Aus dem Sommer in den Herbst

„Sag mal, bist du verrückt! Das kannst du doch nicht machen!“, ruft Anat ungläubig.

„Und wie ich das machen kann“, schmunzele ich und fühle mich in diesem Moment unfassbar gut. Ich blicke über den gedeckten Tisch hinweg und schaue in geschockte Gesichter. Die Einzige, die entspannt wirkt, ist Jax, die ruhig ihre Nudeln auf ihre Gabel lädt. Sie weiß bereits,  was ich vor habe, sind wir gemeinsam hierher gekommen. Doch Anat sind die Gesichtszüge entglitten, Anna ist ihr Löffel beinahe aus der Hand gerutscht und Rufus´ Mund steht sperrangelweit offen.

Wir befinden uns in der zweiten Etage der Prerana Waldorf School in Hyderabad. Einst hatte hier Lion gelebt, einer meiner besten Freunde während meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes. Zusammen waren wir in Nepal gewesen, hatten des Öfteren das nächtliche Hyderabad unsicher gemacht, waren in Bars oder Clubs gegangen, hatten daheim Karten gespielt oder Fußball geschaut. 

Heute ist Lion verschwunden, nur eine an der Wand angeklebte Fußball-Bundesliga-Tabelle von 2018/19 erinnert an ihn und seine damalige Obsession auch aus der Ferne seinen Lieblingsverein,  den VfB Stuttgart, zu unterstützen. Jetzt wohnt Rufus, ein FC Bayern Fan, in seinem Zimmer. Er ist das Überbleibsel der letzten Freiwilligengeneration und ist hier schon seit vierzehn Monaten, gefiel ihm Indien so sehr, dass er seinen Freiwilligendienst auf ein weiteres Jahr verlängerte. Genauso wie ich beherrscht er bereits einwandfrei das indische Kopfwackeln, kennt Hyderabad, wie seine Westentasche und wirft mit vereinzelten Hindi-Wörtern um sich. 

Anna und Anat sind, ebenso wie Jax, seit gerade einmal zwei Monaten auf dem indischen Subkontinent gestrandet und teilen sich ein großes Zimmer, das sie im IKEA-Style eingerichtet haben, eröffnete vor nicht all zu langer Zeit eine erste Filiale jenes schwedischen Möbelherstellers in ihrer Nähe. 

Beide sind geschminkt und hübsch herausgeputzt, wollen wir heute auf eine Techno-Party gehen, die laut einigen indischen Freunden „legendär“ werden soll.

„Aber du weißt schon, dass du morgen unfassbar geschafft sein wirst?“, fragt mich Anna besorgt.

„Seit drei Tagen steht der Plan, mit euch feiern zu gehen und das lasse ich mir nicht entgehen“ ich genehmige mir einen Schluck Wasser und feixe in die Runde, die mir bereits so vertraut wirkt,  obwohl ich sie in dieser Konstellation, erst drei Tage zuvor kennengelernt hatte. 



 

Im Calangoat, einem hippen Restaurant in den Höhen des Reichenbezirks Jubelee Hills waren wir das erste Mal aufeinandergestoßen. 

Ein Jahr zuvor hatte ich hier, zusammen mit Lion, Skrollan Toni das Fußball-WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien im Rahmen einer Public-Viewing-Aktion geschaut. Dabei waren Lion und ich wohl die einzigsten Kroatien-Fans, war das ganze Restaurant in Blau-weiß-rot getaucht. Am Ende eines gebrauchten Abends für alle Kroaten, feierten und jauchzten alle Anhänger der Franzosen und riefen euphorisch und siegestrunken „Allez le bleu“ in den indischen Nachthimmel. 

Wochen später hatte ich hier Lion, bei einem letzten gemeinsamen Mahl verabschiedet, musste ich wenige Tage darauf in den Flieger nach Deutschland steigen. Wie hilflos ich mich nach jener Verabschiedung fühlte, weiß ich bis heute. Erneut wurde mir ein Freund aus dem Herzen gerissen. Erst ging Merlin, mein Mitfreiwilliger, der mir die ersten Monate in Indien enorm erleichtert hatte  und zum Schluss Lion, der mir das Feiern in Indien erst wirklich schmackhaft gemacht hatte. Er fuhr damals zuerst vom Calangoat ab und je weiter sich sein Uber entfernte, desto weniger gelang es mir, frei zu atmen. Es gab seltene Momente, wo mir das indische Verkehrschaos zusetzen konnte, doch in jenen Augenblicken ließ es mich die Fäuste wütend zusammenballen.



Umso schöner war es nun an jenem Ort einen kleinen Neuanfang mit Leuten zu feiern, die ebenso begeistert vom indischen Nachtleben waren, wie ich. Nach einem guten Essen und lustigen  Gesprächen kehrten wir dem Calangoat den Rücken und es verschlug uns ins Concu, einer luxuriösen Patisserie, voller süßer Küchlein und Schokoladen-Variationen. Ebenfalls ein alter bekannter Platz, nun jedoch mit neuen Gesichtern, die sich gierig über die Süßigkeiten hermachten und vor Genuss stöhnten, so gut schmeckte es hier. Währenddessen, im Hintergrund dudelte einer meiner Lieblingssongs auf Hindi, fühlte ich mich zurückversetzt zu jenen gemeinsamen Abenden mit liebgewonnen Freiwilligenfreunden und dem Gefühl zum Glück noch viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. 

Doch nun war mein Monat Indien beinahe abgelaufen, in vier Tagen würde ich nach Mumbai fliegen und 12 Stunden später nach Berlin. Das hielt ich jedoch für mich und genoss den restlichen Abend mit vor Erfüllung seufzenden deutschen Freiwilligen, die im Futterwahn entschlossen am Samstag feiern zu gehen …



„Du hast uns nicht gesagt, dass das deine letzte Nacht ist, Junge!  Schlaf dich lieber aus, bevor du morgen deinen Flieger verpasst. Wann fliegst du?“, fragt Anna entrüstet.

„Acht Uhr morgens. Heißt, ich muss um fünf aufstehen, damit ich rechtzeitig zum Flughafen komme. Im Grunde können wir also bis drei feiern, ich schlafe zwei Stunden, stehe wieder auf und fahre. Wie gesagt, das ist meine letzte Nacht und die möchte ich mit euch verbringen“.

Etliche Male habe ich bereits überlegt, ob es wirklich die beste Idee ist, die letzte Nacht im Club zu verbringen, doch irgendwas reizt mich daran und Jax, die mir innerhalb des letzten Monats ans Herz gewachsen und somit die einzige Bezugsperson ist, die mich davon hätte abbringen können, findet die Aktion cool. In diesem Sinne können Anat und Anna sagen was sie wollen, ich bin dabei. Ich kenne den DJ, der uns eingeladen hat gut und außerdem brauche ich heute Musik, um mich von schlechten Gedanken abzubringen. 

Wir steigen in ein Taxi, die beiden Prerana-Mädels versuchen das heimlich und unbemerkt zu tun, sind sie verhältnismäßig dünn bekleidet und schämen sich ein wenig dafür, so die die weiblich indische Kleidungskultur zu vernachlässigen.

Doch angekommen beim „TOT“-Nightclub fallen sie kaum mehr auf, sind die Kleidungssweisen der Reichen und Schönen westlich angepasst.

Wir stehen auf der Gästeliste, werden dementsprechend durchgewinkt und hören bereits die Bässe in der Vorhalle des Clubs. Wir werden eine Treppe hochgeleitet und befinden uns nun drei Meter über der Tanzfläche. Hier ist unser Bereich, wo kein anderer hinkommt. Wir sind die heutigen VIPs des Abends, so scheint uns und das wird noch deutlicher, als einer der Bediensteten meint, dass wir heute aufs Haus trinken. Nichts aus der tatsächlich sehr teuren Getränkekarte müssen wir bezahlen. Wir jubeln der Musik entgegen, bestellen Tequila für alle und bedanken uns überschwänglich beim vorbeischauenden Novlik, dem bekannten DJ, der schon unter mir und meiner Generation an Freiwilligen sehr beliebt war. 

„Are you ready for the Party afterwards?!“, fragt er uns über den Lärm hin schreiend. 

Da indische Clubs meist nur bis Mitternacht offen sind und dann von der Polizei geschlossen werden, gibt es oft selbstorganisierte Parties danach, die bis früh in den Morgen gehen und meistens sogar besser sind, als die des Clubs.

„We are out“, ruft Jax.

„Why?!“ 

„Leo has to go to Mumbai this morning!“

„Bro, are you insane! That’s madness!“ Novlik wirkt geschockt. 

„That´s the lifestyle, mate!“, rufe ich ihm entgegen und sehe, wie sich sein Gesicht erhellt. Wir boxen unsere Fäuste gegeneinander und er mischt sich, genauso wie wir, unter die feiernden Inder, die mir seit zwei Jahren, wie das beste Partyvolk der Welt vorkommen. Energetisch schreien sie ihre Euphorie in die Welt hinaus, sind entfesselt und beseelt.

Bald geht der Beat der Musik unter die Haut und der hämmernde Rhythmus aus den Boxen schließt sich gleich mit dem unserer Herzen. Wir trinken ohne zu bezahlen, alles blinkt und blitzt im Strobolicht, die Masse tobt und in dieser Menschenmenge erblicke ein indisches Mädchen, das mir bekannt vorkommt. Auch sie erkennt mich, wir lachen, umarmen uns lang und beginnen zusammen zu tanzen. Mona. Letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt, haben wir über die Zeit, wo ich in Deutschland war, Kontakt gehalten und nun scheint es so, als wäre keine Zeit zwischen uns vergangen. Sie steht für einige Momente still, währenddessen wir gemeinsam, über beide Wangen strahlend, über die Tanzfläche schweben, verfließt uns aber augenblicklich, als die Musik abrupt aufhört. Die Leute murren. Es ist schon nach Mitternacht.  

„Hey, kommst du noch mit? Wir wollen noch etwas essen.“ Mona ist komplett außer Atem.

„Sorry, in sechs Stunden geht mein Flieger nach Mumbai. Ich muss schon wieder gehen.“

„Nicht dein Ernst! Fuck, dabei haben wir uns gerade erst wiedergesehen.“

„Ich weiß. Werde dich vermissen.“

„Ich dich auch!“ Sie sieht traurig aus. Wir umarmen uns eine Zeitlang, während die meisten Gäste um uns herum aus dem Club strömen. Sie löst sich als erstes aus der Umarmung.

„Komm bald wieder“, ruft sie, winkt und verschwindet im Menschenstrom aus dem Gebäude. 

„Ich versuch´s“, flüstere ich.  



 

7 Stunden später

Mein Kopf brummt. Er übertönt beinahe die Maschinen des Flugzeugs. Ich hab zu viel getrunken,  zu wenig geschlafen und zu viel Abschiede hinter mir. Sich zum Schluss von Jax zu verabschieden, die sich nochmal aus dem Bett gekämpft hatte, um mich zum Taxi zu bringen, war hart.

Ich bin schlecht in Verabschiedungen, gerade wenn ich nicht weiß, wenn ich wiederkomme. Dieser letzte Monat mit ihr schießt in kurzen, pochenden Erinnerungsfetzen durch mein schmerzendes Haupt und entlockt mir ein dünnes Lächeln. Wir waren zusammen in kleinen Ureinwohnerdörfern, hörten haarsträubende Geschichten der dort lebenden Bauern, schwammen am Fuße von Wasserfällen, fuhren Porsche,  befreundeten uns mit reichen Indern, betrieben Yoga und Kraftsport, fanden einen großen Babyratten-Hort im Office und fuhren unangeschnallt mit fünfzehn Leuten in einer Rikscha. Was für eine tolle Zeit!

Eine Cola und ein durchgebratenes Spiegelei liegen vor mir. Ich sitze in der fast ersten Reihe in der Business-Class, wurde ich überraschend aufgestuft, worüber ich sehr glücklich bin, da ich hier alleine sitze. Ich brauche Ruhe. Menschen sind laut! Meine Augen sind lichtempfindlich. Alles flackert, als wäre die Party und das Strobolicht mit zum Flughafen gekommen. Aua. Dieser exzessive Lebensstil von der Party aus in die Luft zu steigen, mag nett klingen, ist in der Praxis aber nicht ratenwert.

Hyderabad wird immer kleiner, Autos werden zu Ameisen und Hochhäuser zu winzigen Hütten. Gewaltige Wolkenberge schieben sich vor die Stadt und selbst mit heftigem Kater ist jener Ausblick wunderschön. 

Jede Faser meines Körpers schreit nach Schlaf, doch ich kann nicht, möchte ich weiter aus dem Fenster schauen.

Eine Stunde später schälen sich pompöse Wolkenkratzer aus dem Meer. Mumbai liegt in all seiner Schönheit vor uns.

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Doch wenig später landen wir und ich erhasche einen Blick auf die vielen geduckten Slum-Hütten direkt neben der Rollbahn. In welch unterschiedlichen Realitäten jene Menschen leben müssen. Vor ihrer Haustür heben jeden Tag hunderte Flugkörper ab und bringen Menschen an komplett andere Orte und sie selbst sind dort gefangen, im Moloch einer stinkenden, lauten 12 Millionen Metropole voller gescheiterter Existenzen.

Der Tag verfliegt, ich schaffe es ins Hostel nach Colaba, dem reichen Touristenviertel.  Bombays, streife durch eine bunte Ladenstraße voller schreiender Händler und unzähligen Gerüchen. Ich lasse mir ein Shirt andrehen  und ein Händler ist so geschickt, dass er es schafft mir ein Hemd zu schneidern, obwohl ich das gar nicht wollte.

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Doch mein Kater und die unglaubliche Hitze des Staates Maharashtra tun ihr Bestes, um mich gefügiger gegenüber allem zu machen. Ich schwitze, alles dreht sich und alle Menschen sind viel zu laut. Gegen Abend falle ich müde ins Bett, weiß darum, dass ich bereits 03:00 Uhr morgens wieder aufstehen muss, um in die Heimat zu fliegen und döse murrend ein. 



 

16 Stunden später  

Brrr, ist das kalt! Soeben bin ich aus dem Flughafengebäude in Berlin-Tegel getreten und wurde auf der Stelle mit der windigen Wahrheit konfrontiert. Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Einen Monat zuvor war eben jener noch im vollen Gange, doch nun hat der Herbst Einzug gehalten. Der Kontrast zwischen 35 und 10 Grad lässt mich ordentlich frösteln. Darauf war ich nicht vorbereitet. Jeder Deutsche trägt eine dicke, dunkle Jacke. Außer ich, der nur einen dünnen Pullover anhat, der gestern noch viel zu warm war. Welch seltsamer Realitätenwandel. Und sofort werde ich am S-Bahnhof Beusselstraße der deutschen Kultur ausgesetzt. Die Bahn kommt nicht pünktlich. Verrückt. Da komme ich aus einem Land mit Milliarden von unpünktlichen Menschen, wo aber jeder Zug fast zu früh einfährt und in der Hauptstadt des Landes der Pünktlichkeit, will die Bahn nicht erscheinen. 

Doch eigentlich mag ich das. Genauso wie den Herbst. Klar, lässt er mich die ersten Momente, zurück in der Heimat, zittern, aber schnell begreife ich dessen Schönheit. Ich habe bunte Sarees gegen bunte Blätter getauscht und spätestens daheim, als mich ein großes Bett mit dicker Matratze erwartet und ich den Rausch der letzten zwei Tage ausschlafen kann, bin ich auch gar nicht so böse, wieder hier zu sein. In den vergangenen 48 Stunden habe ich insgesamt nur sechs Stunden geschlafen und bin sehr happy, statt einer dünnen Matratze, auf der ich in Indien Schlaf fand, nun eine richtige Schlafstätte vorzufinden.

Ich weiß, dass ich Freunde in Hyderabad zurückgelassen, jetzt aber meine Familie und alte Freunde wieder habe. Zudem wird mich ebenfalls ein Neuanfang in Weimar erwarten. Ich bin in ein anderes Zimmer meiner 16er WG gezogen, neun Menschen sind neu dazugekommen und hoffentlich werde ich mit ihnen das nächtliche Weimar, statt dem weit entfernten Hyderabad unsicher machen.  Und ich weiß auch, und das mehr als letztes Jahr, dass eine Rückkehr in die 8 Millionen Metropole gar nicht so unwahrscheinlich ist …