Über den Aufbau eines neuen Lebens

„Irgendwann Anfang Juni in Goa“

Name: Leo Sernau

Geboren: 23.08.1998

Geburtsort: Berlin

Schulabschluss: Abitur

Durchschnitt: dfuglne badbdx yvafjhsDG

„Hä?“ Ich blicke gedankenverloren vom Bildschirm meines Laptops auf. Fast wie automatisch fülle ich seit einer Stunde Online-Bewerbungen für ein mögliches Studium nach meinem Jahr in Indien aus. Gerade bin ich auf der Seite der „Freien Universität“ Berlin, um mich für den Studiengang Publizistik- und Kommunikationswissenschaft  zu bewerben, doch etwas stört meinen Ablauf, den ich fast schon stoisch und monoton nachgehe, so eingeübt bin ich mittlerweile beim Bewerbungsablauf.

Es regnet und doch ist es angenehm warm hier in Goa, dem alternativen Partystaat Indiens. Ich sitze auf einen Holzhocker unter der Strohüberdachung der Bar des Pappi Chulo, dem kleinen, familiären Hostel, dem ich mich nach meinem Trip durch Mumbai und Delhi, erneut verschrieben habe. Mein eigentlicher Plan sah es eigentlich nicht vor, nochmals hierher zurückzukommen. Meine Reise würde lediglich hier in Goa starten. Danach würde ich nach Mumbai, Dehli und zum Schluss in den kalten Norden nach Manali reisen. Doch hatte ich nicht mit der Freundlichkeit der Besitzer des Pappi Chulos gerechnet und so versprach ich Adity, der kleinen Barkeeperin, die ich sehr lieb gewonnen hatte, das Unmögliche. Zurückzukommen. Meine ganze Reiseplanung fiel dadurch ins Wasser und doch war es das mir wert! Wozu nochmals alleine an einen fremden Ort reisen, wenn man bereits sein Ziel gefunden hatte. ( Die Idee des Reisens)

Ich blicke hinunter auf meine Tastatur, die gerade eben wohl ausgerastet zu sein scheint und entdecke ein weißes Fellmonster, dass sich auf meinen Buchstaben niedergelassen hat.

„Messi“, stelle ich fest. Die kleine Straßenkatze aus Goa hat sich den wohl schlechtesten Schlafplatz im ganzen Hostel ausgesucht, bin ich doch gerade bei wichtigen Zukunftsplänen, doch das scheint den felligen, schnurrenden Katzenkörper auf meiner Tastatur nur geringfügig zu tangieren.

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„Ich glaube, sie hat dich lieb“, schließt Rishabh, ein junger Inder aus Delhi, der sich neben mir mit einer Cola mit Eiswürfeln niedergelassen hat. Er will hier einen ganzen Monat bleiben, bis er wieder aufbricht. Das junge Barkeeper-Paar Kamal und Adity haben ihn bereits fest in ihr Herz geschlossen und behandeln ihn so, als sei er längst Part des Pappi Chulos.

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„Das glaube ich auch“, lache ich. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich die kleine Katze, die dem Hostel vor einer Woche zugelaufen war und nun fester Bestandteil von Kamals und Adity´s Leben ist, durch die ganze Bar gescheucht, weil sie unbedingt den fiesen, schnellen Strohhalm zu fassen bekommen wollte, den ich ihr immer wieder im letzten Moment vor der Nase wegzog. Ganz zum Vergnügen der alternativen, jungen Inder-Szene, die sich um die Bar versammelt hatte.

Trotzdem, bei aller Liebe, würde ich jetzt gerne meinen Bewerbungsbogen vervollständigen und versuche die kleine Kreatur wegzuschieben, ohne großen Erfolg. Messi macht sich nur noch breiter.

„Du,.. Messi“, versuche ich es nun etwas ausdrucksvoller. „Könntest du bitte aufstehen?“

Der Fellball schnurrt ausdrucksstark, was ich wohl als „Nein“ deuten muss.

„Bro, was machst du da eigentlich?“ erkundigt sich Rishabh bei mir.

„Ich muss mich für ein Studium bewerben. Wenn ich in zwei Monaten daheim bin, muss ich irgendwas haben, womit ich weitermachen kann. Deswegen bewerbe ich mich jetzt bei ganz verschiedenen Unis und hoffe, dass sie mich nehmen.“

„Wow“ meint der junge Inder. „Ziemlich zielstrebig, Mann. Aber warum bleibst du nicht einfach hier? Ich meine, du könntest in Delhi studieren. Ich könnte dir die Stadt zeigen und dich zu den besten Orten bringen, wenn du verstehst, was ich meine, Bro“
„Oder du bleibst im Pappi Chulo!“ Mischt sich Kamal der Barkeeper ein. „Du bist hier immer willkommen! Das weißt du, Bro!“ Er drückt mir ein Bier in die Hand, was ich dankbar annehme.

„Ja, das wäre schön, doch so einfach ist es nicht“, gestehe ich, aber muss tatsächlich darüber nachdenken, warum es denn nicht so sein könnte. Die Möglichkeit bestände auf alle Fälle. In Indien zu leben und zu studieren wäre für mich keineswegs ausgeschlossen und doch fühlt es sich nicht komplett richtig an. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt ungern daran denken will zurück in die Heimat zu kommen. Indien wird in diesen Momenten zu meiner zweiten Heimat, die Aufgeschlossenheit und Aufopferungsbereitschaft der Menschen um mich herum inspiriert und motiviert mich. Es kommt mir vor, als wäre ich bei jedem bereits fest verankert in ihren Herzen, obwohl wir uns erst seit Kurzem kennen.

„Aber in Deutschland ist meine Familie. Die kann ich nicht einfach so aufgeben“, meine ich und weiß, dass die Jungs um mich herum dagegen kein Argument finden werden. Familie ist für beinahe alle Inder, egal wie alternativ und rebellisch sie auch sind, ein heiliges Wort und jeder würde ohne Zweifel, wenn es zum ultimativen Scheideweg kommen würde, sich für seine Eltern und seine Großeltern entscheiden.

Insgeheim verschweige ich ihnen jedoch, dass nach dem Jahr auch alle meinen deutschen Freiwilligen nach Hause gehen. Toni, Skrollan, Lion, Moritz, all die Leute, die es mir erheblich einfacher gemacht haben mich in Indien zurechtzufinden. Zusammen sind wir in einer komplett neuen Welt gestrandet, haben diese zusammen durchlebt und gemeinsam uns etwas aufgebaut, was uns keiner nehmen kann. Wenn all diese Leute nun gingen würden, ja dann würde bei mir erst recht das Heimweh kommen.

 

„Da hast du recht, Alter! Ich hoffe du wirst schnell irgendwo angenommen. Du willst Medien studieren? Das ist genau das Richtige für dich, ich liebe deine Fotos, Bro“, meint Kamal und gibt mir ein High Five.

„Messi! Geh da runter“, schimpft er, als er die schlafende Katze auf meiner Tastatur entdeckt und setzt das verdatterte Tier, dass schlaftrunken alle Glieder von sich streckt neben eine halbleere Tequila-Flasche.

„Tut mir leid, Mann! Messi schläft neuerdings überall“, meint der große, muskelbepackte Typ und krault die kleine Katze liebevoll unterm Kinn.

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„Irgendwann im Juli in Hyderabad“

„Hey Leo! Kommst du mit auf den Berg? Wir wollten etwas entspannen und danach vielleicht los zu Stella und Lion!“ ruft Toni das dritte Mal mir entgegen, nur jetzt verstehe ich es, weil ich nun meine Nebengeräusche-schluckenden Kopfhörer abgesetzt habe, im Angesicht einer wild fuchtelnden Freiburgerin vor mir. Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, die kleinen ausgetrunkenen Chai-Becher stapeln sich majestätisch im Epizentrum des Einflussbereichs meiner rechten Hand, währenddessen auf der linken Seite leere Schokoriegelverpackungen den Aufstand proben. Hinter mir sitzt Vaishnavi, gebürtig aus Delhi, tief versunken in Übersetzungsarbeiten, währenddessen ich, in eigenen Sphären schwebend an meinem Mac sitze und eben jene Übersetzungsarbeiten als Untertitel in ein Filmprojekt einfüge.

Wir befinden uns in jener Zeit, wo wir beide ununterbrochen an unserem kleinen Film über die Wasser-Missstände mehrerer, kleiner, rajastanischer Dörfer, genannt Kanpur und Nevatalai, arbeiten und schlichtweg nicht vorankommen, scheitert es am Sprachverständnis für den Dialekt der Frauen aus den Dörfern. Jene Sprache sprechen lediglich zwei Personen im Office, jedoch mehr schlecht als recht, weshalb diese lange über dem Gesprochenen grübeln und tüfteln. (Indische Sprachen – Übersetzen auf einem anderen Level)

Ohne Titel

„Ähh…Ich kann nicht! Der Film lässt uns echt nicht in Ruhe und Bhanu will das Ding am Montag fertig haben“, meine ich, tue aber das Gegensätzliche und stehe auf, statt sitzen zu bleiben. Ich bin hin und hergerissen. Zu unseren anderen Freiwilligen zu gehen ist echt verlockend. Ebenso der Gedanke endlich eine Auszeit zu nehmen. Doch als ich zu Vaishnavi hinunter schaue und ihren bösen, beinahe drohenden Blick bemerke, der mir ganz klar signalisiert sitzen zu bleiben, lasse ich mich wieder sinken.

„Außerdem muss ich mich noch für einen letzten Studiengang in Weimar bewerben“, gebe ich zum Besten und stöhne innerlich auf. Auch das noch! Bei allen anderen Bewerbungen ging es lediglich um einen Online-Fragebogen zum Ausfüllen und hier muss ich, ebenfalls bis Montag, einen Lebenslauf, sowie ein vierseitiges Motivationsschreiben hinschicken, ehe die Bewerbungsfrist ausläuft.

 

„Wie du willst“, meint Skrollan. „Vielleicht kannst du ja morgen nachkommen. Mach einfach dein Zeug fertig. Morgen ist ja Wochenende, da musst du nicht arbeiten.“

 

Im Prinzip hat sie ja Recht, aber alle hier im Office, die zufälligerweise nicht deutsche Volunteers sind, müssen auch am Samstag arbeiten. So auch Vaishnavi, die komplett entnervt an ihrem Laptop sitzt.

„Ich kann dich nicht zwingen, morgen zu arbeiten, ich muss es aber. Entweder du bist dabei, oder nicht. Ich würde das gerne dieses Wochenende fertig kriegen“, appelliert sie an mein Arbeits- und Schuldbewusstsein und trifft damit komplett ins Schwarze. Ich muss bleiben!

Bis spät in die Nacht wird übersetzt, geschnitten und diskutiert. Gegen Mitternacht ergreifen wir die Flucht, ob der dem Laptop-Licht angezogenen Moskitos, die nach unserem Blut lechzen. Blutleer und ausgesaugt fallen wir auf unsere Matratzen, reiben uns mit Anti-Mücken-Creme ein ( allseits beliebt ist meine Creme-Variante, die ganz penetrant nach chemischen Kaugummi stinkt und die kleinen Blutsauger gut auf Distanz hält) und stehen am nächsten Morgen schlaftrunken und komplett übernächtigt auf, schlurfen träge, beinahe wie ausgehungerte Zombies, erst zum Frühstück und folgend an unserem Arbeitsplatz. Gegen Abend, die Sonne steht schon wieder  tief am Horizont und verbreitet ihre letzten warmen Strahlen, sieht es tatsächlich so aus als seien wir fertig. Alles ist korrekt übersetzt und eingefügt, die Bilder sind in richtiger Reihenfolge angeordnet und der Sound passt so weit. Wir sind fertig, begreifen wir und atmen tief aus! Mehr als eine Woche lang hatten wir uns kaum Erholung gegönnt, nun fällt die tagelange Konzentration von unseren Schultern ab und wir geben uns ein gut gelauntes High Five! Das Ding haben wir gemeinsam gerockt!

Ich will schon meinen Laptop zuklappen, doch dann fällt mir ein wichtiges entgangenes Detail ein. Die Bewerbung. Murrend stehe ich nun erneut zwischen den Stühlen und schwanke hin und her. Muss ich das jetzt wirklich noch machen? Ich habe doch eigentlich schon genügend andere Bewerbungen  aus Goa abgeschickt, wo mehrere Absagen immer noch eingeplant sind. Bestimmt werde ich schon für irgendwas angenommen werden.

Aber irgendwie reizt mich der Studiengang „Medienkultur“ aus Weimar und so setze ich mich wieder hin, verfasse innerhalb weniger Stunden Motivationsschreiben und Lebenslauf, schicke beides ab und falle erneut todmüde auf meine Matratze.

Weimar

 


Zwei Tage später:

Währenddessen Toni an ihrem, wohlbemerkt aufgeräumten Schreibtisch sitzt und aus meinen Bildern aus den Bergdörfern Comics erschafft ( in letzter Zeit hat sie dafür ein wahres Talent entwickelt), um diese im Nachhinein in einen Report über die Missstände in den Dörfern einzufügen, treibt mich regelrechte Langeweile. Ich habe keine Aufgaben mehr, der Film ist abgeschlossen und von unserer Chefin würdig abgenickt worden. Klar, könnte ich nach einer neuen Aufgabe fragen, doch…naja…manchmal ist eine Runde Netflix auch entspannend. Gerade dann, wenn man die letzte Woche gar nicht dazu gekommen ist.

So beende ich gerade eine Folge der Serie „Haus des Geldes“ und sitze nun da, im völligen Zwiespalt über mein weiteres Vorgehen. Schaue ich weiter, gerate ich in folgenden Konflikt, dass die Serie bald vorbei ist. Würde ich nicht weiterschauen, käme schnell das Gefühl der Unproduktivität. Doch eben jenem Missmut weiß ich geschickt entgegenzutreten. Ich tu einfach so, als wäre ich produktiv. Wie macht man das? Man checkt einfach seine Mails und schwupps, wirkst du so, als seist du tief versunken in Arbeit.

Ich öffne mein Mailprogramm, ein paar Spam-Mails stehen zum Löschen bereit. Der Newsletter des Auswärtigen Amtes, den ich für mein Indien-Jahr  abonnieren musste, um stets über die möglichen Gefahren des Subkontinents informiert zu werden, hat mir mal wieder fälschlicherweise 10 Nachrichten über die Gefahren des Kongos, Madagaskars und Kanadas geschickt. Das tut der Newsletter dauernd, obwohl ich ihn extra nur für Indien bestellt habe. Da ich momentan weder im Kongo, noch in Kanada bin, lösche ich die Nachrichten, aus geübter Ignoranz heraus, sofort, ohne sie zu öffnen. Auf der Stelle fühle ich mich produktiv und voller Tatendrang wage ich mich an den Unbekannt-Ordner wo gerade eine neue Nachricht aufpoppt.

 

„Sehr geehrte Frau / Sehr geehrter Herr Leo Sernau,

wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass wir Sie zum Wintersemester 2018 für den Studiengang Bachelor Medienkultur in Weimar zugelassen haben. Einen entsprechenden Bescheid erhalten Sie in den nächsten Tagen postalisch zugesendet.“

 

Wie jetzt?  So schnell? Das kann doch gar nicht sein. Bewerbungsschluss ist doch erst Ende Juli. Warum erhalte ich denn jetzt schon eine Zusage? Das kann doch nicht stimmen! Wirklich Glauben schenke ich dieser Mail nicht. Ich kann unmöglich angenommen worden sein, schließlich steht auf dem Bildschirm lediglich das Wort „zugelassen“ und nicht „angenommen“. Oder ist das, genauer betrachtet, das Gleiche?

Vollkommen baff zeige ich die Mail Toni, die mir begeistert auf die Schulter klopft.

„Hey, herzlichen Glückwunsch! Wie schön, dass du jetzt schon angenommen wurdest. Weimar ist eine wirklich sehr schöne Stadt!“ Sie lächelt mich an.

„Aber….aber…das geht doch nicht. Da steht lediglich „zugelassen“ Heißt das nicht, dass ich im Grunde erst in die nähere Auswahl an möglichen Auswahlkandidaten gekommen bin?“ Ich bin nach wie vor skeptisch.

„Glaub mir, Leo, das ist eine ganz klare Bestätigung“, meint Toni, die sich momentan auch mit Studienbewerbungen beschäftigt und sich damit auseinandersetzt Medizin in Lübeck zu studieren.

Trotz der positiven Worte kann ich mich immer noch nicht ganz freuen. Was, wenn doch nicht?

Doch da ich Toni ungern nochmal in ihrem kreativen Schaffen behindern will, schicke ich den Text nach Deutschland zu meiner Mutter, die ihn ausgiebig analysiert und mir schlussendlich ebenfalls sehr herzlich fürs kommende Studentenleben gratuliert. Weimar passe schließlich als Dichter-und-Denker-Stadt recht gut zu mir. Ebenfalls der Studiengang, der den Begriff der Medien auf ein sehr großes Spektrum ausweitet und somit auf mich, der sich noch immer noch nicht ganz entschieden hat, was er jetzt genau machen will, perfekt geschnitten ist.

 

Welch Ironie, wird mir bald bewusst. Jene Bewerbung, die ich beinahe nicht gemacht hätte, diese eine mit dem meisten Aufwand, wurde belohnt. Gutes Karma, mag es wohl sein. Es sollten im Laufe der Tage noch weitere Bestätigungen kommen, doch bereits zu jenem frühen Stadium war ich mir sicher über meine Zukunft, die mir nun kaum mehr Angst machte. Nach Indien würde das Leben weitergehen. Erst später, bereits zurück in Deutschland wurde mir klar, dass es nie mehr so einfach wie in Indien sein würde. Versicherungen, WG-Suche, Eigenständigkeit, all dies kam auf mich zu und irgendwie kam es mir so vor als sei ich besser auf ein Leben in Indien vorbereitet, als auf jenes in Deutschland….

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To be continued…