Welcome back, mother India

Es ist so, als wäre ich nie weggewesen. Ich beginne genau mit der einen Sache, die ich im ganzen indischen Freiwilligendienst exzellent verfeinert habe. Dem Ausgeben von unnötig viel Geld. Ich lande in Mumbai, es ist sehr früh am Morgen und ich erfahre, dass ich, um zu meinem eigentlichen Ziel, Hyderabad, zu kommen den Flughafen wechseln muss. Momentan befinde ich mich auf dem „international Airport“ und muss zum „domestic Airport“. Der einzige Weg dorthin: die unvermeidliche Fahrt mit einer Rikscha. Ich freue mich tatsächlich drauf, endlich wieder in diesen klapprigen Vehikeln durch die Gegend zu rasen und dem Verkehrslärm an mir vorbei ziehen zu lassen.

„Hyderabad?!“ Frage ich gespannt in die Runde der Rikschafahrer außerhalb des Flughafengeländes. 

„Hyderabad!“ Ruft einer und winkt mich wild kopfwackelnd zu sich. 

„Domestic Airport?!“ 

„Domestic Airport!“ Meint er und bedeutet mir, mich in sein dreirädriges Gefährt zu setzen. 

Die ganze Situation kommt mir so vertraut vor, dass ich auf der Stelle in ein nostalgisches Träumen gerate und leider die viel wichtigere Frage, nämlich die des Geldes, nicht stelle. 

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Am Anfang jeder Fahrt gilt es den Preis dieser zu verhandeln, um festzulegen, ob sich für beide Parteien das Geschäft lohnt. Ich habe das Handeln vergessen und begebe mich somit auf die festgesetzte Preisidee meines Fahrers, der nach einigen Minuten des Rollens, mir genau jene mitteilt.

„3500 Rupees?! No! To much!“ Rufe ich, der sich für zu viele Augenblicke in der Vergangenheit aufgehalten hatte, versetzte mich der Geruch der Straße, eine Mischung aus Fäkalien und Räucherstäbchen, zurück in andere Zeiten. 

Ein fairer Preis für fünfzehn Minuten Rikschafahren wären vielleicht 80 Rupien.

„Airport Price! Okay? I need money. No money, no Auto! You, no money, go back to Airport!“ Gibt mir der kleingewachsene Inder mit breiten Schnurrbart klar zu verstehen und will mir kurz darauf ein günstiges Hotel anbieten. 

„No hotel!“ Protestiere ich! Diese Schlepper sind anstrengender als gedacht, doch muss ich einsehen, dass ich wohl nicht darüber hinweg komme, die geforderte Summe zu bezahlen, duldet mein Gegenüber keine Widerworte. 

„Thanks brother! Have a nice stay in Hyderabad, brother!“ Jetzt lächelt er breit, verabschiedet sich von mir, der gar nicht mehr gut drauf ist, mit freundschaftlichen Handschlag und braust davon. 

Murrend mache ich mich auf zum Flughafengelände der Inlandsflüge und muss eingestehen einen ganz miesen Deal gemacht zu haben. Statt den möglichen zwei Euro, habe ich gerade knapp 40 bezahlt. Dafür wollte ich eigentlich nicht mein Geld ausgeben. Doch es ist immer noch sechs Uhr morgens, ich habe im Flugzeug kaum geschlafen und das ist jetzt der Dank dafür. 

Doch so miesepetrig ich in Mumbai auch bin, spätestens als ich drei Stunden später in Hyderabad lande, geht alles wie am Schnürchen. Das Warten hat ein Ende. Ich besorge mir ein Taxi und als mein schweigsamer Fahrer und ich uns vom Flughafengelände entfernen, muss ich das erste Mal lächeln. Da sind sie, die kleinen indischen Macken! Weibliche Rasenmäher! Zehn Frauen in bunten Gewändern zupfen neben der Straße den kleinen Grünstreifen zurecht. Knapp ein Dutzend Arbeiterinnen kosten weniger, als ein einziger Rasenmäher und so rupfen sie fleißig das Gras aus. Bereits am Flughafen standen viel zu viele Arbeiter herum, die im Endeffekt selbst nicht so genau wussten, warum sie dort positioniert waren, aber immerhin hatten sie einen Job, im Gegensatz zu den viel zu vielen Menschen, die hungern müssen.

Nach einigen Minuten wird der große Moloch Hyderabad für uns sichtbar. Riesige Tollywood-Plakate, von denen perfekt frisierte Filmstars auf die graue Welt unter ihnen blicken, stehen am Rand der viel befahrenen, dreckigen Straßen. Es ist bewölkt, gar kühl und dieses moderate Wetter treibt noch mehr Menschen nach draußen, als sonst. Blumen-, Chai, und Obstverkäufer, Straßenhunde, Fahrradfahrer, riesige bemalte LKWs, tutende Rikschas, unbehelmte Motorradfahrer und rostige Autos bahnen sich ihren Weg entlang der grau-weißen Häuser. Die meisten Hütten sind dreckig und ewig nicht mehr gestrichen worden. Wieder andere sind modern, besitzen breite Glasfronten und locken mit teuren Luxusartikeln. 

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Gewaltige Busse hupen sich Orientexpress-artig durch den Verkehr, währenddessen mein Fahrer sich in waghalsige Überholmanöver wagt. Ich halte den Atem an, sehe ich die ganze Situation schon eskalieren, doch nichts passiert. Der Beinahe-Unfall ist überwunden. Mir schlottern trotzdem noch die Knie, aber genau das hab ich gebraucht! Der Nervenkitzel ist wieder da! Welcome back, Mother India!

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Vor uns breitet sich, ein gewaltiger Flickenteppich aus Gebäuden bis zum Horizont aus, dazwischen immer wieder monumentale Bauruinen, in denen kleine Arbeiter hin und her flitzen. Jene Häuser, aus denen Stahlsprossen sprießen, sehen aus, wie Relikte einer verheerenden Apokalypse. 

Dann: eine Bodenwelle. Und noch eine. Und noch eine. Holterdiepolter pfeift unsere Rostkarre über eine unebene Straße und ich weiß, dass wir gleich da sind. Dort ist der dreckige Fluss! Er stinkt bis ins Auto hinein und ich befehle dem Fahrer hinter diesem stehen zu bleiben. Ein kleines Stück will ich noch laufen. 

Ich biege in eine kleine Seitenstraße, der Lärm der Hauptstraße wird gedämpft und ich atme tief ein. Dort steht es, das Haus mit dem kleinen überdachten Balkon, dessen Wände grün und gelb bemalt sind. Das Office, der kleinen NGO „Dhaatri“ hat sich kaum verändert, seit ich vor einem Jahr dort aufgebrochen bin. 

Nur das weiße, deutsche Mädchen, das dort auf der Türschwelle sitzt und ließt, ist ein anderes. 

Jax, aus der Nähe von Köln, ist die neue Freiwillige dieses Jahr, ist seit zwei Wochen hier und langweilt sich, da die meisten Arbeiter auf unterschiedliche Missionen in ganz Indien geschickt wurden. 

Doch keine Bange, ich bin ja jetzt hier! Und eine ältere Straßenhundedame namens Tuli, die die Vorjahresfreiwilligen von der Straße auf den Vorhof unseres Hauses geholt haben. Sie ist zahm, im Gegensatz zu ihren Artgenossen draußen und freut sich ungemein, als ich beginne sie zu streicheln. 

Auch von innen hat sich das Office kaum verändert, nur hängt eine Collage der letzten Deutschen und deren Erlebnissen an der Wand. Es war unweigerlich jemand hier letztes Jahr, doch die Spuren jener Vier sind fast genauso verschwunden, wie die unsrigen. Ich gehe hoch in mein ehemaliges Zimmer. Zu viert hatten wir dort geschlafen, jeder nur mit einer Matratze und einem Schrank. Jetzt schläft niemand mehr hier. Das Zimmer wurde umfunktioniert zum Arbeitszimmer, da sich mehr Leute Dhaatri angeschlossen haben und die restlichen Kapazitäten nicht ausreichen, um alle mit genügend Platz arbeiten zu lassen. 

In meinem Schrank stapeln sich nun Aktenordner und Bücher. Irgendwie schräg. Ein merkwürdiges Gefühl läuft mir den Rücken hinab. Von mir ist in diesem Schrank nichts geblieben und auch unten, dort wo ich meist gearbeitet habe, fehlt mein Tisch, auf dem sich einst technische Geräte mit gestapelten Chai-Bechern stapelten. Zwei Tage später würde ich Ashwini wieder treffen, eine Dhaatri Mitarbeiterin, die sich meistens mit Zugbuchungen auseinandersetzt, und auch sie beteuerte, dass es seltsam war niemanden an diesen bestimmten Tisch zu sehen. 

„Es war irgendwie immer dein Tisch, wo nur du warst und Zeug gemacht hast“, gestand sie mir. 

Ein Schwall an Erinnerungen durchtränkt meine Gedanken, ich berichte Jax von meinen Erlebnissen und wir beide freuen uns schon drauf, die Stadt zu erkunden. 

Ich zeige ihr einen nicht weit entfernten Hügel, auf dem eine uralte Befestigungsanlage ihre Mauern im Stein vergraben hat. Der Blick von hoch oben über die nie schlafende Stadt ist phänomenal.

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Das nie enden wollende Häusermeer erstreckt sich über Kilometer, bis es in den dunklen Wolken eines herannahenden Monsungewitters versinkt. Wir setzen uns auf die Felsen, unter uns der Abhang und reden. Reden, über unsere Erlebnisse, das was kommen mag und wie uns Indien bisher prägt oder geprägt hat, bis das Unwetter uns beinahe erreicht hat und wir den Rückzug antreten. 

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Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig, dem Regen zu entwischen und so rennen wir, bald klatschnass, an ruhig grasenden Wasserbüffeln und Straßenschweinen vorbei, bis uns ein Rikschafahrer entdeckt und uns ins Trockene bringt. 

Zurück im Office treffen wir auf Ravi, der sich ebenfalls sehr über meine Anwesenheit freut und mir die kommenden Arbeitspläne verrät. Ich wäre schon für einige Arbeiten eingeplant, die sich ums Dokumentieren der Ureinwohnerdörfer in den Bergen von Andhra Pradesh, drehen. Das war letztes Jahr mein Aufgabengebiet und wird es wohl auch dieses Mal sein. 

Mich durchzuckt ein Gedanke. Gerade einmal wenige Stunden bin ich hier, doch schon fühle ich mich wieder heimisch. Zurück in einer indischen Komfort-Zone. Ich kenne die Gegend, weiß, was mich erwarten wird, wenn ich in Zukunft durch mein Viertel streifen werde, doch genau das ist es vielleicht, was ich will. Es war mein Plan nur anderthalb Wochen hierzubleiben und dann, für die letzten drei Wochen meines Aufenthaltes neue Orte zu entdecken. So ganz überzeugt bin ich davon jetzt nicht mehr. 

Es fühlt sich so an, als sei ich nie weggewesen. Im Endeffekt fange ich da an, wo ich aufgehört habe. Hyderabad und Ich haben bereits eine Vorgeschichte, die sich hier und jetzt fortsetzt.

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Und so hässlich und grau diese raue Arbeiterstadt auch sein mag und niemand sich gerne hierhin verschlägt, habe ich sie gern. Vielleicht genau deswegen. Weil es sonst niemand tut.