#stayathome

Anfang Februar 2020

Ich sitze zusammen mit Emily im Gemeinschaftsflur der WG. Es ist bereits abends, von der oberen Etage steigt, wie jeden Tag, ein verführerischer Bacon-Geruch nach unten. Lars kocht wohl seine Portion Nudeln mit angebratenem Gemüse und Schinken, wovon andere Leute hier drei Tage lang dran zehren würden. Er jedoch braucht die Kalorien, arbeitet und trainiert er jeden Tag im Fitnessstudio und isst seine, sich in einer großen Schüssel befindende, Mahlzeit jeden Abend komplett auf. Der Geruch erinnert mich an unser Ritual spätestens um 21:00 Uhr zusammen in mein Zimmer zu gehen und eine Serie zu schauen. Heute haben sich sieben Leute dazu bereit erklärt mitzumachen.

„Schon eine Idee, was wir schauen wollen?“, frage ich in Richtung Emily, die am Tisch sitzend leise die Tagesschau auf ihrem Handy schaut.

„Bloß nichts Gruseliges. Dann steige ich aus“, grummelt sie.

Ich muss lachen. Ihre Schreckhaftigkeit bei Filmen ist mittlerweile legendär, die Pose beider Hände, sie die ruckartig vor die Augen bewegt, um nichts mehr von der gruseligen Szene sehen zu müssen, ihr Markenzeichen.

„Nein, nichts Gruseliges. Versprochen“, kichere ich.

Durch das milchige Fenster in der Eingangstür sehen wir, wie das Licht im Treppenhaus angeht. Die untere Tür, die gerade jemand aufgeschlossen hat, um ins Haus zu kommen, fällt mit einem dumpfen Scheppern zu. Jemand steigt die Treppen hinauf. Es knarrt.

„Und, wer ist es?“, frage ich Emily. „Lass uns raten!“ Mittlerweile lässt sich anhand der unterschiedlichen Laufstile ganz gut erkennen, wer gerade die WG betritt.

„Ich tippe auf Jessi.“

„Nee, die läuft die Treppe nicht so schnell hoch“, kommentiert Emily.

„Lilli?

„Die ist weniger laut beim Hochlaufen.“

Die Eingangstür öffnet sich und vor uns steht weder Jessi noch Lilli.

„Holaaa!“, ruft Anneke und strahlt uns an. Sie wirft ihre gelbe Mütze auf das Sofa.

„Hola!“, erwidern wir. „Wir gehts dir.“

Just in diesem Moment tönt es aus Emilys Handy:

„Bundesgesundheitsminister Spahn sieht Deutschland im Kampf gegen das neuartige Corona-Virus gut gerüstet. Außerhalb Chinas sind nun in einigen Ländern bis zu 400 Fälle aufgetreten. So Spahn in einer Aktuellen Stunde im Bundestag.“

„Boah, komm mir nicht mit Corona! Ich hab da gerade so Angst vor. Das hat mich den ganzen Tag schon fertiggemacht. Was für Symptome bekommt man da eigentlich? Ich habe heute schon ein paar Mal genießt. Krieg ich das jetzt?“

Anneke lässt sich vollkommen geschafft neben mich auf das Sofa fallen. Ich schaue amüsiert zu ihr herüber. Unsere Blicke treffen sich und wir beide müssen grinsen.

„Waas? Warum lachst du? Bin ich gerade etwas zu Hypochonder?“

„Aber Hallo! Du musst dir gerade einfach nur die Statistiken anschauen. Wie viele sind in China gerade erkrankt? 1000? Das ist fast nichts im Vergleich zu den Milliarden, die dort leben. Und nur ganz wenige sind gestorben.“

„Vor allem braucht das sicherlich eine ganze Weile, ehe es bei uns ankommt.“, versucht Emily Anneke zu beruhigen.

„Meint ihr wirklich?“

„Ja“,kommt es von beiden Seiten. Ich war noch nie derjenige, der sich wegen irgendeiner Krankheit verrückt gemacht hat. Krank war ich selten. Zudem, so bin ich mir sicher, würde ein Virus nie so weit kommen, dass er Ausmaße einer Cholera,- oder Pest-Pandemie annehmen würde, dazu ist das heutige Gesundheitssystem viel zu gut. Ich glaube an das, was ich vor nicht all zu langer Zeit aus einem Buch von Yuval Noah Harari entnommen habe: Die Menschheit hat sich den Problemen entledigt, die sie 2000 Jahre lang hatte. Krieg, Krankheit, Hunger und Tod werden nie wieder in einer derartigen Intensität auftreten, wie zuvor. Technologie, Digitalisierung und Medizin hätten dazu beigetragen, dass jene Geiseln der Gesellschaft zwar immer noch vereinzelt aufträten, aber äußerst gering. Und vor allem nicht mehr in Ländern, wie Deutschland. So schildere ich es auch Anneke, die immer ruhiger wird, je mehr ich von den modernen Errungenschaften der Wissenschaft erzähle.

„Puh, das hat mich jetzt wirklich beruhigt! Danke Leute“, freut sich unser Nesthäkchen, das vor wenigen Wochen bei uns eingezogen ist, nachdem auch Emily weitere Maßnahmen zur Beruhigung eingeleitet hat.

Von oben kommt Lars mit seiner großen Schüssel voller Essen nach unten getappt und gesellt sich zu unserer kleinen Mitbewohner-Gemeinschaft. Die Mädchen starren gierig auf sein Essen, waren sie beide in der letzten Woche noch nicht einkaufen.

Und mit Lars kommen andere Gesprächsthemen, das Thema Corona wird unter der Diskussion über die heutige Filmauswahl unter den Teppich gekehrt und taucht in den nächsten Tagen kaum noch auf, widmen auch die Tagesnachrichten nur wenige Sekunden dem Virus ihre Aufmerksamkeit …


Sieben Wochen später

„Scheiße. Jetzt kanns nicht mehr schlimmer werden“, murmele ich. Soeben hat Jax, die momentane Freiwillige in meiner ehemaligen Einsatzstelle in Indien über WhatsApp bekannt gegeben, dass alle Deutschen, die dieses Jahr einen Freiwilligendienst im Ausland absolvieren, nach Hause beordert werden. Somit auch jene Personen aus Hyderabad, die ich im September noch kennen und schätzen lernte. Jetzt müssen sie zurück, obwohl eigentlich noch mehrere Monate Dienst vor ihnen liegen. Ich stelle mir vor, was ich alles verpasst hätte, wäre ich in meinem Jahr bereits früher abgereist. Eine ganze Menge, so stelle ich fest. Meine Reisen, in die großen indischen Metropolen, meine letzten Trips in die Ureinwohnerdörfer, Filmprojekte und vieles mehr. Es stimmt mich traurig, zu hören, dass Jax und ihr Mitfreiwilliger schon in den nächsten Tagen aufbrechen müssen, ohne sich richtig von der Stadt und dem Dorf verabschieden zu können, sind auch in Indien alle Bürgersteige hochgeklappt. Doch in einer indischen Quarantäne zu sein ist sicherlich weniger erstrebenswert. Hier ein Video, das mir aus Hyderabad zugesendet wurde. Man versteht kein Wort, aber es zählt hier eher die Tatsache, wie Informationen verbreitet werden.

Und alles wegen einer ausgearteten Epidemie, die sich in einer rasanten Geschwindigkeit über den Globus ausbreitete, zur Pandemie wurde und Millionen von Leben, meins eingeschlossen, auf den Kopf stellte …

Vor wenigen Wochen war ich aus Weimar zu meiner Familie nach Berlin aufgebrochen, es waren Semesterferien und der Plan sah vor, nicht ganz so lange zu bleiben. Mit meiner Reise in ein anderes Umfeld, änderten sich auch die Themen. Nun sprach man öfter über dieses Virus, das so langsam aber sicher seinen Weg nach Europa fand. Nach wie vor hielt ich es für anstrengend, dass meine Eltern und Großeltern so viel darüber redeten. Klar waren sie schon eher in der Zielgruppe, aber dennoch befand ich ihr Verhalten für etwas überzogen.

Anfang März ging ich noch mit einem guten Freund feiern, machte die ganze Nacht durch und kam erst früh am Morgen zurück. Ich verausgabte mich im Fitnessstudio, fuhr viel Bahn, doch tat ich das nicht mehr ganz so entspannt, wie vorher, merkte ich, wie meine damals dahingesagten Worte und Überzeugungen bröckelten.

Dann legte mich eine Weißheitszahn-OP lahm. Ich saß mit kalten Smoothies, Hamsterbacken und veganen Eis im Haus und unternahm vorerst keine Unternehmungen nach draußen. Und in dieser bettlägerigen Zeit, wo ich mit Kühlpads um den Kopf im Haus umherirrte, geriet die Welt aus den Fugen.

Die Schulen schlossen und so blieb auch meine kleine Schwester daheim und hielt meine Mutter mit konstant-anhaltenden „MAAMAA-Rufen“, während diese sich im Homeoffice probte, auf Trab.

Die Bundeskanzlerin hielt außerhalb ihrer Regel eine bewegende Ansprache. Drei Mal schaute ich sie mir an, verstand ihre Worte und konnte sie trotzdem nicht ganz greifen. Alles war plötzlich nicht mehr so, wie es war. Ich konnte nicht in meine WG zurück, gedanklich wünschte ich meiner Mutter viel Glück auf dem Weg in den Supermarkt, wo Leute wie verrück Klopapier kauften. Das Land war in den Energiesparmodus gefahren und ein Großteil der Bevölkerung verachtete plötzlich jene Leute, die raus gingen und sich mit Freunden trafen.


Nun herrscht Kontaktverbot, der Ruf nach mehr Beschränkungen des öffentlichen Lebens ist laut und auf einmal ist jeder Fan von Virologen, die komplett sachlich erklären, was Tacheles ist. Ein Jahr oder länger könnte Corona wüten. In Italien holen Armee-Trucks die vielen Toten ab, die schwarze Null ist Geschichte, Krankenhäuser rüsten sich für einen gewaltigen Sturm und Supermarkt-Verkäufer sind plötzlich die Helden einer Krise. Verrückte Zeiten. Hätte mir das mal jemand vor zwei Monaten erzählt …

Ich höre mit meiner Mutter Musik. Green Day spielt „Wake me up when September ends“.

„Welch passendes Lied“, sagt sie. „Wie schön es wäre, sich jetzt schlafen zu legen und einfach wieder im September aufzuwachen… wenn vielleicht alles wieder besser ist.“

Noch nie habe ich meine Mutter so reden hören. Sie kämpft sich immer überall durch. Nun hat sie ihr 45-Tage-Süßigkeiten-und Alkohol-Fasten, das bis Ostern gehen sollte, gebrochen. Zu viel Frust. Kann ich verstehen. Obwohl es sehr schön ist, wieder Wein mit ihr zu trinken.

Die nächste Zeit wird hart, „ es ist ernst“ und ich erwache jeden Morgen mit dem Gefühl des Unglaubens und der Verwirrung nicht genau zu realisieren, was gerade abgeht. Rausgehen bedeutet jetzt sein Leben und vor allem das der anderen, ein Stück mehr zu gefährden, Freunde treffen ist verboten, sozialer Kontakt eingeschränkt, mehrere Länder sind wie ausgestorben …; all das hat nicht gleichzeitig in meinem Bewusstsein Platz, ist jede einzelne Regelung so konfus und doch so logisch. Nie war irgendetwas so klar!

Die Regeln sind eindeutig und zu auf jeden Fall zu befolgen, egal wie schwierig es ist, sie einzuhalten.

Dabei bin ich, als Student in den Semesterferien noch relativ privilegiert in jener Krise, hat meine Familie einen eigenen Garten und Hunde, die es hin und wieder, nach draußen zu treiben gilt. Ich bin seit mehr als einem Monat nicht mehr in meiner WG gewesen, vermisse meine Mitbewohner und mein beinahe selbstbestimmtes Leben, was nicht heißt, dass mir die Zeit mit der Familie nicht gefällt, nein, es. beruhigt mich zu wissen, dass es allen gut geht. Die Uni hat noch nicht wieder angefangen, ich lese Bücher, höre Podcasts, meditiere, habe mir Geografie-, und Allgemeinwissens-Quizz-Apps heruntergeladen, um im Kopf noch fit zu bleiben, und erledige Gartenarbeiten, die ein guter Fitnessstudio-Ersatz sind.

Wir leben in einer Zeit, über die man in 30 Jahren in Geschichtsbüchern lesen wird und wir haben es nun in der Hand, wie jene Zeit in Erinnerung bleibt. Übt euch im Daheimbleiben, kauft nicht so viel Klopapier (Die Franzosen sind mit den Hamsterkäufen von Kondomenund Wein übrigens deutlich stilvoller) und haltet durch. Wenn ich eines aus den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es, dass Veränderung die einzige Konstante in dieser Welt des Wandels ist. Alles wird vorbei gehen, wenn sich jeder anstrengt. Nichts ist mehr unmöglich, alles kann passieren und jene Zeit lehrt uns, stärker denn je, nicht auf festgefahrenen Meinungen zu beharren. Die meisten von uns haben den Virus auf die leichte Schulter genommen, ich auch und dafür muss ich mich insbesondere bei Anneke entschuldigen, der ich vor zwei Monaten noch erzählt habe, alles sei nur halb so schlimm.

Es wird schwer werden sich ständig neu zu orientieren und zu erfinden, doch kann uns die Quarantäne einen Weg, wie wir in Zukunft handeln und denken werden, vorgeben.

Populisten wie Trump und Boris Johnson versinken in ihrer Unsachlichkeit, die ihnen nun um den Kopf fliegt. Vielleicht endet gerade jetzt die Zeit der großen Demagogen und es wird Platz geschafft für mehr Wissenschaftlichkeit und Toleranz. Aus jedem Schlechten kann Gutes erwachen …

Und zum Schluss noch ein sehr schönes Zitat von Jan Böhmermann aus seinem Podcast „Fest und Flauschig (übrigens sehr hörenswert)“:

Jede nicht geschüttelte Hand, ist eine Oma, die überlebt.“

#stayathome