Reiselust

Hin und her. Hierhin und dorthin. Von Ort zu Ort. Immer weiter und weiter. 

So hat sich das letzte Jahr angefühlt. Frisch aus Indien zurück und erneut von Zuhause aufbrechen. Ein neues Zuhause finden. Nach Weimar ziehen, sich innerhalb der Universität zurechtfinden und erst einmal gar nichts verstehen. Den Worten der Professoren lauschen, die versprechen, mich zu fördern, ich davon aber erst komplett überfordert sein würde. Doch ich sollte mich einfach neu erfinden lassen und das tat ich. Ich schleuderte mich neu in die Welt, startete ein Leben in einer 16er WG, begann bewusster einzukaufen, immer das dreckige Indien im Hinterkopf, ging auf Ersti-Partys, die mir zeigten, wie das Studentenleben in einer Kleinstadt laufen könnte. Und ich lief mit. Ich begann dieses Weimar als Wohnort zu akzeptieren, reiste aber immer wieder zurück in die Heimat, nach Berlin und jedes Mal wurde mir doch bewusst, dass die Großstadt mich doch mehr in ihren Bann zog. 

Ich fuhr nach Karlsruhe und nach Münster, blieb den „Freunden der Erziehungskunst“, die mich nach Indien entsandten, treu, ließ mich als Teamer schulen, sodass bald selbst zukünftige Freiwillige auf IHR Jahr vorbereiten konnte.

Ich absolvierte meinen ersten Studentenjob als Rettungsschwimmer in Jena, einer benachbarten Studentenstadt neben Weimar, übernahm Verantwortung und versorgte Wespenstiche mit Kühlpads. Schlimmeres blieb mir zum Glück erspart. Eigentlich war ich auch nicht ganz rechtmäßig hier, war mein Rettungschwimmerabzeichen vor drei Jahren bereits abgelaufen. Doch nahm man mich trotzdem auf und so saß ich im Juni am Beckenrand und verhinderte, dass Badegäste von eben jenem sprangen. Von Weimar brauchte ich eine Stunde dorthin und natürlich stets wieder zurück. Hin und her. Hin und her. Hin und her. 

Der Sommer war voll mit Reisen. Ich hatte einen Uni-Seminarkurs für Dokumentarfotografie belegt. Meine Aufgabe war es in ein kleines Provinzdorf in Thüringen zu fahren und eben jenes so zu fotografieren, dass, nach ein paar Mal, die Seele des Dorfes, anhand der Bilder, offengelegt werden sollte. Für mich ein Leichtes, dachte ich. In Indien hatte ich das doch gut geschafft. Doch Indien war nicht Thüringen, Deutsche waren keine Inder, Leichtigkeit wurde zu Schwerfälligkeit.

fullsizeoutput_139e

fullsizeoutput_1398

Ein Jahr zuvor waren die Menschen zu mir gekommen, um fotografiert zu werden. Nun musste ich zu ihnen hingehen und daran scheiterte ich mit meiner Schüchternheit souverän. Es zeigte sich kaum jemand auf den Straßen und trotz insgesamt fünf Versuchen und jeweils einen Anfahrtsweg von vier Stunden, blieben die Menschen, dort wo sie waren. Unerreichbar. Thüringen war nicht Indien. Dokumentarfotografie war keine Reisefotografie. 

fullsizeoutput_12b2

Ich fuhr zur „Freunde-Kochschulung“ zum Bodensee, um mich zum nachhaltigen Kochteamer ausbilden zu lassen, um auf Freunde-Seminaren für alle anderen zu kochen. Ich lernte, Gruppen nachhaltig und ausgewogen zu ernähren. Am Bodensee war es idyllisch, wunderschön und ich glaubte, das ungeheure Heimweh verstanden zu haben, welches Merlin, mein Mitfreiwilliger und bester Freund, mit dem ich zusammen ein halbes Jahr in Indien gelebt hatte, die ganze Zeit verspürt haben musste, kam er doch von dort. 

fullsizeoutput_14b6

fullsizeoutput_14cd

Dann kurz nach Berlin, um meinen Eltern zu helfen. Daraufhin ab ins tiefste Brandenburg aufs New Helling Festival. Am besten war dies als Hippie-Tantra-Yoga-Liebes-Festival zu beschreiben, von dem ich strahlend wiederkam, mit neuen Impulsen und viel Liebe im Herzen. Und wieder ging es für nur vier Tage zurück nach Weimar, um vom zweitgrößten Zimmer der WG ins Größte zu ziehen. Neun Leute würden zum neuen Semester ausziehen. Menschen, die mir im letzten Jahr unglaublich ans Herz gewachsen waren, doch neue Plätze gefunden hatten, die ihnen mehr zusagten. Ich begann Vermieteraufgaben zu übernehmen und Anzeigen auf die WG zu schalten, um neue neun Leute reinzuholen, was ich in diesen vier Tagen vervollständigte. Der Vermieter würde mir dafür später einen teuren Wein schenken, hatte ich ihm Arbeit abgenommen.

fullsizeoutput_13ba 

Und während all dieser Zeit dachte ich an Indien und es war unmöglich, mit jemand Fremden nicht über dieses Jahr und meine Erlebnisse zu reden. Und während das Jahr verging, las ich mir immer wieder meine Blogeinträge durch und bald wurde mir schmerzhaft bewusst, wie lang es bereits her war, dass ich, zusammen mit Merlin und Skrollan ins Flugzeug gestiegen war, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. 

Im Juli las ich einen Blogeintrag meiner Nachfreiwilligen bei meiner ehemaligen Einsatzstelle, die beschrieb, dass sie nur noch 10 Tage in Indien hätte. Es war plötzlich ein Jahr vergangen, seit meiner Rückkehr. 

Und nun, wir schreiben den 1. September 2019, wiederholt sich die Geschichte. Ich fliege über Mumbai nach Hyderabad, dem Ganesha Festival, was mich vor zwei Jahren total begeistert hatte, entgegen. Nur für einen Monat. Aber das reicht mir, um wieder neue Kraft zu sammeln, die Sehnsucht und das Fernweh zu dämpfen. 

Ich bin kurz vor dem Check-In und erneut erwacht ein kleiner Funken Angst, den ich bereits vor zwei Jahren hatte. Die Komfort-Zone Deutschland zu verlassen ist gar nicht so einfach, trotz reichlicher Erfahrung im Rücken. Doch sie treibt mich vorwärts, durch den Flugzeug-Tunnel ins fliegende weiße Ungetüm. Immer weiter und weiter. Ich starte eine neue Reise. Und es beginnt, dort wo es schon einmal begonnen und geendet hat. Im Monsun-Regen zur Granatapfelzeit.