Dallapalli

“Ladies and Gentlemen, wir erreichen Dallapalli in ungefähr 600 Metern. Nur noch über diesen Berg und wir haben unser Ziel vor Augen” mime ich eine Navigationstimme und kann es kaum erwarten anzukommen. Seit anderthalb Stunden brettern wir mit 13 Leuten und zusätzlichem Gepäck in einer Rikscha durch Berge und Täler und sind des Sitzens müde, da es sich eingekeilt zwischen den anderen Körpern schlecht ausharren lässt. Doch nun jubelt die Fahrgemeinschaft aus Bangalore-Studenten, Jax und mir.

“Daaaallaaapalli! Daaaaallapalllii”grölt die Menge und beginnt glückselig einen Bollywoodsong anzustimmen. Eine Gänsehaut breitet sich über meinen ganzen Körper aus. Ich kann auf einmal besser atmen. Viel, viel besser! Diese Gegend kenne ich wie meine Westentasche. Auch wenn alles in tiefen Nebel getaucht ist, blicke ich geradezu auf die Ländereien und Felder der Bauern aus dem Dorf, dass ich in meinem einjährigen Freiwillligendienst mehrfach besucht habe. Ich kenne diesen Hügel, der vor uns aufragt. Hinter diesen befindet sich ein weiteres Tal und ein kleineres Plateau auf dem die Grundfesten eines ruhigen, harmonischen Dorfes, stehen. Der Geruch von Bauernhof zieht in meine Nase, dazu scheint es leicht minzig zu riechen. Jenes Aroma haut mich fast von Sitz der vor sich hinknatternden Rikscha. Ich will so schnell wie möglich diese verlassen und einfach nur loslaufen, scheint es mir, als könnte ich jetzt schneller sein, als unser rostiges Vehikel. 

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Wir erreichen die Spitze des Hügels und nun kann ich es sehen. Obwohl dichte Nebelschwaden vor meinen Augen tanzen, stechen die Farben der Khond-Gemeinde ganz klar heraus. Süß und verschlafen mit seinen rotbraunen Ziegeln liegt es dort, eingekeilt von uralten, gewaltigen Felsriesen und saftgrünen Palmen und Reisfeldern. 

“Ladies and Gentlemen, Sie haben nun die einmalige Chance, einen ersten Blick auf unseren nächsten Halt zu werfen” proklamiere ich. Eine Libelle fliegt vorbei. Dann noch eine. Und noch eine. Die Sonne bricht leicht durch die dichte, graue Wolkenwand und ihre Strahlen fallen genau auf die hellbraunen Lehmhütten des Ureinwohnerortes. Dallapalli zeigt sich im Rampenlicht und allen Anwesenden entweicht ein begeistertes “Ohhh”.

Wir rollen den Berg hinab, an lethargischen Wasserbüffeln und Ziegen vorbei und halten schließlich direkt am Dorfeingang. 

“Ziel erreicht”, rufe ich und springe aus der Rikscha, meinen Körper wieder spürend und voller Energie. Es ist kälter als im Nachbardorf Poolabanda. Herbstlich geradezu. Doch auch gerade dadurch fühlen sich meine Lungen wieder befreit. Die dicke, tropische Hitze ausatmend und die kalte, klare Luft einatmend, fühle ich mich von jeglichem Druck befreit und springe fröhlich zwischen Jax, Amit und Laya hin und her und würde ihnen am liebsten um den Hals fallen, so gut gelaunt bin ich gerade. Das merken auch meine Begleiter und starren mich entgeistert und müde an. Die Development-Stundenten, mit denen ich seit sieben Tagen in Poolabanda lebe, sind das erste Mal im Dorf und müssen sowohl Fahrt als auch ihren Ausblick erst einmal verdauen und auf den Steinen vor dem Dorf Platz nehmen. 

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Bis auf Madhavi, eine 21-jährige Studentin, die im Rhythmus von Bollywoodliedern aufgeht und wunderschön tanzen kann, die sich schickt mich durchs Dorf zu begleiten.

Es ist fast so, wie ich es verlassen habe, damals im Juni letzten Jahres. Ich sehe ein paar Kinder, die verwirrt stehen bleiben, als sie mich erblicken.

“Leo?” 

Ich winke ihnen zu. Tatsächlich. Ich bin’s wirklich.  

“Leeeo” rufen sie und gackern fröhlich, als sie meine Kamera erblicken und stellen sich sofort in Pose. 

“Dich kennen scheinbar immer noch alle”, meint Madhavi. 

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“Verrückt, nicht? Von Bahnu hab ich gehört, dass immer, wenn jetzt jemand mit einer Kamera durchs Dorf schlendert, er sofort als Leo klassifiziert wird.”

Das Mädchen lacht und ich führe sie weiter durch die kleinen Häuserschluchten des Ortes. Wir weichen einigen Hühnern und neugierig schauenden Ziegen aus und erklimmen eine der höchsten Stellen des Dorfes. Von hier aus blicken wir auf gewaltige Berge und Täler hinunter und nicht das erste Mal versuche ich Wörter für diese unglaublichen Bilder zu finden. Meine Gedanken wissen sie bereits, doch kann ich sie nicht aussprechen, sind sie viel zu … intensiv. Verbunden mit einem archaischen Instinkt, uralt, der weiß, was und wen diese Felsriesen möglicherweise schon erlebt und überlebt haben. 

Riesig, weit, unendlich, warm, gewaltig, für immer da, unverrückbar, beständig, pompös, Erinnerungen, Leben … Jene, doch viel zu einfachen Wörter schwirren mir durch den Kopf, als ich versuche ernsthaft über das, was ich sehe nachzudenken. 

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“Es ist wunderschön”, meint Madhavi. Das trifft es auch.  

“Deshalb hab ich hier wohl mein Herz verloren”, denke ich nach. 

“Schön gesagt, Leo.” Madhavi schaut in die Ferne.

Nach einer Weile stoßen die anderen dazu, setzen sich neben uns und wir warten darauf bis es Elektrizität in dem Haus gibt, wo wir für zwei Tage Obdach suchen werden. Im Gegensatz zu den anderen, bin ich sehr optimistisch, dass Strom kommen wird und irgendwie muss ich wohl, in den letzten vergangenen Stunden die Rolle des Anführers überreicht bekommen haben, fragt man mich nun aus, wann es denn Essen gäbe, ob uns Wasser zum Kochen und zum Waschen zur Verfügung gestellt wird und ob wir bald Licht hätten. Ich war hier schon sechs Mal. Deswegen glauben sie, ich wüsste, wie hier alles läuft, doch nichts kann ich ihnen sagen, außer, dass alles gut wird. Jedes Mal war es bei mir anders. Mal musste ich selbst kochen, mal wurde ich von der Person, mal von einer anderen bekocht. Selbes Prozedere mit dem Wasser..

Das nehmen die anderen schwer hin und quengeln, doch nach und nach trifft meine Vorhersage ein und ihr Murren wird weniger. Erst funktioniert das Licht in der Halle, es werden Spielkarten verteilt und ein munterer Spielkreis entsteht. Kurz darauf wird verkündet, dass in einer Stunde Essen für uns bereitsteht. Jemand aus dem Dorf hat sich bereit erklärt, für uns zu kochen. Dafür bin ich einerseits unendlich dankbar, doch gleichzeitig fällt es mir immer noch schwer diese unendliche Gastfreundlichkeit in all ihren Formen wertzuschätzen. Für jenen Dörfler ist es eine große Ehre seine Pflicht als Gastgeber wahrzunehmen, dafür bewundere ich ihn, aber ich kann nichts zurückgeben. Es scheint mir so, als nähme ich die ganze Zeit nur von den Menschen und würde nichts zurückgeben außer große Dankbarkeit. Wie sehr es mich doch interessieren würde, ob diese absolute Hingabe für einen Fremden eventuell einfach nur gesellschaftlich auferlegte Pflicht ist und inwieweit die eigenen Wünsche und Empfindungen gegenüber dem Nehmenden, zurückgestellt werden müssen. Für dieses Wissen müsste ich wohl länger hierbleiben …

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Es wird dunkel, die Nacht bricht über uns hinein, ebenso wie ein stummes Gewitter, hunderte Kilometer von uns entfernt. Wir sehen die hellen Lichtblitze, die unsere Gesichter in ein geisterhaftes Weiß tauchen, aber der Donner bleibt aus. Während die meisten drinnen Schutz suchen, sitze ich, zusammen mit Vanshika, einer weiteren 20-jährigen Studentin aus Bangalore, ursprünglich aus Bihar, auf der Türschwelle und schaue in die Schwärze. Blitze flackern vor unseren Augen auf, jeder großer und strahlender, als der davor und für kurze Zeit kann ich die bewaldeten Berge sehen. 

Wir unterhalten uns lange über unsere Hobbys und unsere Familien und ich höre, wie sehr sich die junge Generation von ihren traditionellen Eltern lösen möchte. 

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Vanshika

“So schnell gehe ich nicht zurück zu meinen Eltern. Jedes Mal, wenn ich dort bin, nehmen sie mich in Schutz vor allem, was auf der Straße unterwegs ist. Verdammt, ich muss sogar mit ihnen in einem Bett schlafen. Rechts meine Mutter, links mein Vater. Sie haben Angst um mich, weil ich kein Vertrauen in ihre Riten habe, die mich schützen könnten. Aber ich bin keine sieben Jahre mehr, hell yeah, ich bin 20, gottverdammt! Ich bin zwanzig, studiere im Master, habe Freunde und ein eigenes Leben. Wenn ich will, kann ich mit jedem schlafen, mit dem ich will und muss nicht darauf warten, bis meine Eltern, den Richtigen für eine Heirat gefunden haben. Aber das verstehen sie nicht.” 

“Welch Ironie, dass wir aus genau diesen Gründen in Dallapalli sind”, lache ich. 

In den Dörfern ist eine große Lücke zu erkennen. Kinder bis maximal 11 Jahre sind hier beheimatet, gehen in den Kindergarten oder in die Grundschule. Danach aber, werden die meisten  gesetzlich aus dem Dorf geholt und in Internate aus den nächstgrößten Städten gesteckt. Die Jugend entfernt sich also zunehmend aus den Dörfern, bietet die Stadt doch scheinbar bessere Job-Alternativen, als das Dorf und wird sogar von der Regierung dabei unterstützt. Die Altersstruktur in den Ureinwohnergebieten ist dementsprechend ungleich verteilt, gibt es viel zu viele alte, aber viel zu wenig arbeitswütige junge Menschen. Und die, die wegziehen, gehen ohne ihre Riten und Bräuche und entscheiden sich für eine westlich angepasste Lebensweise, mit Hindu-Religion. 

Dagegen kämpft die NGO, für die ich arbeite. Zwischen den Dörfern beispielsweise soll ein Community-Radio entstehen, welches Geschichten und Lieder aus der Kultur der Khonds spielt.

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Wie ich im Übrigen mitbekommen habe, scheint jede einzelne Religion eine Flutgeschichte zu haben. Das Christentum hat Noah, der mit seiner Arche aufbricht, die antiken Griechen haben Deucalion und Pyrrha, die in einer Holztruhe versteckt, die von Zeus geschickte Flut überleben und der Stamm der Khonds der Adivasi-Ureinwohner in Indien hat im Endeffekt denselben Mythos. Hier kommt Gottes Sohn auf die Erde und fühlt sich von den Menschen ungerecht behandelt, wird wütend und lässt die Welt überschwemmen. Doch ein Geschwisterpaar überlebt, weil es auf einen hohen Baum geklettert ist. Sie sind, als die Flut nachlässt, die einzigen menschlichen Überlebenden. “Die Mutter”, die wohl oberste Göttin, findet sie (wie durch Zufall ist es eine Krähe, die sie aussendet, um nach Überlebenden Ausschau zu halten), befielt ihnen sich zu vermählen, sie lehnen das jedoch ab, weil sie Bruder und Schwester sind. Sie gehen getrennte Wege, doch die Mutter hetzt ihnen Krankheiten auf den Hals, sodass sie bald kaum mehr aussehen wie sie selbst. Wie durch Schicksal treffen sich Schwester und Bruder wieder, erkennen sich nicht mehr und verlieben sich ineinander. Es wird geheiratet und aus dieser Heirat entstehen viele Kinder. Die “Mutter” befielt der Familie sich in den Bergen, nahe des Waldes anzusiedeln. Dort hätten sie die Möglichkeit Reis anzubauen und ihr Vieh gut zu ernähren. Und im Endeffekt ist das die Entstehungsgeschichte der Khonds. 

Kui creationstory

Während ich mit Vanshika draußen sitze und es langsam beginnt zu regnen, wird mir bewusst, dass es wohl tatsächlich, vor tausenden von Jahren eine gewaltige Flut gegeben haben muss, die alle Menschen auf dieser Welt so in Panik versetzt hat, dass sie in vielen religiösen Schöpfungsgeschichten eine Rolle spielt. Alles scheint irgendwie verbunden zu sein. Ein Blitz flammt auf und ich erhasche einen kurzen Blick auf die Felsriesen in weiter Ferne. Erneut ist da dieses Gefühl von archaischer Unendlichkeit, Beständigkeit und großer Bedeutung, was ich nicht in Worte fassen kann. Die Berge in Dallapalli und Umgebung haben das Wissen von Generation von Generation in sich vereint, doch nun bröckelt das Gefüge. Menschen verlassen die Dörfer, die Regierung bastelt unaufhörlich an einen Plan Hotels und Spas in den Ureinwohnergebieten zu errichten. Farmer kämpfen für ihr Recht Land beackern zu dürfen, bekommen aber keinen rechtlichen Vertrag dafür, da das Forest-Department von Andhra Pradesh die Wälder gerne privatisieren würde. Dhaatri setzt sich dafür ein, dass jeder das Recht auf Land hat, in dem wir jene Ländereien ausmessen und die Daten der Ureinwohner sammeln und speichern. Diese können das nicht selbst tun, haben sie nicht die nötige Technik und auch nicht die Zeit, um mehrere Tage durch die Berge zu streifen, nur um Grenzen auszumessen. Das würde Ausfälle in der Ernte bedeuten. 

 

Und nach wie vor kommen unaufgefordert Touristen hierher, spotten über die Kultur der Bergbewohner, betrinken sich achtlos und lassen ihren Müll als Gastgeschenk da. Vieh verendet an den unverdaulichen Plastikresten und erschwert es den Bauern ihr Land zu bestellen. Gleichzeitig können die Scherben von Whiskeyflaschen, den Dörflern selbst erheblichen Schaden zufügen, laufen diese meist barfuß durch ihr Land, kennen sie jede einzelne Erhebung und Wurzel. Doch treten sie in eine Scherbe, könnten sie für mehrere Tage außer Gefecht gesetzt sein, was sie sich in ihrem Beruf, der mehr als nur ein 9 to 5 Job ist, nicht leisten können. 

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“Es ist eine Lebensaufgabe für jeden Einzelnen, der für Dhaatri arbeitet, die Probleme in den Dörfern anzupacken, jaaa. Veränderung passiert. Das ist unumstritten. Ich mochte einst meine Familie wirklich sehr, ja verammt, aber dann haben wir uns alle in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Was schlecht und was gut ist, kann keiner sagen. Das ist das Leben. Aber hier … ist es was anderes. Ich sehe es an dir, Leo. Du liebst dieses Dorf und seine Menschen. Und ich glaube, wenn ich länger hierbleiben würde, täte ich es auch. Wir müssen für die Leute hier einstehen, bhaai!” Vanshika schaut mir tief in die Augen, hebt einen Stahlbecher mit dampfenden Schwarztee an die Lippen und nippt daran. 

“Und wir werden für die Leute einstehen. Irgendwie. Promise, behen!” Entschlossen hebe ich die Hand zum High Five und das Mädchen schlägt schmunzelnd ein. 

Wir sitzen für einige Minuten einfach nur schweigend da, während der Monsun sich über die Berge ergießt. 

Das Dorf hat mir so sehr gefehlt. Und das begreife ich erst jetzt, wo ich zurückgekommen bin. Indien wird für mich immer mit diesem Ort in Verbindung stehen und gerade hier, hab ich einmal mehr mein Herz verloren. 

Es ist eine Frage der Zeit, wie lange alles hier so bleibt, wie es ist …