Von glücklichen Friseuren, Babyratten und nächtlichen Porschefahrten

Ich atme tief ein und wieder aus. Ein und aus. Ein uns aus. Immer wieder, mit geschlossenen Augen und versinke tief in unzusammenhängenden Gedanken. Im Grunde weiß ich gar nicht was ich denke, aber das fühlt sich richtig an. Ich spüre meine Füße, die von Moskitos zerstochen sind, leicht auf der Yoga-Matte ruhen. Meine Hände zittern ein wenig beim Kontakt mit dem Boden unter mir. 

Da liege ich, inmitten der Yoga-Gruppe, bestehend aus mittelalterlichen Frauen aus dem Army-Viertel neben unserem Office und Yax, die neben mir versucht zu entspannen. Die letzte vergangene Stunde bestand aus harten, schweißtreibenden Dehnübungen, die alle stoisch über sich ergehen ließen. Wir beiden Nicht-Inder kamen müde und verschlafen zum Yoga-Treff, wohingegen die Frauen, die jeden einzelnen Morgen hier stehen, schon scherzten und lachten und sehr erfreut darüber waren mich wiederzusehen, hatte ich ihren kleinen Kreis letztes Jahr, wenn auch sehr unregelmäßig, besucht. Zweieinhalb Monate hatte ich es durchgezogen jeden Morgen zum Frühsport zu erscheinen, bis ich bemerkte, dass „ausschlafen“ doch die bessere Alternative war. 

Nun bin ich zurück. Und tatsächlich, so stelle ich fest, fühle ich die Spiritualität im Sport Yoga nun viel mehr, als vorher, bin ich scheinbar gereift. Früher war es schwer, über nichts nachzudenken. Das hat mich noch viel nervöser gemacht. Jetzt macht es mich entspannter. So strahle und lächle ich vergnügt nach unserer Sport-Session, grüße die Menschen auf der Straße mit einem freundlichen Kopfwackeln und bekomme ebenfalls eines zurück. 

Wie verrückt es ist, jetzt schon so im Dhaatri-Alltag zu sein. Der Morgen beginnt mit einem Gähnen, dem Aufstehen von der einfachen Matratze, dem Duschen in einem Bad, wo bereits Stalaktiten aus der Decke wachsen, Yoga und danach Frühstück auf der Türschwelle des Dhaatri-Offices, währenddessen auch Tuli, die kleine, schwarze Hündin ihr Essen in Form von Hundefutter bekommt. 

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Danach arbeiten bis zum Mittag und nie so ganz wissen, was man gerade überhaupt macht und ob es den Ansprüchen unserer Chefin Bahnu, genügt. 

Nach dem Mittag ist die Kreativität aber wieder da, spätestens nach dem Kauf eines Fuse-Schokoriegels, der die nötige Energie bringt, um weiterzuarbeiten. 

Am Ende verschlägt uns es uns beide ins Fitnessstudio, nur wenige Minuten entfernt. Der Leiter des Gyms kennt mich noch und begrüßt mich freudigem Handschlag.

Ebenso glücklich über mein Wiedererscheinen wirkt mein Friseur, als ich ihm einen Besuch abstatte. Damals hatte ich zwei Männer, die regelmäßig meine Haare und meinen Bart stutzten und insbesondere einer der beiden, hatte mich von Anfang an lieb gewonnen, auch ohne Worte, sprach ich kein Telugu und er kein Englisch. 

Als ich in die kleine Frisierhütte trete, ist vorerst nur einer der beiden da, der alsbald sich die Schere schnappt und loslegt. Dann jedoch kommt mein Lieblingsfriseur herein, er sieht mich und strahlt aus beiden Augen. Er entwendet Schere und Kamm dem Ersten, wiegt liebenswürdig das Haupt und lächelt mich an, sein beinahe väterlicher Blick geht tief und es scheint so, als hätte er endlich etwas Wichtiges wiedergefunden. Der kleine Fernseher, der schief an der Wand hängt, zeigt die typisch bunten und aufwendig produzierten Musikvideos der letzten Monate, ab und zu schaut der Friseur auf, hält mit der Schere inne und bestaunt die Tanzchoreografien, die bestimmt schon von Tausenden auf der Straße nachgetanzt werden. Dann macht er weiter, liebevoll und sorgfältig. Es ist so, als schnitte er ein Kunstwerk zurecht, jede kleine Ecke, wird nachgeschnitten und kontrolliert und nicht das erste Mal schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass indische Friseure wahre Künstler mit der Schere sind. Ihr Beruf ist ihr Leben. Oder ihr Leben ist ihr Beruf. 

Es ist wie ein Wiedersehen alter Freude, als ich, auf dem Weg zu meinem Eierverkäufer auf eine Straßenhündin treffe. Sie schaut mich durchdringend an, ich tue es ebenfalls und plötzlich fällt bei uns beiden der Groschen. Wir kennen uns. Mama Straßenhund, die mir letztes Jahr auf Schritt und Tritt gefolgt ist und das Wegsterben ihrer fünf Kinder überlebt hat, jault vergnügt und leckt mir über die Hand. Vor zwei Jahren war sie noch scheu, doch gewöhnte sich mit der Zeit an mich und ließ sich zum Ende des Jahres streicheln. Jetzt liegt sie mir zu Füßen und scheint gar zu Lächeln über jenes unerwartete Treffen. 

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Um mit tierischen Geschichten fortzuführen; eines Mittags beginnt Babu, unser Hausmeister, eine kleine Ecke im Office zu entrümpeln und legt dabei einen Rattenhort frei. Mutter Ratte flieht und lässt dabei ihre zehn Baby-Ratten zurück. In Deutschland hätte man längst den Kammerjäger bestellt, hier heißt es lediglich, um noch mehr Ratten zu vermeiden: „Schließt die Türen!“ 

Nun haben wir das Schlamassel. Zehn kleine Geschöpfe, einen indischen Haushalt und zwei Deutsche. Die Ratten wundern sich, der indische Teil ekelt sich und der deutsche Teil kann sich kaum zusammenreißen über die unfassbare Niedlichkeit dieser süßen Tiere und beschließt ihnen einen Karton zu bauen, in der Hoffnung sie aufziehen zu können.

„They will be this huge! We have to eliminate them“, meint Ravi, der Zweitchef und zeigt uns mit beiden Händen, wie groß und ekelig indische Straßenratten werden können. 

„Vielleicht können wir ihnen Tricks beibringen“, meine ich. 

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Nach einem Jahr im Ratten verseuchten Dhaatri-Office schockt mich nichts mehr und die Tatsache, plötzlich diesen Haufen an frisch geborenen Jungtieren zu entdecken, überrascht mich keineswegs, klopfe ich Abends immer gegen die Küchentür, um jeglichen Geschöpfen erst einmal Zeit zu lassen sich zu verstecken, ehe ich mir was zu Trinken hole. 

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Die Babyratten sollten trotz unserer Versuche ihnen zu helfen, in den nächsten Tagen sterben, hatten sie ihre Mutter nicht mehr, die sie hätte versorgen müssen.  

Abends dann zieht es uns in die Stadt und spätestens da geraten wir in eine Parallelwelt, die sich nicht unterschiedlicher von der unsrigen abheben könnte. 

So werden wir im „Concu“, einer delikaten Patisserie, die unfassbar leckere Süßigkeiten und herzhafte Speisen, abseits des indischen Essens, anbietet, von einem britisch-indischen Musikproduzenten angesprochen. Und auch in Indien ist die Welt unfassbar klein, denn als wir ihm erzählen, was wir machen, horcht er auf.

„Do you know Mira?! I met her three years ago. She brought me to the best places in Hyderabad, mate!“

„Oh my god, yeah! How funny“, gestehe ich, denn eben diese Mira kenne ich tatsächlich. Sie war es, mit ihren drei anderen Freiwilligen, die mich für Dhaatri ausgewählt hatte. Sie zeigte mir, in meinen ersten zwei Wochen die Stadt und das Partyleben der Reichen, ehe sie nach Deutschland zurückflog. 

Ich muss schmunzeln, als ich mir Cherrys Instagram-Profil anschaue. Tatsächlich haben wir drei gemeinsame Freunde. Alle aus Indien. Alle aus Hyderabad. Alle durch irgendwelche Partys kennengelernt. 

Seit knapp dreieinhalb Freiwilligen-Generationen ziehen sich fast die selben Freundschaften, meistens zwischen uns und entweder indischen DJ´s oder musikbegeisterten Leuten, die mit eben diesen DJ´s befreundet sind, durch die Jahre. 

Cherry, der zwischen London und Hyderabad pendelt, gesellt sich prompt für die nächsten zwei Stunden zu uns und erzählt spannende Geschichten aus seinem Leben. Er kann nicht glauben, dass ich nach einem Jahr Hyderabad noch mal zurückgekommen bin. 

„I don´t fuck with Hyderabad! You´re more an Indian than me, bro“, lacht er und gesteht uns seine Hassliebe zu dieser Stadt und dass es überall schöner sei als hier. Am Ende des Abends bezahlt er alles, was wir essen und bringt uns zudem auch noch nach Hause unter der Prämisse, dass wir in der kommenden Zeit, zusammen mit ihm, die Stadt unsicher machen sollen. Deal, Bro! 

„I will show you a different Hyderabad! Promise, mates“, schwört er uns am Abend darauf und fährt uns zu einer Bar der Reichen und Schönen. Kurz davor stoppt er uns. 

„You need shoes for this!“ Er blickt zu meinen Flip-Flops herunter. 

„But don’t worry! You never know what’s gonna happen. Thats why I always have three pairs of shoes in my car! Er wirft mir ein Paar neue Sneakers zu, gibt seinem Freund ebenfalls teuer aussehende Lackschuhe und geht lässig auf den Eingang der Bar zu.

„Habibi, you only have one life, niggah! Enjoy it!“

Während des ganzen Abends kauft er uns alkoholische Getränke, einzeln schon knapp zehn Euro teuer. Immer mehr Freunde von ihm gesellen sich zu ihm und jedem spendiert er einen Shot. Gut und gerne gibt er an diesem Abend 100 Euro aus, doch zuckt nicht einmal mit der Wimper, als der die Rechnung entgegennimmt. 

„Irgendwie hat er zu viel Geld“, flüstere ich Jax zu. 

Doch trotz seiner gehobenen Gesellschaftsstellung ist er sich nicht zu schade unter das gemeine Volk zu gehen. Als wir gegen Mitternacht wieder auf die Straße treten, hat sich eine Trommelgruppe am Vorplatz der Bar versammelt. Hinter dieser steht ein Wagen mit einer großen, bunten Ganesha-Figur. In den nächsten Tagen werden die Trommelzüge immer häufiger werden, bis zum großen Finale am großen See der Stadt, wo ein riesiger Umzug mit Tausenden und Abertausenden Menschen stattfinden wird. 

Jetzt sind nur ungefähr fünfzig gekommen, doch trommeln sie laut und wild und viele tanzen ungehemmt und ungebremst. Es sind nur Männer hier, alle aus den unteren Kasten. Einheimische Frauen scheinen unerwünscht, steigt die Gleichberechtigung erst mit dem Gesellschaftsstand. 

Die Männer sind alle nicht größer als 1.70, doch scheinen ein riesiges Herz für die Musik zu haben. Es ist ihnen egal, wie seltsam ihre Bewegungen aussehen, wie oft sie gegen die anderen stoßen, wirbeln sie wie Furien über den Platz. Ich kann mich nicht mehr halten, geselle mich dazu, werde auf der Stelle ins Chaos aufgesogen. Jax kommt dazu, erregt sämtliche Aufmerksamkeit der indischen Männerwelt, etliche Hände werden ihr entgegengestreckt und so versinkt sie ebenfalls im Tanzwahn. Trotz nigelnagelneuer, weißer Schuhe, die definitiv das Monatseinkommen vieler Anwesender sprengen, hüpft Cherry ebenfalls auf und ab. 

Alle strahlen und jubeln und auch wenn die Trommeln keinen wirklichen Rhythmus haben und einfach nur drauf losgeschlagen wird, haben alle unfassbar viel Spaß!

Dann plötzlich kommen bunte Pulverfarben, die normalerweise beim Holi-Festival benutzt werden, unters Volk und spätestens da, ziehen wir drei uns etwas zurück, habe ich keine Wechselklamotten dabei und will Cherry´s Schuhe, die ich noch immer trage, nicht gefährden. Doch ich kann nich verhindern, dass Leute aus Versehen drauf treten und die Sneaker rosa färben.

„Just one life, mate! Doesn’t matter!“ strahlt Cherry, als ich ihm den Fauxpas mit den Schuhen zeige. 

„You have fun, I’m happy!“ 

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Am nächsten Abend geht es mit anderen Hyderabad-Freunden und erneut mit Cherry, in die extravaganten Clubs der Stadt. Es ist seltsam zu sehen, wie vor dem Eingang eines solchen Edelgebäudes, aus dem die Reichen und Schönen in teueren Kleidern, zu sehen sind, Tagelöhner sitzen und um jede einzelne Rupie kämpfen, währenddessen drinnen teure Spirituosen einfach so konsumiert werden. Ich kämpfe gegen mein schlechtes Gewissen. Ich bewege mich in komplett anderen Sphären hin und her. Hin und her. Pendel zwischen reich und arm. 

Ich kann diesen einen älteren Mann, mit dem Wanderstock und dem verhärmten Gesicht, der neben einem riesigen Jeep sitzt und traurig ausschaut nicht einfach ignorieren. 10 Rupien gebe ich ihm. Vielleicht kann er sich dafür einen Chai kaufen. Seine Augen leuchten und legt beide Handflächen aneinander und hebt sie zum Kopf. Ich erwidere die Geste. 

Stände jene Lounge in Deutschland, würde ich mir nichts auf der Karte jemals leisten können und auch hier in Indien ist der Preis für Getränke schon unnormal teuer, doch haben wir Freunde mit dem nötigen Kleingeld. 

Nach der Party, wollen uns Rahamatt (ihn habe ich letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt) und Cherry nach Hause fahren. Und das passiert nicht mit einem normalen Auto, nein, es passiert mit einem Porsche. Da steht er einfach so, zwischen klapprigen Rikschas und eingedellten Heckklappen von rostigen Suzukis. 

„500 PS, Mate“, strahlt Cherry. 

Rahamatt beschleunigt und rast die indische Straße entlang. Ich werde nach hinten gedrückt, halte den Atem an, kann aber nicht umhin, zu staunen, mit welcher unfassbaren Leistung und Energie dieser Wagen fährt. 

„Das ist so abstrus! Das ist verrückt. Boah, Junge, Junge! Alter Schwede!“ Stottere ich vor mich hin. Ich bin noch nie mit einem Porsche gefahren und jetzt, hier in Indien, erlebe ich mein erstes Mal. Ich kann es, ebenso wie Jax, kaum fassen, mit welcher Geschmeidigkeit und Eleganz sich dieses Edelauto durch die Gegend bewegt und bin gleichzeitig angeekelt von jener gewaltig auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich. Gleichzeitig weiß ich, dass das Geld hart verdient wurde, erzählt Rahamatt, während wir fahren, seine Lebensgeschichte. Er wurde unter ärmlichen Verhältnissen in einem einfachen Dorf geboren und hatte sich hochgearbeitet, seinen Eltern ein besseres Leben ermöglicht. Typische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, aber dadurch wirkt es für mich fassbarer jenen Luxus leben zu können, wenn man doch Jahre lang in Armut gelebt hat.

Und ich kann das Gefühl, ein teures Auto zu fahren spätestens dann nachvollziehen, als uns unsere Freunde zwanzig Minuten von unserem Haus entfernt absetzen und wir mittels Rikscha weiterfahren. Das Fahrgefühl ist ein ganz ganz anderes. 

Heute werde ich in die Bergdörfer fahren. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird. Ich kann sicher sagen, dass mich die Gastfreundlichkeit der Menschen in ihrer Einfachheit, rühren wird. Es wird ein größerer Kulturschock sein von da aus wieder zu unseren Hyderabad-Freunden zu kommen, als von Deutschland nach Indien zu reisen. 

Doch gerade das ist es mir wert. Ich bin nicht hier, um an der Oberfläche zu kratzen. Ich will indisches Leben leben. Und wie könnte das besser funktionieren, als alles aufzusaugen. Die einfache, als auch die extravagante Seite …