Chai, Wasserfälle und indische Gastfreundlichkeit

Ich schließe die Augen und für kurze Zeit bin da nur ich und dieser ganz spezielle Geruch. Ich hab ihn vermisst und sehne mich nach mehr. Ich sauge ihn bis in mein Innerstes auf und meine Mundwinkel bilden ein Lächeln. Es riecht gleichzeitig nach Rauch, Reis, Bauernhof, Wald, Anti-Moskito-Creme und … Chai. Dieser ganz bestimmte Tee, den es nur so in seiner Einzigartigkeit in den Dörfern von Andhra Pradesh gibt. In kleinen Edelstahl-Bechern, heiß, ohne Milch und ganz viel Zucker. Jener Duft drängt sich über alle anderen Gerüche, als ich meine Augen aufschlage und Lambana, einen 60-jährigen, drahtigen Adivasi-Ureinwohner mit einem Tablett voller Chai-Becher auf uns zu gehen sehe. Mit tiefster Ehrfurcht reicht er jedem von uns einen Becher und wiegt sachte den Kopf. 

„Sag ihm, dass es uns sehr viel bedeutet, dass er extra für uns Chai gemacht hat“, sagt Amit, an Krishnarao, einen Dhaatri-Mitarbeiter, dass gewandt. Dieser übersetzt nun das Gesagte auf Telugu, Lambana beginnt breit zu grinsen, er tut das mit dem ganzen Gesicht und redet begeistert auf uns ein. 

„Er sagt, dass ihr immer willkommen seid. Kommt für einen Monat, für ein Jahr, ihr werdet immer ein Dach über den Kopf haben, Essen und jede Menge Chai“, dolmetscht Krishnarao. 

Ich fühle, wie eine Gänsehaut durch meinen Körper fährt. Wir sind gerade einmal drei Stunden in Malpadu, so heißt dieses abgelegene, ruhige Ureinwohnerdorf und schon scheint uns die halbe Ortschaft aufgenommen zu haben. Ich wiege gutmütig den Kopf in Lambanas Richtung und sage „Dhan’yavād“. Danke. 

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Er verschwindet und lässt uns alleine in der indischen Abendsonne. Ich drehe mich meinem dampfenden Chai zu, atme tief ein und nippe daran. Mit geschlossenen Augen spüre ich erneut eine Woge Dorfluft in meine Nase eindringen und achte nun auf die Geräusche. Da sind Grillen ganz in der Nähe. Sie übertönen ganz deutlich alle anderen Töne mit ihrem penetranten Zirpen. Ein Feuer knistert ganz in der Nähe, unzählige Fliegen summen und brummen durch die Gegend, eine wiederkäuende Kuh schlägt mit dem Schwanz nach ihnen. Kinder lachen und Eltern ermahnen sie doch ruhiger zu sein. Aus den kleinen Lehmhütten ist das Dudeln von Telugu-Liedern und das Brodeln der Gerichte für das Abendbrot zu vernehmen. 

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Ich tätige einen Schluck Tee und atme genussvoll aus. „Ahh …“ 

Ein Lachen von der Seite. Ich fahre herum. Amit und Runal schauen mich belustigt an.

„Du scheinst deinen Tee zu genießen, no?!“ fragt Amit. 

„Oh ja, bhai! Ich genieße ihn. Dorftee ist immer etwas Besonderes! Er ist das Highlight des Tages, gerade für uns, die nicht im Dorf arbeiten! In einer Woche werdet ihr für jede Möglichkeit Tee zu bekommen dankbar sein,“ lächle ich die beiden indischen Studenten aus Bangalore an. 



Dieses siebte Mal in den Dörfern der Ureinwohnergruppe der Adivasis ist anders, als jene Besuche davor. Ein Jahr ist vergangen zwischen dem letzten Abenteuer und dem Jetzigen, ich hab angefangen, zu studieren und bin jetzt insgesamt nur einen Monat in Indien. Mein Plan war nur eine Woche in Hyderabad zu bleiben und dann Richtung Rajasthan weiterzureisen, doch wie all zu oft klappte dieser Reiseplan bei mir schon am ersten Tag in Hyderabad zusammen. Ich wusste einfach, dass ich gekommen war, um zu bleiben. Ich würde die NGO Dhaatri, die sich für die Rechte der Adivasis, insbesondere die des Stammes der Khonds, stark machte, vier Wochen unterstützen. So stimmte ich zu, als es hieß, für zwei Wochen in die Dörfer zurückzukehren. Sechs Mal hatte ich diese besucht. Meist war ich in Dallapalli gewesen. Einem 300 Seelen Dorf hoch in den Bergen, welches in der Jahreszeit des Monsuns von den Wolken verschluckt wird und im Sommer unfassbar grüne Ackerländer mit sich trägt. Hier hatte ich Freunde gefunden, ohne wirklich mit ihnen geredet zu haben. Hier unterhielt man sich nicht auf Englisch. Hindi, die zweite Landessprache Indiens konnte hier auch niemand. Es wurde die Staatssprache der Staaten Telangana und Andhra Pradesh – Telugu – gesprochen, sowie Kui, die eigene Sprache der Khonds. 

Ich hatte mich mit Hand, Fuß und Kamera verständigt und bald, nach einiger Eingewöhnung, konnten beinahe alle Kinder des Dorfes meinen Namen und ich begann dieses mit seinen Bewohnern zu lieben. Ich liebte die Einfachheit des Seins und die schier unendliche Gastfreundlichkeit Dallapallis, welches abgeschieden vom urbanen Treiben lag. Manchmal war mir jene Abgeschiedenheit zu viel und ich ächzte nach dem Chaos der indischen Städte, fühlte mich einsam, doch jedes Mal holte mich das Dorf mit seinen Tieren, seiner unglaublichen Landschaft und auch seinen Menschen wieder zurück. 

Ab und zu ging es nach Poolabanda, einem etwas weiter entwickelten Dorf, welches in einer Felsschüssel lag, nur eine Stunde von Dallapalli entfernt war, jedoch ein komplett anderes Klima aufwies. Hoch oben war es kalt und nebelig. Unten gar tropisch und heiß. Hier zog es mich weniger hin. Hier fand ich nicht das Abenteuer, was ich suchte und meine Aufgaben konzentrierten sich auch eher auf den anderen Ort. 

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Doch nun sollte es mich für knapp einen halben Monat dorthin ziehen. Jax, die neue Freiwillige Dhaatris, war an meiner Seite. Dazu gesellten sich noch acht indische Development-Studenten aus Bangalore, die zu Gunsten unserer Organisation, anliegende Dörfer observieren sollten. 

Alles begann mit einem Zug, der viel zu kalt war. Von Hyderabad brauchte es ca. 20 Stunden in die Dörfer. 13 davon gingen für die Nachtfahrt von unserer Heimatstadt nach Visakhapatnam, im Slang auch Vizag genannt, drauf. Normalerweise sind die Züge mit Ventilatoren ausgestattet, welche das Innere auf eine halbwegs akzeptable Schlaftemperatur bringen, doch jener Zug hatte die Absicht, uns in eine Eiszeit zu führen. Jax zitterte und bereute es, keine warmen Klamotten mitgenommen zu haben und auch ich hätte warme Socken gut vertragen können. Doch die Zug-Eiszeit war Strategie. So konnte das Zugpersonal warme Decken und Kissen für 30 Rupien an die verfrorenen Insassen verkaufen, die bald Schlange standen, um eine Wolldecke zu ergattern. 

Zwölf Stunden später sollte unser Kopf beim Abstieg beinahe explodieren, war der Temperaturunterschied von ca. 25 Grad sehr intensiv. 

Bahnu, die Dhaatri-Chefin höchstpersönlich wartete am Bahnsteig auf uns und sollte mir wohl die angenehmste Fahrt hoch in die Berge bescheren. War ich sonst immer mit einem lärmenden Bus voller Menschen in die Ureinwohnergebiete aufgebrochen, taten wir es nun mit einem anständig klimatisierten Taxi. Unsere Backpacks und wir hatten sehr viel Platz, worüber ich unglaublich dankbar war, war mein Rucksack mal wieder auf die Größe und Schwere eines dicken Kindes angewachsen. Im Bus hätte er anderthalb Plätze in Anspruch genommen. Hier lag er sicher und ungefährdet im Kofferraum. 

Wir erreichten Poolabanda, eine wunderbare Stille lag in der Luft. Die Palmen und die Reisfelder in unmittelbarer Umgebung waren grüner als grün und der Ort mit seinen brauen Lehmhütten und roten Ziegeln war verraucht und roch nach Sommerregen. Wir traten ins Office und wurden von acht Studenten aus Bangalore lachend begrüßt. Bahnu hielt einen langen Begrüßungsmonolog, es wurden die Tage und die Aktionen geplant und es schien mir gar „unindisch“ so viel im Voraus zu besprechen. Doch sollten die kommenden Tage wunderschön werden. 

Ich hatte Startschwierigkeiten. Diese jungen Stadtmenschen, die das erste Mal in einem Ureinwohnerdorf arbeiteten, konnte ich nicht wirklich akzeptieren. Sie waren laut, schrill und passten nicht ins Dorfleben. Fünf Tage brauchte ich, bis ich realisierte wie traurig es war, dass ich bis zu dem Punkt mir kaum Namen gemerkt hatte. Dann jedoch kam der Wendepunkt. Wir brachen auf zu einer geheimen Quelle, sprangen gemeinsam ins Wasser, spritzten uns nass und veranstalteten Wettkämpfe, wer am längsten die Luft anhalten konnte. Mit nassen Klamotten traten wir den Rückweg an und jauchzten und jubelten. Zurück im Office holte ich meine Spielkarten hervor und Stunden vergingen, währenddessen wir lachten und scherzten. Jenes Ereignis band mich an sie. Fest. Besonders an die Jungs. Amit, Faiz und Runal.

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Ab jenem Zeitpunkt sollten wir häufiger zu Quellen und Wasserfällen gelangen. Oftmals war der Weg dorthin beschwerlich und rutschig, doch zahlte es sich jedes Mal aus, das Wagnis eingegangen zu sein. Wir stürzten uns in Wasser, rutschten kleine, glitzernde Kaskaden hinunter und wichen den gefährlichen Strömungen gerade so, die uns in unfreundlichere Gewässer geworfen hätten, aus.

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Es war wunderschön, alle meine Freunde ausgelassen lachen zu sehen. Auch Jax, schien immer mehr in den Dörfern anzukommen, strahlte sie übers ganze Gesicht. Wir kämpften uns durch Strömungen, rutschten über nasse Steine, standen unter den hinabstürzenden Wassermassen und jeden dieser Augenblicke hielt ich fest, meißelte sie in mein Gedächtnis, so schön waren jene Bilder, der planschenden Menschen in der Abendsonne. 

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Wir lebten, arbeiteten und schliefen alle im selben Raum und nicht selten musste ich kichern über den Gedanken, welch Abenteuer es doch war mit mehr als 10 Leuten in einem Haus eines Ureinwohnerdorfes mitten in Indien zu leben. Und im Endeffekt waren sie alle doch genauso fehl am Platz wie ich selbst. War ich nicht eindeutig derjenige, der aufgrund seiner ganz klaren Andersartigkeit noch weniger hierhin passte? 

Wir waren alle Outsider, kamen aus großen Städten, sprachen nicht die Sprachen der Dorfbewohner und kannten kaum ihre Riten und Bräuche. Ein Großteil der Studenten sprach Hindi, was ihnen hier aber nichts nützte. 

Hindi ist eher den nordindischen Sprachen zuzuordnen, Telugu aber den Südindischen. 

Unterhält man sich in Hindi, könnte man Gujarati beispielsweise verstehen, da der Staat Gujarat im Norden liegt. Hier ist es ungefähr so, wie mit Spanisch und Italienisch. Es gibt Parallelen, da sie denselben Ursprung haben. Jene gibt es auch zwischen südindischen Mundarten. Aber Telugu unterscheidet sich von Hindi, wie Tag und Nacht. 

Der Großteil von uns verstand also nichts, war auf Dolmetscher angewiesen. Lediglich zwei hatten südindische Wurzeln und begannen uns unterrichten. Ich war mit Leidenschaft dabei, fragte Laya, die aus Telangana kam, schon am frühen Morgen nach Wörtern und Sätzen aus und versuchte mich auch an Hindi. 

Teilweise gelang mir das zwar, war am Ende jedoch vorrangig mit Schimpfwörtern ausgestattet. Ich war also nun mit den richtigen Worten gerüstet, falls mich demnächst mal wieder jemand auf der Straße finanziell ausnehmen wollte. 

Jax und ich erwiderten jenen Gefallen und bald lief jeder mit einem gutgesinnten „ARSCHLOCH!“ auf den Lippen durch die saftigen Reisfelder der Ureinwohner.

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Wir hatten viel Zeit für Schimpfwörter. Das Dorf war dem Monsun hoffnungslos unterlegen und verwandelte sich stets in einen „Apocalypse-Now-Abenteuerpark“, brach er sich über den Dächern Bahn. Es prasselte und prasselte. Mal dicke Tropfen, mal dünne Tropfen. Ich schrieb Tagebuch und fast immer war der erste Satz des Tages mein subjektiv anschaulicher Wetterbericht. 


Tag 3: Regnerisch, das Dorf versinkt im Nebel und alle scharen sich um ihren Chai 

Tag 4: Es regnet und regnet und regnet

Tag 5: Der Regen wird stärker, ist so laut, dass ich in der Nacht vom Rauschen geweckt werde

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Tag 6: Der Regen hat aufgehört

Tag 7: Es ist überraschend sonnig

Tag 8: Es ist verdammt KALT

Tag 10: Die Welt geht unter. Es schüttet wie aus Eimern

Tag 11: Es regnet und regnet und regnet. Meine gewaschenen Sachen werden nicht trocken

Tag 12: Der Monsun kennt keine Gnade und prasselt unaufhörlich hernieder. Meine Klamotten sind immer noch nicht trocken 


In jener Zeit spielten wir Karten, hielten Meetings, wo wir die Observationsergebnisse über die benachbarten Dörfer besprachen, dösten, oder beleidigten uns liebevoll. 

Die Zeit verging langsam, jeder Tag zog sich in die Länge und alles brauchte seine Zeit. Ich war daran gewöhnt. Die anderen nicht. So verschwand eines Mittags Krishnarao, den wir für eine wichtige Übersetzungsarbeit brauchten, mit den Worten, dass er in einer Stunde wieder da sei. Ich kannte den alten Halunken und konnte mich gut daran erinnern, dass er mal Ähnliches vor einem Jahr gesagt hatte und dann erst nach drei Stunden aufkreuzte. So legte ich mich auf eine Pritsche und begann zwei Stunden in Frieden ein Nickerchen abzuhalten. Als ich aufwachte, fehlte von Krishnarao jede Spur und meine Begleiter Amit und Runal schienen gar akribisch und angespannt jede Sekunde seines Fehlens mit der Uhr aufgezeichnet zu haben.

„Keine Sorge, so spielt das Dorfleben eben“, gähnte ich. Unser Begleiter kam schließlich nach einer halben Stunde. 

Und in jener Zeit des Wartens wurde das Chai-Trinken tatsächlich zum Highlight jener zähen Tage.

Doch an jenem dritten Tag im Ureinwohnerdorf Malpadu ahnen das meine beiden Begleiter Amit und Runal noch nicht und blicken mich noch immer stirnrunzelnd an, als ich die letzten Tropfen des Tees, den ich vom gutmütigen Lambana bekommen habe, genüsslich ausschlürfe. Ein langer Tag liegt hinter uns. Wir sind durch die Ackerländer der Bauern gestreift und haben die genauen Ausmaße aller Besitztümer der 11 Familien des Dorfes, mittels GPS-Tracker ausgemessen. Wir sind hoch auf die Berge gestiegen, haben Heil- und Nutzpflanzen fotografiert und kategorisiert und über Stock und Stein gewandert. Die Aussicht hoch oben war phänomenal. 

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Wir haben uns unseren Chai verdient. Und Lambana, der alte, weise Khond beweist später am Abend noch einmal, wie gastfreundlich er ist. Er lässt extra für uns ein Huhn schlachten. Es gibt Fleisch zum Abendessen. Fleisch. Das ist ein äußerst seltenes Privileg in den Dörfern, ist jedes Nutztier essenziell wichtig für den Fortbestand des Dorfes. Erneut essen wir zuerst, er sitzt fröhlich summend daneben und als wir fertig sind, beginnt er die letzten Reste aus den Töpfen auszukratzen. Fleisch bekommt er kaum noch zu fassen, doch stört ihn das nicht, war es für ihn doch eine Ehre, dass wir es verspeist hatten. 

Und natürlich räumt er und seine Familie sein kleines Häuschen, damit wir dort schlafen können. Er wird im Stall Unterkunft finden. Gut gesättigt und fröhlich schlafe ich auf der Pritsche des alten Ureinwohners ein, noch nicht ahnend welche Abenteuer in den nächsten 9 Tagen auf mich zukommen würden …