenigen Monaten kommen. Das lässt mich in dem Moment, wo ich mit meinen müden Freunden ohne Pullover auf der Bierbank in der Nähe des Nachtclubs „Soda“, in den die drei Mädels, mit denen wir gerade noch gequatscht haben,  gerade eintauchen, noch mehr frösteln. Ein ganzes Jahr Sommer liegt hinter mir. Mehr als 14 Monate dauert dieser nun schon an und ich will nicht das er endet. Ich will weiterhin bunte Sommerkleider und gut gelaunte Leute auf den Straßen sehen und nicht dicke, schwarze Wintermäntel und müde Gesichter. Ich bin zum Sommermenschen geworden, der sich vor dem Winter fürchtet. Denn wenn dieser kommt, so meine Erwartungen, wird dieses tolle Indienjahr unter riesigen Schneeflocken begraben werden. Es kommt mir jetzt bereits vor wie ein schwindender, wunderschöner Traum und wenn jetzt noch die Sonne verschwindet, ein absolutes Markenzeichen dieser Zeit, wie kann ich mich dann noch erinnern?

Klar, diese Gedanken sind böse Hirngespinste. Wie könnte ich je, dieses unglaubliche Land, mit seinen unglaublichen Bewohnern vergessen? Doch der ewige Sommer ist vorbei, Kastanien liegen bereits auf den Straßen und morgens kann ich keineswegs mehr an der Türschwelle des Hauses sitzen, wie ich es einst fast immer in Hyderabad tat, um meinen Körper zu wärmen. Dazu ist es zu kalt und irgendwie macht mich das traurig.

 

Doch gerade, als unsere kleine Gruppe aufsteht und sich zur nächsten Straßenbahn aufmacht, die uns nach Hause fährt, fliegt müde ein kleines, summendes und brummendes Geschöpf an uns vorbei und erinnert mich daran, dass es auch sein Gutes hat, wenn der deutsche Sommer endet.

„Doofe Wespen!“ murrt einer aus unserer Gemeinschaft.

„In der Tat“, murmle ich.  „Ein Glück gab´s die in Indien nicht. Reis hätte denen wahrscheinlich auch nicht geschmeckt.“

In meinem ganzen Jahr habe ich kein einziges gefährliches Tier, außer den Moskitos, gesehen, keine Schlange, keine Spinne und kein Tiger und jetzt komme ich zurück und laufe zur jederzeit Gefahr von Wespen gestochen zu werden. Na super!  Doch der Herbst naht und mit ihm verschwinden Wespen sowie Moskitos und dafür allein, lohnt es sich schon zurückgekommen zu sein.

 

Ebenso nicht mehr länger nur von Uber-Fahrern abhängig zu sein, sondern sich jederzeit auf sein Fahrrad zu schwingen, um seine Freunde wiederzusehen, macht mich glücklich. Und so bin ich sicher, als ich mich von eben jenen, nach einer langen Nacht, verabschiede, dass wir noch viele schöne Abende zusammen verbringen werden. Bekanntschaften und Abenteuer kann man immer erleben, egal bei welchem Wetter, oder in welchem Land. Es besteht eben nur die Frage, was du daraus machst….