Die kleinen Dinge

Mit einer Gänsehaut, die sich immer weiter durch meinen gesamten Körper zog, schaute ich entgeistert auf den Gegenstand in Judiths Hand und konnte kaum glauben, was ich da sah. Hunderte Erinnerungen prasselten auf mich, just in diesem Moment, ein. Ich blinzelte mehrmals, bis mir bewusst wurde, dass ich keineswegs träumte. Dieser Edelstahlbecher war tatsächlich da und keine Illusion. Da saß ich, zusammen mit meiner Mitbewohnerin, in einem indischen Restaurant der thüringischen Stadt Jena und konnte es einfach nicht fassen, dass mich allein ein einfacher Becher so in eine vergangene Zeit katapultierte, dass ich mich vor Flashbacks kaum noch retten konnte.  

Zu zweit hatten wir gerade im einzigen Unverpacktladen Thüringens eingekauft, waren durchs Zentrum der Stadt, die sich mitten im anbrechenden Frühling befand, getingelt und saßen plötzlich in jenem niedlichen Restaurant, nahe dem Rathausplatze. Dieses hatte ich bereits bei meinem ersten Trip durch Jena entdeckt, den ich in den kalten Wintermonaten unternahm, um unverpackt, ohne Plastik einzukaufen. Dies war mir bisher im nicht weinentferntem Weimar, meinem momentanen Zuhause, wo ich momentan lebe und studiere, nicht vollends gelungen. 

So erinnerte ich mich nun an jenen frühlingshaften Märztag, an eben diesen Inder und schlug prompt vor dort doch einmal vorbeizuschauen. Gesagt getan sahen wir uns nun in einer urigen, kleinen Gasse sitzen, vereinzelte Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase und ich kam mir vor, als wäre ich gerade eben aus einem langen Winterschlaf erwacht, so als ob die letzten kalten Monate nicht existent gewesen wären. Ich bestellte einen Chai, Judith einen Mango-Lassi. Ein junger, schüchterner Inder nahm ehrfürchtig unsere Bestellung auf und verschwand. Bereits hier setzte eine erste Erinnerung aus einer vergangenen Zeit ein. Genau wie er hatten sich die meisten Kellner in Indien verhalten, trafen sie auf mich als weißen Europäer. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits drei Mal nach meinem Indienjahr indisch essen gewesen, doch überzeugten mich hierbei weder das Essen, noch die Leute so, dass ich mich wahrhaftig nach Hyderabad, Indien zurückversetzen hätte können. 

Doch dieses Mal war alles anders. Der Kellner übergab uns unsere Bestellung und in eben jenen Sekundenbruchteilen erlebte ich mein Auslandsjahr am anderen Ende der Welt noch einmal von Neuem. Für einige Augenblicke saß ich nicht mehr im Herzen Deutschlands, sondern raste südwärts auf eine ferne Welt zu, die ich vor mehr als einem halben Jahr noch als mein „zweites Zuhause“ definierte. Indien war wieder real geworden, nur wegen eines glänzenden, einfachen Bechers. 

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War diese deutsche Fabrikation hier gar unbedeutend, so war sie in Südostasien eine Massenware, die beinahe jeder besaß. Egal ob in den reichen Gegenden, in der Vorstadt, im Slum oder auf dem Dorf, jeder trank seinen Chai – Schwarztee, der oft mit Milch vermischt wurde – fast ausschließlich aus diesen Edelstahlbechern. Damals kaum eine Randnotiz in meinen Aufzeichnungen wert gewesen, bedeutete er für mich jetzt die Welt. Ich erinnerte mich an den Tee, den es frühmorgens im Office unserer Arbeitsstelle (einer kleinen NGO namens Dhaatri) in diesen Bechern zum Frühstück gab. Oder an das kalte Wasser, das aus unserem Wasserfilter direkt in jenes Behältnis tropfte und gierig geleert wurde, war es gerade Sommerzeit und um die 40 Grad. Ich erinnerte mich an die unsere ersten Mango-Smoothies, die aus dem Mixer in die Becher tropften. Es war gerade die Mango-Saison ausgerufen worden und absolut jeder war heiß auf diese Frucht. 

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Da waren die Tee-Pausen in den Ureinwohnerdörfern (für viele waren diese die absoluten Tageshöhepunkte), wo oft mehrere dampfende Becher an die Bewohner verteilt wurden und der Chai leicht nach Lagerfeuer schmecke, war er über prasselnden Holzscheiten gekocht worden.

Ich ging wieder durch den Slum in Mumbai, sah zu, wie alte, dünne Frauen in bunten Sarees ohne den Becher anzusetzen Wasser in ihren Rachen schütteten, erinnerte mich an meine Versuche, den indischen Trinkstil nachzuahmen, die jedes Mal scheiterten, sodass ich vollkommen durchnässt da stand, ohne etwas getrunken zu haben. 

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Da waren sie wieder, die Zugreisenden, auf dem langen 30-stündigen Weg nach Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, die kiloweise Essen mit in die Sleeping Class des Ungetüms eines Zugs nahmen und sich ihren Wegproviant auf Messingtellern und Messingbechern zu Genüge führten. 

Indien lässt mich nicht los und ich will auch nicht losgelassen werden, führt mich dieses Jahr nach wie vor durch meinen Uni-Alltag und mein 16er-WG-Leben danach. Ich kaufe anders ein, versuche, Plastik zu vermeiden. So habe ich immer noch den Juhu-Beach von Mumbai im Auge. Damals war ich auf einen Strand voller Müll gestoßen, kilometerweit überzog der Abfall den weißen Sand und spätestens in diesen Momenten konnte ich an die Existenz kontinental-riesiger Müllstrudel in den Weltmeeren glauben, spiegelte das, was ich sah, jenes wider, was ich zuvor bereits mehrere Male gehört hatte. 

Ich will all dies nicht vergessen. Ich will nicht eines Tages aufwachen und wieder das Leben führen, was ich vor Indien, geführt habe. Ich besuche immer noch Seminare der Organisation, die mich nach Indien entsandt hat, weil ich hier Leute treffe, die auch überall auf der Welt verteilt gelebt haben und die Erinnerung mit mir teilen wollen. Sie halten jene Nostalgie, die gar nicht als solche betitelt werden kann, weil Nostalgie etwas Endliches hat und das, was ich spüre noch nicht geendet hat, am Leben. Es ist eine nostalgische Brücke zwischen zwei Welten, wo Dinge und Menschen zwischen beiden Ufern umherwandern und so etwas schaffen, dass ich nicht loslassen möchte. 

Ich gehe auf den Markt, besuche Unverpacktläden und fühle mich oft mies, wenn ich doch Plastikwaren kaufen muss. So sehe ich sie, nach meiner Benutzung bereits am Strand von Juhu vergammeln, während daneben indische Slumkinder, die den Müll bereits in ihr Leben aufgenommen haben, Cricket spielen.

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Selbst die Einkäufe anderer begutachte ich nun mit völlig anderen Augen und muss mir mehrmals auf die Zunge beißen, um die Leute nicht zu belehren, gesünder und verantwortungsvoller einzukaufen. Jeder muss es für sich selbst entdecken und natürlich verstehe ich auch die ältere Generation, die seid jeher Plastik eingekauft hat. Es ist in der Tat schwierig, sich einzugestehen, dass man möglicherweise der Umwelt schadet und es ist noch schwieriger seinen Lebensstil von Grund auf zu ändern. 

Doch Veränderung ist das einzig Beständige auf dieser Welt. Das habe ich auch aus dem Jahr Arbeit mit meiner Einsatzstelle gelernt. Es schien immer wieder die Frage zu sein, inwieweit sich Menschen verändern wollen oder eben nicht. Die Bewohner der Ureinwohnerdörfer, die wir besuchten, kamen mit dem Müll, den die neugierigen Touristen auf ihren Streifzügen durch die Berge abwarfen recht gut zurecht und waren im Grunde nicht davon abgeneigt, aus ihrem Gebiet einen kleinen Touristen-Hotspot werden zu lassen. Nur wir Städter waren es, die nicht wollten, dass dieses beinahe autark lebende, idyllische Dorf urban wurde, war es für uns der Rückzugsort, den der Städter brauchte, um für wenige Tage zu entspannen. Dort wohnen? Nein, dazu sei man zu sehr mit der Stadt verwurzelt.

 

Gerade ich war anfangs noch überzeugt hier ein glasklares Gut-Böse-Schema in den Dörfern vorliegen zu haben. Die guten Bewohner des bauernhofähnlichen Ortes gegen die böse Regierung, die mit ihren Schergen, den Touristen, die Gegend umgestalten wollten. Doch trotz mehrerer Versuche, die Dörfler vom Bösen zu befreien, ließen diese den Dingen ihren Gang und kauften selbst Unmengen an Plastik und gaben den Touristen Tipps, wo es die schönsten Berge in der Umgebung gab. Der Gut-Böse-Dualismus verwandelte sich in Graustufen und mit diesen kam die Erkenntnis, dass sich jeder auf seine Art verändert. Wir konnten niemanden zwingen, sich neu zu erfinden. Die Dörfler wollten diesen Anschluss zur modernen Zivilisation. Sie wollten raus aus dem Farmerleben, hinein in die laute, rumorende Welt, die sich Stadt nannte. Nachvollziehbar irgendwie. Die NGO wollte dem Dorf helfen, aber es gleichzeitig am Lauf der Dinge hindern. Sie war gut und schlecht zugleich.

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Genau wie ich und meine Freunde. Wir waren die personifizierte Graustufe. Menschen und der Umwelt helfen wollen, aber gleichzeitig dafür bis ans andere Ende der Welt fliegen und damit der Natur erheblicher schaden, als es wir jemals daheim hätten tun können. 

Darin liegt eine gewisse Doppelmoral, welche auch die Heute-Show auf ZDF ganz gut anspricht. Ökologisch und nachhaltig leben wollen, aber dann für zwei Wochen zum Achtsamkeitsseminar nach Indien fliegen. Das hält sich nicht ganz die Waage.

Klar, wenn du ein ganzes Jahr woanders hinfliegst, mag das noch vertretbar sein, aber ich sehe mich jetzt auch dazu gezwungen zuzugeben nicht ganz korrekt gehandelt zu haben, als ich vor ein paar Wochen tatsächlich den zweiten Flug nach Indien und in die Vergangenheit buchte. 

Dieses Mal wird es nicht ein Jahr sein, sondern nur ein Monat auf der Suche nach vergangenen Freuden und Erlebnissen. Ich komme zurück. Überlegt auf andere Reisemöglichkeiten zurückzugreifen habe ich schon, jedoch ist einerseits zu wenig Zeit vorhanden, um mit dem Zug zu fahren und andererseits zu wenig Geld da, um auf einem Containerschiff um die halbe Welt zu schippern. Gerechtfertigt wäre nun einzuwenden, es dann doch ganz zu belassen und darauf zu warten, dass Zeit und Geld keine Rolle mehr spielen. Aber wann wird das in den nächsten Jahren sein? Unwahrscheinlich, dass ich in den nächsten zweieinhalb Jahren meines Bachelor-Studiums plötzlich zum großen Geld komme und die Semesterferien länger als drei Monate dauern. 

Und es liegt mir ja tatsächlich sehr am Herzen all diese Orte, die ich immer wieder in meinen Bildern, die ich mir inzwischen zum hundertsten Mal angesehen habe, um ja nichts zu vergessen, wiederzusehen. Ich reise nicht willkürlich. Ich will nicht die Sonnenseiten des Landes begutachten und nicht wie ein klassischer Tourist die dunklen Ecken meiden, auch wenn als solcher betrachtet werden werde. Es fühlt sich in meinen Gedanken einfach richtig an von einer zweiten Heimat zu reden.

 

Und je mehr ich mich in Kreisen der „Freunde der Erziehungskunst“ befinde, desto mehr Fährten und Wege werden gelegt, um zum Ursprung meiner gegenwärtigen Veränderung zurückzukehren, mich erneut zu hinterfragen, als auch Leute dazu zu bewegen es vielen Rückkehrern gleich zu tun und aufzubrechen.

Und jener Ursprung stand nun dort auf diesem Tisch, in Form eines kleinen Bechers, gefüllt mit gezuckertem Schwarztee. In wenigen Sekundenbruchteilen hatte er die Vergangenheit in die Gegenwart befördert. Ich lächelte schief und bemerkte dann erst wie lange ich beschriebenen Gegenstand in Judiths Hand betrachtet hatte. Sie sah verunsichert zu mir herüber. 

„Alles gut bei dir, Leo?“

„Ja. Ich … ich war nur kurz woanders“, murmelte ich und gestattete mir ein weiteres Schmunzeln. Ich war wieder im Hier und jetzt, vereinzelte Sonnenstrahlen brachen durch zwei Häuserschluchten hindurch und erinnerten mich an den anbrechenden Sommer, der nun bald kommen würde. Und diesen würde ich genießen …