Do-It-Yourself-Tonstudios und alte Geschichten

„Okay, wir machen es wie geplant!“, sage ich. „Du liegst im Bett, hörst plötzlich was, schreckst auf, wirfst die Decke zurück und gehst aus dem Raum, okay?“

Ich richte die Tonangel Richtung Bett aus und setze die Kopfhörer auf. 

„1…2…3!“ Der rote Punkt auf dem Aufnahmegerät leuchtet. Anneke hört mein Signal und tut wie geheißen, stößt aber beim Aufschrecken mit irgendeinem Körperteil gegen das Bett, in dem sie liegt. 

„Aua, scheiße! Noch mal!“, ruft sie und beginnt zu lachen. „Lol, ich hab mich gerade vor mir selber erschrocken! Egal, nächster Take!  3…2…1..“

Dieses Mal muss ich kichern. Annekes Lachen ist ansteckend. Professionalität at it´s best! 

Ich stelle mich richtig hin und senke mein Mikrofon auf die Höhe von Anneke. Ich will schon wieder loslegen, doch so einfach ist dies nicht, denn von unserem Lärm angelockt, steht nun Jessi im Türrahmen, auf die ihr hier dargebotene Situation hinunterschauend. 

„Ihr seht echt lustig aus“, kommentiert sie unser Treiben. „Das passiert so echt nur in einer 16er-WG“.

Wo sie recht hat, hat sie recht. Meine WG wird jedes Mal ungläubig bestaunt, erzähle ich neuen Bekanntschaften von meinem Wohnort. Aufgrund der geringen Zimmergröße sind im Sommer neun Leute ausgezogen, um kleinere WGs zu finden. Neun neue Leute kamen, darunter Anneke und es lässt sich absehen, dass im nächsten Sommer wieder Leute ausziehen werden, obwohl sich jene Gemeinschaft aus diesen Mitbewohnern wie eine größere, zweite Familie anfühlt. Abends kann man davon ausgehen, dass sich nach und nach bis zu neun Leute am Essenstisch versammeln, das gekochte Abendessen der anderen bestaunen, davon kosten und sich den lockeren Gesprächsthemen der anderen anschließen. Sprachbesonderheiten verschiedenster Mitbewohner werden zu den eignen, da man dicht an dicht wohnt, sich aber jederzeit zurückziehen darf. Alles kann, nichts muss. So das System hier. Und auch wenn reger Betrieb herrscht und niemand sich so sicher ist, wie lange er bleibt, wird die WG immer schöner und gemütlicher. Zu meinem Einzug noch komplett weiß und leer, reiht sich nun Postkarte an Postkarte an teilweise bestrichenen Wänden, an denen kleine, mit Pflanzen verzierte Regale hängen. Anderthalb Jahre gemeinsame Geschichte ist hier bereits verewigt und es schmerzt bereits jetzt zu wissen, dass in noch mal so langer Zeit mein Bachelor-Studium, wenn alles gut wird, ein Ende findet und damit auch mein Verbleib in jener ersten WG meines Studentenlebens in Weimar. 

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Weimar als Stadt ist mir hierbei gar nicht so wichtig. Mein Studium mitsamt der WG wäre wohl in einer x-beliebiger Großstadt gleich oder besser aufgehoben und ich würde wenig vom vermeintlichen Charme der Goethe-Stadt vermissen, nimmt diese ihren Ruf für mich etwas zu Ernst. So lebe ich weniger für Weimar, als für mein Studium und zweitrangig für meine WG, deren Priorität ich ab und zu tatsächlich etwas zu hoch ansetze. So hatten mich meine Mitbewohner jüngst als Seele der 16er-WG bezeichnet. Nichtsdestotrotz genieße ich ebenso mein Studium, mit seinen ganz unterschiedlichen Facetten. Am Ende meiner drei Jahre werde ich wahrscheinlich keine genaue Spezialisierung darüber haben, was ich danach machen will, weil hier alles von allem unterrichtet wird. Ich erfahre etwas über die Konzeption von Start-ups, lerne alte Filmklassiker kennen, steigere mein Wissen über die heutige Anordnung der Wirtschaft, philosophiere aber ebenso viel über Aura von alten und neuen Medien und Archiven. Nichts bleibt konstant, die Themen wechseln mit jedem neuen Semester und es wird nicht auf ein vorangegangenes Thema aufgebaut. So war es wunderschön im ersten Semester sich in die genaue Analyse von Filmen zu stürzen, wie die Kamera wann wo platziert werden könnte oder wie Farben die Emotion der Handlung untermalen, doch eben jenes Wissen würde bis zum jetzigen Zeitpunkt nie wieder angewendet werden. Stattdessen: Tabula Rasa. Neuanfang. Nach dem Studium weiß ich alles und nichts und muss mich wohl danach, diesmal wirklich, auf eine Sache spezialisieren, die mich in der Zukunft näher begleiten wird. 

Was mich am Ende schließlich doch über ein Dreiviertel des letzten Jahres begleitet hat, ist eine ganz bestimmte Geschichte. Selbst erfahren, in diesem Blog bereits niedergeschrieben und im Juni letzten Jahres wiederbelebt worden. Mittels eines Hörspielkurses im zweiten Semester, kam jenes Abenteuer wieder mehr in den Fokus meiner Aufmerksamkeit und bliebt dort eine Zeit lang. Der Sinn jenes Projekts lag in der Konzeption eines Skripts, das zu einem Hörspiel verarbeitet werden sollte. Wir erfuhren die Basics zur Tonstudio-Arbeit, sowie die Verwendung von Stereo,- und Mono-Mikrofonen, die ganz unterschiedlich zum Einsatz kommen konnten. Viele aus meinem Kurs hatten bereits Erfahrung mit der Arbeit im Tonstudio und so fühlte ich mich in jenen Stunden des Lernens wie ein absoluter Anfänger, traute mir wenig zu und überlies den anderen das Üben mit der Technik und versuchte mir stattdessen so alles Mögliche übers Schauen einzuprägen, was selbstverständlich nicht wirklich funktionierte. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich eine Geschichte hatte.

Mein Skript war bereits früh fertig, doch ich kam einfach nicht zum Aufnehmen. Monate lang machte ich mir des Nachts Gedanken darüber, wie ich mit einem Mikrofon bewaffnet, losziehen würde, um mein Projekt abzuarbeiten.

Roadtrip zu einem Toten V4

Doch es blieb bei meinen Gedanken und so verstrich das zweite Semester, ohne, dass ich einen einzigen Sound aufgenommen hatte. Eine gute Ausrede hatte ich als studierter Meister der Prokrastination selbstverständlich parat. Die Vorgaben waren so bestimmt, dass, wenn man schon ein vollkommen funktionierendes Tonstudio auf dem Campus, sowie sehr gute Mikrofone und Aufnahmegeräte gestellt bekam, so sollte man bitte auch richtige Schauspieler für sein Stück suchen,  um die Qualität auf einer Ebene zu halten. Tat ich das? Nein. Viel zu anstrengend. Währenddessen andere aus dem Kurs an Schauspielschulen anfragten, blieb ich also, schüchtern, wie ich war in meiner WG und ließ hier meinen Frust darüber aus, dass ich niemanden für mein Hörspiel fand. Die Semesterferien zogen ins Land, ich fuhr für einen Monat nach Indien und hatte zu Beginn des dritten Semesters nach wie vor nichts in der Hand. Doch ich wusste, dass ich spätestens jetzt liefern musste. Meine Dozentin gab mir augenrollend Aufschub, da sie meine Ausrede für halbwegs gut befand. Erst jetzt kümmerte ich mich um mein Zeugs und ließ die Idee, richtige Schauspieler zu suchen, verkümmern. Ich würde Freunde und Mitbewohner finden, die mich und mein Stück mehr verstehen würden, als unbekannte Darsteller. Und so wurde das dritte Semester, mein persönliches Hörspiel-Quartal, obwohl es eigentlich ganz andere Aufgaben gab, die es nebenbei auch noch zu bewältigen galt. Ich lieh mir Equipment aus, weil ich das Tonstudio, wofür wir vor Monaten zwar eine Einführung bekamen, ich diese aber längst vergessen hatte, nicht verstand. Es war mir zu groß und viel zu viel Geräte , die ich eventuell gefährden hätte können, machten mich scheu. 

Ich fuhr mit teurer Ausrüstung nach Berlin zu meiner Familie, wo mein Großvater mich besonders dazu aufforderte endlich meinen Scheiß geregelt zu bekommen. So versuchte ich, eben diesen zu regeln, und gab zuerst meinem Großvater, meiner Mutter und meinem Vater Sprechrollen, die sie dankbar annahmen. Zurück in der WG fragte ich auch hier nach, wer mitspielen könnte und Jessi, eine studierende Produktdesignerin, die ebenfalls zur gleichen Zeit wie ich eingezogen war und mit mir schon einen Großteil der unteren WG umgestaltet hatte, erbarmte sich die Erzählerin zu übernehmen. Und damit kam die Atmosphäre in mein Stück. Ich versuchte, so gut es ging, aus meinem Zimmer ein kleines Tonstudio zu basteln, holte ein Dutzend große Kissen aus den Gemeinschaftsgängen der WG und türmte sie um das ausgeliehene Mikro auf, um einen möglichst schalldichten Raum zu kreieren. Über die Kissentürme warf ich eine dünne Decke und erschuf somit eine kleine Höhle. Meine ganz eigene Do-it-yourself-Ton-Höhle. Vollkommen schalldicht war diese nicht, immerhin besaß mein Zimmer drei Fenster, die allesamt raus zur befahrenen Straße zeigten. Zudem lag neben mir, der Waschmaschinenraum, die Eingangstür und der Flur, wo sich abends meist die halbe WG versammelte, um zu reden. Leise war anders. Oft verdrehte ich die Augen, bei einem vermeintlich sehr guten Take, der jedoch vom Grollen eines Lastwagens wortwörtlich überrollt wurde.

Doch bald wussten die meisten im windschiefen Haus von meinem Vorhaben, ich holte einige andere Mitbewohner ebenfalls mit ins Boot und ließ Anneke, die erst vor wenigen Wochen eingezogen war, aber schnell mit mir warm wurde, sodass ich sie ins Herz schloss, Treppen hoch und runter laufen, Türen zuwerfen, jubeln und knistern.

Bei der Geburtstagsparty von Joachim, einem Architekten im ersten Semester, den ich nach wie vor dafür sehr mag, dass er sich motiviert Ziele aufschreibt und beispielsweise versucht einen Monat lang jeden Tag, zu meditieren oder Sport zu machen, nahm ich die Atmosphäre der Party auf. Hier war ich wohl ein komisch aussehender Zeitgenosse. Alle tranken und lachten ausgelassen, während ich mit einer Tonangel, einem Aufnahmegerät um den Hals, großen Kopfhörern auf den Ohren und etlichen Kabeln im Gepäck, reglos dastand und das Mikrofon über die Menschen hielt, die so tun mussten, als sei alles ganz normal. Dass mich meine Mitbewohner mittlerweile noch nicht für vollends verrückt hielten, freute mich sehr! In der Mitte des Semesters stellte ich dann schmunzelnd fest, wie sehr meine Idee zu einem Mitbewohner-Familien-Projekt geworden war und schimpfte über meine Unfähigkeit das Potential meiner WG, so lange nicht erkannt zu haben. Ich ging raus, hielt das Mikrofon an der Tonangel vor meine Füße und nahm so Schritte auf, ließ meinen Großvater mehrere Male ins Auto steigen und losfahren, währenddessen ich von verwirrten Nachbarn, die sich fragten, was da vor ihrem Grundstück passierte, beobachtet wurde. Und es machte mir Spaß etwas zu haben, wofür ich brannte und was konstant einfach da war. Anfang Februar, am Ende des Monats sollte ich abgeben, hatte ich alle Sounds zusammen, nahm mich noch selbst und einen guten Studienfreund als Hauptrolle auf und kam schlussendlich zur Schneidearbeit, was mich etliche Nerven kostete, war es eins einen Film zu schneiden, was ich in Indien und zuvor in der Schule bereits oft gemacht hatte, aber was völlig anderes ein Hörspiel zu erschaffen. Eine ganze Welt musste aus den Sounds entstehen, die ich aufgenommen hatte. Und hier merkte ich meine ersten Anfängerfehler. Stimmen, die in einem Auto oder auf der Straße sein sollen, hören sich nicht wie Stimmen im Auto oder auf der Straße an, wenn sie im kleinen Raum einer Studenten-WG aufgenommen wurden und eben nicht vor Ort oder im Tonstudio.

Zudem merkte ich, dass es in mehreren Gruppenszenen, wo einige Leute Hintergrundgemurmel für die Atmosphäre machen sollten, auf meine Fähigkeiten als Regisseur ankam. In einer Szene,  die eigentlich im Auto spielte und mehrere Personen dicht gedrängt und euphorisch zusammensaßen, stellte ich mein Mikro einfach in die Küche, wo gerade fünf Mitbewohner anwesend waren und forderte sie auf zu improvisieren.

„Leute, stellt euch vor,  ihr sitzt alle in einen kleinen Auto, seit leicht angetrunken und stößt euch ständig an der Decke des Wagens. Okay? Und los!“

Dass ich hierbei viel zu wenig Infos rausgegeben hatte und mich darauf verließ,  dass meine Mitbewohner vielleicht nicht unbedingt außergewöhnliches Improvisationstalent hatten, kam mir erst später in den Sinn. Die Aufnahmen waren zwar lustig, aber im Schnitt bemerkte ich schnell, dass eine Küche,  wo Leute weit auseinander standen, kein Auto war und ich den Darstellern einen Vorgabetext hätte geben müssen.

Doch das zwang mich nicht in die Knie, es gäbe sicherlich nächste Male, wo ich meine Fehler ausbessern würde. Stunden verstrichen an wenigen Sekunden, Tage vergingen, an denen ich lediglich zwei Minuten Skript verwirklichte, aber je weiter ich kam, desto mehr hörte ich, wie meine Erinnerungen am Laptop auferstanden. Und am Ende des Monats war sie fertig, jene Geschichte aus meinem Freiwilligendienst in Indien, der nun zwar schon über anderthalb Jahre her ist, in meinem momentanen Leben noch längst nicht in Vergessenheit geraten ist.

Damals war ich von einer Party heimgekommen, wollte mich schon schlafen legen, als plötzlich der Anruf meiner Chefin kam, die mir mitteilte, dass der Vater einer Haushälterin,  die für uns kochte und den Haushalt schmiss, gestorben sei. Savitri müsse in das Dorf ihres Vaters, welches zehn Autostunden von unserer Stadt entfernt war. Einer von uns Freiwilligen müsse zur Unterstützung mitfahren, wobei die Wahl auf mich fiel. Mitten in der Nacht brach ich auf zu einer Reise zu einem Toten, mit einem trauernden Mädchen, das ich nicht trösten konnte, weil es eine andere Sprache sprach und ich nicht wusste, wie und ob ich sie aufheitern sollte. Stunden später, im Dorf angekommen, sah ich den ersten Toten meines Lebens. Gleichzeitig bereitete mir die Tatsache Sorgen, dass Merlin, mein Mitfreiwilliger, der in jenen letzten Monaten sich zu meinem besten Freund entwickelt hatte, am nächsten Tag, aufgrund einer Krankheit zurück nach Deutschland aufbrechen sollte. Neben meinem Mitleid, um Savitri und meinen Erfahrungen rund um den Tod, plagte mich der Gedanken meinen Freund in der nächsten Zeit nicht mehr sehen zu können …

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Savitri

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Merlin und Ich

Dieses Abenteuer prägte das nächste halbe Jahr meines Frewilligendienstes. Ich wurde erwachsener und lernte in Indien auch ohne Merlin auf eigenen Füßen zu stehen. Und auch danach war mein Roadtrip zu einem Toten eine Geschichte, die ich oft als Erstes erzählte, sprach ich über Indien, symbolisierte sie für mich mein Jahr und meine Erfahrungen über Indien. Die Spontanität von Entscheidungen, der Umgang mit dem Tod, das Verhältnis zwischen Indern und weißen Menschen; als Einstieg eignete sie sich hervorragend. 

Somit war es mir ein innerliches Anliegen, die Story in irgendeiner Form noch weiterzuverarbeiten und dank meiner WG, Freunden und meiner Familie hab ich das nun geschafft, auch wenn es sich etwas länger hingezogen hat. Doch nun hat die Arbeit ein Ende. 🙂

Hier das vollständige Ergebnis. 🙂 

Nehmt euch auf jeden Fall eine halbe Stunde Zeit, falls ihr das Stück ganz hören wollt. In Zeiten von Corona aber, müssten sich bestimmt ein paar ruhige Minuten finden. Ich freue mich gerne über Kritik und Kommentare. 🙂